Springe zu den Kommentaren

Happy Family = Big BTS Drama

star goldstar goldstar goldstar goldstar gold greyFemaleMale
99 Kapitel - 94.413 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 84.719 mal aufgerufen - User-Bewertung: 4.5 von 5.0 - 18 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 99 Personen gefällt es

Hast du dir jemals vorgestellt, wie es wäre, wenn sich aus dramatischen Umständen heraus dein komplettes Leben ändert und du alles zurücklassen musst, was dir natürlich und gewohnt erscheint? Genauso geht es Lynn, denn ihr Leben wird total auf den Kopf gestellt, als Sie ihre Heimat verlassen muss, um mit ihrer Mutter nach Südkorea zu ziehen? Südkorea? Dort wo BTS lebt? Genau dorthin verschleppt es die junge Lynn und auch, wenn sie sich natürlich sehr zu diesem Land hingezogen fühlt, werden ihrer Erwartungen dadurch überschattet, dass sie nicht weiß, was ihre Mutter dort genau mit ihr geplant hat und wie es weitergeht. Sie lässt alles zurück, um ein neues Leben in Südkorea zu beginnen. Was wird sie in diesem fremden Land erwarten und kann sie zum richtigen K-ARMY werden? Lies weiter und finde es heraus…

    1
    „Mir reicht es jetzt endgültig! Mit dir lässt sich einfach nicht reden, ohne dass du sofort die Nerven verlierst.“ Ein Türschlagen und dann her
    „Mir reicht es jetzt endgültig! Mit dir lässt sich einfach nicht reden, ohne dass du sofort die Nerven verlierst.“ Ein Türschlagen und dann herrschte wieder Stille. Ich nahm das Kissen, welches ich mir auf die Ohren gedrückt hatte und schmiss es in die nächste Ecke. Jeden verdammten Morgen seit Wochen weckte mich nicht Awake, dass Lied meines Bias, welches ich auf meinem Handy als Weckton eingestellt hatte, sondern das Geschrei meiner Eltern. Das Wort Ehekrise wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich seufzte. Nur mit Mühe quälte ich mich aus meinem riesigen, kuscheligen Bett und taumelte ins Nebenzimmer, welches mein komplettes Sortiment an Klamotten beherbergte. Es war Montagmorgen und meine Stimmung lag schon im Keller. Das sollte eine lustige Woche werden, dachte ich ironisch und versuchte meine zerzausten Haare zu ordnen. Es klopfte an der Tür. „Miss, ihr Frühstück steht im großen Saal bereit.“, rief eine zarte Frauenstimme von draußen. „Ich komme gleich!“, kam meine Entgegnung. Die Frauenstimme gehörte einer unserer Bediensteten. Und ja, wir waren keine stinknormale Alltagsfamilie. Meine Eltern leiteten beide große Unternehmen, die Unterfirmen überall auf der Welt und in sämtlichen Ländern hatten. Kurz gesagt, ich wuchs in einer Familie auf, die wörtlich in Geld hätte schwimmen können.

    Ich zog schnell meine Schuluniform an, schnappte mir meine Schultasche und verließ mein Zimmer. Ich lief die Treppe hinunter und betrat den Essensraum. Raum war vielleicht das falsche Wort, Ballsaal traf es deutlich besser. Der Raum war riesig, genau wie der Tisch. Zwölf Leute konnten daran sitzen und essen. Ich konnte es nicht ausstehen hier zu essen. Meine Eltern waren längst zur Arbeit gefahren und Geschwister besaß ich auch keine. Alleine in einem großen Raum und einen riesigen Tisch sitzend, machte mich schon fast depressiv und ließ mir den Hunger vergehen. Ich nahm das Tablett mit Brötchen, Croissant, Tartes und was sonst noch an leckeren dort rumstand und für eine Person viel zu viel war und machte mich auf den Weg zur Küche. Zwei der Dienstmädchen unsrer Familie wuschen gerade Geschirr ab. Ich ließ mich an dem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes nieder. „Guten Morgen Hilde und Mona.“ Verwundert drehten sich die beiden um. „Aber Miss, die Küche ist doch nur für Personal. Ihr Vater hat ausdrücklich gebeten den Tisch im großen Saal zu decken.“, meinte Hilde. Hilde war schon etwas älter, was man ihrem grauen Haar ansah. Trotz der Falten strahlten ihre Augen mit Freundlichkeit, aber auch Intelligenz. „Wie oft soll ich euch denn noch sagen, dass ihr mich nicht dauernd mit „Miss“ anreden sollt! Nennt mich einfach Lynn, dass ist immerhin mein Name seit 17 Jahren. Außerdem frühstücke ich lieber mit euch zusammen, sonst sterbe ich noch vor Langerweile allein essend.“ Ich grinste die beiden an. „Ihr habt doch auch noch nichts gegessen oder?“ Mona, die vielleicht 8 Jahre älter war als ich schaute zu Hilde. Diese schüttelte nur den Kopf, musste aber auch grinsen. Mona nahm das als Zustimmung und ließ sich neben mich auf den Stuhl fallen. Keine Sekunde später war ihr Teller beladen mit allem möglichen Schnickschnack. „Hilde, du bist echt die beeeeste Köchin, die ich kenne.“, schmatzte Mona vor sich hin. Mit einem Seufzen gab Hilde sich geschlagen. „Was mach ich nur mit euch beiden?“

    So sah unser täglicher Frühstücksprozess aus. Ich mochte beide und für mich gehörten sie schon fast zur Familie. Oder besser, sie waren mehr Familie als meine eigentlichen Eltern. „Aber etwas fehlt noch! “, mit diesen Worten sprang Mona auf und schaltete das kleine Radio auf dem Küchentresen ein. Die CD, die darauf hin anfing zu spielen, kannte ich nur zu gut. „Ohooo, du hast dir jetzt auch das neue Bts-Album gekauft wie ich höre. UUUUUnd? Welcher ist dein Lieblingssong?“ „Was für eine Frage! Natürlich MIC DROP! Haaaach, Suga ist einfach ein Gott, was das Rappen angeht! Ich gäbe alles, um ihn auch nur einmal live zu sehen. Ich kann alle seine Parts in und auswendig!“ „So oft wie diese CD am Tag hoch und runterläuft, kann ich die auch schon…“, klagte Hilde und verdrehte die Augen. „Die Jugend von heute und deren komischen Musikgeschmack, werde ich mein Leben lang nicht mehr verstehen.“ Mona und ich kicherten, gingen aber nicht weiter auf ihren Kommentar ein. „Jin hat jetzt mehr Liedtext. Meine Gebete wurden also erhört.“, freute ich mich. „Ja stimmt. Aber die neuen Choreografien sind auch spitze.“, sprudelte Mona weiter. „Und das Musikvideo zu DNA“, antworteten wir gleichzeitig und mussten lachen. Meine Laune besserte sich im Verlaufe unserer BTS Schwärmerei, doch das sollte nicht so bleiben. Nur kurze Zeit später meldete sich Hilde. „Lynn, du musst los!“ Ach ja, Schule, da war ja was. Nicht gerade energiegeladen stand ich auf. „Bis später dann.“ Am Türrahmen winkte ich Mona und Hilde noch mal zu, dann setzte ich meinen Weg fort.

    2
    Ich verließ das Haus, wovor schon ein Auto geparkt war, welches mich jeden Tag zur Schule fuhr. Ein Mann stieg von der Fahrerseite aus und hielt mir die Hintertür auf. Es handelte sich hierbei um die „rechte Hand“ meines Vaters. Es kam zwar nur selten vor, dass er derjenige war, der mich zur Schule bringt, aber heute war wohl eine dieser seltenen Begebenheiten. Das Auto setzte sich in Gang und ich lehnte mich zurück. Im Rückspiegel konnte ich die kalten Augen meines Fahrers sehen, welcher stur geradeaus starrte. Ich bekam Gänsehaut auf den Armen. Schnell schaute ich aus dem Fenster, um mich abzulenken. Wir hatten Mitte Frühling und die Sonne kämpfte sich gerade durch die Wolken durch. Ich sah zwei Mädchen auf der gegenüber liegenden Straßenseite miteinander erzählend zur Schule laufen. Sie trugen keine Schuluniformen wie ich, also gingen sie auf ein normales Gymnasium. Wie gern würde ich auch auf solche Schule gehen und nicht auf ein Internat für reiche Schnösel. Das Auto hielt an. Der Fahrer stieg aus und öffnete mir die Tür. Ich hatte nicht einmal mitgekriegt, dass wir schon da waren. Langsam stieg ich aus. „Ich wünsche einen lernsamen Aufenthalt, Miss“, mit diesen Worten stieg mein Fahrer wieder ein und fuhr davon. Und ich wünsche mir einen ruhigen Tag. Tja dann werden wohl beide unserer Wünsche im nächsten Gully verschwinden…obwohl ich das jetzt auch lieber würde.

    Mit schweren Schritten ging ich durch das Schultor. Ich lief die Treppen hoch, bis ich vor meinem Klassenraum stand. Ich setzte mich auf meinen Platz und fing schonmal an zu beten, dass dieser Tag schnell endet. Im nächsten Moment knallte etwas gegen meinen Kopf. Ich schaute hinter mich und sah wie mich eine meiner Klassenkameradinnen frech angrinste. „Ach herrjeh, da ist mir doch glatt mein Radiergummi aus der Hand gerutscht. Heb ihn doch bitte für mich auf, ja?“ Aus der Hand gerutscht mein Ar...! Letzte Woche hatte sie ihn mir auch schon dreimal an den Kopf geschmissen! Mir kribbelte es in den Fingern, ihr gleich mein ganzes Etui an den Kopf zu donnern, aber ich ließ es bleiben. Ich hob ihren Radiergummi auf und knallte ihn ihr auf den Tisch. „Bitte!“, grinste ich sie genauso unecht an wie sie mich, drehte mich dann aber wieder um. Ich hörte sie und ihre Freundinnen hinter mir tuscheln und kichern. Nach weiteren fünf Minuten kam der Lehrer und wir begannen mit dem Unterricht.

    Ich war die erste, die aus dem Raum eilte als es zur Pause klingelte. Wie jeden Tag verkroch ich mich in die Bibliothek, die eine kleine Dachterrasse vorwies. Ich ließ mich auf dem kleinen Balkon nieder, bohrte meine Kopfhörer so tief rein wie nur möglich und schaltete meine BTS-Playlist ein. Ich hatte keine verdammte Lust mehr auf diese Schule! Die Lehrer waren alle streng und Freunde hatte ich auch keine. Nicht, dass mich keiner gefragt hatte, aber ich wollte nun mal keine Freunde, denen Geld wichtiger ist als Vertrauen und die heimlich hinter deinem Rücken ablästern! Als ich mein Halstuch abmachte, blieb ich an meiner Kette hängen und sie fiel zu Boden. An der Kette hing ein Ring mit Gravur: BTS 2013.6.13. Als ich ihn schnell wieder aufheben wollte und nach ihm griff, tauchte neben meinem Gesicht ein Schuh auf und kickte meine Kette vom Balkon. Entsetzt drehte ich mich zu der Person um. Das Radiergummi-Girl, war ja klar! „Oh, dass tut mir ja jetzt leid. Aber es war ja zum Glück nichts Wichtiges oder? Ich mein, wer oder was soll schon BTS sein, wenn nicht einmal ich die kenne. Wahrscheinlich haben die genauso viel Talent wie du, nämlich keins. Sind also bestimmt so richtige Loser.“, sie grinste gehässig, drehte sich um und wollte gehen. Okay, dass sie mit mir spielt, stört mich nicht. Aber wie kann sie es wagen, einfach über BTS zu urteilen, ohne sie zu kennen. Das war’s! Jetzt war ich wütend, aber so richtig! Ich stürmte ihr hinterher, packte sie am Kragen und knallte sie gegen eins der Bücherregale. „Pass bloß auf mit wem du dich anlegst!“, keifte ich sie an, „Du solltest nicht über Personen urteilen, die du nicht kennst, sonst passiert noch wer weiß schon was.“ „Drohst du mir etwa?“, sie schüttelte den Kopf und musste lachen. „Wenn ich du wäre, würde ich mich lieber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“, sagte sie und stieß mich von sich. Meine Entgegnung auf den Lippen, knackte auf einmal der Schullautsprecher, um im nächsten Moment die Stimme unseres Direktors zu übertragen. „Lynn Annabell Stebach, bitte sofort ins Direktorat! Ich wiederhole Lynn Annabell Stebach, bitte sofort ins Direktorat!“ Radiergummi-Girl lachte. „Oh oh, wer kriegt denn da jetzt Ärger?“ Lachend verließ sie die Bibliothek und ich blieb leise fluchend zurück. Mit einem komischen Bauchgefühl machte ich mich auf den Weg zum Büro des Direktors.

    3
    Mit einem mulmigen Gefühl klopfte ich an die Tür. „Ja, bitte.“, kam als Antwort und ich trat ein. Erst nachdem ich die Tür geschlossen hatte, bemerkte ich, dass außer dem Direktor und mir noch jemand im Zimmer war. „Was machst du denn hier?“, rutschte es mir heraus. „Lynn Annabell Stebach! Wo hast du denn deine Manieren gelassen? Begrüßt man so vielleicht seine Mutter?“ Ich sah betreten zu Boden. Na toll. Meine Mutter war eh schon seit Wochen schlecht drauf und der Grund war natürlich mein Vater. Dennoch sah ich keinen Sinn, warum sie so plötzlich zu meiner Schule kommen sollte. In dem Moment klingelte es zum Pausenende. „Ich muss wieder zum Unterricht.“, gab ich zu bedenken. „Nein musst du nicht!“ Ich sah auf. Die Augen meiner Mutter guckten mich ernst und unnachgiebig an. „Ab sofort gehst du nicht mehr auf diese Schule.“ Mir klappte die Kinnlade runter. „Was?“ „Das heißt wie bitte. Ja, ich habe mit deinem Direktor gesprochen und einen Schulwechsel beantragt.“ Ich schaute zum Direktor und dieser nickte nur. Wie, wo, was! Mein Gehirn war leicht im Zeitverzug, was das Denken anging, aber meine Mutter schien dies nicht zu interessieren. „Hat mich sehr gefreut.“ Sie schüttelte dem Direktor die Hand und zog mich dann mit sich.

    Die Situation wurde noch skurriler, als wir am Parkplatz ankamen. Meine Mutter zog einen Autoschlüssel aus ihrer Tasche und die Lampen eines kleinen Autos leuchteten kurz auf. „Steig ein.“ Ich setzte mich auf den Beifahrersitz. „Ähm Mama, wem gehört das Auto?“ Sie schaute mich nicht mal an als sie antwortete. „Mir.“ Aha, das Auto gehörte als meiner Mutter. WAS? Meine Mutter konnte Auto fahren? Versteht mich nicht falsch, aber ich hatte meine Mutter noch nie, aber wirklich noch nie in meinem Leben Auto fahren sehen! Jeden Tag wartete ein Chauffeur vor unserer Haustür, um meinen Vater, meine Mutter und mich überall hin zu fahren. Langsam wurde mir das alles zu viel! „Mama, was ist eigentlich los?“, platzte ich heraus. „Wir ziehen um!“ Ich blinzelte verwirrt mit den Augen. „Wo zieht unsere Familie denn hin?“ „Nicht unsere Familie. Nur du und ich! Ich verlasse deinen Vater und du kommst mit mir.“ Jetzt war mein Gehirn so überfordert, dass nicht nur meine Denkfunktion, sondern auch meine Sprachfunktion versagte. Nicht mal meine Ohren waren sich sicher, dass gerade wirklich gehört zu haben. „Hä?“, war das Einzige, was mir gerade einfiel. Aber aus Fahrerrichtung kam nichts mehr. Ohne, dass ich es bemerkt hatte, standen wir vor unserem Haus und meine Mutter war schon auf dem Weg zur Haustür. Schnell wollte ich ihr hinterher und wunderte mich, warum ich zum Kuckuck nicht voran kam bis mir auffiel, dass ich immer noch angeschnallt war. Gott, jetzt reiß dich mal zusammen Lynn! Das ist nicht die Zeit, um die Nerven zu verlieren! Schnell lief ich ins Haus, wo meine Eltern mitten im Flur standen und sich lautstark unterhielten. „Weißt du was, dann hau doch endlich ab! Zieh zu deinem bescheuerten Lover! Ich schick ihm dann auch eine Beileidskarte.“, keifte mein Vater. „Hör auf dich aufzuführen wie ein Kleinkind und fang an erwachsen mit solchen Situationen umzugehen! Aber mir soll das jetzt egal sein. Ich schicke dir die Scheidungspapiere per Post, füll sie einfach aus und dann müssen wir nie wieder auch nur ein Wort miteinander wechseln.“ Mit diesen Worten drehte sich meine Mutter zu mir um. „Lynn, pack deinen Koffer. Dein Flieger geht morgen um 14Uhr und die Umzugswagen holen alles schon morgen Vormittag ab. Also pack nur das wichtigste in dein Handgepäck.“ So langsam fing ich an zu brodeln. Konnte hier niemand Klartext sprechen? „Kann mir vielleicht mal einer sagen, wo dieser Flieger hingeht, in den ich morgen steigen soll?“ Mein Vater grinste, aber sein kalter Blick ließ mich zittern. „Aber natürlich. Deine Mutter hat seit Monaten eine Affäre und zu diesen Lackaffen will sie jetzt ziehen. Aber mir soll es recht sein, dann habe ich endlich meine Ruhe, wenn sie am anderen Ende der Welt ist!“ Eine Affäre? Meine Mutter? Anderes Ende der Welt? Das war ja komplizierten als analytische Geometrie! „Wohin geht der Flieger morgen?“ Mein Herz klopfte bis zum Hals. „Südkorea.“, bekam ich endlich die Antwort von meiner Mutter, welche im nächstem Moment die Treppe emporstieg. Mein Vater, der anscheinend auch nicht länger dumm rumstehen wollte, verließ das Haus mit einem deftigen Türzuknallen.

    Südkorea. Südkorea? Südkorea! Das Südkorea, wo BTS lebte? Ach du heiliger Bimbam! In meinem Gehirn versagte nun endgültig der Betrieb und meine Emotionen fuhren nun Geisterbahn.

    4
    Hallo Leser und ARMYs 😊

    Ich möchte gerne ein paar Worte loswerden. Zunächst freue ich mich über jeden Kommentar, den ich kriegen kann und danke euch dafür. Des Weiteren habe ich mir vorgenommen diese Story regelmäßig weiter zu schreiben und sie irgendwann zu Ende zu bringen (natürlich mit Happy End 😉). Falls mal länger nichts kommen sollte, dann hab ich gerade Schulstress oder bin einfach zu unmotiviert. Falls letzteres zutrifft, nervt mich einfach solange bis ich weiterschreibe…und das mein ich ernst! Tja, ansonsten weiß ich noch nicht welche Richtung diese Story einschlagen wird, geschweige denn was das Pairing angeht …hihi. Zusätzlich sollte erwähnt sein, dass alle Inhalte frei erfunden sind und nicht zu 100% stimmen, immerhin war ich ja noch nie in Korea (leider).😉

    Ich wünsche allen ein frohes neues Jahr mit vielen glücklichen Momenten, in denen hoffentlich auch BTS ihren Anteil finden.

    Ein paar Kapitel werde ich in den nächsten Tagen noch veröffentlichen…
    Also dann, viel Spaß beim Lesen <3



    Stopp! Das war nicht die Zeit, um auf Wolke 7 mit der Aufschrift, Welcome to ARMY heaven, zu schweben. Ich rannte die Treppe hoch, wo meine Mutter gerade dabei war, ein paar Männern in Arbeitsuniformen Kartons in die Hände zu drücken. „Hiermit bitte vorsichtig, es ist zerbrechlich.“ Als sie mich sah, zeigte sie mit dem Finger in Richtung meines Zimmers. „Lynn, du solltest auch anfangen zu packen. Wir haben nicht viel Zeit.“ Äh, war ich hier die Einzige, die sich für unsere familiäre Situation interessierte? „Mama, kann ich dich mal kurz unter vier Augen sprechen?“ Etwas widerwillig ließ meine Mutter die Männer ihren Job machen und ging mit mir ins Wohnzimmer. Ich schloss die Tür. Wir machten uns nicht erst die Mühe, uns hinzusetzen, sondern blieben einfach mitten im Raum stehen. „Ich will nicht nach Südkorea! Also schon…aber nicht so! Hat Papa die Wahrheit gesagt, dass du einen Liebhaber hast?“ Mir wurde schon übel, diese Frage aussprechen zu müssen. Das war absurd. Natürlich hatten meine Eltern so ihre Probleme, aber wer hatte die nicht? Meine Mutter war nicht die Sorte von Person, die Leute hinterging und schon gar nicht ihre eigene Familie. Das dachte ich zumindest. Meine Mutter seufzte. „Doch, es stimmt. Ich habe ihn vor vier Monaten kennengelernt auf einer meiner Dienstreisen. Weißt du, dein Vater und ich verstehen uns schon seit längerer Zeit nicht mehr so gut und als ich dann Kim Jongdae traf, bemerkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte.“ Ah, der Affe hatte also auch einen Namen. Meine Stimmung sank von Keller bis Hölle! „Und als du ihn sahst, dachtest du, ich verlasse mal kurz meinen Mann und schleife meine Tochter ans andere Ende der Welt oder was?“ „Lynn Annabell Stebach! So redet man nicht mit seiner Mutter!“ „Man vielleicht nicht, aber ich schon. Außerdem solltest du den richtigen Namen benutzen, schließlich bin ich doch demnächst Lynn Annabell Kim, wenn ich das hier richtig verstehe.“ Der Blick meiner Mutter verfinsterte sich. „Das hat dein Vater ja toll hingekriegt, dich einfach gegen mich aufzuhetzen! Dabei ist er es doch, der seit Jahren Affären mit seinen Angestellten hat! Und der Platz im Büro scheint ihm auch nicht auszureichen. Andauernd bin ich es, die fremde BHs in der Wäsche findet, die sicher nicht deinem Vater gehören! Ich halte es hier nicht mehr aus. Mag sein, dass ich nicht mehr die Jüngste bin, aber dennoch bin ich eine Frau mit Würde und das bisschen, was ich noch habe, lasse ich mir jetzt nicht auch noch nehmen!“ „Und woher willst du wissen, dass dieser Jongdae nicht genauso ist, nachdem ein oder zwei Jahre vergangen sind? Wie oft hast du ihn bisher gesehen, dass du dir in ihm so sicher sein kannst?“ „Dein eigener Vater war es, der mich mehrmals nach Korea schickte, um dort die Firmen zu überprüfen. Dabei wollte er mich nur weg von zu Hause wissen. Jongdae war stets offen zu mir und hat mich unterstützt, als ich mir in diesem fremden Land so unbeholfen vorkam. Vertrau mir doch bitte, wenn ich dir sage, dass er kein schlechter Mensch ist und er ein gutes Herz hat.“

    Verdammter Mist! Meine Mutter meinte es tot ernst. Natürlich waren unsere Familienverhältnisse noch nie die besten gewesen, aber dass es so schlimm um uns stand, wusste nicht mal ich. Ich hatte meine Mutter nachts manchmal weinen gehört und ich wusste, dass mein Vater der Grund dafür sein musste, dennoch brachte ich nie den Mut auf meine Mutter direkt zu fragen, was los war. „Was ist, wenn ich nein sage? Was ist, wenn ich nicht mit nach Südkorea komme?“ Der Blick meiner Mutter wurde traurig. „Ich lass dich hier nicht allein mit diesem Mann. Wenn du wirklich unter keinen Umständen mitwillst, dann werde ich dich auch nicht zwingen. Ich bin deine Mutter und das werde ich auch immer bleiben. Dennoch kann ich nicht länger in diesem Haus bleiben. Wir könnten uns zunächst hier irgendwo eine Wohnung nehmen und dann weitersehen. Aber…“ Weiter kam meine Mutter nicht, sie war den Tränen nah. Shit. Ich selbst war auch kurz davor, mich auf dem Boden zu wälzen und zu heulen wie ein Kleinkind. Ich entschied mich aber dagegen und umarmte stattdessen meine Mutter. Überrascht legte sie ihre Arme um mich. Ich wusste gar nicht, wie lange es her war, dass ich ihre Wärme gespürt hatte. Es fühlte sich gut an. „Wenn es dir wirklich so wichtig ist, dann komme ich mit nach Südkorea. Aber das mache ich nur für dich und erwarte nicht, dass ich diesen Jongdae einfach so akzeptiere und auf liebes Töchterchen mache!“ Ich ließ sie los und wir schauten uns beide an. Wir sahen aus wie Heulsusen. Immer noch Tränen in den Augen habend, fingen wir an zu lachen. Wir mussten echt bekloppt aussehen. „Ich habe dich lieb.“ Meine Mutter lächelte mich an, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie sah irgendwie…glücklich aus. Da blieb mir wohl nichts anderes übrig als ihre Worte zu erwidern und sie ebenfalls anzulächeln. Schonwieder waren wir den Tränen nah.

    5
    Mittlerweile waren mehrere Stunden vergangen und den größten Teil meines Krempels hatte ich schon verpackt, als es an der Tür klopfte. „Ja?“, rief ich einmal durch das gesamte Zimmer. Meine Mutter öffnete und kam rein. „Ich muss langsam los und wollte fragen, wie weit du bist?“ Meine Mutter und ich nahmen unterschiedliche Flieger. Ihrer sollte schon heute Abend gehen, während meiner erst morgen gegen Nachmittag startete. „Das meiste habe ich schon in irgendwelche Kartons verstaut, mein Koffer ist auch so gut wie voll und das Handgepäck ist auch bereit.“ Sie nickte. „Das freut mich, dann gebe ich unten Bescheid, dass deine Kartons abgeholt werden können. Ansonsten habe ich Mona gebeten dich morgen zum Flughafen zu fahren. Ihr schient euch von Anfang an gut zu verstehen, auch wenn du versucht hast es zu verheimlichen, dass ihr befreundet seid.“ Sie zwinkerte mir zu. Ich blinzelte ein paar Mal, dann grinste ich. „Danke.“, sagte ich. „Kein Problem, aber wenn ich nicht gleich losfahre, habe ich ein Problem. Also dann, wir sehen uns morgen in Korea. Ich hole dich vom Flughafen ab. Bis dann, Schatz.“ Sie umarmte mich noch einmal, küsste mich auf die Stirn und verließ dann mein Zimmer. Doch kurz danach ging die Tür noch einmal auf. „Ach ja, hatte ich erwähnt, dass Jongdae einen Sohn in deinem Alter hat?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie auch schon wieder verschwunden und ich hörte sie nur noch im Flur kichern. Das Blut pumpte doppelt so schnell durch meine Adern. Das fiel ihr jetzt ein? Hätte sie nicht mal früher erwähnen können, dass ich demnächst einen Stiefbruder haben werde!

    Mein Vater ließ sich den Rest des Tages nicht mehr blicken und ich hätte auch nicht gewusst, wie ich reagieren sollte, würde er mir über den Weg laufen. Von daher war ich ganz froh. Als ich dann endlich im Bett lag, konnte ich lange nicht einschlafen. Aber ehrlich, wie auch? Morgen sollte sich mein Leben komplett ändern und damit meinte ich nicht nur den Aufstieg von International ARMY zu K-ARMY. Nein, Spaß beiseite. Mir wurde flau im Magen, wenn ich daran dachte, den Liebhaber meiner Mutter kennenzulernen und dessen Sohn. Ich werde die auf jeden Fall nicht einfach so akzeptieren. Wenn der Typ nur mit meiner Mutter spielte, weil wir Geld hatten, dann sollte er sich auf was gefasst machen! Hmpf. Mein Kopf hörte einfach nicht auf sich Sorgen zu machen und so drehte ich mich auch nach zwei Stunden noch von einer zur anderen Seite und bekam kein Auge zu. Letztlich nahm ich meine Kopfhörer und stellte Butterfly auf Dauerschleife. Die ruhige Melodie ließ mich langsam ins Reich der Träume abdriften.

    Als ich am Morgen aufwachte war der Akku meines Handys komplett aufgebraucht, weil es die ganze Nacht über, Musik gespielt hatte. Es war schon neun Uhr und ich musste mich ranhalten, um pünktlich zum Flughafen zu kommen. Ich schnappte mir meine Sachen und rannte die Treppe runter. Ich atmete tief ein. Das schlimmste stand mir noch bevor. Ich ging in die Küche, wo mich zwei Paar Augen traurig anguckten. Ich bekam einen Kloß im Hals. „Morgen“, quetschte ich heraus und im nächsten Moment klammerte Mona an mir als wäre sie eine Würgeschlange. „Du darfst nicht gehen. Du darfst mich nicht allein zurücklassen!“ Als sich dann auch noch Hilde der Umarmung anschloss und es somit zur Gruppenumarmung der Trauer wurde, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wir frühstückten wie immer zusammen, aber so still war es das erste Mal…und es sollte auch das letzte Mal sein. Ich würgte etwas vom Essen herunter, obwohl mir der Appetit vergangen war. Wenig später standen wir alle vor dem Haus und niemand sagte ein Wort. „Ihr müsst mir was versprechen.“, durchbrach ich die Stille. „Versprecht mir, dass ihr auf euch aufpasst und mich ganz oft anruft und mir schreibt. Und wenn es euch schlecht geht, dann nehme ich sofort den nächsten Flieger und komme zurück!“ Die beiden nickten und wir umarmten uns fest. „Wir werden dich vermissen.“ Nach einer gefühlten Ewigkeit trennten wir uns voneinander und Mona und ich stiegen ins Auto. Ich winkte Hilde als sich das Auto in Bewegung setzte. Nach einer Stunde Fahrt, musste ich nun auch endgültig von Mona Abschied nehmen. Wir hingen wie zwei Äffchen aneinander und niemand wollte loslassen. „Du musst gut auf dich aufpassen, du weißt ja, die Jungs sind alle ziemlich gutaussehend dort.“ Ich grinste. „Okay, ich bin vorsichtig.“ Wir lösten uns und ich nahm meinen Koffer. „Bis dann.“ Ich setzte mich schweren Herzens in Bewegung. „Besorg mir Yoongis Handynummer!“, schrie sie mir hinterher und ich schrie „Darauf kannst du wetten!“ zurück.

    6
    Pünktlich um 14 Uhr hob mein Flieger ab. Südkorea, ich komme! Ich hörte zwei Stunden Musik, nur leider war ich dann so drin, dass ich aus Versehen ein paar Zeilen mitsang. Ich erntete einen merkwürdigen Blick von meinem Nachbarn, der offensichtlich Koreaner war. Was! Kannte der etwa nicht BTS? Und sowas nannte sich Einheimischer, also echt! Dennoch ließ ich es mit dem Musikhören lieber bleiben und entschied mich auf meinem Laptop BTS Bon Voyage zu schauen. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht lautstark zu lachen, als V in Schweden in den nächstbesten Bus einstieg und zum Schluss vom Manager abgeholt werden musste, weil er irgendwo im Nirgendwo war. Den Rest der Zeit verbrachte ich mit grübeln. Mein Vater kam gestern nicht mehr nach Hause und heute Morgen war er auch nicht da gewesen. Ich hatte ihn sogar versucht anzurufen, aber es ging nur seine rechte Hand ans Telefon, um mir zu sagen, mein Vater wäre gerade bei einem wichtigen Meeting. Ich verstand so langsam, warum meine Mutter so schnell wie möglich von ihm wegwollte. Auf so einen Vater konnte ich verzichten. Dennoch spürte ich ein leichtes Stechen in meinem Herzen. Auch die Sache mit Jongdae bereitete mir Kopfzerbrechen. Wenn er einen Sohn hat, dann musste er ebenfalls schon eine Scheidung hinter sich haben, sonst wäre er ja jetzt nicht mit meiner Mutter zusammen. Was war, wenn seine vorherige Frau ihn verlassen hatte, weil er auch Affären hatte? Was wenn meine Mutter nur eine seiner Affären ist! Und außerdem, was musste das für ein Mann sein, der ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau einging? Oder wusste er gar nicht, dass meine Mutter verheiratet war? Das traute ich meiner Mutter jedoch beim besten Willen nicht zu. Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mich mit dieser neuen Sachlage einfach nicht abfinden. Warum konnten meine Mutter und ich uns nicht einfach eine Wohnung nehmen und dort zu zweit leben?
    Als der Flieger endlich wieder am Boden stand, war ich eine der ersten, die das Flughafengebäude betraten. Sofort eilte ich zum Gebäckband, wo schon die ersten Koffer ihre Runden drehten. Bingo! Gerade kam die nächste Ladung Koffer und meiner war dabei. Schnell schnappte ich mir ihn und eilte zum Ausgang. Das lag aber nicht daran, dass ich schnell meine neue Familie begrüßen wollte, sondern eher an meiner Neugier, was Seoul wohl für eine Stadt war. Ich meine, immerhin lebte hier BTS, also musste die Stadt ja der Hammer sein! Ich verließ den stickigen Flughafen und war überrascht, wie angenehm das Klima doch war. „Woah!“, entfuhr es mir. Hier war es mittlerweile 8 Uhr morgens und das Wetter hätte besser nicht sein können. Im nächsten Moment klingelte mein Handy. „Hallo?“ Kurze Pause… „Lynn? Bist du schon angekommen?“, vernahm ich die Stimme meiner Mutter. „Jap, bin gerade gelandet.“ „Hör zu, gerade sind all unsere Möbel und so weiter angekommen und ich kann deshalb hier nicht weg. Aber ich habe dir ein Taxi gerufen, welches dich abholen soll. Bezahlt ist es schon, keine Sorge. Die Adresse kennt er auch schon, weil du ja noch kein Koreanisch kannst. Ich melde dich demnächst zu einem Kurs an und da du ja schnell im Lernen bist, hast du das dann bestimmt Null Komma Nichts drauf.“ Ich atmete tief durch. „Mama, es freut mich, dass du dir JETZT darüber Gedanken machst, dass ich die Sprache gar nicht kann. Aber ich kann dich beruhigen. Ich bin des Koreanischen mächtig.“ „Aber du hattest doch nur Spezialstunden in Spanisch, Französisch und Englisch…“ „Jaja, ich hab heimlich Unterrichtsstunden genommen, weil du und Papa sonst ausgeflippt wärt.“ Tja, wenn es zu den Videos keine Untertitel gibt, dann muss sich ein K-POP Fan halt andere Möglichkeiten suchen, um zu verstehen, worüber sich BTS gerade kaputtlacht. „Darüber reden wir später noch. Halt nach einem Taxifahrer Ausschau, der ein Schild mit deinem Namen in der Hand hält, okay? Dann bis gleich.“ „Ja.“ Ich legte auf.

    Ich schaute mich um. Keine zehn Meter von mir entfernt stand ein kleiner, etwas pummeliger Mann und hielt ein Schild, wo Lynn Annabell Stebach draufstand. Zeit mit meinen Koreanisch Kenntnissen zu prahlen, dachte ich. Ich ging zu ihm hin und begrüßte ihn freundlich. Er meinte, ich solle doch schon einsteigen, während er meinen Koffer verstaut. Aber ich hatte andere Pläne. „Entschuldigen Sie bitte, aber könnten Sie einfach meinen Koffer an der ihnen gegebenen Adresse abgeben?“ Er schaute mich verwirrt an. „Ich soll Sie nicht mitnehmen? Aber kommen Sie denn allein klar? Die Stadt ist nicht gerade klein…“ Ich lächelte ihn an. „Kein Problem, ich schaffe das schon.“ Ich bedankte mich bei ihm und er fuhr mit Koffer und ohne mich ab. Es war Zeit die Stadt zu erforschen! Sorry Mama…

    7
    Da ich mich aber tatsächlich keinen Deut auskannte, verfolgte ich Vs Strategie und nahm einfach den erstbesten Bus, der mir in die Augen fiel. Ich ging hin und war froh, dass man beim Busfahrer Fahrkarten kaufen konnte. Dann mal los! Ich konnte meine Augen gar nicht vom Fenster wegbewegen. Ich begutachtete jedes noch so kleine Geschäft und die Gesichtsausdrücke der Menschen. Auf den Straßen war viel los, weil die meisten Anzugträger gerade auf dem Weg zur Arbeit waren. Ich war so fasziniert, dass ich aufschreckte, als mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von meiner Mutter. Das ging schnell. „Was denkst du dir, machst du? Wo bist du? Antworte!“ Ich tippte kurz eine knappe Antwort ein. „Sightseeing. Sehe dich später.“ Dann schaltete ich auf Flugmodus um. Ich guckte wieder aus dem Fenster. Mittlerweile hatte der Bus die Innenstadt erreicht und ich entschied mich, beim nächsten Stopp auszusteigen. Ich wanderte ein bisschen vor mich hin und machte hin und wieder ein paar Bilder. Dann hörte ich ein Geräusch, das mir nur all zu bekannt war. Mein Bauch knurrte. Ich grinste. Zeit, Essen zu fassen! Im Flieger gab es zwar Frühstück, aber was essen anging, sah ich es so wie Jin. Ein Bauch hatte nun mal keine Öffnungszeiten.

    Ich holte an einem Automaten Geld und machte mich auf die Suche nach was Essbaren, was kein Problem darstellte, da es hier alle Arten an Cafés und Restaurants gab. Da die Restaurants alle ziemlich hochwertig aussahen und ich mich in sowas nicht wohl fühlte, ging ich in ein kleines Café, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Die Auslage wimmelte nur so von süßen Törtchen. Ich suchte mir drei aus, die besonders niedlich aussahen, bezahlte sie bei einer netten Frau an der Kasse und nahm dann an einem Tisch in der Ecke Platz. Um genau zu sein verkroch ich mich in die nächste Ecke, da das Café gut besucht war und ich Plätze mit vielen Menschen nicht mochte. Erst recht nicht, wenn dieser am anderen Ende der Welt lag und ich mehr als nur nach einem Touristen aussah. Aber gerade hatte ich größere Probleme als das. Ich hatte das Taxi nämlich gar nicht abgelehnt, weil ich die Stadt begutachten wollte, sondern mein Ziel war es, diesem Jongdae und seinem Sohn aus dem Weg zu gehen. Ich wusste, dass mein Verhalten dazu führte, dass sich meine Mutter Sorgen machte und ich fühlte mich schlecht dafür, aber ich hatte Angst. Ich wusste nicht einmal wie die beiden aussahen, noch dass ich auch nur ein Wort mit ihnen gewechselt hatte. Ich seufzte, schaltete jedoch mein Handy wieder an. 17 verpasste Anrufe und 4 neue Nachrichten. Natürlich alle von meiner Mutter. Ich schaute mir die letzte Nachricht an. „Stell nichts Dummes an und pass auf dich auf. Wenn du soweit bist, hier ist unsere neue Adresse. Falls du den Weg nicht findest, ruf an und Jongdae holt dich dann ab.“ Pah, als ob ich bei dem ins Auto steige…wie hieß es, man soll nicht bei fremden Menschen mitfahren. Ich stand widerwillig auf, brachte mein Tablett weg und verließ das Café. Ich gab die mir gegebene Adresse bei Google Maps ein und machte mich auf den Weg. Es wurde Zeit, mich meinem Schicksal zu stellen.

    Nach nur zehn Minuten wechselte die Anzeige von Noch 30 Minuten bis zum Ziel zu Noch eine Stunde bis zum Ziel. Wow, ich wusste ja, dass ich und Orientierung nicht die besten Freunde waren, aber dass wir sogar Erzfeinde sind, wurde mir erst jetzt bewusst. Okay, jetzt nicht verzweifeln! Die Straße müsste doch jetzt hier um die Ecke sein. Ich schaute das Straßenschild an. Nop, das war irgendwie nicht die richtige Straße. Dennoch war ich froh, sie gefunden zu haben, denn keine acht Meter von mir entfernt stand Suga. Nein! Nicht der Echte, aber eine lebensgroße Pappfigur von ihm. Ich musste grinsen. Ich schoss ein Foto und schickte es Mona mit der Beschriftung „Meinst du, es fällt auf, wenn ich den klaue und dir per Post schicke?“ Nun wieder deutlich besser gelaunt, fasste ich den Endschluss einfach jemanden nach dem Weg zu fragen. Aber als einfach sollte ich diese Aufgabe besser nicht beschreiben. Die meisten Menschen sahen beschäftigt aus und eilten nur so an mir vorbei. Mal davon abgesehen mochte ich es nicht fremde Menschen anzusprechen. In dem Sinne war ich echt schüchtern. Mein Mut schwankte und ich war schon kurz davor, mich einfach wieder nach Google Maps zu richten und mein Glück noch einmal herauszufordern, als ich hinter mir eine Stimme vernahm. „Kann ich dir vielleicht weiterhelfen?“ Überrascht drehte ich mich um. War etwa ich gemeint?

    8
    Dort stand ein Junge, etwa mein Alter, und guckte in meine Richtung. Ich schaute noch einmal hinter mich, aber da war keiner, der ihm zu antworten schien. Leicht unbeholfen deutete ich mit dem Finger auf mich selbst und kam mir dabei ziemlich bescheuert vor. Jetzt fing er an zu lachen. „Naja, da du die Einzige hier bist, die guckt wie ein Küken, welches aus dem Nest geplumpst ist, ging die Frage, ob du Hilfe brauchst, wohl an dich.“ Na toll. Ich war noch keinen Tag hier und hatte mich schon zum Klops gemacht…und das auch noch vor einem echt süßen Jungen. Seine haselnussfarbenen Haare schauten unter dem Käppi hervor, sein Gesicht war eher rundlich, aber seine Augen funkelten neugierig. Er kam mir irgendwie bekannt vor, aber woher? Ich erschreckte mich leicht, als etwas an meinem Gesicht vorbeisauste. Verwirrt stellte ich fest, dass es seine Hand war, die vor meinem Gesicht hin und her wedelte. „Erde an verlorenes Küken!“ Oh Gott! Wie lange hatte ich ihn angestarrt? Um es in seinen Worten zu sagen: Das Küken wäre jetzt am liebsten zurück in die Eierschale gekrochen!

    „Äh…ja…tut mir leid.“, stammelte ich immer noch peinlich berührt. Er grinste. „Da du mich ja gerade offensichtlich nicht gehört hast, noch einmal. Suchst du was bestimmtes? Ich kenne mich hier gut aus und kann dir vielleicht einen Tipp geben, in welche Richtung du gehen musst.“ „Ähm also, dass wäre echt super. Ich versuche zu dieser Adresse zu kommen…“ Ich zeigte ihm mein Handy. Er überlegte kurz und nickte dann. „Das ist gar nicht so weit weg von hier.“, meinte er. Ach echt? Da war Google Maps aber anderer Meinung! „Okay, wo geht’s lang?“, fragte ich motiviert zurück. „Also du gehst dort drüben links, dann nach fünf Straßen noch einmal links, dann gleich rechts, dann immer geradeaus bis zur nächsten Kreuzung und von dort…“, er stoppte. Er schien das riesige Fragezeichen über meinem Kopf bemerkt zu haben und setzte hinzu: „Ich kann dich auch einfach dahin bringen. Ich habe eh grad nichts besseres vor.“ Ich fühlte mich wie der dümmste Mensch auf Erden! Super Lynn, sagte ich mir selbst, du kannst fünf Sprachen sprechen, aber keine Stadtkarte lesen! Warum gab es sowas auch nicht als Schulfach? Etwas beschämt sah ich ihn an. „Wenn es dir wirklich nicht zu umständlich ist, wäre ich dir unendlich dankbar, wenn du mir den Weg zeigen könntest.“ Er wirkte keines Wegs genervt, sondern lachte stattdessen. „Als ich das erste Mal hier war, brauchte ich drei Stunden bis ich meine eigene Wohnung wiedergefunden hatte, daher verstehe ich dein Problem nur zu gut. Also dann… alle Küken mir nach!“ Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung und ich beeilte mich hinterher zu kommen. Moment mal! Warum nannte er mich eigentlich ständig Küken? Ich war zwar mit einem Meter und vierundsechzig nicht die Größte, aber gelbe Federn besaß ich nun wirklich nicht.

    Aber es sei ihm verziehen. Immerhin reckten immer wieder ein paar Mädchen ihre Hälse, um einen Blick auf meinen gutaussehenden Gefährten zu werfen und mal ehrlich, ich konnte es keiner verübeln. Er sah aus, als wäre er einem koreanischen Drama entsprungen, wobei man ihn wohl nicht in die Kategorie heiß, sondern in die Kategorie süß einordnen würde. „Besuchst du hier eine Freundin oder so?“, holte er mich aus meinen Gedanken. Jetzt war ich endgültig wieder in der Realität angekommen. „Ähm nein. Ich wohne dort. Meine Mutter und ich sind hierhergezogen und ich bin erst heute mit dem Flieger gelandet.“, versuchte ich zu erklären. „Und dann bist du ganz allein unterwegs? Kein Wunder, dass du keine Ahnung hattest, wo du lang musst. Was ist eigentlich mit deinem Vater? Ist er nicht hier?“ Ich blieb stehen und wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. „Oh, tut mir leid, wenn das zu privat war. Ich war nur neugierig, aber du brauchst mir nicht zu antworten.“ Ich setzte mich wieder in Bewegung. „Nein schon okay. Meine Eltern haben sich getrennt und naja meine Mutter hat hier einen netten Mann kennengelernt und ja…“ Er sah mich verblüfft an. „Und du kennst ihn gar nicht?“ „Nop, habe ihn noch nie gesehen oder mit ihm gesprochen. Er soll auch einen Sohn haben, den ich ebenfalls nicht kenne.“ Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Dann wird es jetzt ernst für dich. Das dort ist nämlich das Haus, zu dem die Adresse gehört beziehungsweise dein neues Zuhause. Mach dir nicht so viele Sorgen, ich bin mir sicher, sie werden dich mögen schließlich mag doch jeder Küken…!“ Ich musste grinsen. „Na du kannst ja doch noch lächeln. Also dann…viel Glück, Küken.“ Er wuschelte kurz mein Haar, zwinkerte mir zu und ging dann die Straße zurück, die wir gekommen waren. Dieses Zwinkern…Oh mein Gott! Jetzt wusste ich es! Jetzt fiel mir ein, woher ich ihn kannte. Warum war mir das nur nicht früher aufgefallen? Meine Begleitung war niemand geringeres als Park Jihoon gewesen! Verdammt! Käme es wohl komisch, wenn ich jetzt hinterher sprinte, um ihn nach einem Autogramm zu fragen? Aber er war schon um die nächste Ecke gebogen und ich konnte ihn nicht mehr sehen. Ich stand wie versteinert da und konnte nicht fassen, dass ich mich gerade, als wäre es das Normalste der Welt, mit einem Mitglied von Wanna One unterhalten hatte.




    9
    Ich wusste nicht, wie lange ich dort wie versteinert stand, aber je mehr ich darüber nachdachte, was gerade passiert war, desto mehr kam es mir wie ein Traum vor. Ich zwickte mich kurz in den Arm, um mich zu vergewissern, dass es real war. Aua! Verdammt, ich träumte nicht. Ich werde wahrscheinlich nie wieder einem K-Pop Idol so nah kommen. Ich hatte zwar weder ein Autogramm noch ein Foto, aber er hatte meine Haare gewuschelt. Ich spürte, wie sich ein fettes Grinsen in meinem Gesicht breitmachte. Es hielt jedoch nicht lange an, denn mir fiel wieder ein, warum ich hier war. Ich drehte mich zur Hausfront und begutachtete es für eine Weile. Es erschien relativ groß mit zwei Etagen, sechs Fenstern an der Frontseite und einen Balkon auf der rechten Seite. Mehr konnte ich von meiner jetzigen Position nicht sehen, aber ein Garten fände ich ganz nett. Stopp! Was dachte ich da? Es klang ja schon so, als hätte ich dieses Haus als mein neues Zuhause akzeptiert. Ganz sicher NICHT! Wahrscheinlich würde es drinnen total unordentlich sein, mit heruntergekommenen Tapeten und einer spärlichen Einrichtung. Aber um das herauszufinden, musste ich das Haus erstmal betreten. Kurz kam mir der Gedanke, mir einfach in der Stadt ein Hotel zu suchen, aber das wollte ich meiner Mutter nicht antun. Ich biss die Zähne zusammen, ging auf die Tür zu und drückte die Klingel.

    Ich hielt den Atem an. Bitte lass meine Mutter öffnen, bitte lass meine Mutter öffnen, bitteeeee! Im nächsten Moment schwang die Tür vor mir auf und ein relativ großer und für sein Alter recht gutaussehender Koreaner lächelte mich an. „Du musst Lynn sein. Wir hatten uns schon Sorgen gemacht, du findest den Weg nicht. Es freut mich dich endlich kennenzulernen, ich bin Jongdae.“ So eine Kacke! Warum denn gerade er? Ja gut, er wohnte hier und da macht man schon mal die eigene Haustür auf, aber trotzdem. Ich hatte absolut keinen Schimmer, was ich jetzt tun, geschweige denn sagen sollte. Also starrte ich ihn einfach nur an. „Oh wie unhöflich von mir. Komm doch bitte rein! Du willst doch bestimmt wissen, wie dein neues Zuhause aussieht.“ Ach wollte ich das? Was ich wollte war eigentlich mich umdrehen und ganz schnell von hier verschwinden! Jongdae machte eine Handgeste, ich solle doch eintreten. Widerwillig setzte ich mich in Bewegung. Ich zog meine Schuhe aus, hängte meine Jacke an einen Haken einer Geraderobe und stand schon wieder da wie bestellt und nicht abgeholt. „Deine Mutter und Byung-Hwan sind in der Küche. Hier entlang...“ Byung wer? Ah, das musste sein Sohn sein! Vorsichtig folgte ich ihm in die Küche, die überraschenderweise sehr geräumig war. Kaum stand ich im Raum umarmte mich meine Mutter und ihre Augen funkelten geradezu vor Freude. „Da bist du ja endlich! Weißt du, was ich mir für Sorgen gemacht habe? Warum hast du nicht gesagt, dass du mehr von der Stadt sehen willst und außerdem hätten wir das doch später noch machen können. Aber egal. Ich bin froh, dass du den Weg gefunden hast und jetzt hier bist. Hast du ein Taxi hierher genommen?“ Ich blinzelte. Warum bin ich nicht auf die Idee gekommen, nach meiner Stadterkundung ein Taxi zu nehmen. Man konnte sich Sachen auch kompliziert machen! Aber bereuen tat ich es definitiv nicht. „Nein ich bin gelaufen und als ich nicht mehr wusste, wo ich eigentlich war, hat mir jemand den Weg gezeigt.“ Jemand? Wen wollte ich hier verarschen: Der Jihoon hat mich persönlich begleitet! „Was? Du bist den ganzen Weg gelaufen? Hast du dich wenigstens bedankt?“ „Ja habe ich gemacht.“ Moment mal…hatte ich mich bedankt? Oh mein Gott, unhöflicher geht’s nicht oder? Ich fühlte mich echt schlecht, aber wenn ich es jetzt zugab, dann konnte ich mich auf eine Standpauke gefasst machen und dafür hatte ich nun wirklich keine Nerven. Jongdae legte meiner Mutter eine Hand auf die Schulter. „Jetzt lass sie sich doch erstmal ausruhen. Immerhin hat sie einen anstrengenden Flug hinter sich und ist bestimmt müde.“ Meine Mutter lächelte ihn an und lehnte sich etwas gegen ihn. Mir lief es kalt den Rücken runter. Es war komisch meine Mutter mit jemanden anders zu sehen als meinen Vater. Ich versuchte mir mein Unwohlsein nicht anzumerken und schaute schnell woanders hin. Mein Blick fiel auf einen Jungen, der am Kühlschrank lehnte und die Szene ebenfalls belieb äugelte. Als sein Blick auf meinen traf, zog er eine Augenbraue hoch. Ich war wohl nicht die Einzige, die diese Familienkonstellation nicht gerade berauschend fand.


    10
    „Oh stimmt, ihr kennt euch ja noch gar nicht. Das ist mein Sohn, Byung-Hwan.“, sagte Jongdae und guckte seinen Sohn erwartungsvoll an. Dieser löste sich vom Kühlschrank und lächelte mich nun an. Also das Einzige, was lächelte waren seine Lippen, seine Augen vermittelten jedoch das komplette Gegenteil. Das konnte ja lustig werden. „Freut mich dich kennenzulernen. Ich bin Byung-Hwan.“ Ich zwang mir ebenfalls ein Lächeln auf. „Schön dich kennenzulernen. Ich heiße Lynn.“ Damit war offensichtlich alles gesagt, Stille trat ein und nicht gerade von der angenehmen Sorte. Jongdae räusperte sich. „Das Abendessen ist so gut wie fertig. Lynn, du hast bestimmt Hunger?“ „Oh, um ehrlich zu sein, habe ich in der Stadt schon was gegessen und bin eigentlich satt…“, erwiderte ich vorsichtig. Meine Mutter warf mir einen fragwürdigen Blick zu, sagte aber nichts. „Na wenn das so ist, dann kann dir Byung-Hwan ja dein Zimmer zeigen und du kannst dich ein bisschen ausruhen.“, meinte Jongdae. Ich nickte leicht und Jongdae klopfte seinem Sohn auf den Rücken, der sich nun langsam in Bewegung setzte. „Hier entlang.“ Niemand sagte etwas, als ich ihm die Treppe nach oben folgte. Er blieb vor einer Tür stehen und deutete darauf. „Das ist dein Zimmer.“ Ich öffnete die Tür und betrat den Raum.

    Die Tapete war in einem leichten Hellgrün gehalten und wirkte nicht zu aufdringlich. Es gab zwei Fenster, wobei vor einem ein Schreibtisch stand. Auch der Kleiderschrank in der Ecke des Zimmers war neu, denn ich bewahrte meine Kleidung ja früher in einem Nebenzimmer auf. Mein neues Zimmer nahm nicht so viel Raum ein, aber das war eher ein Plus, denn ich fühlte mich wohl in dem kleineren Zimmer. Ich erkannte mein altes Bett, welches von der Umzugsfirma von Deutschland hierher transportiert wurde. Auch meine geliebten Kuscheltiere saßen friedlich auf der Matratze. Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, mochte ich das Zimmer auf Anhieb. Ich war so damit beschäftigt, mein neues Zimmer zu mustern, sodass ich erst jetzt bemerkte, dass Byung-Hwan die ganze Zeit im Türrahmen lehnte und mich anstarrte. Ich verschränkte meine Arme und sah ihn an. „Das Zimmer wirkt ganz nett.“ Er lachte auf. „Ganz nett? Deine Augen haben gerade gefunkelt wie die eines kleinen Kindes.“ Verdammt, dass hatte er gut erkannt. Mir nichts anmerken lassend, zuckte ich mit den Schultern. Im nächsten Moment knurrte mein Magen. Ich hätte im Boden versinken können. Warum gerade jetzt? Sein Grinsen wurde breiter. „Wie war das mit, ich habe in der Stadt gegessen und bin satt?“ „Pff, na und? Du wirkst auch nicht so, als hättest du Lust, einen auf perfekte Familie zu machen und friedlich zusammen zu Abend zu essen!“, konterte ich. Ja, ich hatte echt Hunger, aber wenn ich daran dachte mit Jongdae und meiner Mutter an einem Tisch essen zu müssen, verging mir der Appetit. „Gut erkannt. Ich sehne mich auch nicht danach, mit zwei fremden Menschen zu Abend zu essen, wo sich alle anschweigen, weil niemand weiß, worüber er sprechen soll. Von daher bin ich froh, dass du die erste warst, die meinte, sie hat keinen Hunger. Jetzt kann ich mich nämlich auch verkrümeln und ein paar Freunde in der Stadt treffen. Also dann…man sieht sich.“ Er verließ mein Zimmer und schloss die Tür. Tse, soll er doch machen, was er will. Konnte mir doch egal sein, solange ich ihn jetzt nicht mehr am Hals hatte. Dennoch wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Naja, ich würde viel Zeit haben, das herauszufinden. Müdigkeit war dabei mich zu übermannen und das Einzige, was ich vorm Schlafengehen noch machen wollte, war duschen. Ich betrat also den Gang und erschreckte mich als genau vor meinem Zimmer, eine andere Tür aufschwang. Vor mir stand Byung-Hwan, der wohl gerade aufbrechen wollte, jetzt aber inne hielt. Ohne Witz! Sein Zimmer lag genau auf der gegenüberliegenden Seite von meinem? Na super. Aber okay. „Kannst du mir vielleicht sagen, wo das Badezimmer ist?“ Er zog eine Augenbraue hoch, deutete dann aber nach links. „Letzte Tür linke Seite.“ Mit einem leisen „Danke“ setzte ich meinen Weg ins Bad fort und hörte ihn kurz danach die Treppe hinabgehen.

    Ich genoss das heiße Wasser der Dusche und als ich dann die Zähne geputzt hatte, schmiss ich mich in mein Bett. Ich hatte keine Kraft mehr, mir über den morgigen Tag Gedanken zu machen und schon nach kurzer Zeit schlief ich tief und fest.




    11
    Ich wachte auf, als ich ein merkwürdiges Geräusch vernahm. Verwirrt blickte ich mich im Zimmer um, aber es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können. Da war es wieder, dieses Geräusch. Ich versuchte zu verfolgen, wo es herkam und musste feststellen, dass es nur mein Bauch war, der geradezu nach Essen schrie. Ich ließ mich zurück ins Bett plumpsen und seufzte. Ich schaute auf meinen Wecker: 21:34 Uhr. Ich hörte Schritte im Gang und tat schnell so als würde ich schlafen. Meine Zimmertür öffnete sich und ein Streifen Licht fiel ins Zimmer. Ob es meine Mutter war, die nach mir sehen wollte? „Ey, schläfst du?“ Nein, diese Stimme gehörte definitiv nicht meiner Mutter. Was wollte Byung-Hwan bei mir im Zimmer? Ich überlegte, ob ich zugeben sollte, dass ich wach war, aber schon im nächsten Moment schloss sich die Tür wieder. Was war das denn? Ich setzte mich auf und knipste meine Nachttischlampe an. Mein Blick fiel auf eine Schachtel, die an der Tür stand. Vorsichtig schlich ich zu dem verdächtigen Gegenstand und ging in die Knie. Bevor ich die Schachtel öffnen konnte, wusste meine Nase, was sich darin befinden würde. Mein Bauch knurrte ein weiteres Mal, diesmal aber vor Freude. Kaum hatte ich die Schachtel offen, stopfte ich mir auch schon die erste Ladung Nudeln in den Mund. Mmh! Das war echt lecker. Keine Ahnung, was das für eine Soße ist, aber sie war göttlich. Meine Laune besserte sich mit jedem weiteren Bissen. Als ich fertig war, fiel mir eine Adresse auf dem nun leeren Behältnis auf. Es schien die eines Restaurants oder so zu sein. Moment mal! Meine Mutter hatte selbst gekocht, also musste Byung-Hwan das aus der Stadt extra für mich mitgebracht haben! Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen. Vielleicht war er doch gar nicht der Idiot, für den ich ihn hielt. Vielleicht war er sogar ganz nett?

    Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schien schon die Sonne draußen. Ich schaute aus dem Fenster und bemerkte einen kleinen Garten hinter dem Haus. Er sah gut gepflegt aus und die ersten Blumen genossen bereits die Sonnenstrahlen. Als ich noch klein war, hatte ich meiner Mutter immer im Garten geholfen. Ich hatte Spaß daran und durfte oft die Blumensorte aussuchen, wenn wir auf den Markt gingen. Aber dann wurde meine Mutter immer mehr von ihrem Job eingenommen und war zu beschäftigt. Zu dieser Zeit fühlte ich mich oft einsam, aber kurze Zeit später fing Hilde an bei uns zu arbeiten und ich schloss sie schnell ins Herz, weil sie die ruhige Ausstrahlung einer Großmutter für mich hatte. Jetzt aber genug in Erinnerungen geschwelgt! Ich öffnete den Kleiderschrank, wo nur ein Minimum meiner alten Klamotten Platz fand und suchte mir eine bequeme Jeans und ein rotweiß gestreiftes T-Shirt. Nachdem ich mir einen Pferdeschwanz gemacht hatte, verließ ich mein Zimmer.

    Ich traf meine Mutter in der Küche an. Sie saß entspannt am Tisch und trank einen Kaffee, während sie in einer Zeitung blätterte. „Guten Morgen.“, begrüßte ich sie. Sie schaute auf und lächelte. „Lynn, schön, dass du wach bist. Setz dich doch. Willst du auch einen Kaffee?“ „Ist auch Saft da?“, fragte ich zurück. „Im Kühlschrank steht Orangensaft, glaube ich.“ Ich ging zum Kühlschrank, nahm die Flasche heraus und suchte nach einem Glas. „Dort oben rechts.“, kam der Hinweis meiner Mutter. Ich goss mir was ein und setzte mich zu ihr. „Hast du gut geschlafen?“ Ich nickte. Sie legte ihre Zeitung zusammen und schaute mich nun direkt an. „Das kommt vielleicht ein wenig plötzlich, aber heute Nachmittag kommen Jogdae’s Bruder mit Frau und Sohn zu Besuch. Sie wohnen nicht weit weg und wollen uns willkommen heißen.“ Ich nickte wieder. Was sollte ich auch groß sagen? Ich konnte ja schlecht sagen, ich hätte keine Lust. Stattdessen fragte ich einfach: „Wo sind eigentlich Jongdae und Byung-Hwan?“ „Was glaubst du denn? Es ist Donnerstag, also ist Jongdae arbeiten und Byung-Hwan in der Schule.“ Ach ja daran hatte ich gar nicht gedacht! Apropos… „Ab wann soll ich denn wieder zur Schule gehen und auf welche Schule überhaupt?“ „Du hast ab Montag Unterricht und wirst auf die gleiche Schule wie dein Bruder gehen.“ Ich verschluckte mich doch glatt. Mein Bruder? Dafür war es definitiv noch zu früh. Außerdem, solange meine Mutter diesen Jongdae nicht heiratete, war von Bruder eh nicht die Rede! „Ach Lynn. Bevor heute Nachmittag die Gäste kommen, möchte ich, dass du mir noch beim Einkaufen und Tischdecken hilfst.“ Wieder ein Nicken meinerseits. Kaum hatte der Tag begonnen, fühlte ich mich schon wieder fehl am Platz.

    12
    Nachdem das Geschirr abgewaschen war und nun wieder sauber im Schrank stand, holte ich noch schnell meinen Rucksack, bevor meine Mutter und ich uns auf den Weg zu einem naheliegenden Markt machten. „Weißt du, wie wir dort hinkommen?“, fragte ich. „Ja. Ich war schon ein paar Mal auf diesem Markt. Nur zwei Stationen mit der U-Bahn und wir sind da.“ Mir fiel wieder ein, dass meine Mutter ja einige Dienstreisen hier verbracht hatte. Mit ihrer Führung erreichten wir nach nur wenigen Minuten Fußmarsch die U-Bahn-Station. Da es mitten in der Woche war, fuhren nur wenige Menschen mit uns in der Bahn. Dennoch blieben wir stehen, da man unsere Fahrtdauer an einer Hand abzählen konnte. Als wir die Station verließen, sah man auch schon die ersten Street Food Stände. Nach wenigen Metern eröffnete sich vor uns ein riesiger Platz mit unzähligen Angeboten von Gemüse über Fisch und Fleisch bis hin zu Pudding und Keksen. Wow, ich bekam bei diesem Anblick schon wieder Hunger. „Was genau brauchen wir?“ Meine Mutter überlegte kurz. „Mmh. Ich brauche ein paar Zutaten für Deonjang Jjigae, Japchae und Samgyeopsal, außerdem noch verschiedene Sorten Kimchi. Äh, mal abgesehen von Kimchi, kannte ich mich, was die koreanische Esskultur betraf nicht allzu gut aus. Das Einzige, was ich über diese Gerichte wusste, war, dass sie sich echt lecker anhörten. Demnach trottete ich einfach meiner Mutter hinterher. Nach und nach füllte sich der Markt mit Menschen und ich musste aufpassen, meine Mutter nicht aus den Augen zu verlieren. Wir zwängten uns gerade an einem Stand vorbei, der Tteokbokki anbot, eins der wenigen Gerichte, die ich kannte. Tteokbokki waren kleine, scharfe Reiskuchen mit Gemüse. Ich wollte diese Art Street Food schon immer mal probieren. Ich drehte mich um und wollte meine Mutter fragen, ob ich mir hier schnell was holen könne, doch sie war weit und breit nicht mehr zu sehen.

    Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und wählte ihre Nummer. Es tutete mehrmals, bevor sie endlich abnahm. „Lynn, wo bist du?“ Ähm… „An einem Tteokbokki-Stand?“ Meine Mutter schien kurz zu überlegen und erwiderte dann: „Meinst du, du kommst für ein paar Stunden allein klar? Dann erledige ich die restlichen Einkäufe und wir treffen uns in zwei Stunden vor der Metro-Station wieder.“ „Natürlich komme ich für die paar Stunden allein klar! Bin ja kein kleines Kind mehr. Also können wir es gern so machen. Dann bis später.“ Ich legte auf. Ich grinste innerlich und drehte mich um. „Eine Portion bitte.“, sagte ich zum Tteokbokki-Verkäufer. Während ich meine Reiskuchen mümmelte, verließ ich den vollen Marktplatz und folgte einer kleinen und vor allem leereren Nebenstraße. In kürzester Zeit hatte ich alles verdrückt und konzentrierte mich nun auf die Läden. Oh, den Pappaufsteller kannte ich doch! Da war ja wieder Suga! Aber erst jetzt viel mir der Laden auf, zudem der Aufsteller gehörte. Ich fühlte mich wie der glücklichste Mensch in Südkorea. Vor mir befand sich ein großer K-POP Shop, der sogar zwei Etagen einnahm! In Lichtgeschwindigkeit hatte ich den Laden auch schon betreten. Vor mir lag das Paradies! Riesige Poster hingen an den Wänden, Regale reihten sich aneinander und Drehständer strotzten nur so von BTS, EXO, GOT7, MonstaX, Seventeen, BlockB und viiieeelen mehr. Die zweite Etage versprach sogar Hoodies, T-Shirts, Bettwäsche und Rucksäcke. Zum Glück hatte ich meine Kreditkarte dabei…

    Nach einer gefühlten Ewigkeit befanden sich mindestens fünf Poster von BTS (3x), Wanna One und B.A.P, zwei Alben von B1A4, haufenweise Sticker von sämtlichen Gruppen, ein Jin Hoody in Rosa, eine Bangtan Tasse und eine kleine Stehfigur von Wanna One’s Park Jihoon in meinem Einkaufskorb. Ich musste beim Anblick der kleinen Figur an mein Treffen mit Jihoon zurückdenken und wie viel Glück man doch im Leben haben kann. Auf dem Weg zur Kasse fiel mir ein Ring ins Auge: BTS 2013.6.13. Das hatte ich ja komplett vergessen! Nachdem Radiergummi-Girl meinen Ring vom Balkon meiner alten Schule gekickt hatte und ich zum Direktor musste und sich die Ereignisse nur so überschlugen, hatte ich vergessen nach dem Ring zu suchen. Also fügte ich ihn schnell meiner beträchtlichen Sammlung hinzu und bezahlte an der Kasse. Ich bekam das Grinsen nicht aus meinem Gesicht gewischt, so zufrieden war ich. Nachdem ich alles in meinen armen Rucksack gequetscht hatte, schaute ich auf die Uhr. Mist! Ich musste mich ranhalten. Schnell lief ich die Straße zurück, die ich gekommen war, um zur U-Bahn-Station zu gelangen, wo meine Mutter bestimmt schon wartete.




    13
    Völlig außer Puste erreichte ich mit zehn Minuten Verspätung den geplanten Treffpunkt. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, du würdest den Weg wieder nicht finden.“ Meine Mutter hielt in jeder Hand einen großen Beutel, der jeweils bis oben gefüllt war. „Ne ne, alles gut. Entschuldige die Verspätung. Ich helfe dir beim Tragen.“ Ich nahm ihr einen der Beutel ab und wir begaben uns langsam Richtung Bahngleis. Nach kurzem Warten fuhr auch schon die Bahn ein. Diesmal setzten wir uns und platzierten unsere Beutel zwischen den Beinen. „Und, wie hast du die zwei Stunden Freizeit verbracht?“, fragte mich meine Mutter. Ups. Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich wusste nicht wirklich, wie ich antworten sollte. Wir hatten lange nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht wie heute. Daher hatte ich auch nie das Bedürfnis oder die Gelegenheit über meine Interessen zu sprechen. Es war keiner da, der fragte: Wie war dein Tag? oder Von wem ist das Lied, was du immer hörst?. Ich hatte keine Freunde, die mich hätten fragen können und meine Eltern arbeiteten immer bis spät. Aber jetzt meiner Mutter zu erklären, was denn K-POP ist und wer zum Kuckuck BTS ist, wollte ich beim besten Willen nicht. „Ich habe mir auf dem Markt Tteokbokki geholt und bin dann ein paar Straßen langgeschlendert.“, fasste ich es kurz zusammen. „Und du? Hast du alles auf dem Markt gekriegt?“, fragte ich zurück. „Ich habe tatsächlich so gut wie alles gefunden und werde Zuhause dann gleich mit dem Kochen beginnen, sodass alles rechtzeitig fertig ist.“ Da fiel mir ein… „Mama, ich wusste gar nicht, dass du so gut kochen kannst.“ Sie lächelte leicht. „Ich hatte öfters gekocht als du noch kleiner warst, aber irgendwann blieb es wegen der ganzen Arbeit auf der Strecke. Dabei mochte ich es am liebsten, wenn du mein Essen gegessen hast und gesagt hast, es schmeckt dir.“ So etwas hatte sie mir nie erzählt. Vielleicht war es doch nicht soo schlecht, hierher gezogen zu sein. Den Rest des Heimwegs versuchte meine Mutter mir die Zubereitung von Deonjang Jjigae, Japchae und Samgyeopsal zu erklären und wie sie so unbeschwert redete, sah sie ziemlich glücklich aus.

    Wieder am neuen Zuhause angekommen, verschwand meine Mutter sofort in die Küche. Zuvor hatte sie mir noch gesagt, wo ich eine Tischdecke, Teller und Gläser finde und mich angewiesen, den Tisch zu decken. Ich betrat das Wohnzimmer, welches zwar geräumig, aber zudem auch gemütlich wirkte. In der Mitte stand ein Raumteiler, der als Regal fungierte. Auf einer Seite befand sich ein großer Fernseher, welcher sich einem großen Sofa gegenüber darbot. Auf dem Fensterbrett lagen ein paar CDs und DVDs und ein flauschiger Läufer schmückte den Boden. Auf der anderen Seite fiel Licht durch ein großes Fenster auf den runden Tisch. Darum standen sechs Stühle. Ich ging auf einen hölzernen Schrank zu und öffnete ihn. Ich nahm eine Tischdecke heraus, die mir gefiel und breitete sie auf dem Tisch aus. Dann stellte ich noch Geschirr hin, welches sich ebenfalls im Schrank befunden hatte. Ich betrachtete den Raum erneut. Mir gefiel das Haus. Es war nicht zu riesig und strahlte irgendwie sowas wie Idylle aus, welche sich in jedem Raum wiederfand. „Na, meinst du, du wirst dich hier irgendwann wohlfühlen?“ Ich zuckte vor Schreck zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich jemand beobachtet hatte. Ich drehte mich um und blickte direkt in Jongdaes warme Augen, der mich leicht anlächelte. „Ich bin mir sicher, dass kam alles zu plötzlich und es wird einige Zeit brauchen bis sich die Situation normalisiert. Ich verstehe auch, dass du mir gegenüber noch skeptisch bist, deshalb werde ich mich bemühen dein Vertrauen zu gewinnen. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich deine Mutter aufrichtig liebe und sie gut behandeln werde.“ Jetzt wurde er leicht rot im Gesicht. Er räusperte sich. „Also dann…ich geh mal gucken, ob deine Mutter Hilfe braucht in der Küche.“ Damit verließ er den Raum und ich war wieder allein.

    Haaaaach…wie sollte ich ihn nicht akzeptieren, wenn er so offen deklarierte, dass er meine Mutter aufrichtig liebt? Noch dazu scheint er ein sehr ehrlicher Mensch zu sein und ich mochte diese Eigenschaft. Vielleicht hatte sich mein Bild von ihm etwas geändert, aber mein Vertrauen hatte er trotzdem noch nicht gewonnen. Tse, erst Byung-Hwan, der mir Essen mitbringt und jetzt das! Also entweder waren es echt nette Menschen oder sie wollen mich täuschen und auf die dunkle Seite ziehen…

    14
    Hi ihr alle!

    Ich wollte mich für die vielen Aufrufe bedanken und für die vielen positiven Kommi’s. Ich hoffe, ihr genießt das Lesen und habt Spaß dabei…dann hab ich erreicht, was ich schaffen wollte ;D

    Dennoch habe ich schlechte Neuigkeiten. Naja nur halb-schlecht, denn dieses ist vorerst das letzte Kapitel, weil ich in den nächsten Tagen nicht viel Zeit zum Schreiben finden werde. Wenn ich das Ende dieses Kapitels betrachte, habe ich mir wirklich die beschissenste Stelle ausgesucht, um eine Pause einzulegen. Seit also bitte stark und geduldet euch bis Samstag.

    Und jetzt…hier das neue Kapitel


    Da ich meine Aufgabe, den Tisch zu decken, erfüllt hatte, überlegte ich, wie ich mir jetzt die Zeit vertreiben konnte. Mir fiel der Garten ein, den ich heute Morgen von meinem Zimmer aus gesehen hatte. Ich entschied mich also, ihn ein bisschen näher zu erkunden. Ich dächte, eine Hintertür am Ende des Flurs gesehen zu haben, die möglicherweise in den Garten führt. Schnell holte ich meine Schuhe. Ich ging den Flur entlang und achtete darauf, einen großen Bogen um die Küche zu machen, bevor ich noch einmal in den Genuss käme, meine Mutter und Jongdae kuscheln zu sehen. Ich gelangte an eine Tür, welche eine Terrasse auf der Außenseite verbarg. Ich trat ins Freie und war sofort überwältigt von der Schönheit, die sich mir bot. Es wirkte, als wäre der Garten in Teilbereiche aufgeteilt wurden, durch große Busche und Hecken, die Abgrenzung boten. Doch egal um welche Ecke man trat, es erwartete einen immer ein Meer voller Blumen und Blüten. Teilweise nach Farbe und Länge sortiert oder einfach Kunterbunt und in alle Himmelsrichtungen sprossen sie aus der Erde. Versteckt zwischen hohen Büschen stand eine Bank, die wohl schon einige Winter hinter sich hatte. Ich setzte mich, lehnte mich mit dem Rücken an und zog meine Beine an. Ich schloss kurz die Augen und spürte die Sonne auf meinem Gesicht.

    Im nächsten Moment legte sich ein Schatten darüber. Ich blinzelte und bemerkte, dass sich jemand vor mich gestellt hatte. „Na sieh mal einer an, wen wir hier haben.“ Byung-Hwan stand mit verschränkten Armen vor mir. Ich sah ihn an. „Wie wars in der Schule?“ Er seufzte. „Schule halt. Wie läufts mit den Vorbereitungen für die Gäste?“ Er ließ sich neben mir auf der Bank nieder. Wir schauten beide geradeaus. „Der Tisch ist gedeckt und Mama hat die Küche in Beschlag genommen und Jongdae wollte ihr helfen.“ „Und wieso sitzt du hier draußen rum?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich wollte mir den Garten angucken und da so schönes Frühlingswetter ist, wollte ich die Sonne genießen. Der Garten ist echt wunderschön. Wer kümmert sich um ihn?“, fragte ich neugierig. „Falls du dich damit fragst, wer diese ganzen Dinger in den Boden gepfropft hat, dann sitzt die Person genau neben dir.“ Ich drehte meinen Kopf und schaute ihn erstaunt an. „Ist nicht wahr!“ Das verblüffte mich. Ich dachte, sie hätten einen Gärtner beauftragt. Nie hätte ich mir Byung vorstellen können, der rosa Blümchen in die Erde setzt. Ich musste bei der Vorstellung leicht kichern. „Jaja, lach mich bloß aus.“ Hatte ich ihn gekränkt? „Ich lache dich gar nicht aus. Ich mag diesen Garten.“ Da fiel mir was ein! „Danke für das Essen gestern…“ Er stand auf. „Versteh mich bloß nicht falsch. Das war kein Friedensangebot oder so…Ich wollte nur nicht in der Nacht von deinem Bauchgrummeln geweckt werden.“ Pff, wer‘s glaubt. „Ach ja, ich sollte dir von deiner Mutter ausrichten, dass die Gäste bald da sind und du dich umziehen sollst.“ Mit diesen Worten begab er sich Richtung Haus. Ich seufzte, folgte dann aber.

    In meinem Zimmer, holte ich einen lachsfarbenen Rock aus dem Schrank und kombinierte ihn mit einer weißen Bluse, die ich in den Rock steckte. Im nächsten Moment drang das schrille Geräusch einer Klingel durchs Haus. Spätestens jetzt fingen meine Nerven an zu flattern. Immerhin war es Jongdaes Bruder mit Familie oder besser gesagt, ich würde heute meinen zukünftigen Onkel und meine Tante kennenlernen! Natürlich fühlte sich hier noch nichts nach Familie an, aber trotzdem war es mir irgendwie wichtig, dass sie mich mochten. Langsam verließ ich mein Zimmer und ging die Treppe runter. Ich kam nicht mal bis zum Wohnzimmer, als mich schon eine Frau an sich drückte. „Uh, du bist ja knuffig! Ich habe mich schon gefragt, wie wohl ein deutsches Mädchen aussieht und du siehst ja wirklich bezaubernd aus!“ Komplett überrumpelt, wusste ich absolut nicht, was hier gerade vor sich ging. Die Frau löste die Umarmung, hatte ihre Arme aber immer noch auf meinen Schultern liegen. Erst jetzt konnte ich ihr Gesicht sehen. Durch ihre weichen Züge wirkte sie jung, zudem hatte sie volle Lippen und große braune Augen, die mich vergnügt anstrahlten. Ihre Haare waren zwar einfach nur hochgesteckt, aber sorgten trotzdem dafür, dass sie elegant aussah. Kurz gesagt: Sie war bildhübsch. Nun legte ein Mann seine Hände auf ihre Schultern. „Ich glaube, du hast sie gerade ziemlich überrumpelt.“ Jetzt schlug die Frau ihre Hände vor den Mund. „Oh, tut mir leid. Ich bin Seo Yong. Hach ist das toll, ein Mädchen in der Familie zu haben! Als deine Tante bin ich stets bereit, mit dir shoppen zu gehen oder wir können zusammen koreanische Dramen gucken, so richtig romantische. Was hältst du davon?“ Ihre Augen funkelten wie die eines kleinen Kindes. Irgendwie erinnerte sie mich an V, was sie natürlich nicht unsympathisch machte. Im Gegenteil, meine Nervosität schien komplett verflogen und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. „Freut mich dich kennenzulernen. Ich heiße Lynn.“ Im Normalfall hätte ich sie gesiezt, aber es erschien mir für nicht angebracht, also blieb ich beim Du, was ich auch angenehmer fand. „Mich freut es natürlich auch dich kennenlernen zu dürfen. Mein Name ist Donghae und ich bin Jongdaes Bruder. Willkommen in der Familie.“, meldete sich nun der Mann hinter Seo Yong. Jetzt konnte ich ein Lachen endgültig nicht mehr unterdrücken. Jongdae und Donghae? Was für eine kreative Namensgebung. Donghae grinste mich ebenfalls an. „Ja, ich weiß, ich habe definitiv den schöneren Namen!“ Jetzt kam auch noch Jongdae aus der Küche. „Das sehe ich aber anders!“ Es begann eine große Diskussion, wer denn nun den besseren Namen hatte. Seo Yong beugte sich zu mir. „Wie wär‘s, wenn du schonmal ins Wohnzimmer gehst, da sind Byung-Hwan und unser Sohn. Wir kommen nach, sobald sich die Streithähne wieder eingekriegt haben.“, flüsterte sie mir ins Ohr und gab mir ein Zwinkern. Ich erwiderte ihr Lächeln und nickte. Ich ging Richtung Wohnzimmer und überlegte, warum ich mir so viele Sorgen gemacht hatte. So ungern ich es auch zugeben wollte, schien diese Familie wirklich nur aus netten Menschen zu bestehen. Die Tür zum Wohnzimmer stand offen und ich hörte das Gelächter zweier Jungs. Das eine war definitiv Byung-Hwan und das andere musste der Sohn von Seo Yong und Donghae sein. Jetzt wurde ich doch wieder ein wenig nervös. Ich holte Luft und betrat das Zimmer. Mein Blick schweifte durch den Raum und nur langsam begann mein Gehirn zu realisieren. Bevor die beiden mich sehen konnten, war ich auch schon wieder aus dem Raum, um die nächste Ecke geflüchtet und presste mich mit dem Rücken an die Wand. Mein Puls raste. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich den Atem anhielt und holte schnell Luft. Was zum…! W-w-warum? W-warum stand da Kim Taehyung im Wohnzimmer!










    15
    Meine Gedanken überschlugen sich. Kim Taehyung war der Sohn von Donghae und Seo Yong? Und wenn die beiden sozusagen Tante und Onkel für mich wären, dann hieße das ja, dass Taehyung mein Cousin war! Ach du meine Güte! Was sollte ich denn jetzt machen? Einfach da reingehen und so tuen, als wüsste ich nicht, wer vor mir steht? Ich meine, ich konnte ihn ja schlecht nach einem Autogramm fragen oder mit ihm Fotos machen, um sie Mona zu zeigen, das wäre ja mega unangebracht, immerhin war das hier ja ein Familientreffen. Familie…Kim Taehyung gehörte zu meiner neuen Familie! „Lynn, was stehst du denn hier vor der Tür rum?“ Als wäre ich gerade erst aufgewacht, blickte ich meine Mutter an. Sie hielt eine große Schale mit dampfenden Essen in ihren Händen und hinter ihr kamen auch schon die anderen, ebenfalls voll beladen. „Hast du Taehyung schon begrüßt? Na komm, er ist ein wirklich lieber Junge.“ Als ob ich das nicht wüsste! Einmal ARMY immer ARMY, aber…irgendwie war die Beziehung von Fangirl und Idol zu Cousin und Cousine vorangeschritten! Immer noch ratlos wie ich mich verhalten sollte, betrat ich das Wohnzimmer erneut.

    Taehyung und Byung-Hwan schauten mich an. „Ist sie das?“, fragte Taehyung. „Jap. Darf ich vorstellen, meine neue kleine Schwester, die meine Befehle zu befolgen hat.“ Byung-Hwan grinste mich schelmisch an. Meine komplette Anspannung verflog bei seinen Worten. Das hätte er wohl gern! „Pah also wenn dann bin ich die neue kleine Schwester, der er jeden Wunsch zu erfüllen hat als liebevoller großer Bruder.“ Wir starrten uns beide an, ohne dass jemand blinzelte. „Uuh, welch Harmonie.“ Ups, hatte ich etwa gerade vergessen, dass ich mit Taehyung in einem Raum stand? Schnell brich ich den Blickkontakt ab und schaute zu Taehyung, der mich nach seinem Kommentar nur angrinste. Sag was, sag was, sag doch irgendwas und hör auf ihn anzustarren! „Und wer bist du?“ …! Waren die Worte gerade aus MEINEM Mund gekommen? Toll, ich hatte echt das Logischste gefragt, was ich hätte fragen können. Naja, immerhin konnte ich jetzt nicht mehr als Fangirl abgestempelt werden. „Ich bin Kim Taehyung beziehungsweise der Junge, der dir die Wünsche erfüllt falls Byung darin versagt.“ Er grinste. Kann mich mal wer kneifen! Okay, jetzt konnte ich getrost sterben. „Haha, ich werde dich daran erinnern. Mein Name ist übrigens Lynn.“ Puh, ich hatte es geschafft, einen logischen Satz rauszukriegen. „Freut mich dich kennenzulernen Lynn. Weißt du, Byung hatte die ganzen letzten Tage rumgeflucht, er hätte keinen Bock auf irgendein daher gelaufenes Mädchen aus Deutschland, aber nachdem du gestern ankamst und wir abends essen waren, sagte er auf einmal, vielleicht ist sie doch ganz okay. Und als er dann auch noch Essen für dich zum Mitnehmen bestellt hat, war ich so baff, dass ich unbedingt wissen wollte, wer denn das Mädchen ist, welches Byungs Herz hat schmelzen lassen.“ Byung verdrehte die Augen. „Pff, ich hab nie gesagt, dass ich sie akzeptiere oder gar mag. Tae, du übertreibst schon wieder maßlos.“ „Tu ich gar nicht! Und außerdem find ich sie auch toll. Endlich mal eine, die dir die Meinung geigt.“ Taehyung zwinkerte mir zu. Ich hätte vor Freude fast laut angefangen zu quietschen, riss mich aber im letzten Moment noch zusammen. „Ihr scheint euch super zu verstehen. Verbringt ihr viel Zeit zusammen?“, fragte ich neugierig. Die beiden sahen sich verwundert an. „Naja, wir sind früher auf dieselbe Schule gegangen, aber da Tae vier Jahre älter ist als ich, hat er natürlich schon seinen Abschluss gemacht.“ „Du hast das wichtigste ausgelassen! Trotz dessen ich älter bin, war er immer der Schwarm aller Mädchen! Ständig wollten irgendwelche Mädchen von mir wissen, ob er eine Freundin hat oder ob ich seine Nummer habe.“, grinste Taehyung. „Das musst du gerade sagen! Seitdem du deinen Abschluss hast und als Idol bekannt geworden bist, bin ich derjenige, der irgendwelche Fangeschenke annehmen und dir bringen muss!“ Taehyungs Grinsen wurde noch breiter. „Tja so ändern sich die Zeiten. Hey, Lynn. Hast du eigentlich schon mal was von Bangtan Sonyeondan gehört?“

    16
    Ob ich schonmal was von einer der genialsten K-POP Gruppen gehört hatte, die sieben Mitglieder umfasst, Kim Namjoon, Kim Seokjin, Min Yoongi, Jung Hoseok, Park Jimin, Kim Taehyung und Jeong Jungkook und kurz BTS genannt wurde? „Nein habe ich nicht, tut mir leid.“ Ich hätte mich am liebsten selbst geohrfeigt! Warum gab ich es nicht einfach zu. Es war mir ja nicht peinlich. Ich meine, es ist das genialste der Welt ARMY zu sein und sich zwischen seiner Fangemeinschaft und Biases wohlzufühlen, aber ich hatte Angst. Angst davor, dass ich dann nur als Fan und nicht als Familienteil angesehen werden würde. Na toll, die ganze Zeit versuchte ich mich selbst davon zu überzeugen, dass ich Jongdae und Byung nicht gutheiße und jetzt wollte ich Teil dieser Familie sein? Was war nur los mit mir? „Naja das ist wahrscheinlich kein Wunder, da wir ja noch nie in Europa aufgetreten sind. Aber da du jetzt hier bist, musst du demnächst unbedingt mal die anderen kennenlernen. Wie sieht’s aus, hättest du Lust drauf?“ Ich würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt kriegen, wenn alle Sieben vor mir ständen! „Ja klar, warum nicht.“ „Toll, dann frag ich nachher mal die anderen, was sie am Wochenende so vorhaben.“ Ein Räuspern war zu hören. „Ich finde es ja super, dass ihr euch so gut versteht, aber das Essen wird so langsam kalt…“, gab Jongdae zu bedenken.

    Im nächsten Moment saßen auch schon alle am Tisch und füllten ihre Mägen. Naja ich versuchte es zumindest, denn der Platzverteilung nach, saß Taehyung nun genau vor mir. Andauernd glitt mein Blick zu ihm und ich wurde jedes Mal ein bisschen nervöser, wenn unsere Blicke sich trafen und er mich angrinste. Irgendwann versuchte ich mich, auf mein Essen zu konzentrieren, was wirklich lecker schmeckte. Meine Mutter war echt eine tolle Köchin. „Lynn, sag mal, hast du eigentlich einen Freund in Deutschland?“, fragte Seo Yong wie aus dem Nichts. Fast hätte ich Taehyung mein Essen entgegen gespuckt. Als wäre die Frage nicht schon peinlich genug, starrten mich nun alle an. Selbst meine Mutter schien an einer Antwort interessiert. Ich schluckte hart mein Essen runter und zwang mich zu lächeln. „Nein, habe ich nicht.“ Byung schien sich einen abfälligen Kommentar zu verkneifen, Taehyung grinste nur noch breiter und meine Mutter sah gewissermaßen beruhigt aus. „Na sowas, so ein hübsches Mädchen und kein Freund? Deutsche Jungs haben wohl gar keinen Geschmack. Warte bloß ab, bis du auf deine neue Schule gehst, die Jungs stehen bestimmt Schlange. Byung, Taehyung, ihr solltet auf eure kleine Schwester gut aufpassen, nicht dass sie von irgendeinem komischen Typen gestalkt wird!“ Themenwechsel, bitte kann einer das Thema wechseln! Ich schaffte es nicht mal mehr, vom Teller hochzuschauen, so peinlich war mir dieses Gespräch. „Ai ai Mama wird gemacht. Mit mir als Beschützer wird sich niemand so leicht an ihr vergreifen.“, kicherte Taehyung. Seo Yong setzte schon zur Fortsetzung an, wurde aber von Byung unterbrochen. „Wie war eigentlich eure Kurzreise nach Daejeon?“ Kurz über den Themenwechsel verwirrt, stockte Seo Young, schien dann aber Gefallen am neuen Gesprächsthema zu finden und plapperte fröhlich drauf los. Ich atmete auf und schaute zu Byung, der mir mit einem Zwinkern zu verstehen gab, dass ich aus der Gefahrenzone war. Ich lächelte dankend zurück.

    Die nächsten Stunden übernahm Seo Yong zu siebzig Prozent das Reden, kam aber zum Glück nicht auf das Thema Freund zurück. Nach dem Abendessen übernahmen Byung und ich den Abwasch in der Küche. „Du schuldest mir was für vorhin.“, sagte er nach einigen Minuten Stille. So ungern ich es auch zugab, hatte er recht. „Und hast du da schon genaue Vorstellungen?“ Er überlegte kurz. „Blamier mich nur nicht in der Schule.“ Ich warf ihm einen bösen Blick zu. Im nächsten Moment schwang die Tür auf. „Hey ihr zwei. Meine Eltern meinten, wir müssen langsam los.“ Taehyungs Blick blieb an mir hängen. „Ach ja wegen des Treffens am Wochenende…kann ich deine Nummer haben, damit ich dir Bescheid geben kann?“ Mein Herz machte einen Hüpfer. „Ja klar, kein Problem.“ Ich sagte ihm meine Nummer an und er speicherte sie in seinem Handy. „Ich schreibe dir dann, wenn ich mit den anderen gesprochen habe.“ Er winkte noch kurz und verließ dann die Küche. Mona würde mir DAS nie glauben! Ich musste ihr unbedingt schnellstmöglich davon erzählen. Sie würde durchdrehen! Im nächsten Moment gab mir Byung einen Klapps mit dem Geschirrhandtuch. „Die Arbeit macht sich nicht von alleine!“ Ich seufzte. Okay, erst die Arbeit, dann das Vergnügen.



    17
    Biep…biep…biep… „Und? Wie viele heiße Typen hast du schon angebaggert?“ Jap, mit so einer Frage hätte ich bei ihr rechnen müssen. „Freut mich auch deine Stimme zu hören, Mona.“, kicherte ich zurück. „Mensch, weißt du, wie langweilig es hier ohne dich ist. Ich vermisse dich voll! Du hättest dich ruhig mal früher melden können.“ Ich spürte ein Stechen in der Brust. „Tut mir leid. Ich vermisse dich auch.“ Kurz trat Stille ein. „Und wie ist der neue Lover deiner Mutter so?“, platzte sie heraus. Ich überlegte. „Naja, also so ungern ich es auch sage, befürchte ich, dass er nett ist und sein Sohn ist die Art von großer Bruder, der zwar seine Schwester nervt und aufzieht, aber eigentlich sehr rücksichtsvoll ist.“ „Ähm…Lynn…hast du ihn gerade als großen Bruder bezeichnet?“ Mist! Das hatte ich wirklich, nicht wahr? „Ups?“ Mona kicherte. „Sag mal, kann es sein, dass du dein Schicksal schon akzeptiert hast und du eigentlich glücklich bist, jetzt eine richtige Familie zu haben?“ Eine richtige Familie, war ihre Formulierung. Es stimmt, dass ich nie in den Genuss einer liebevollen Familie gekommen war. Nie hatten wir als Familie was unternommen, nie hatten wir darüber geredet, was jeder am Tag so gemacht hat und nicht einmal essen war am gleichen Tisch möglich gewesen. Vielleicht hatte ich mich tatsächlich danach gesehnt, Teil einer richtigen Familie zu sein. „Hey…Mona…ich glaube, ich will Teil dieser Familie sein.“ Warum kamen mir denn jetzt die Tränen, verdammte Kacke. Ich hasste es, wenn meine Stimme so weinerlich wurde! „Ach Süße, das ist doch okay. Ich bin mir sicher, sie haben dich auch schon ins Herz geschlossen. Ich würde dich jetzt wahnsinnig gerne knuddeln, aber da ich das nicht kann, muss ich Worte nutzen. Also Kopf hoch, sonst fällt das Krönchen runter!“ Ich wünschte, Mona wäre hier bei mir…

    Erst jetzt fiel mir wieder ein, warum ich sie UNBEDINGT anrufen wollte. „Mona! Du glaubst mir nie, wem ich heute meine Handynummer geben durfte!“ Sie überlegte. „Mmh, ich hoffe doch einem süßen Typen?“ Und ob der süß war! „Kim Taehyung!“, platzte es aus mir heraus. „…Lynn, also ich weiß ja, dass Südkorea Neuland für dich ist, aber ich muss dir sagen, nicht jeder gutaussehende Koreaner ist Mitglied von BTS.“ „Nein, ich meine das tot ernst! Heute kam Jongdaes Bruder mit seiner Frau zu Besuch und die beiden haben einen Sohn und auf einmal stand Kim Taehyung vor mir! Ich war selbst baff, aber das ist kein Traum…Kim Taehyung ist mein Cousin!“ Stille am anderen Ende der Leitung. „Mona?“ Immer noch nichts. Ich schaute auf mein Handy, aber die Verbindung schien nicht unterbrochen. „Mona?“ „Ich bin grad beschäftigt.“ Äh was? „Ich gucke gerade, wann der nächste Last-Minute-Flug nach Südkorea geht…oder meinst du ich bleibe hier bei den ganzen langweiligen Typen, während du mit BTS einen auf happy Family machst!“ Ich musste lachen. „Ach so, hatte ich erwähnt, dass ich Wanna One‘s Park Jihoon getroffen habe?“, zog ich sie auf. „Und du lässt dich von mir trösten? Also so wie ich das sehe, bin ich diejenige, die arm dran ist, während sich meine beste Freundin in Südkorea vergnügt! Warte nur ab, bis ich genug Geld zusammen habe, um in Südkorea Urlaub zu machen. Dann schnapp ich mir die ganzen heißen Typen!“ Das traute ich ihr sogar zu. „Dann beeil dich mal ein bisschen! Ich will nämlich mit meiner Freundin zu einem BTS-Konzert und zu einem Fan-Meeting gehen!“ „Darauf kannst du dich verlassen! Aber jetzt ruft erstmal die Arbeit…ich muss los, sonst komme ich zu spät.“ „Geb dir Mühe, du weißt ja wie teuer so ein Flug nach Südkorea ist.“, ärgerte ich sie, „Pass auf dich auf.“ „Du auch und meld dich mal wieder!“, sagte sie. „Mach ich, versprochen.“, antwortete ich.

    Es war mittlerweile spät, also zog ich meinen Schlafanzug an und legte mich ins Bett. Kurz davor ins Traumland abzudriften, vibrierte mein Handy neben mir auf dem Nachttisch. Verschlafen guckte ich, wer mir so spät noch schrieb. „Hey Lynn! Die anderen haben am Wochenende Zeit und wollen dich kennenlernen. Ich melde mich noch einmal wegen des Wann und Wo's. Schlaf gut, Taehyung.“ So hippelig, wie ich gerade war, sollte es dauern bis ich wieder einschlafen würde…

    18
    Da ich noch lange wachgelegen und die Decke angegrinst hatte, wachte ich erst gegen Mittag auf. Ich zog mich an und watschelte verschlafen die Treppe runter. Auf dem Küchentisch lag ein kleiner Zettel: „Musste kurzfristig zur Firma und weiß noch nicht, wann ich wiederkomme. Du brauchst noch eine Schuluniform. In der Stadt ist ein vielfältiger Laden, wo man sämtliche Schuluniformen kaufen kann. Ich habe dir per SMS die Adresse geschickt und im Anhang ist ein Bild der Uniform. Schau doch bitte dort vorbei. Liebe Grüße, Mama.“ Ach richtig, am Montag würde ich das erste Mal eine normale Schule betreten. Der Gedanke machte mich glücklich und nervös zugleich. Auf meiner alten Schule hatte ich nie gute Freunde gefunden, was auch daran lag, dass ich gegenüber fremden Menschen sehr schüchtern und vorsichtig war, auch wenn mir sowas nicht ähnlich sah. Aber okay, zurück zur Sache! Ich, in dieser großen Stadt, alleine, mit Google Maps! Warum hielt ich das für absolut keine gute Idee? Wahrscheinlich würde es Tage dauern, bis ich den Laden gefunden hatte. Bevor ich mich dieser großen Herausforderung stellen würde, wollte ich erstmal was essen. Im Kühlschrank fand ich noch ein paar Reste vom gestrigen Abend. Also machte ich es in einem Topf auf dem Herd warm und setzte mich an den Tisch. Während ich genüsslich vor mich hin kaute, gab ich die Ladenadresse in mein Handy ein. Wenn ich die U-Bahn nähme, bräuchte ich um die dreißig Minuten. Wenn ich jetzt noch meine Orientierungsfähigkeiten miteinberechnete, lag ich bei circa zwei Stunden…na dann mal los!

    Ich hätte definitiv besser im Bett bleiben sollen! Nicht nur, dass ich schon eine halbe Stunde brauchte, um die U-Bahn-Station wiederzufinden, ich stieg auch noch in die falsche Bahn ein und wusste nun nicht mehr, wo ich eigentlich war. Ich holte mein Handy aus der Tasche, um festzustellen, dass mein Akku den Geist aufgegeben hatte. Na toll und was nun? Ich schaute mich um, wo war der Fahrplan noch gleich gewesen? Ich ging um die nächste Ecke und rannte mit einem Mann zusammen. Ich verlor das Gleichgewicht und fand mich kurzerhand am Boden wieder. Der Mann setzte, ohne mich weiter zu beachten, seinen Weg fort. Was für ein Ar…! Ich wollte mich gerade wieder hochhieven, da bemerkte ich eine Fahrkarte neben mir. Ich prüfte meine Taschen, um festzustellen, dass ich meine noch hatte. Irgendwer anders musste sie also verloren haben. Ich prüfte das Datum. Sie war erst vor fünf Minuten am Automaten gezogen wurden. Ich nahm die Karte und stand auf. Auf Zehenspitzen die Gegend absuchend, konnte ich von Weitem eine Person erkennen, die immer wieder, den Kopf zum Boden gerichtet, von links nach rechts lief. Bingo! Ich lief zu der Person, die ein Cap und eine Maske trug und gerade mit dem Rücken zu mir stand. Statur und Kleidung nach war es ein Mann. Vorsichtig tippte ich seinen Rücken an. „Entschuldigen Sie bitte, aber haben Sie vielleicht ihre Fahrkarte verloren?“ Überrascht drehte die Person sich um. „Äh, ja habe ich! Hast du sie gefunden?“ Meine Nackenhaare richteten sich beim Klang der Stimme auf. „Ja, sie lag dort drüben…hier bitte.“ Ich überreichte sie ihm. Jetzt nahm er den Mundschutz ab und entblößte sein Lächeln, welches Grübchen zum Vorschein gab. „Puh und ich dachte schon, ich sehe die Karte nie wieder, haha. Wie kann ich dir nur dafür danken?“

    Ich war kurz davor erneut mit dem Boden hier Bekanntschaft zu machen, aber ich konnte mich gerade noch aufrecht halten. Ich musste in meinem letzten Leben echt eine Heldin gewesen sein und tausende von Leben gerettet haben. Sonst könnte ich mir nämlich nicht erklären, warum gerade ein weiteres Mitglied meiner absoluten Lieblings-Boy-Group vor mir stand. „…a-ach was, ist doch nicht der Rede wert. Aber…ähm…kannst du mir vielleicht sagen, wie ich zu dieser Adresse komme?“ Ich nannte ihm die Adresse und hatte irgendwie ein Déjà-vu. „Oh, ich muss auch in die Richtung! Wie wär‘s, wenn ich dich dorthin begleite?“ Einatmen…ausatmen…einatmen…und wieder aus! „Das würde definitiv helfen. Danke.“ Er grinste. „Ich bin dir schließlich was schuldig.“ Ein Signal ertönte. „Hey, das ist unsere Bahn, komm schnell, die schaffen wir noch!“ Er griff nach meiner Hand und rannte los, wobei er mich mit sich zog. „Ach ja, ich bin übrigens Kim Namjoon.“


    19
    Mmh ja doch, das war mir durchaus aufgefallen! Ich stolperte hinter ihm her und nur um ein Haar schafften wir es in die Bahn, bevor sich die Türen schlossen. Da ich viel zu beschäftigt war, nach Luft zu schnappen, merkte ich erst jetzt, dass Namjoon immer noch meine Hand umklammerte. Ich schaute ihn an. Verwirrt neigte er den Kopf. Ich zeigte mit meiner anderen Hand auf unsere umklammerten Hände. Schnell zog er seine Hand weg und schaute verlegen zur Seite. „Entschuldige.“, murmelte er. Die Bahn war derweil bei der nächsten Station angelangt und setzte sich gerade wieder in Bewegung. Völlig überrascht verlor ich mein Gleichgewicht und wie hätte es anders kommen können, plumpste ich gegen Namjoon, der seine Arme um mich legte, damit ich nicht mit dem Boden kuscheln musste, wenn ihr versteht, was ich meine. Wobei das wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen wäre, denn die Bahn war so voll, dass ich schon den Atem des Mannes hinter mir spüren konnte. Ich fand mein Gleichgewicht wieder und Namjoon senkte seine Arme. Jetzt war es an mir, ein „Entschuldige“ zurück zu murmeln. Der Abstand zwischen uns blieb jedoch minimal, denn es stiegen immer mehr Menschen ein und der Mann hinter mir schien Gefallen daran zu finden, sich immer enger an mich zu quetschen. Es war mir mehr als unangenehm und ich war froh mich, heute Morgen gegen einen Rock entschieden zu haben. „Lass uns die Plätze tauschen.“ Ich schaute Namjoon verwirrt an. Als jedoch die Hand des Mannes hinter mir meinen Allerwertesten streifte, schob ich mich schnell an Namjoon vorbei in die Ecke des Wagons. Ich wollte hier raus! Nicht, dass der Mann mit Absicht meinen Po berührt hatte…so sah er nicht aus, aber es war einfach viel zu eng hier drin und die Luft wurde auch immer dünner. Deshalb ging ich lieber zu Fuß! Mir wurde jedes Mal unwohl, wenn große Menschenmengen um mich waren! „Nur noch zwei Stationen, dann können wir aussteigen…“ Ich spürte Namjoons Atem über meinem Kopf. Erst jetzt fiel mir auf, dass mein Kopf keine zehn Centimeter von seiner Brust entfernt war. Ich atmete langsam ein und wieder aus. Oh! Was war das? Namjoon roch eeecht gut. Ich atmete weiter vor mich hin und genoss seinen Geruch. Stopp! Was tat ich hier! Der einzige Perverse im Zug war wahrscheinlich ich! Ich spürte Wärme in mein Gesicht steigen vor lauter Scham. „Hey, alles okay mit dir? Geht’s dir nicht gut?“, kam sofort die besorgte Stimme Namjoons. Ich schüttelte schnell meinen Kopf, wobei ich sein Kinn streifte. „Nein, nein, alles okay.“ Die Bahn hielt erneut. „Das ist unsere Station, wir müssen aussteigen.“ Leichter gesagt, als getan! Letztlich nahm Namjoon mich wieder an die Hand und zog mich mit raus. Ich fühlte mich langsam wie ein kleines Kind. Ich konnte wirklich froh sein, dass ich Namjoon getroffen hatte. Nicht, weil er DER Namjoon war, sondern weil ich ohne ihn erstens den Weg nie gefunden hätte und zweitens nie diese verdammte Bahnfahrt überlebt hätte!

    Wir verließen die U-Bahn-Station und ich konnte meine Lungen endlich wieder mit Sauerstoff füllen…wenn auch ohne den Duft von zuvor. „Ich kenne den Laden, wo du hinwillst. Es ist gar nicht mehr weit, also kann ich dich noch bis dorthin begleiten.“ Sonne fiel auf sein Gesicht, während er so sorglos lächelte. Wooow! Also ich verstand beim besten Willen nicht, wie Leute ihn als hässlich betiteln konnten. Ich konnte mich gerade noch zusammenreißen, ihm nicht mit dem Finger ins Grübchen zu piksen. Dennoch konnte ich ein breites Grinsen nicht verkneifen. „Du kannst ja doch noch lächeln. Da bin ich ja beruhigt…in der Bahn wurdest du immer blasser und ich dachte, du kippst mir gleich um. Ich habe mir echt Sorgen gemacht.“ Er hatte sich Sorgen gemacht…um mich? Uuuh er war nicht nur süß, sondern auch rücksichtsvoll. „Tut mir leid. Mir wird immer unwohl, wenn zu viele Menschen um mich herum sind…aber jetzt geht’s mir wieder bestens! Danke für deine Hilfe.“ „Immer wieder gern.“, lächelte er zurück.

    Der Laden war tatsächlich keine zehn Minuten von der U-Bahn-Station entfernt und so erreichten wir ihn viel zu schnell, wenn ihr mich fragt. Wir betraten den Laden und wurden zugleich von einer der Mitarbeiterinnen begrüßt. Ich zeigte ihr das Bild von der Schuluniform. Ich glaube, ich muss dann mal los. Meinst du, du findest nachher den Weg allein zurück?“, meldete sich Namjoon. „Ähm…ich denke ja? Vielen Dank für deine Hilfe noch einmal und ich hoffe, es war dir nicht zu umständlich…“ Namjoon grinste. „Natürlich nicht. Ich musste ja eh in diese Richtung und so hatte ich wenigstens angenehme Gesellschaft. Also dann…noch viel Erfolg beim Shoppen.“ Ich winkte ihm noch, dann war er verschwunden. Derweil hatte die Mitarbeiterin eine Uniform ausgewählt und ich wollte gerade die Umkleide betreten, als ich eine Stimme vernahm. „Entschuldige, aber ich glaube dein Freund hat sein Handy hier verloren.“ Eine weitere Angestellte stand vor mir und hielt mir ein Handy hin. Häh? Wessen Handy? Mein Freund? Sie meinte doch nicht etwa, dass Namjoon sein Handy vergessen hatte!

    20
    Ich saß draußen auf einer Bank, neben mir die Tüte, worin sich meine neue Schuluniform befand und starrte auf das Handy in meinen Händen. Seit mehreren Minuten haderte ich jetzt schon mit mir selbst. Das Problem? Ich war im Besitz eines Heiligtums und eine Stimme flüsterte mir zu, diese Situation auszunutzen, das Passwort zu knacken und sämtliche Bilder anzuschauen, die Namjoon je aufgenommen hatte. Da waren bestimmt Millionen von BTS-Fotos drauf…private, nie veröffentlichte BTS-Fotos! Nein, nein, nein! Ich konnte doch nicht einfach so in seinem Handy nach meinem Belieben rumschnüffeln! Das war nicht die Person, die ich sein wollte. Immerhin wollte ich ja auch nicht, dass jemand ohne meine Erlaubnis mein Handy durchsucht. Aber…ich hatte keine Wahl! Entweder ich kriegte irgendwie den Code geknackt oder ich würde hier draußen übernachten müssen. Warum? Na weil ich mich mal wieder komplett verlaufen hatte! Zwar hatte ich es bis zur U-Bahn-Station zurückgeschafft, aber erst nach einer halben Stunde Fahrt, fiel mir auf, dass ich in der falschen Bahn saß. Noch viel schlimmer war daraufhin die Feststellung, dass meine Kreditkarte zu Hause lag und ich nicht mehr genug Bargeld für eine neue Fahrkarte hatte. Wie viel Pech konnte man denn bitte haben? Da mir nichts anderes übrig geblieben war, versuchte ich den Weg zu Fuß zurück zu finden…noch schlechtere Idee. Jetzt saß ich irgendwo in einem Park und meine Füße taten weh! Tja und da kommt Namjoons Handy wieder ins Spiel. Der Akku meines Handys war seit Stunden leer und eine Powerbank hatte ich auch nicht eingesteckt. Das einzige Hilfsmittel was mir also blieb, war das Heiligtum in meinen Händen. Ich atmete tief durch…dann mal auf gut Glück.

    Jackpot! Gleich der zweite Versuch war ein Treffer! Also mal ehrlich…wer benutzte denn heute noch sein eigenes Geburtsdatum als Passwort? Aber ich konnte dafür echt dankbar sein, immerhin konnte ich jetzt endlich Hilfe rufen. Ich gab die Handynummer meiner Mutter ein. „Der angerufene Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneu…“ Ich legte auf. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Die einzigen anderen Nummern, die ich kannte, waren die von meinem Vater und von Mona…also nicht gerade hilfreich. Mist! Und was machte ich jetzt? Auf einmal schoss mir ein Gedanke in den Kopf. Zugegeben es war nicht der ehrlichste, aber das hier war immerhin eine Notsituation. Ich öffnete Namjoons Kontaktliste. Wie zu erwarten schimmerten mir gleich sechs bekannte Namen entgegen. Nur zu gern hätte ich mir Sugas Nummer aufgeschrieben, um sie dann Mona zu geben. Sie würde ein Leben lang in meiner Schuld stehen. Trotz sechs bekannter Namen, blieb nur ein Kontakt übrig. Es klingelte am anderen Ende der Leitung. „Hey Namjoon, was gibt’s?“ Gott war mir das unangenehm. Ich räusperte mich. „Ähm Taehyung? Hier ist Lynn.“ Pause. „Lynn! Warum hast du Namjoons Handy? Woher kennst du Namjoon überhaupt?“ Tja woher nur? „Äh ich hatte ihn heute in der U-Bahn-Station getroffen und er hat mir den Weg gezeigt und dann hat er sein Handy vergessen und dann habe ich mich verlaufen und dann war mein Akku alle und dann war sein Handy die einzige Lösung und der Punkt ist eigentlich, dass ich keinen Plan habe, wo ich gerade bin!“ Es war einfach aus mir rausgesprudelt und erst jetzt atmete ich wieder ein. „Okay, okay. Ich verstehe…glaube ich. Erstmal, wo genau bist du? Siehst du ein Straßenschild oder so?“ Ich schaute mich um. Ich fand ein Schild, wo der Name des Parks draufstand. Ich nannte Taehyung den Namen und glücklicherweise schien dieser sofort zu wissen, wo sich der Park befand. „Alles klar. Bleib einfach da, wo du bist…ich komme zu dir. Also bis gleich.“ „Oki. Bis gleich.“

    Wieder starrte ich das Handy in meinen Händen an. Tu es nicht! Aber ich war einfach zuuu neugierig. Ich tippte auf den Button der Galerie. Sofort erschienen mehrere Ordner mit Fotos. Ich drückte auf den Nächstbesten. Wie süüüß! Die ganze BTS Gang saß auf einem riesigen Sofa und jeder hatte eine Weihnachtsmannmütze auf. In der Mitte des Raumes stand ein geschmückter Baum, an dessen Spitze ein Stern leuchtete. Moment! Das war ja das Wohnzimmer meines neuen Zuhauses. Erst jetzt fiel mir Byung auf, der ebenfalls auf dem Sofa saß. Ich wischte über dem Touchscreen und hätte fast das Handy fallen gelassen. Auf dem nächsten Bild befand sich eine wesentlich jüngere BTS-Version. Im Hintergrund standen Hoseok, Taehyung, Jimin und Jin, die neugierig nach vor blickten. Daneben war Yoongi zu sehen, der eine Augenbraue hochzog und skeptisch guckte. Mein Augenmerk richtete sich jedoch auf den Vordergrund. Dort stand ein knuffiger Jungkook und ihm gegenüber Namjoon, der ihn die Hand hinhielt. Ach ja, sollte ich erwähnen, dass RM auf dem Bild in Boxershorts dastand? Das war auch der Grund, warum der Rest im Hintergrund vor sich hin grinste. Nur Jungkook sah peinlich berührt aus und hatte seinen Blick auf den Boden gerichtet. Wurde er etwa rot? Wie niedlich! Ich musste grinsen. „Das war der Tag, als BTS Zuwachs bekam und wir das erste Mal Jungkook begegnet sind…sein Gesicht an dem Tag war wirklich Goldwert!“ Ich erschrak. Taehyung hatte seinen Kopf von hinten nach vorn gestreckt und schaute jetzt über meine Schulter auf Namjoons Handy. Ich sah ihn auf frischer Tat ertappt an. Er grinste breiter. „Also junge Dame, man schnüffelt nicht in anderer Leute Privateigentum!“


    21
    „Ich…also…ich wollte das nicht! Aber ich war so neugierig und dann naja…tut mir leid.“ Na toll, jetzt hielt er mich sicher für einen unehrlichen und unaufrichtigen Menschen. Ich ließ beschämt den Kopf hängen. Im nächsten Moment spürte ich eine Hand auf meinem Kopf. Ich blickte auf. Taehyung lächelte mich friedlich an und streichte mir übers Haar. „Ich bin froh, dass Namjoon sein Handy vergessen hat und du mich angerufen hast.“ Er nah meine Hand und zog mich hoch. „Woher wusstest du eigentlich, dass ich in seinen Kontakten sein würde?“ Äh…gute Frage. „Also ich hatte zunächst meine Mutter angerufen, aber sie ist nicht rangegangen und andere Nummern kannte ich nicht. Deshalb habe ich die Kontakte durchgeschaut und per Zufall deinen Kontakt entdeckt. Ich wusste das es sich um dich handeln musste, weil ein Kontaktfoto eingefügt war.“ Klang das glaubhaft? Es war ja nicht wirklich gelogen, mal davon abgesehen, dass ich nicht mal die Kontakte hätte öffnen müssen, um sicherzugehen, dass ich Taehyungs Nummer finden würde. „Mensch, was für ein Glück, dass du ausgerechnet Namjoon begegnet bist. Ach ja, er ist übrigens ein Mitglied von Bangtan Sonyeondan und noch dazu unser Leader.“ Oh ja und sein Bühnenname ist Rapmonster oder besser RM, auch bekannt als Mr. Clumsy (was ich nach dem heutigen Tag nachvollziehen konnte) und er war schlauer als ich es jemals sein werde. Fasst hätte ich Taehyung diese Fakten und noch viel mehr an den Kopf geknallt. Mittlerweile war ich mir nicht mehr sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, mein Fangirl-Dasein geheim zu halten…früher oder später würde ich mich verplappern, das war mir klar.

    „Hey, hast du eigentlich Hunger?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte er sich meine Tüte und stapfte los. Immer noch weiterlaufend drehte er sich um. „Na, was ist? Kommst du?“, grinste er vor sich hin. Schnell eilte ich ihm hinterher und wir gingen nebeneinander die Straße hinunter. Plötzlich klingelte ein Handy. Fast automatisch prüfte ich Namjoons Handy. „Nop, das ist meins.“, lachte Taehyung. „Hey Byung!“, ging er ran, „Also echt, keine drei Tage und du hast schon deine kleine Schwester verloren? …Man du klingst ja schon fast besorgt...Stimmt ich finde die Situation zum Schießen!“ Ich bekam nur Fetzenweise mit, worum es ging. „Keine Sorge, sie ist hier bei mir. …Ja, ich sorge dafür, dass sie unversehrt Zuhause ankommt. …Bis dann.“ Taehyung drehte sich zu mir. „Scheint als ob du Byungs Herz zum Schmelzen gebracht hast, so wie er sich Sorgen gemacht hat. Aber Byung beiseite…das kleine Bistro dort vorn ist eins meiner Lieblings Esstankstellen. Du wirst es lieben!“ Wir betraten den kleinen Laden, der zum Glück nicht so gut besucht war. Sofort steuerte Taehyung ein bequem wirkendes Sofa an und wies mich an, mich dort hinzusetzen. Im nächsten Moment stand er auch schon vor der Theke und ließ Allerlei Essbares von der Angestellten auf zwei Teller stapeln. Mit einem vollbeladenen Tablet kehrte er zu mir zurück. Er stellte es vor mir ab und mir kroch der süße Duft von heißer Schokolade in die Nase. „Deine Augen strahlen genauso wie Jins, wenn der Essen nur riecht!“ Taehyung schien durchaus amüsiert. Ich schaute ihn an. „Tja, essen ist ja auch meine zweitliebste Tätigkeit!“ Er überlegte. „Und was ist deine liebste Tätigkeit?“ Ich stockte und bekam ein flaues Gefühl im Magen. „Das ist geheim. Ich habe es früher oft gemacht, aber jetzt nicht mehr.“, sagte ich kleinlaut. Taehyung wirkte misstrauisch. Ich setzte ein Lächeln auf. „Und…können wir jetzt endlich essen? Sonst verhungere ich noch!“

    Er hatte nicht übertrieben. Das Essen hier war göttlich und ich wusste beim besten Willen nicht, warum nur so wenige Gäste hier waren. Mit Entsetzten stellte ich fest, dass ich alles auf meinem Teller schon verputzt hatte. „Hier…“ Auf einmal hielt mir Taehyung seinen Teller hin, worauf sich noch ein ganzes Stück Erdbeertorte befand. Überrascht guckte ich ihn an. „Na los, nimm schon…oder soll ich dich füttern?“, er grinste schelmisch. Meine Augen weiteten sich und ich spürte Hitze in mein Gesicht steigen. Schnell nahm ich ihm den Teller ab und versuchte krampfhaft auf das Tortenstück zu starren. Taehyung kicherte sichtlich zufrieden über seinen kleinen Spaß neben mir vor sich hin.

    22
    „Ach ja! Ich habe noch einmal mit den Jungs gesprochen und wir kamen auf die Idee morgen Vormittag im Park Inliner zu fahren…wie wär’s? Also wenn du keine Lust hast, können wir auch einfach ins Kino gehen oder so…“ Mein Puls beschleunigte sich wieder beim Gedanken die restlichen BTS-Mitglieder persönlich kennen zu lernen. „Es ist nicht so, dass ich keine Lust habe, aber ich bin noch nie Inliner gefahren und besitze demnach auch gar keine…“, gab ich kleinlaut zu. Taehyungs Augen weiteten sich. „Im ernst! Du bist noch nie Inliner gefahren? Na dann wird’s aber mal Zeit! Sehr gut, dann steht unser Ausflug für Morgen also. Ich frag nachher Byung, ob du seine Inliner benutzen kannst, die sind sogar größenverstellbar.“ Ich nickte. Früher hatte ich zwischen dem ganzen Lernen fast gar keine Freizeit und alleine was zu unternehmen war nie so richtig spaßig gewesen. Deshalb freute ich mich unglaublich doll auf den morgigen Tag. „Ähm wo genau ist denn dieser Park eigentlich?“ Ich hörte meinen Orientierungssinn sich jetzt schon kaputtlachen! Taehyung überlegte kurz. „So weit weg ist er gar nicht, aber nach heutigen Erkenntnissen über deine Fähigkeit den Weg zu finden, ist es wahrscheinlich eine gute Idee, wenn ich dich einfach abhole und wir zusammen dorthin gehen.“ Würde ich nicht selbst wissen, was für eine Niete ich in Wegfragen war, dann hätte seine Aussage mich wahrscheinlich gekränkt. Aber da ich mich nur zu gut kannte… „Das wäre super.“, grinste ich ihn an. Ich aß mein letztes Stückchen Kuchen und half dann dabei, das Tablet wegzuräumen. Die Rückfahrt mit der Bahn, die nebenbei Taehyung, genau wie das Essen, für mich bezahlt hatte, war wesentlich angenehmer als die heute Morgen. Unser Wagon war fast leer und so setzten wir uns. Taehyung versuchte mir begeistert zu erklären, was ich beim Inlineskaten alles zu beachten hatte, jedoch bekam ich davon nicht sonderlich viel mit, denn ich hatte Mühe meine Augen offen zu halten. Nach dem ganzen Laufen und dem leckeren Essen übermannte mich die Müdigkeit.

    Ich schlug die Augen auf und war verwirrt, warum die Welt auf einmal schräg aussah. Wo befand ich mich überhaupt? Ich wollte den Kopf heben, doch etwas drückte auf ihn, sodass ich mich wirklich schon fragte, ob das real war. Ach ja! Taehyung und ich waren in die U-Bahn gestiegen, um nach Hause zu fahren. Nach und nach realisierte ich, dass ich mich immer noch in eben dieser befand. Ups, ich musste eingeschlafen sein…wie peinlich. Moment mal! Ich konnte Wärme an meiner linken Körperhälfte spüren. „Mmh…“ Häh? Meine Kopfablage bewegte sich kurz und kam dann wieder zum Stillstand. NEIN…NEVER! Ich lag doch nicht etwa…? Jetzt hatte ich alle meine Sinne wieder zusammen. Ich biss mir auf die Lippe. Oh Gott, ich hatte Taehyungs Schulter als Kopfkissen genutzt! Schnell wollte ich meinen Kopf wegziehen…aber da gab es noch das Problem, dass mein Kopf ihm offenbar auch als Kissen diente! Vorsichtig stützte ich seinen Kopf mit meiner Hand und befreite mich so. Und jetzt? Ich saß verloren neben ihm, meine Hand, die seinen Kopf aufrecht hielt und ihm schien es nicht im Geringsten zu stören, denn er schlief einfach weiter. Sollte ich ihn wecken? Ich hatte keine Ahnung und kam mir mehr als dämlich vor. Auf einmal nahm ich eine Bewegung wahr. Ich blickte auf und direkt unserer Sitzreihe gegenüber saß eine ältere Frau. Unsere Blicke trafen sich und sich lächelte, offensichtlich vergnügt über meine Situation. Ich wäre am liebsten in den nächsten Wagon gesprintet vor lauter Scham. Okay! Ich beschloss, Taehyung zu wecken. „Taehyung…Taehyung…hey!“ Er regierte nicht. Na gut, dann halt auf die harte Tour. Ich zog meine Hand weg und sein Kopf klappte zur Seite. Ein leises Grummeln war zu hören und ich hatte schon Hoffnung, mein Ziel erreicht zu haben, als sein Körper sich nach rechts neigte und sein Kopf auf meiner Schulter zum Liegen kam. Ich vernahm ein leises Lachen. Die Frau versuchte ihr Lachen hinter ihrer Hand zu verbergen, aber ihre Augen funkelten amüsiert. Auf einmal ertönte eine Lautsprecherdurchsage und kündigte die nächste Station an. Moment…das müsste unsere sein! Ach herrjeh! Die Frau vor mir erhob sich. Wahrscheinlich musste sie hier auch raus. Bevor sie sich jedoch zum Ausstieg begab, hielt sie bei uns inne und beugte sich zu mir. „Wie wäre es, wenn du Dornröschen einfach wach küsst?“, flüsterte sie mir zu. Ich schaute sie entsetzt an. Mit einem Grinsen setzte sie ihren Weg fort. Ihn wachküssen? Niemals! Ich meine, selbst wenn er nicht mein Cousin wäre, könnte ich so etwas nicht tun. Trotzdem spürte ich mein Gesicht die Farbe einer Tomate annehmen…

    23
    Na wie geht’s euch? Also ich bin gerade der glücklichste Mensch der Welt. Warum? Naja, wir sollten im Kunstunterricht als Klausurersatz eine Bildanalyse zum Impressionismus vornehmen…dann meinte meine Lehrerin wir dürften auch ein Film analysieren. Da habe ich meiner Lehrerin ein Video gezeigt und sie meinte, ich kann das nehmen. Tjaaa und ich wäre nicht der glücklichste Mensch, wenn es nichts mit BTS zu tun hätte. Der „Film“, den ich vorstellen darf (vor der gesamten Klasse) ist….BTS Highlight Reel! Wuhuuu! Da dachte ich, falls ihr Lust und Zeit habt, könnt ihr mir ja per Mail eure Meinung oder Theorien dazu schicken? Ich würde mich freuen: D

    Okay, genug gelabert…hier das nächste Kapitel
    😊

    Ich schaute mir sein Gesicht genauer an. Bisher kannte ich ihn nur als V, dem Idol mit Make-Up und perfekt gestylten Haaren, aber jetzt wirkte er anders. Also er sah definitiv auch ohne Make-Up noch aus wie ein Märchenprinz und seine Haare erschienen frisch gewaschen und fluffig. Vorsichtig ordnete ich eine verrutschte Strähne. Aber man sah ihm auch die Erschöpfung an. Jeden Tag strengte er sich an und gab alles, um seine Fans glücklich zu machen, aber auch um seine eigenen Träume zu verwirklichen. Shootings, Musikviedeodrehs und Auftritte an den verschiedensten Orten und dann noch irgendwie ein Privatleben führen und Zeit mit der Familie zu verbringen, BTS hatte es alles, aber nicht leicht. „Ihr wisst, dass ihr die Besten seid oder? Ihr zaubert euren Fans jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht. Egal wie blöd mein Tag war, nur eine BTS-Run Episode, ein Funny Moments Video oder ein Song von euch und ich sehe wieder Licht am Ende des Tunnels. Ich kenne keinen, der so eine große Ausstrahlung und Anziehungskraft hat und dennoch so normal und bodenständig ist. Ich kann mir nicht vorstellen wie grau mein Leben verlaufen wäre, hätte ich euch nie kennengelernt. Ich bin euch so dankbar und da bin ich bestimmt nicht die Einzige. Auch wenn ihr uns sagt, wir sollen uns um euch keine Sorgen machen, können wir nicht anders. Das heißt es ARMY zu sein. Man sorgt sich nun mal um die Menschen, die man liebt. Also wenn ihr uns sagt, wir sollen uns nicht überanstrengen, dann müsst ihr auch auf eure Gesundheit achten, einverstanden?“ Natürlich bekam ich keine Antwort. Ich seufzte. Ich hatte gut reden, wer war denn schuld daran, dass Taehyung sich heute nicht ausruhen konnte? Korrekt, ich! Er musste ja der nicht so holden Meid zu Hilfe eilen, die sich mal wieder verlaufen hatte. Ich hätte mich selbst ohrfeigen können. Apropos Ohrfeige…ob ich ihn so wach kriege? Neeee, so gemein war ich dann doch nicht. Aber wie dann?

    Wie wachte ich denn immer am schnellsten auf? Natürlich! Ein Versuch war es auf alle Fälle wert. Ich durchsuchte erneut Namjoons Handy, aber diesmal nicht nach Bildern, sondern Musik. Mmh..was lautes und schnelles…ah! Ich klickte den Titel an und da ich schlecht die Musik auf volle Pulle stellen konnte, stellte ich die Laustärke auf mittel und hielt Taehyung das Handy ans Ohr. Ich spürte, wie er leicht zuckte und dann anfing seinen Kiefer zu bewegen. „…id…e…ack?“ Häh? Er hob den Kopf und schien immer noch halb schlafend ins Leere zu starren. „Did you see my bag?“ Ich musste laut lachen. Nein, wie putzig. Nicht nur, dass er aufgewacht war, er fing auch noch an mitzusingen ohne richtig wach zu sein. Sichtlich verwirrt, was eigentlich los war, guckte er mich an. „Was zum…wo?“ Ich zog Namjoons Handy weg und drückte auf Pause. „Tja…wo ist eine gute Frage. Wir hätten nämlich vor drei Stationen aussteigen müssen…“ Jetzt riss er die Augen auf und drehte seinen Kopf in alle Richtungen. „W-wieso hast du mich nicht einfach geweckt?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Ich hab’s ja versucht, aber du hast geschlafen wie ein Grizzlybär im Winter!“ Er kratzte sich am Hinterkopf und grinste verlegen. „Ups? Ich hoffe, ich habe nichts Peinliches vor mich hin gebrabbelt?“ Jetzt war es an mir zu grinsen. „Nein…du hast nur gesungen…“ Seine Augen weiteten sich und er öffnete schon den Mund, als die Bahn abbremste. „Ich glaube, wir sollten mal aussteigen…“, sagte ich und stand auf. Er nickte schnell und wir beeilten uns rauszukommen, bevor die Bahn wieder anfahren konnte.

    Wir entschieden uns den Rest des Weges mit dem Taxi zu fahren. Als wir ausstiegen war es schon dunkel draußen. „Ich muss noch drei Straßen weiter. Also dann bis morgen. Wir sind gegen neun Uhr im Park verabredet, weil er da noch nicht so voll ist. Ich hole dich dann zwanzig Minuten vorher ab, okay? Dann schlaf gut.“ Er lächelte und wollte gehen. „Taehyung!“, rief ich schnell. Er drehte sich zu mir um. „Tut mir wirklich leid, dass du mir aushelfen musstest, obwohl du so erschöpft warst.“ Im nächsten Moment zog er mich an sich. „Red doch keinen Unsinn. Ich hatte meinen Spaß heute. Außerdem sind wir doch jetzt Familie!“ Er wuschelte mir noch einmal durchs Haar und folgte dann dem Verlauf der Straße. Ich schloss die Haustür auf und betrat den Flur. Ich konnte immer noch seine große Hand auf meinem Kopf fühlen. „Lynn! Da bist du ja!“ Meine Mutter stürmte auf mich zu und schloss mich in eine Umarmung. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ „Tut mir leid. Ich bin in die falsche Bahn gestiegen und mein Akku war leer. Aber dank Taehyung bin ich ja jetzt hier.“ „Er ist so ein lieber Junge, findest du nicht? So einen Schwiegersohn wünsche ich mir.“ Ich schaute meine Mutter an. Äh, also ich hatte nicht vor demnächst zu heiraten, aber ich kannte da durchaus noch sechs andere Jungen, die einen tollen Schwiegersohn abgeben würden… Ich schüttelte den Kopf. Woran dachte ich hier bitte! „Mama, ich bin siebzehn…meinst du nicht das hat noch Zeit?“ Sie neigte ihren Kopf. „Meintest du nicht letztens, du hast keinen Freund? Vielleicht sollte ich mal Taehyungs Mutter fragen, ob ihr Sohn einen Freund hat, mit dem du ein süßes Pärchen abgeben würdest!“ Ihre Augen funkelten. Haaalt Stopp! Wie sind wir schon wieder bei diesem Thema gelandet! „Mama, ich werde das jetzt nicht weiter diskutieren und wag es nicht Seo Yong mitreinzuziehen!“ Schnell machte ich mich aus dem Staub. Ich betrat mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Also wirklich! Ich ging zum Kleiderschrank und wollte mich gerade umziehen, als ich im Spiegel einen dunklen Umriss vernahm. Ich zuckte zusammen. Was zum! Ich drehte mich um. Ich blinzelte ein paar Mal. Warum lag da Byung in meinem Bett!

    24
    Ich trat ans Bett und beugte mich ein wenig nach vorn, sodass ich sein Gesicht besser sehen konnte. Meine Güte war heute Tag des Einschlafens, wo du gerade bist oder so? Hoffentlich würde Byung schneller aufwachen als Taehyung. Vorsichtig tippte ich ihn an der Schulter an. „Byung?“ Langsam öffneten sich seine Augenlider. Als er mich sah, schreckte er hoch. Nur tat er das so schwungvoll, dass sein Kopf gegen meinen knallte. Ich fasste automatisch an den Kopf und ging in die Knie. „Aua…das tut verdammt weh!“, wimmerte ich vor mich hin. Byung, der sich ebenfalls den Kopf hielt, sah zu mir runter. „Tschuldige.“ Kurzerhand stand er auf und war schon auf dem Weg zur Tür, als ich aufsprang und mich ihm in den Weg stellte. „Halt stopp, nicht so schnell! Erst will ich eine Erklärung, warum du hier bist!“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Sobald ich weiß, wohne ich hier…“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Du weißt genau, dass ich das nicht meine. Warum bist du hier in MEINEM Zimmer?“ Er kratzte sich am Kinn. „Ähm also…ich…hab hier geputzt! Ich war heute dran mit dem Hausputz…deshalb.“ Ich musste grinsen. „Aha. Also warst du nicht hier, weil du auf mich gewartet hast und dir Sorgen gemacht hast, richtig?“ Er wurde ein wenig rot. „Haha, der war gut. Warum sollte ich denn um DICH besorgt sein…ganz sicher nicht.“ Er schluckte. „Ach ja Taehyung meinte, du willst dir meine Inliner leihen…“ Hatte er es gerade geschafft, geschickt vom Thema abzulenken? „Also ich habe morgen früh noch Baseball Training, deshalb stelle ich sie dir einfach ins Wohnzimmer…ach ja, auf welche Größe soll ich sie einstellen?“ „37“, antwortete ich ihm, „und danke, dass ich sie mir leihen darf.“ Er schüttelte die Hand. „Schon gut. Also dann…gute Nacht.“ Bevor ich ihm ebenfalls eine gute Nacht wünschen konnte, hatte er auch schon fast fluchtartig mein Zimmer verlassen. Ich grinste vor mich hin. Mit dem, was gerade passiert war, konnte ich ihn bestimmt noch die nächsten Tage aufziehen, ätsch.

    Ich stellte meinen Wecker auf halb acht, damit ich morgen früh noch genug Zeit zum Duschen und Frühstücken hatte. Ich lag in meinem Bett und starrte die Decke an. Na toll, wenn ich nicht bald einschlafe, habe ich nachher noch Augenringe bei meinem ersten BTS Treffen. Ich drehte mich zum hundertsten Mal auf die Seite und schloss die Augen. Im nächsten Moment klingelte ein Telefon. Ich schoss hoch. Was zum! Erst dachte ich an mein Handy, aber da fiel mir wieder ein, dass ich es dringend aufladen musste. Ich schaute Richtung Kleiderschrank, wo Licht durch meine Jackentasche drang. Oh shit! Ich hatte ja immer noch Namjoons Handy. Schnell sprang ich auf und zog es aus der Tasche. Es hörte auf zu Klingeln. „Verpasster Anruf Jimin“ zeigte das Display an. Ob es wohl wichtig war? Gerade als ich überlegte, ob ich das Handy auf lautlos oder besser gleich ausschalten sollte, klingelte es erneut. „Anruf Jimin“ Oh Gott! Was soll ich tun? Rangehen? Nein, auf keinen Fall, es war ja nicht mein Handy. Ich warte einfach bis es aufgehört hat zu klingeln und mache es dann aus. So war der Plan. Doch auf dem Weg zurück Richtung Bett, blieb ich mit meinem Zeh am Schreibtisch hängen und verlor das Gleichgewicht. Kurz davor das Handy fallen zu lassen, griff ich schnell fester zu. Dann war ich auch schon am Boden angekommen. „Autsch.“ Puh zum Glück habe ich das Handy nicht fallen gelassen. Ich war dabei mich hochzuhieven als… „Hallo?“ Ich plumpste zurück auf den Teppich. Hä? „Halloooohoooo!“ In Zeitlupe hob ich das Handy an mein Ohr. „Ja?“, rutschte es mir raus. Verdammt! Hätte ich besser auflegen sollen? „Äh hey, wer ist da? Hast du das Handy gefunden? Es gehört nämlich meinem Freund…ach ja, ich heiße Park Jimin.“ Vor lauter Aufregung rutschte mir fast das Handy aus der Hand. „Ha-hallo. Äh, ich habe das Handy gefunden…ähm.“, mir fehlten die Worte. „Puh zum Glück. Sag mal, können wir uns vielleicht morgen Nachmittag treffen oder so, damit mein Freund sein Handy wiederkriegt?“ Wie sollte ich antworten? Ich würde ihn ja eh morgen Vormittag sehen…

    25
    Ich holte tief Luft. „Ja, also weißt du, wir sehen uns morgen sowieso, weil ich bin Taehyungs neue…“ Es vibrierte an meinem Ohr. Was zum! Ich starrte voller Unglauben auf das schwarze Display. Warum war dieser verdammte Akku auch immer dann leer, wenn es überhaupt NICHT passte? Jetzt saß ich im Dunkeln auf meinem Zimmerboden und wusste nicht, was ich machen sollte. Seit Stunden bestand mein Ziel eigentlich darin, einzuschlafen, aber…das konnte ich nun vergessen. Ich entschied mich letztlich einfach auf mein Bauchgefühl zu hören, welches mir zu verstehen gab, dass ich in die Küche gehen und mir was zu futtern suchen sollte. Leise schlich ich die Treppe herunter. Nanu? Unter der Küchentür kroch Licht hervor. Vorsichtig öffnete ich die Tür und sah Byung, der mit dem Rücken zu mir stand und gerade den Inhalt des Kühlschranks begutachtete. Ich grinste in mich hinein und schlich mich von hinten an ihn heran. Auf Zehenspitzen stehend, positionierte ich meine Lippen neben sein Ohr. „Buh!“ Er zuckte zusammen und drehte sich geschockt um. Während er vor sich hin fluchte, konnte ich ein Kichern nicht unterdrücken. „Du hättest mal deinen Gesichtsausdruck sehen sollen!“, brachte ich unter Lachen hervor. „Haha, sehr lustig.“ Er schlurfte zu einem der Barhocker am Rande der Küche und ließ sich nieder. „Womit habe ich dich nur verdient!“ „Ach komm schon. Es hätte viel peinlicher für dich werden können.“ Ich deutete auf seine Boxershorts. „Stell dir mal vor, dort wären Herzen oder kleine Krönchen drauf gewesen.“ Ihm klappte die Kinnlade runter. „Erstens besitze ich SOETWAS nicht und zweitens frage ich mich, ob man kleine nervige Schwestern in Kartons stecken darf, um sie dann nach Timbuktu zu verschicken!“ Ich streckte ihm die Zunge raus. Dann ging ich zum Kühlschrank und nahm die Milch heraus. Ich füllte sie in eine Tasse und stellte sie in die Mikrowelle. Byung zog eine Augenbraue hoch. „Und das wird was, wenn es fertig ist?“ „Ich habe Hunger.“, entgegnete ich. „Und da trinkst du Milch?“ Die Mikrowelle piepte und ich nahm die Tasse heraus. „Ja. Milch ist durchaus sättigend.“ Ich schraubte das Nutellaglas auf und löste was in der Milch. Dann setzte ich mich neben Byung an den kleinen Tresen. Vorsichtig nippte ich an der Milch. Ich bemerkte, wie Byung immer noch skeptisch meine Tasse musterte. „Hast du das noch nie probiert? Es ist echt lecker!“ Ich hielt ihm die Tasse hin. Zögernd nahm er sie entgegen. Langsam trank er einen Schluck. „Und?“ Er nickte. „Kann man trinken.“ Er wollte mir die Tasse zurückreichen, doch ich winkte ab. „Lass es dir schmecken. Ich sollte jetzt wirklich ins Bett gehen. Also dann…schlaf gut.“ Ein leises „Danke, du auch.“ war zu hören, dann setzte ich meinen Weg fort. Ich ließ mich ins Bett plumpsen und eh ich mich versah, war ich endlich eingeschlafen.

    Als mich am Morgen der Wecker aus dem Schlaf riss, zog ich mir die Decke über den Kopf. „Ich will noch nicht aufstehen…“, murrte ich vor mich hin. Doch dann fiel mir ein, was heute für ein Tag war. Heute würde ich endlich BTS begegnen! Ich strampelte vergnügt im Bett herum. Nach einem halben Freudentanz im Liegen, sauste ich unter die Dusche. Als ich zurück ins Zimmer kam, steckte ich erstmal mein Handy an die Steckdose zum Aufladen. Dann stand ich vor meinem Kleiderschrank. Mmh…ein Rock oder Kleid wäre wahrscheinlich nicht sonderlich praktisch. Letztlich entschied ich mich für einen normalen Look: eine hellblaue Jeans, ein weißes T-Shirt, darüber eine braune Strickjacke mit rosa Punkten und zum Schluss ein rosafarbenes Cap, wobei hinten mein Pferdeschwanz rausguckte. Nachdem ich meine Müslischüssel für zehn Minuten angegrinst hatte, war diese auch endlich aufgegessen und ich packte noch die letzten Sachen in meinen kleinen Rucksack. Fehlte nur noch mein Handy, ach ja und Namjoons! Zufrieden sah ich, dass mein Handy die achtzig Prozent Marke überschritten hatte…sollte reichen. Ich entschied mich im Wohnzimmer zu warten. Meine Mutter und Jongdae hatte ich bisher nicht angetroffen, daher vermutete ich, dass sie selbst heute etwas vorhatten. Ich traute mich gar nicht das Wort Date in den Mund zu nehmen. Ich schaute zum bestimmt tausendsten Mal auf die Uhr. Es war dreiviertel Neun. Wo blieb nur Taehyung. So langsam wurde ich unruhig. Im nächsten Moment klingelte mein Handy. Ich holte es aus dem Rucksack. Oh Taehyung! „Ja?“, fragte ich ins Handy. „Lynn! Tut mir leid, ich hab total verpennt und bin gerade erst aufgestanden! Meinst du, du schaffst es allein zum Park?“


    26
    Es wehte ein leichter Wind, als ich die Haustür hinter mir schloss. Ich folgte dem Straßenverlauf, während ich weiter die Karte auf meinem Handy checkte. Bitte lieber Gott, lass mich einmal in die richtige Richtung laufen! Taehyung meinte, er bräuchte mindestens eine halbe Stunde und ich solle schon mal vorgehen. Mit jedem Schritt stieg meine Nervosität. Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich vor ihnen stehe und was sollte ich nur sagen? Ich bog in eine Seitenstraße ab. Okay, es war nicht mehr weit. Nach weiteren fünf Minuten laufen kam ich tatsächlich an dem mir beschriebenen Park an. Wuhu, es gab noch Hoffnung für meinen Orientierungssinn! Der Park war umgeben von hohen Hecken und großen Bäumen. Die meisten Pfade waren asphaltiert und nur ein paar Kieswege waren zu sehen. Ein paar Kinder liefen auf einem kleinen Spielplatz umher. Ein kleines Mädchen und ein Junge warfen mit einer Frisbeescheibe hin und her, wobei ein Golden Retriever hinterher sprintete und versuchte das fliegende Objekt zu fangen. Ich blieb an einem Baum stehen und schaute mich weiter um. „Heeeey! Sorry, dass ich erst jetzt komme.“ Ich schaute in die Richtung aus der die Stimme kam. Ich konnte einen J-Hope erkennen, der vor vier anderen Jungs mit Caps zum Stehen kam. Ich zog mich hinter den Baum zurück. Mein Puls raste. Ach du meine Güte! Das hier war real! Wann war es nur hierzu gekommen? Bis vor kurzem lebte ich noch als International-ARMY in Deutschland und jetzt stand ich hinter einem Baum und versteckte mich vor BTS! Ich war nicht bereit hierfür! Noch hatten sie mich nicht gesehen oder? Ich könnte mich noch aus dem Staub machen und Taehyung sagen, mir wäre was dazwischen gekommen…

    Boof! Autsch! Genau die Stelle, wo ich mit Byung zusammengeknallt war. Das hatte ich wohl verdient, dafür, dass ich so ein feiges Huhn war. Ich hob die Frisbeescheibe auf und suchte nach den beiden Besitzern. Das kleine Mädchen von vorhin kam in meine Richtung gelaufen, den Jungen am Arm hinterherziehend. Sie blieben vor mir stehen. Das Mädchen schlug dem Jungen leicht auf den Rücken. „Na los, entschuldige dich. Immerhin hast du die Scheibe geworfen.“, flüsterte sie. Der Junge bohrte mit seinem Fuß im Sand und sah zu Boden. „Entschuldigung.“, nuschelte er verlegen. Ich beugte mich ein wenig nach vorn. „Ach was. Ich sollte mich eher dafür bedanken.“, grinste ich die beiden an. Jetzt hob der Junge den Kopf. „Du bist ja ne komische Tante.“, meinte der Junge und bekam von dem Mädchen erneut einen Klapps. Ich kicherte. „Haha vielleicht. Wie heißt eigentlich euer Freund dort drüben?“, fragte ich. Die beiden schauten zu dem Hund. „Das ist Biene.“, erklärte das Mädchen stolz. Als hätte diese ihren Namen gehört, kam Biene in unsere Richtung gestürmt. Ohne abzustoppen sprang sie an mir hoch, sodass ich auf dem Hintern landete. Dann begann sie mein Gesicht abzuschlabbern und ich war froh, dass ich nur ein wenig Lippenstift aufgetragen hatte, denn sonst wäre mein Make Up jetzt beseitigt. Ich kicherte und streichelte den Kopf der energischen Hündin. „Biene scheint dich zu mögen!“, lachte das Mädchen. „Juna, wir müssen langsam nach Hause. Mama hat gesagt, wir sollen um neun Uhr wieder zu Hause sein und es ist schon viertel Zehn…“ Der Junge zog dem Mädchen, offensichtlich seine Schwester, am Ärmel. Diese schob die Unterlippe vor. „Menno, ich will noch nicht gehen.“ Jetzt nahm der Junge sie an die Hand. „Tschüss komisches Mädchen. Man sieht sich.“, grinste er mich an und zog dann seine Schwester mit sich. Biene bellte noch mal zum Abschied und rannte dann hinterher. Süß die beiden. Ich hatte mich auch oft gefragt, wie es wohl wäre, kein Einzelkind zu sein. Naja eigentlich war ich das ja nicht mehr…

    Ich lugte hinter dem Baum vor. Die fünf waren in eine Diskussion vertieft, aber ich konnte nichts verstehen. Okay! Du gehst da jetzt hin und stellst dich vor! Es sind ja auch nur Menschen! Ich machte einen Schritt nach dem anderen und spürte wie sich mein Puls beschleunigte. Ich blieb ein paar Meter von ihnen entfernt stehen. Sie waren so vertieft, dass sie mich noch nicht bemerkt hatten. Sollte ich sie ansprechen? Ich war kurz davor in Tränen auszubrechen vor Nervosität und Freude. Ich wollte gerade den Mund öffnen, als… „Oh! Du bist doch das Mädchen aus der U-Bahn!“ Was? Ich starrte Namjoon an. „Äh…j-ja?“ Da fiel mir ein… „I-ich habe dein Handy dabei…du hast es im Laden verloren gehabt.“ Ich zog es aus dem Rucksack und hielt es ihm hin. Die anderen schauten verwirrt. „Aha, dann habe ich gestern mit dir telefoniert! Aber du hast einfach aufgelegt!“ Jimin guckte mich skeptisch an. Ich wedelte vor der Brust mit meinen Händen rum. „Nein!“ Ups, dass war ein wenig laut. „D-der Akku war auf einmal leer und das Handy ist ausgegangen. Es war keine Absicht!“ „Sie hat recht. Ich hatte den Akku gestern nicht geladen gehabt…“, fügte Namjoon hinzu. Jetzt lächelte Jimin. „Na dann ist ja jetzt alles geklärt. Aber woher wusstest du, dass Namjoon hier sein würde?“ Alle schienen zu überlegen. „Kommeeeee schooooon!“, brüllte auf einmal eine Stimme von hinten. Ich drehte mich um und sah Taehyung, der angerannt kam und schnaufend neben mir stehen blieb. Er holte tief Luft. „Puh. Tut mir leid, ich hatte verpennt.“, grinste er. Er sah erst mich an und dann die anderen. „Ah! Ihr habt meine neue Cousine also schon kennengelernt!“ Alle sahen ihn mit fragenden Blicken an. „Deine Cousine?“ Dann richteten sich alle Blicke auf mich.





    27
    „Ä-ähm ja, ich hatte noch keine Zeit mich richtig vorzustellen. Mein Name ist Lynn und ich bin erst seit kurzem mit meiner Mutter hierher nach Südkorea gezogen.“ Taehyung legte seinen Arm um meine Schultern. „Ihr solltet lieber aufpassen, denn meine Cousine versprüht so fiel Charm, dass sie sogar schon Byung um den Finger gewickelt hat!“, setzte er freudig hinzu und ich überlegte ernsthaft ein Loch zu buddeln und meinen hochroten Kopf darin zu vergraben. „Ähm Taehyung, ich glaube ihr ist das unangenehm.“, setzte Namjoon an, „Willst du sie nicht langsam loslassen, immerhin kennt ihr euch noch keine Woche.“ „Häh? Wir sind jetzt Familie und da darf man das. Außerdem hat sie genau die richtige Größe zum Knuddeln.“ Mit diesen Worten schlang er von hinten seine Arme über meine Schultern und verschränkte sie. Mein Rücken schmiegte sich an seine Brust und unsere Wangen berührten sich leicht. Was machte ich jetzt nur? Ich konnte ihn ja nicht wegstoßen, aber uns starrten noch fünf weitere Augenpaare an und mein Gesicht war kurz davor in Flammen aufzugehen! „Taehyung, wie oft denn noch? Menschen sind KEINE Kuscheltiere! Komm, lass sie los.“, meldete sich Jungkook. „K-E-I-N-E Lust!“, schmollte dieser. Jungkook schaute die anderen an. „Jungs?“ Sie schienen verstanden zu haben. „Oki!“, grinste Hoseok. Alle fünf näherten sich uns mit erhobenen Händen. „Ihr wollt doch nicht…!“ Weiter kam Taehyung nicht, denn Jungkook, Hoseok und Jimin fingen an, ihn an sämtlichen Körperstellen zu kitzeln. Während dieser sich an mich klammerte, versuchten Jin und Namjoon seine Arme zu lösen. Von seinen drei Angreifern übermannt, lockerten sich seine Arme und Jin und Namjoon zogen mich in ihre Richtung. „Nein!“ Taehyung kniete mittlerweile am Boden, doch bevor ich an genug Abstand gewann, griff er nach einen meiner Füße. Mitten im Schritt verlor ich mein Gleichgewicht und plumpste nach vor…wo Jin stand. Ich hatte keine Chance mein Gleichgewicht wieder zu finden, da Taehyung immer noch meinen Fußknöchel umklammerte. Jin hob seine Arme, um mich aufzufangen, aber es war zu spät. Mit viel Schwung riss ich ihn mit zu Boden und landete auf ihm.

    Unser Abgang musste echt dramatisch ausgesehen haben, denn alle anderen hielten sofort inne und kamen schockiert angelaufen. „Lynn! Jin! Alles okay bei euch?“, rief Namjoon besorgt. Hey, Jins und mein Name reimen sich ja. Moment! Das war nicht der Zeitpunkt dafür! Mein Kopf lag auf Jins Brust und ich konnte seinen Herzschlag spüren. Hört sich regelmäßig an, also lebt er noch. Ah, ich sollte vielleicht von ihm runtergehen. Schnell stemmte ich mich hoch und blickte Jin an. Dieser erwiderte meinen Blick. „Alles okay?“, fragten wir gleichzeitig. Verwirrt über die selbe Frage, antwortete ich schnell mit „Ja.“ Nur tat er das ebenfalls und wir blickten uns verdattert an. Die anderen fingen an zu lachen. „Da haben sich ja die richtigen Beiden gefunden.“, grinste Jimin, worauf von Taehyung ein „Finger weg von meiner Cousine!“ zu hören war. „Wie lange wollt ihr eigentlich noch am Boden rumsitzen?“, fragte Hoseok, „Lasst uns endlich Inliner fahren!“ Alle stimmten zu. Hoseok half mir auf. „STOPP!“, unterbrach Taehyung. „Wo sind nur eure Manieren?“ Alle sahen ihn verwirrt an. „Also echt! Stellt ihr euch jetzt selbst vor oder muss ich das machen?“ Erst jetzt schien den anderen und mir selbst auch aufzufallen, dass sie noch nicht dazu gekommen waren, mich zu begrüßen. Naja, es war aber nicht so, als wüsste ich nicht, wer denn da vor mir steht. Aber das konnten sie ja nicht wissen. Nacheinander stellten sie sich vor. „Ach ja! Wir sind eigentlich sieben, aber Yoongi hab ich vorhin nicht aus dem Bett gekriegt…“, setzte Hoseok hinzu. Natürlich war mir längst aufgefallen, dass er fehlte. Nachdem jetzt alle Formalitäten geklärt waren, setzten wir uns auf Bänke und zogen uns die Inliner an. Als ich Probleme hatte, sie zu zumachen, kniete sich Jin vor mich und half mir dabei. „D-danke.“, sagte ich schüchtern. Er lächelte mich an. „Kein Problem.“ Oh mein Gott! My Hearteu! Er sah aus wie ein Prinz aus einem Manga und sein Lächeln hätte Tote wiederbeleben können! Das war mein Bias, wie er lacht und lebt. Er zog mich auf die Beine und meine Gedanken zerplatzten wie eine Seifenblase. Wuaaaah! Wer hatte diese Dinger mit Rollen nur erfunden? Ich versuchte nicht das Gleichgewicht zu verlieren und schaute zu den anderen. Sie fuhren freudig hin und her. Erst jetzt bemerkte ich, dass Jin noch neben mir stand. „Bist du noch nie Inliner gefahren?“ Ich lächelte verlegen. „Äh, nein…“ Erstaunt versammelten sich nun auch die anderen um mich. „Echt? Na dann müssen wir es dir wohl beibringen!“, grinste J-Hope und alle nickten enthusiastisch.


    28
    „Okay, also das ist gar nicht so schwer. Du musst nur wupp, wupp, wupp und dann wuuusch!“ Taehyung fuhr vor mir hin und her und erklärte mir, was ich zu beachten hatte. Naja, erklären war das falsche Wort, denn ich verstand nur Bahnhof! „Okay, um es in unserer Sprache zu sagen…es ist wichtig, dass du mit den Beinen Schwung holst, dich mit den Füßen abstößt und dich dann gleiten lässt. Deinen Körper solltest du ein wenig nach vorn neigen, damit du nicht das Gleichgewicht verlierst…“, definierte Namjoon. „Habe ich doch gesagt!“, maulte Taehyung. Ich verkniff mir ein Grinsen. „Erklärungen sind doch eh nebensächlich. Ihr wisst doch, learning by doing!“ Mit diesen Worten gab mir Jungkook einen Schubs und ich rollte los. „Wuaaah!“ Ich fuchtelte wild mit den Armen in der Luft rum, um nicht die Balance zu verlieren. Als ich allmählich wieder zum Stehen kam, schnappte sich Jungkook meine linke Hand und Taehyung meine rechte. Sie zogen mich einfach mit sich. „Okay und jetzt bis zu Jimin und Namjoon allein.“ Wie? Die beiden gaben mir noch einen Schubs und ließen mich los. Wieder setzte mein Armgefuchtel ein. Als ich langsamer wurde, rief mir Jimin zu, ich solle mich mit den Beinen abstoßen. Leichter gesagt als getan! Ich schaffte es zwar irgendwie mich fortzubewegen, aber nie hätte ich gedacht, dass ich mich einmal so vor BTS zeigen würde. Elegant wie eine Gazelle…oder wie hieß das große, graue Tier mit dem Rüssel? Jimin und Namjoon griffen nach meinen Händen und zogen mich weiter. Wir gewannen an Geschwindigkeit und im nächsten Moment war ich auch schon wieder auf mich allein gestellt. Mit hängen und würgen erreichte ich Jin und Hoseok als nächsten Stammposten. „Okay, das jetzt noch fünfzig Mal, dann hast du’s drauf.“, grinste J-Hope. Bitte? Die nächste dreiviertel Stunde rollte ich von einem BTS-Mitglied zum Nächsten. Nach und nach vergrößerten sie die Abstände und ich musste Fußeinsatz zeigen. „Du wirst immer besser!“, rief Jungkook von hinten. Blieb nur noch Taehyung, der an der Endposition stand. Doch als ich aufblickte, war da kein Taehyung! Okay, ruhig bleiben…du kannst ja jetzt schon recht gut fahren…naja oder so halt. Ich erkannte Taehyung rechts von mir, wie er einem Schmetterling hinterherjagte. Na toll…abserviert für ein Insekt. Als ich meinen Blick wieder nach vorn richtete, blieb mir fast der Atem weg. Also wenn er eben nicht war, dann war jetzt der Zeitpunkt um panisch zu werden! Vor mir lag ein Abhang, dem ich eigentlich ungern zu nahekommen würde. „Lynn, bremsen!“, schrie Jungkook. Bremsen? Das ging mit diesen Dingern auch? Warum hatte das niemand vorher erwähnt…das gehörte doch zur ersten Lektion oder nicht? Mit Angst in den Augen sah ich nach Hinten. Fünf Jungs tobten mir hinterher, während Taehyung in die komplett andere Richtung fuhr und immer noch dem Schmetterling folgte. Kurz glitt mir ein Lächeln über die Lippen, bevor ich merkte, dass sich mein Tempo beschleunigte.

    Ich wurde immer schneller. Auf einmal trat eine Person in mein Blickfeld. Ein Junge lief in meine Richtung, schaute jedoch auf den Boden. „Yoongiiiiiii!“, schrie Hoseok. Erschrocken sah dieser auf. „Stopp Lynn! Halt sie fest! Mach was!“ Erst jetzt schien Yoongi mich zu bemerken wie ich auf ihn zugerast kam. Er riss die Augen auf. Ich war viel zu schnell…wie sollte er mich stoppen? Dennoch wollte ich keine Bekanntschaft mit dem Boden machen. Yoongi hob seine Arme, als würde er mich auffangen wollen. Dennoch sahen seine Augen mich ängstlich an. Kurz bevor ich ihn erreichte, formte er Worte mit seinen Lippen. Häh? Was tat ihm leid? Im nächsten Moment wich er zur Seite aus. Whaaaat! Meine Inliner trafen auf Rasen und stellten ihren Dienst ein. Durch den abrupten Stopp wurde ich nach vorn gerissen und versuchte noch die Füße nachzuziehen, doch ich kam nicht weit. Eine Parkbank meinte sich mir in den Weg zu stellen und schon machte ich einen großen Satz darüber und landete mit einem lauten Aufprall im Gebüsch dahinter.

    29
    „Shit! Lynn!“, hörte ich von weiten eine Stimme. „Verdammt Yoongi, du Flachpfeife!“ Noch eine Stimme. „Lynn, geht’s dir gut? Bist du verletzt?“ Die Stimmen kamen näher. Verletzt? Gute Frage…vorsichtig versuchte ich mit den Zehen zu wackeln. Funktioniert. Fingerspitzen? Jap. Ich wartete einige Sekunden, verspürte aber keinen Schmerz. Scheint nirgendwo was gebrochen zu sein. Mmh? Was stinkt hier so? Ich drehte meinen Kopf und keine 10 Centimeter von meinem Gesicht tat sich ein großes Hundehäufchen auf. Iiiiiiiiiiiiih! Oha, zum Glück bin ich da nicht reingeplumpst. Ich stellte mir Monas Gesicht vor, wenn ich ihr sagen würde, ich war mit BTS Inliner fahren und habe mich vor ihnen in Hunde-Ah-ah gewälzt. Sie würde sich totlachen! Bei der Vorstellung über diese Blamage musste ich anfangen zu lachen. Immer noch am Boden liegend, tauchten sieben Köpfe in meinem Blickfeld auf. „Lynn, tut dir was weh? Sollen wir einen Krankenwagen rufen?“ Es war zu spät. Es war einfach zu lange her, dass ich mal richtig gelacht hatte. Einmal angefangen konnte ich jetzt nicht mehr aufhören. Auf die Frage konnte ich nur mit dem Kopf schütteln, weil ich zu heftig lachte, um was zu sagen. „Jo, definitiv Taehyungs Cousine.“, meinte Suga und erntete einen Klapps am Kopf von Hoseok. „Apropos Taehyung“, meldete sich Jungkook, „wieso zum Kuckuck warst du nicht an deinem Platz?“ Taehyung schaute verwirrt zu ihm. „Na, da war dieser Schmetterling und er war so hübsch und ich wollte ihn als Haustier behalten.“ Damit gab er mir den Rest. Gerade dabei wieder runterzukommen, musste ich hysterisch anfangen zu lachen. „Wow, Jin, sie macht dir Konkurrenz…“, grinste Jimin. „Vielleicht hat sie sich doch irgendwo den Kopf gestoßen…“, meinte Namjoon besorgt. Gott, war mir das peinlich! Aber ich konnte einfach nicht aufhören zu lachen.

    „Du hast da ein paar Zweige und Blätter im Haar…warte…“, Hoseok beugte sich über mich und fing an diese aus meinen Haaren zu ziehen. Ich verstummte schlagartig. S-sein Gesicht war so verdammt nah! Meine Kopfhaut kribbelte an den Stellen, wo er Blätter aus meinen Haaren zog. Da er mein komplettes Gesichtsfeld markierte, starrte ich ihn an. Unsere Augen trafen sich. „Beruhigt?“, fragte er. Was? „Äh…j-ja.“ „Hey Hoseok, kannst du vielleicht mal von meiner Cousine weggehen, sodass sie aufstehen kann?“, maulte Taehyung. Hoseok richtete sich auf und hielt mir die Hand hin. „Kannst du aufstehen?“ Ich nahm seine Hand und ließ mich von ihm hochziehen. Er war ein Stück größer als ich und ich musste hochschauen, um in seine warmen, strahlenden Augen gucken zu können. „Lynn, du blutest ja!“ Was? Ich zog meine Hand zurück, die bis eben noch in Hoseoks verweilt hatte. Jin kniete vor mir und begutachtete mein Knie. Meine Hose war zerrissen und Blut trat aus einer Wunde an meinem Knie. Das sah aber gar nicht lecker aus. Ich verzog das Gesicht. „Tuts doll weh?“, wollte Jin wissen. „Nein nur ein wenig…hatte es bis eben nicht einmal bemerkt gehabt.“, gab ich zu. „Ich denke, das reicht für heute mit dem Inliner fahren.“, meinte Namjoon und die anderen stimmten zu. „Dein Knie sollte definitiv desinfiziert und versorgt werden.“, sagte Jin, „Ich wohne in der Nähe, dort habe ich einen kleinen Verbandskasten mit allen nötigen Utensilien…“ Hoseok nickte. „Gute Idee, bevor es sich noch entzündet.“ Jungkook kniete sich vor mich. „Na los, steig auf. Wir können dich doch nicht den ganzen Weg gehen lassen.“ Waaaas? „Ach das geht schon…“, wollte ich erwidern, doch alle schauten skeptisch. Da bleibt mir wohl nichts übrig. „Moment! Ich kann sie doch auch tragen!“, protestierte Taehyung. „Aber ich bin stärker als du.“, konterte Jungkook. Taehyung sah gar nicht zufrieden aus. „Dann wechseln wir uns halt ab. Erst du, dann ich…“ Jungkook seufzte. „Nichs da! Immerhin bist du schuld, dass Lynn sich verletzt hat.“ Damit war die Sache entschieden. Ich kletterte auf Jungkooks Rücken und hielt mich so vorsichtig wie möglich an seine Schultern fest. Ich spürte wieder wie die Röte mir ins Gesicht schoss und hoffte nur, dass Jin wirklich gleich in der Nähe wohnte. „Und los geht’s!“ Jungkook setzte sich in Bewegung und der Rest folgte. „Wenigstens muss ich jetzt keinen Sport mehr machen…“, kam es leise von Yoongi. Ich musste grinsen.

    30
    Wir gingen jetzt seit etwa fünf Minuten und ich versuchte krampfhaft die Umgebung zu betrachten. Ein Haus und noch ein Haus und noch eins. Aah! Das funktionierte nicht. Erneut wehte ein leichter Wind und Jungkooks Geruch stieg mir in die Nase. Was benutzte er wohl für ein Shampoo? Oh man…ablenken…ich musste mich irgendwie ablenken. Ich hoffte schon inständig, dass er nicht merkte wie ich leicht zitterte. „Lynn, alles klar da oben?“, kam auch schon seine Frage. Bam! Sieben Augenpaare richteten sich auf mich. „J-ja, alles gut.“, stammele ich. „Also, wenn dir Kookie zu unbequem wird, sag Bescheid, dann übernehme ich.“, grinste Taehyung. Es war aber alles andere als unbequem, deshalb lagen meine Nerven ja blank! „Wir sind da.“, vernahm ich Jins Stimme. Puh! Jungkook ließ mich vorsichtig runter. „Ähm…wir müssten jedoch noch in den dritten Stock und hier gibt es leider keinen Fahrstuhl…“ Taehyung grinste. „Jetzt bin ich dran!“ Schon kniete er sich vor mich hin. Was? Wollte er mich ernsthaft in den dritten Stock tragen? „Meinst du nicht, dass wird zu anstrengend?“, fragte ich vorsichtig und wünschte schon, ich hätte in den letzten Tagen nicht so viel gegessen. „Mmh…auf dem Rücken wird das wahrscheinlich schwierig, aber so…“ Er legte einen Arm um meine Taille und fasste mit dem anderen um meine Kniekehle. Schon lag ich wie eine Prinzessin in seinen Armen. Ich schaute ihn geschockt an. „Schon besser!“, strahlte Taehyung, „Los geht’s!“ Während Taehyung die Treppe hochstapfte, blickte ich über seine Schulter nach hinten. Böser Fehler! Ich traf Jins Blick, der mir lächelnd zuzwinkerte. Schnell drehte ich mich wieder um. Moment! Benutzte Taehyung dasselbe Shampoo wie Jungkook? Wah! Ich sollte dringend hiermit aufhören. Zum Glück hatten wir bereits das dritte Obergeschoss erreicht.

    Wie selbstverständlich tapsten alle ins Wohnzimmer. Taehyung platzierte mich auf dem großen Sofa und setzte sich neben mich. Auf der anderen Seite befand sich Hoseok und daneben Jimin. Den Zweisitzer teilten sich Junglkook und Namjoon. Yoongi saß auf einem Sessel gegenüber von mir. Jin kam nun mit einem Köfferchen in der Hand ebenfalls ins Wohnzimmer. Er holte das Desinfektionsspray heraus, kniete sich vor mich und hielt dann inne. „Sie sollte die Hose ausziehen.“, sprach Yoongi aus, was alle dachten. Ich spürte Hitze in mein Gesicht steigen und wusste nicht wo ich hinschauen sollte. „Man, Yoongi! Sag das doch nicht so einfach!“, entgegnete Taehyung. „Aber irgendwie hat er recht. Die Wunde lässt sich besser versorgen, wenn die Hose nicht stört.“, ergänzte Jin. „Du könntest eine Jogginghose von mir anziehen und dann das eine Hosenbein hochkrempeln, wenn es dir nichts ausmacht.“, fügte er hinzu und wurde ebenfalls ein wenig rot. Oh man, war das peinlich, aber ich nickte. Er holte eine rosa Hose, die mich grinsen ließ. „Verdammt Jin, warum besitzt du sowas überhaupt?“ Jungkook konnte sich sein Lachen nicht verkneifen. Jin verdrehte nur die Augen und half mir dann hoch. „Hier ist das Badezimmer…zieh dich in Ruhe um, okay?“ Ich nickte und er verschwand wieder im Wohnzimmer.

    Ich stand im Bad vor einem großen Spiegel und betrachtete mein Ebenbild. Die Hose war viel zu lang, also musste ich sie auch am unverletzten Bein ein wenig hochkrempeln. Das andere Hosenbein endete schon auf meinem Oberschenkel, damit die Wunde freigelegt war. Zum Glück hatte ich heute Morgen eine Beine rasiert, schoss es mir durch den Kopf. Nachdem ich erneut mein Aussehen prüfte, fiel mir auf, dass ich ja gar nicht mehr mein Cappy auf hatte. Oh nein! Hatte ich es im Park verloren als ich hingefallen war? Mist, da würde ich nachher noch einmal zurückmüssen. Ich seufzte kurz und ging dann wieder zum Wohnzimmer. Mein Anblick brachte alle zum Grinsen. „Was so schlimm?“, fragte ich und starrte auf die rosa Hose. „Naja, steht dir jedenfalls besser als Jin.“, scherzte Yoongi.

    31
    „Hey, Yoongi, noch so ein dummer Kommentar und du kriegst nichts zu essen!“, drohte Jin. Jungkooks Augen weiteten sich. „Hat jemand essen gesagt? Was gibt’s denn? Und wie viel gibt’s denn?“ Jin grinste. „Naja eine Portion ist ja jetzt über…“ Ich hätte Yoongi ein so schnelles Aufspringen echt nicht zugetraut. Schon stand er neben Jin. „Hyung…du weißt doch, ich meine sowas nicht ernst. Wir sind doch alle eine große glückliche Familie…“ Er setzte ein Lächeln auf und blinzelte Jin ein paar Mal an. Namjoon und Hoseok grinsten belustigt bei Yoongis Schauspielkünsten. Jin verdrehte die Augen. „Womit habe ich nur so eine Familie verdient?“ Ich hatte mich derweil wieder zwischen Taehyung und Hoseok aufs Sofa gequetscht. Jin wollte gerade das Desinfektionsspray greifen, da kam ihm Jungkook zuvor. „Ich mach das schon. Dann kannst du schon mal das Essen fertig machen…“ Auf dem Weg zur Küche war ein leises Von wegen Familie…ich fühl mich eher wie ein Angestellter in dem Laden hier! zu hören. Ein bisschen tat er mir ja schon leid. Aber ihn knuddeln und sagen Keine Sorge, deine Fans lieben dich für die Person, die du bist ging auch nicht.

    Jungkook saß mittlerweile im Schneidersitz auf dem Boden und begutachtete das Etikett der kleinen Flasche. „Äh…und wie benutzt man sowas?“ Alle sahen ihn an, bis Jimin seufzte. „Mensch Kookie, du solltest deine Hilfe nicht anbieten, wenn du nicht mal weißt, was zu tun ist. Gib schon her.“ Jimin nahm ihm das Desinfektionsspray ab und kniete sich vor mich. „Das könnte ein wenig brennen…“, entschuldigte er sich mit einem sanften Lächeln schon im Voraus. Ich nickte kurz. Okay…ganz ruhig blieben…wird schon nicht so schlimm sein…und ist auch nur kurz. Ich versuchte normal zu atmen und meine Anspannung nicht zu zeigen. Doch als die ersten Tropfen mein Knie erreichten, rutschte mir ein leises Wimmern raus. Ich biss die Zähne zusammen. „Tut mir leid…nur noch ein wenig.“ Er drückte noch einmal auf das Spray und erneut brannte es wie Hölle. Ich verzog das Gesicht ein wenig und drehte meinen Kopf nach rechts. Blöder Fehler. Hoseok starrte mich an und ich spürte seinen Atem im Gesicht. Schnell drehte ich einen Kopf wieder weg. Bloß saß ja links von mir Taehyung, der fragend eine Augenbraue hochzog. Wuah! Zu nah! Da ich meinen Kopf nicht um 180° drehen konnte, schaute ich wieder nach vorn, wo Jimin gerade aufstand und mir ein Fertig. ins Gesicht hauchte. Das gab mir den Rest. Ich konnte mir vorstellen, wie tiefrot mein Gesicht sein musste, denn Yoongi grinste mich schelmisch an. Wie peinlich. Ich versteckte mein Gesicht in den Händen. „Lynn? Tut es so doll weh?“, fragte Jimin besorgt und ich spürte seine Hand sanft auf meinem unversehrten Knie. Ich schüttelte den Kopf, die Hände immer noch davorhaltend. Ich konnte Yoongi kichern hören. „Da ist es wohl jemand nicht gewohnt mit so vielen, wenn ich bemerken darf, echt gutaussehenden, Jungs in einem Raum zu seinen…“ Ahhh! Er hatte eine genauso große Klappe wie Mona, die beiden würden echt ein teuflisches Duo abgeben!

    Im ersten Moment sagte keiner etwas, dann spürte ich wie Jimin seine Hand langsam zurückzog. Jemand räusperte sich. Ob man wohl stirbt, wenn man aus dem Fenster des dritten Stockes sprang? Diese Situation war so unglaublich peinlich. Ich hörte ein dumpfes Geräusch. „Yoongi, du unsensibler Felsbrock!“ Ich lugte vorsichtig zwischen meinen Fingern hindurch. Jimin stand neben Yoongis Sessel, welcher sich den Hinterkopf hielt. „Aua! Warum schlagen mich heute alle!“ „Weil du heute wieder nicht zu ertragen bist!“, beantwortete Jimin seine Frage. „Pff, das habt ihr nun davon, wenn man mich nicht in Ruhe ausschlafen lässt!“, maulte dieser. Ich spürte eine Hand auf meinem Kopf und blickte auf. „Keine Sorge Lynn, ich beschütze dich vor den sechs hungrigen Wölfen!“ Taehyung wuschelte mir die Haare und grinste stolz. „Ich passe genau auf, wer meine Cousine daten darf und wer nicht!“ Wieso denn schon wieder dieses verdammte Thema! Jetzt legte sich von hinten ein Arm um meine Schultern. Hoseok zog mich von Taehyung zurück. „Du weißt schon das Lynn keins deiner Spielzeuge ist oder? Sie hat einen freien Willen und darf lieben, wen sie will!“ Taehyung schien das gar nicht zu gefallen. „Jaja, kein Kuscheltier und kein Spielzeug, trotzdem ist sie MEINE Cousine und nicht eure!“ „Was heißt, dass wir sie daten können und du nicht…“, kam es aus Richtung Sessel. Das hatte Yoongi jetzt nicht wirklich gesagt! Alle fingen an zu grinsen…mal abgesehen von Taehyung und mir.

    32
    In diesem Moment kam Jin ins Wohnzimmer getrottet und blieb verwirrt stehen. „Habe ich was verpasst? Warum grinsen denn alle wie dämlich?“ Yoongi erhob sich und schlenderte zu ihm. „Ach, wir haben nur ein paar Besitzansprüche geklärt…“, sagte er mit einem neckischen Grinsen Richtung Taehyung. Dieser war jedoch gerade damit beschäftigt, Hoseoks Arm von meiner Schulter zu entfernen. Er fasste mich bei der Hand und zog mich vorsichtig hinter sich her. „Jin, du hast das Essen fertig oder?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat er die Küche und wies mich an, auf einen der Stühle Platz zu nehmen. „Willst du was trinken?“, fragte er freundlich. „Gern.“, antwortete ich. „Wir hätten Orangensaft, Cola oder Wasser…?“ Die Tür schwang auf und Jin kam herein. „ICH hätte und nicht WIR hätten, bitteschön! Und ihr solltet echt aufhören, euch immer, wenn ihr hier seid einfach so im Kühlschrank zu bedienen! Danach ist er nämlich jedes Mal leer!“, beklagte er sich. „Lynn, für dich gilt das natürlich nicht. Was darf ich dir bringen?“, er zwinkerte mir zu. „Ähm…Orangensaft?“ Jetzt folgten auch die anderen in die Küche und platzierten sich auf Stühlen. Ehe ich mich versah, saßen auch schon Hoseok und Jimin neben mir. Taehyung, der gerade den Orangensaft aus dem Kühlschrank genommen hatte, warf den beiden einen bösen Blick zu. „Ach komm schon Tae! Wir tun ihr doch nichts, wir scherzen doch nur ein bisschen rum. Oder hältst du uns für so sexy Playboys, dass du Angst hast, wir verführen deine süße Cousine?“, fragte Yoongi und posierte im Sitzen. Hatte er mich gerade süß genannt? „Pff, ich bezweifle, dass sie auch nur an einem von euch interessiert ist! Also besteht keine Gefahr…“, entgegnete Taehyung. Ach echt? Keine Gefahr? Ich fand ja ehr, dass wir kurz vor Alarmstufe Rot waren!

    „Stimmts Lynn, keiner dieser Idioten ist als dein fester Freund geeignet oder? Du würdest keinen von ihnen daten wollen, richtig?“, Taehyung guckte mich erwartungsvoll an. Moment! Er wollte doch jetzt nicht wirklich eine Antwort auf die Frage oder? Jetzt blickten auch die anderen Sechs zu mir. Heilige Kacke! Ich hätte einfach am ersten Abend sagen sollen, dass ich einen Freund in Deutschland habe…dann hätte diese Konversation nie stattgefunden! Aber jetzt steckte ich in diesem Schlamassel und wusste nicht, was ich sagen sollte. „…n-nein.“, gab ich leise von mir. Nie im Leben war jetzt und hier der Zeitpunkt, um zu erwähnen, dass ich nichts dagegen hätte, einen dieser gutaussehenden Jungs zu daten! „Mmh…interessant.“, grinste Yoongi, „Das war aber eine lange Überlegungspause…bist du dir sicher, dass dich keiner von uns anspricht?“, hakte er nach. Verdammt noch einmal…er hatte mich durchschaut und erneut schwieg ich. Nicht gut…gar nicht gut. Ich war Taehyungs Cousine…ich konnte doch jetzt nicht was mit einem seiner Freunde anfangen! Noch dazu waren es ja nicht irgendwelche Freunde, sondern BTS und ich bekam schon Gänsehaut bei dem Gedanken, ein BTS-Mitgleid zu daten. Aber niemals könnte und würde ich das freiwillig zugeben! Doch bevor ich eine aussagekräftige Antwort geben konnte, zog Jungkook die Augenbrauen hoch. „Wer ist es? Wen von uns findest du am besten? Wenn du nicht antwortest, rate ich…also vielleicht Jin? Immerhin war er der rettende Prinz, der dich aufgefangen hat…“ Naja, eigentlich bin ich volle Kanne auf ihn drauf gekracht, aber wer achtet schon auf Details? „Auf keinen Fall!“, wandte Taehyung ein. „Jin ist viel zu alt für Lynn, immerhin ist sie zehn Jahre jünger!“ Jin starrte Tae entrüstet an. „Wen nennst du hier alt? Ich bin siebenundzwanzig und nicht achtundfünfzig!“ Jimin hatte auch Gefallen an der Unterhaltung gefunden. „Wenn es um Liebe geht, ist doch der Altersunterschied nicht entscheidend und zehn Jahre sind jetzt auch nicht so viel. Außerdem ist Jin eh noch ein halbes Kind.“ Wuah, wenn ich jetzt nichts machte, fingen sie demnächst noch an die Hochzeit zu planen! „Ich habe nie gesagt, dass ich Jin mag…“, rutschte es mir raus. „Du magst mich nicht?“ Jin sah ein wenig traurig aus und ich wurde unruhig. „Doch, aber nein…also…“ Natürlich mochte ich ihn, ich meine Hallo!, er ist mein absoluter BIAS! Ich war heillos überfordert. „Okay, wenn es nicht Jin ist, wer dann? Vielleicht Namjoon? Oder Hoseok? Oder doch eher die Maknae-Line? Jimin?“ Jungkook ließ nicht locker. „Oder stehst du auf Kookie?“, grinste Hoseok.



    33
    Ich wartete darauf, dass irgendein Handy klingelte und mich aus dieser Lage herausmanövrieren würde, aber leider passierte nichts. Na gut, die Situation würde auch nicht besser werden, wenn GoGo auf einmal als mein Klingelton losgehe. Oh…das ist die Idee! „Taehyung meinte, ihr seid eine Gruppe und nennt euch Bangtan Sonyeondan? Was macht ihr denn so?“ Offensichtlicher konnte ich nun wirklich nicht vom Thema ablenken, aber solange es funktionierte, sollte mir es recht sein. „Hey! Es ist unfair Fragen mit Gegenfragen zu beantworten…“, schmollte Jungkook. „Ich wüsste auch gern die Antwort auf unsere Frage…“, ergänzte Jimin zaghaft. Irgh! Die Wahrheit war eigentlich, dass ich selbst noch nicht wusste, was ich von ihnen halten sollte. Ja klar, es handelte sich hier um BTS, aber als Personen kannte ich sie jetzt gerademal ein paar Stunden. Wer wusste schon, wie sie privat sind? Ob wohl jemand von ihnen im wahren Leben eine Freundin hatte? Solche Fragen stellte ich mir, wobei ich nicht eifersüchtig wäre. Mich interessierte, ob sie glücklich waren, ob sie sich oft stritten und ob es ein absolutes No-Go war, ARMYs zu daten. Und selbst, wenn es so wäre, musste ich mich selbst fragen, ob ich BTS als Musikgruppe verehrte oder ob ich mehr als nur Fan-Gefühle für einen von ihnen haben könnte. Und was, wenn ich mich wirklich verlieben würde, aber meine Gefühle nicht erwidert werden? Könnte ich dann noch als Taehyungs Cousine, einfach hier so mit ihnen sitzen? Oder würde ich jedes Mal, wenn ich einen Song von ihnen höre, an die eine Person denken und traurig sein? Das wollte ich nicht!

    Ich holte tief Luft. „Okay. Da ihr nicht locker lasst, sag ich euch halt, was ich denke!“ Zwar nicht alles, aber naja. „Ich finde euch alle sehr nett, aber ich kenne euch ja auch noch nicht lange genug, um mir ein klares Bild machen zu können. Daher habe ich keine romantischen Gefühle für irgendjemanden von euch. Zudem habt ihr richtig festgestellt, dass ich kein Spielzeug bin, also wäre es freundlich, wenn ihr aufhört mich aufzuziehen, nur weil ihr Taehyung ärgern wollt! Zusätzlich mag ich es nicht im Mittelpunkt zu stehen, weil mir das peinlich ist und wenn ihr mich alle so anstarrt, dann krieg ich Fluchtgedanken wie Mona, wenn sie eine Spinne sieht. So, da meine Emotionen jetzt geklärt sind…wie siehts denn bei euch aus? Ihr wollt mir ja jetzt nicht erzählen, dass niemand von euch eine Freundin besitzt oder?“ Mein Herz raste in meiner Brust. Hatte ich gerade wirklich meine komplette Meinung gegeigt? Und noch dazu den Dreist gehabt zu fragen, ob sie noch Single sind? Alle starrten mich an! Taehyung, Jungkook, Jin und Hoseok waren die Kinnladen runtergeklappt und Jimin und Namjoon verkniffen sich ein Lachen. „Ich hätte da eine Frage…wer ist Mona?“, kam es von Suga, der mich, als wäre nichts passiert, anschaute. Ich verschränkte die Arme. „Hey! Es ist unfair Fragen mit Gegenfragen zu beantworten…“, griff ich Jungkooks Redewendung auf. Jetzt grinste Yoongi. „Wo sie recht hat, hat sie recht. Was mich angeht…nein, ich habe keine Freundin…wäre viel zu aufwendig.“ Er schaute zu den anderen. „Na, was ist? Sie hat unsere Fragen beantwortet, ohne mit den Wimpern zu zucken, also gebt ihr jetzt auch eine ordnungsgemäße Antwort, die hat sie sich verdient, ne?“

    „Ich habe keine…“, sagte Jimin leise und schaute zur Seite. Es herrschte kurz Stille bis Namjoon sich räusperte. „Also alle Karten auf den Tisch? Ich bin vergeben.“ Er lächelte zaghaft. Ich fühlte mich wie bei einem Verhör, nur war ich jetzt nicht mehr diejenige, die antworten musste. Taehyung hatte sein Grinsen wiedergefunden und schlug Jungkook auf den Rücken. „Also ich bin single, aber unser Kookie hier trifft seit kurzen ein Mädchen…“ Jungkook wurde leicht rot. „H-Hobi ist auch verliebt!“, stammelte er als eine Art Verteidigung. Blieb noch Jin. Ich schaute ihn fragend an. Er fuchtelte verlegen mit den Händen vor sich rum. „Nein, ich habe keine Freundin.“ Ich sah in die Runde…bis auf Taehyung blickten alle verlegen zur Seite. Ich fühlte mich ein wenig überlegen. Jap, genauso ging es mir bis eben. Jetzt, wo sich die Karten gewendet hatten, fühlte ich mich wieder wohler, nicht mehr so im Zentrum zu stehen. Ich seufzte zufrieden. „Gut, da das jetzt geklärt ist…Können wir endlich essen? Ich bin nämlich am Verhungern!“ Yoongi lachte. „Taehyung, du hattest recht. Sie hat echt Temperament. Wir sollten uns lieber vorsehen, mit wem wir uns anlegen.“ Taehyung legte einen Arm um meine Schultern und zog mich zu sich. „Sie ist einfach toll oder?“

    34
    „Wooow! Wie viel kann eine so kleine Person denn bitte essen!“, staunte Jungkook als ich mir zum dritten Mal Nachschlag holte. Ich grinste. „Das nehme ich jetzt einfach als Kompliment. Außerdem ist das Essen so verdammt lecker, dass man gar nicht anders kann als mehr zu essen! Das schmeckt echt super Jin!“ Und wer weiß, wann ich das nächste Mal in den Genuss käme zu essen, was mein Bias gekocht hatte! „Endlich mal jemand, der meine Kochkünste zu schätzen weiß.“, triumphierte dieser. „Tun wir das etwa nicht?“, fragte Jungkook schockiert. Jin verschränkte die Arme. „Nein! Das einzige, was ihr macht, ist alles in euch reinzustopfen und wenn ich euch frage, ob es lecker ist, dann kommt ein Ist ganz okay!“ Yoongi seufzte. „Ist doch dasselbe…“, schmatzte er. Jin war am Verzweifeln. „NEIN ist es nicht! Nie werde ich von euch mit Respekt behandelt, obwohl ihr alle jünger seid als ich.“ Ich lauschte der Debatte gespannt. „So schlimm kann es doch nicht sein…“, setzte ich an. Jin schaute mir direkt in die Augen. „Ich wohne die meiste Zeit mit diesen Menschen zusammen…glaub mir, ich übertreibe nicht. Einer schläft nur, der andere spielt nur Videospiele, einer macht ständig was kaputt, einer wackelt mit dem Popo zu Mädchentänzen, einer singt ständig Justin Bieber Songs und einer trainiert immer für seine Bauchmuskeln! Die komplette Villa sieht aus wie ein Schweinestall und ich darf jedem dieser Kids hinterherräumen! Du würdest keinen Tag mit denen aushalten.“ Ich kicherte, während der Rest beleidigt aussah. „Ich denke das wäre kein Problem…habe auch so meine Erfahrungen. Die Beschreibungen passen perfekt auf meine Freundin zu, mal abgesehen, dass sie nicht an ihren Bauchmuskeln trainiert und sie nicht Justin Bieber hört, sondern B---ackstreet Boys.“, beendete ich den Satz. Verzeih mir Mona! Fast hätte ich mich verplappert, aber meine Wahl war nicht sehr…naja, warum habe ich nicht wenigstens Beyoncé gesagt! Egal zu spät ist zu spät.

    „Ah, redest du von dieser Mona…? Du hattest den Namen ja mal kurz erwähnt vorhin.“, fragte Yoongi. „Ja genau. Ich kenne sie seit zwei Jahren, aber sie ist meine beste Freundin.“, erzählte ich ihnen. „Wohnt sie auch hier in Südkorea?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht. Sie lebt in Deutschland und arbeitet als Angestellte im Haus meines Vaters…“ Ich verstummte bei der Erwähnung meines Vaters. Sehnsucht und Wut mischten sich in meinem Herzen. Ich wollte nicht an ihn denken. „Im Haus deines Vaters? Ist deine Familie reich? Hast du etwa in einer riesen Villa mit Pool und so gewohnt?“, fragte Jimin aufgeregt. Ich nickte nur leicht. „Woah! Muss ja cool gewesen sein! Vermisst du dein altes Zuhause nicht?“ Irgh! Der Kloß in meinem Hals schwoll weiter an. „N-nicht wirklich…“, stotterte ich. „Häh, wieso?“, fragte Hoseok verblüfft. „Muss doch hart gewesen sein von einem Tag auf den anderen in ein fremdes Land zu ziehen…und zudem noch die Scheidung deiner Eltern und die neue Familie. Fandst du das nicht schlimm?“ Ich war kurz davor wie ein Kleinkind zu heulen! Ich atmete langsam ein und aus. „Natürlich war ich nicht gerade aus dem Häuschen und habe Luftsprünge gemacht!“, fing ich an, „Ich war verwirrt…Meine Mutter, die auf einmal an meiner Schule auftaucht und eröffnet, dass wir umziehen. Sie sich noch dazu scheiden lassen will. Nie hätte ich ihr zugetraut, neben meinen Vater einen anderen Lover zu haben oder mein Vater, der meine Mutter ebenfalls betrogen hat…toll fand ich das sicher nicht. Und dann sollte ich auch noch bei der Affäre meiner Mutter unterkommen? Da war ja wohl alles vorbei! Seit Jahren zählte für beide doch nur, dass ich Klassenbeste bin…, dass ich an der Schule keine Freunde hatte und auch sonst niemanden zum Reden, hatte sie nie interessiert.“ Ich biss die Zähne zusammen. „Ich schwor mir wirklich, dass ich diesen neuen Typen und seinen Sohn nie anerkennen würde. Und dann stand ich vor ihnen, aber anstatt Hass empfand ich Sympathie! Ich habe noch nie so tolle Menschen kennengelernt. Sie sind freundlich und seit langem schenkt mir jemand Beachtung und nicht nur weil ich einen Geigen-Wettbewerb gewonnen habe! Sie vermitteln mir wirklich das Gefühl einer Familie, was ich so vermisst hatte, aber…sie sind nicht MEINE Familie! Ich erinnere mich an Tage, wo mein Vater mir das Fahrradfahren beibrachte und meine Mutter meine Haare geflochten hat und…ich kann doch meine alte Familie nicht für eine neue wegschmeißen! Ich hatte mir wirklich gewünscht, dass meine Eltern wieder glücklich werden und wir wieder eine richtige Familie seien würden, aber das wird nie mehr passieren!“ Mir kullerten dicke Tränen die Wangen hinab und ich schniefte nach Luft schnappend vor mich hin. Ich musste hier raus! Ich sprang auf, schnappte mir meinen Rucksack und stürmte aus Jins Wohnung ohne mich noch einmal umzudrehen.

    35
    Aaaaah! Verdammt noch einmal! Nein, nein, nein! Was habe ich nur gerade getan? Diese ganzen Gefühle, die ich seit Tagen zu verbergen suchte, mussten einfach raus, aber warum denn so und warum vor BTS. Ich sah noch deutlich ihre geschockten, traurigen und sogar emotionslosen Gesichter vor mir. Am meisten schmerzte mein Herz, wenn ich an Taehyung dachte. Ich wusste zwar nicht, was er in diesem Moment dachte, aber ich habe ihn noch nie so ein Gesicht machen sehen. Sein Lächeln war nach und nach in sich zusammengefallen und seine Augen hatten ihren Glanz verloren. Sofort waren die Schuldgefühle hochgekommen und ich konnte ihre versteinerten Blicke nicht ertragen. Ich saß wieder in dem Park, wo ich heute Vormittag noch mit BTS zusammen gelacht und Spaß gehabt hatte, doch jetzt hörten die Tränen nicht mehr auf zu laufen. Sie tropften auf die rosa Jogginghose. Oh, ich hatte ja immer noch Jins Hose an! Das machte meine emotionale Lage nur noch schlimmer. Sie waren alle so nett zu mir gewesen und was tat ich? Meinen ganzen Frust an ihnen auslassen, obwohl es gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Ich war echt das Letzte!

    Mein Handy vibrierte neben mir. Anruf Byung. Ich nahm nicht ab. Wahrscheinlich wäre mir meine Stimme versagt und ich wollte nicht, dass er sich Sorgen machte. Ich hatte es nicht verdient, dass sich jemand um mich sorgt, nachdem ich Taehyungs Familie abgewiesen hatte. Und was nun? Ich konnte schlecht die Nacht hier im Park verbringen. Es war zwar erst Nachmittag, aber ich musste mir überlegen, wie es weitergehen sollte. Ich konnte nicht zurück zu meinem neuen Zuhause und erst recht nicht zu Jins Wohnung. Ich könnte einfach ein Hotelzimmer nehmen…am Geld sollte es bei mir ja nicht scheitern. Ich lachte auf. Geld ist auch nicht die Lösung zu allen Problemen. Ich würde alles Geld der Welt für eine richtige Familie eintauschen, aber so funktionierte das nun mal nicht! Man konnte sich sein Leben nicht glücklich kaufen! Ich sah wie zwei kleine Kinder an den Händen ihrer Eltern in meine Richtung kamen. Ich sollte hier verschwinden, sonst ruiniere ich noch die Laune anderer. Ich ging den kleinen Kiesweg entlang und atmete die frische Frühlingsluft ein. Ich wünschte Mona wäre hier. Ich wollte, dass sie mich in den Arm nahm und sagte, dass alles wieder gut wird. Ich wollte, dass sie mich zum Lachen bringt, so wie sie es immer getan hatte, wenn ich mal deprimiert war. Aber sie war nicht hier. Ich war malwieder ganz allein.

    „Lyyyyyyynn!“ Ich schreckte aus meinen Gedanken auf. „Lynn, bist du hier irgendwo?“ Ich sah Namjoon und Jungkook in meine Richtung laufen. Aus einem Reflex heraus, versteckte ich mich hinter dem nächsten Gebüsch. Ich wollte nicht, dass sie mich so sahen. Erst jetzt bemerkte ich eine dritte Person. Taehyung lief den Kopf hängend hinter ihnen her. Mir kamen schon wieder die Tränen. Er musste mich jetzt sicher hassen, so wie ich ihn verletzt hatte. Im nächsten Moment kamen Jin und Jimin aus einer anderen Richtung zu ihnen gelaufen. „Habt ihr sie gesehen?“, fragte Namjoon. Sie schüttelten den Kopf. Verdammt, warum suchten sie nach mir! Ich wollte nicht gefunden werden. Ich wusste nicht, wie ich ihnen unter die Augen treten sollte. Aber was, wenn sie dann die nächsten Stunden mit dem Versuch verbringen mich zu finden? Ich holte mein Handy raus. Die einzige Nummer, die ich kontaktieren konnte war Taehyungs…verdammt. Er hatte mich nicht einmal versucht anzurufen. Bitte hört auf nach mir zu suchen. Ich kann euch nicht mehr in die Augen sehen, nachdem was passiert ist. Tut mir leid und ich kann verstehen, wenn du mich jetzt hasst Taehyung…. Bevor ich es mir anders überlegte, drückte ich auf senden. Ich sah wie Taehyung sein Handy aus der Hosentasche zog und es einige Sekunden anstarrte. Er fing an etwas einzutippen und ich bekam ein mulmiges Gefühl. Ich erschrak als mein Handy erneut vibrierte. Eine Nachricht von Taehyung. Meine Hände zitterten als ich die Nachricht öffnete. Vergiss es! Ich muss mit dir reden. Sofort! Wenigstens weiß ich jetzt, dass du ganz in der Nähe sein musst…ich finde dich so oder so!. Er war wütend oder? Ich blickte auf. Taehyung schien den anderen Bescheid zu geben. Oh Gott! Sie kommen in meine Richtung! Ich machte mich noch kleiner. Doch als nichts passierte, schaute ich wieder auf. Sie waren abgebogen und entfernten sich mit dem Rücken zu mir. Puh! Glück gehabt…aber ich kann ihnen nicht ewig aus dem Weg gehen. Ich erhob mich und wollte den Park in der entgegengesetzten Laufrichtung verlassen als… „Hab dich!“ Jemand umfasste meinen Arm und ich drehte mich erschrocken um.

    36
    Zuerst dachte ich Taehyung hatte mich entdeckt und ich wurde panisch. Doch die Stimme gehörte nicht Taehyung… „H-Hoseok!“ Ich starrte ihn einfach an. Was sollte ich sagen? Oder sollte ich versuchen wegzulaufen? Aber ich würde wohl kaum schneller sein und eine schlimmere Knieverletzung herauf zu beschwören, wäre auch nicht so angenehm. Unschlüssig stand ich vor ihm. Im nächsten Moment schnipste er mir gegen die Stirn. „Aua.“ Erstaunt sah ich ihn an. Seine ernste Miene ließ mich jedoch sofort verstummen. „Was fällt dir ein einfach so abzuhauen?“ Ich schaute erneut den Boden an. Hoseok seufzte. „Ich geb jetzt erstmal Taehyung Bescheid, dass ich dich gefunden habe und du nicht von einem Auto um gemäht wurdest…!“ Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte Taehyungs Nummer. Ich wurde panisch. Wie sollte ich denn Taehyung und den anderen vor die Augen treten? Alle würden mich anstarren und nur der Gedanke weckte meinen Fluchtinstinkt. Sofort schoss meine Hand nach vorn und ich schlug Hoseoks Handy, welches er sich an das Ohr hielt nach oben und fing es kurzerhand wieder auf. Schnell drückte ich den Beenden-Button. Gosh, ich hatte wirklich einmal zu oft Descandants Of The Sun geguckt…aber dieser Trick war echt Gold wert. Überrascht schaute er sein Handy an, welches sich nun in meiner Hand befand. „Was zum…! Gibt’s her!“ Er versuchte es sich zu schnappen, doch ich zog es weg und verbarg es hinter meinem Rücken. „Bitte sag Taehyung und den anderen nicht, wo ich bin.“, flehte ich leise. Hoseok verschränkte die Arme. „Und dann? Ich meine, uns kannst du ja aus dem Weg gehen…aber Taehyung ist dein Cousin! Zudem macht er sich große Vorwürfe, dass du ihn jetzt hasst.“ Häh! Ich IHN hassen! „Was? Er sollte doch derjenige sein, der MICH jetzt hasst! Immerhin habe ich seine Familie abgelehnt…“ Er schüttelte den Kopf. „Da kennst du Tae nicht. Immer, wenn er mit jemanden Streit hat, dann gibt er sich selbst die Schuld dafür und zerbricht sich den Kopf, was er falsch gemacht hat und wie er es wieder in Ordnung bringen kann. Also wenn du nicht willst, dass er in den nächsten Stunden ganz Seoul auf den Kopf stellt, um dich zu finden, dann rufst du ihn jetzt an oder gibst mir mein Handy, damit ich das machen kann.“ Ich schluckte schwer, gab ihm jedoch sein Handy zurück. Er lächelte mich vorsichtig an. „Das wird schon.“ Dann wählte er erneut eine Nummer und nach nur zwei Sekunden schien jemand abzunehmen. „Ja, Taehyung beruhig dich! Ja, verdammt, wenn du mich aussprechen lassen würdest, könnte ich dir sagen, dass ich Lynn gefunden habe und es ihr gut geht! Ja okay, mach ich. Wir sehen uns dann.“ Er legte auf. „Wir treffen uns mit den Anderen wieder in Jins Wohnung. Also dann…wollen wir?“ Als ich keine Anzeichen zu Laufen machte, nahm er meine Hand und zog mich mit sich.

    Ich wurde zunehmend nervös und mit jedem Schritt kam ich den Tränen näher. Dann vernahm ich ein Fiepsen. Mmh? „Hoseok? Hast du das auch gehört?“ Er schaute mich verwirrt an. „Was denn?“ Erneut war ein Geräusch zu hören und diesmal schien auch er es bemerkt zu haben. „Kommt das von dort?“, er deutete auf ein Gebüsch. Vorsichtig näherten wir uns der Stelle. Hinter dem Gebüsch stand ein Karton. Ich ließ Hoseoks Hand los und kniete mich hin. Im dem Karton lag eine Wolldecke und darauf saß nicht einer, nein, gleich drei kleine süße Racker, die mit ihren Kulleraugen zu uns hochschauten. „Oooooh sind die süüüüß!“, quietschte ich. Hoseok hob einen Zettel auf, der an dem Karton befestigt war. „Wer auch immer diese Hunde findet, bitte gebt ihnen ein neues Zuhause!“, las er vor. Ich schaute ihn an. „Sie wurden ausgesetzt?“ Er nickte. „Sieht so aus…“ Er kniete sich neben mich. „Was ist das für eine Rasse?“ „Australian Shepherds!“, antworte ich vergnügt und hob einen der Kleinen hoch. „Woher weißt du das?“, fragte mich Hoseok. „Ich lächelte den Welpen an. „Naja, ich wollte als ich kleiner war immer einen Hund haben und hab viel recherchiert. Aber meine Eltern wollten keinen Hund. Es wäre zu lästig sich um so ein stinkendes Wesen zu kümmern…meinten sie.“ Der Hund legte seinen Kopf schief und schaute mich fragend an. Ich lachte. „Nein, du stinkst nicht. Du bist soooo knuffig!“ Ich drückte ihn an mich und er schleckte meinen Hals an. Hoseok zog einen Mundwinkel hoch. „Und dabei ist es doch meine Aufgabe, andere wieder zum Lachen zu bringen!“ Ich hielt ihn den kleinen Hund entgegen. „Tut mir leid, aber gegen ihn hast du keine Chance!“ Demonstrativ bellte der Kleine einmal und hechelte dann vor sich hin. Jetzt mussten wir beide lachen. „Und was machen wir nun mit ihnen?“, fragte er irgendwann. Ich schaute ihn verwirrt an. „Ist das nicht offensichtlich? Wir nehmen sie mit!“

    37
    „Und wer kümmert sich dann um die Welpen?“, fragte mich Hoseok, der den Karton mit den drei Kleinen trug. „Ähm…das klärt sich schon noch. Aber sie dort sitzenzulassen wäre ja wohl keine Option gewesen!“ Ich schob meine Unterlippe vor. Hoseok seufzte. „Ich bin auf die Reaktion der anderen gespannt…“ Ich blieb wie angewurzelt stehen. Irgh! Das hatte ich total vergessen. Ich wurde unruhig bei dem Gedanken, dass wir gleich bei Jins Wohnung waren. Hoseok sah mir in die Augen. „Tut mir leid.“ Häh? Hatte ich was verpasst? „Immerhin war ich es, der dir die ganzen privaten Fragen gestellt hat und dir keine Wahl gelassen als zu antworten.“, entschuldigte er sich. Ich schüttelte den Kopf. „Ich hätte ja nicht antworten müssen. Aber irgendwie hatte sich einiges angestaut und bevor ich mich selbst stoppen konnte, war es auch schon draußen…ohne Rücksicht auf Taehyungs Gefühle zu nehmen.“ Jetzt schüttelte Hoseok den Kopf. „Ich glaube er hat es geschätzt, dass du ehrlich warst. Auch wenn er im ersten Moment ein wenig geschockt war…“ Hoseok grinste. „Aber auch wenn es schwer zu glauben ist, denke ich, dass er dich bereits als Teil der Familie sieht, obwohl ihr euch erst seit drei Tagen kennt. Er war ganz aufgeregt als er uns von seiner neuen Cousine erzählte und hat uns alle überredet zu diesem Treffen heute…“ „Soll das heißen ihr habt nur Taehyung zu Liebe zugestimmt mich zu treffen und eigentlich hattet ihr keinen Bock auf ein dahergelaufenes Mädchen aus Deutschland?“, fragte ich gespielt provokativ. „Mmh vielleicht?“, grinste er. Daraufhin boxte ich ihm leicht in die Seite. „Aua!“, lachte er, „Nur Spaß…wir mochten dich spätestens dann, als du den Abgang hingelegt hast und gelacht hast, als wärst du Jins Schwester…“ Ich wurde rot. „So schlimm ist mein Lachen gar nicht!“ Auf einmal blieb Hoseok stehen. „Bereit?“, fragte er. Ich nickte. Wir waren an dem Ort angekommen, aus dem ich vor einer knappen Stunde geflohen war.

    Nachdem die letzten Stufen bestritten waren, klingelte Hoseok an der Tür. Mein Puls beschleunigte sich. Die Tür ging auf und…Yoongi stand vor uns. Er zog eine Augenbraue hoch. „Wilkommen zurück, Ausreißer.“, begrüßte er mich. Wir traten ein und ich sah mich verwirrt um. „Ihr seid die ersten…die Anderen müssten aber auch gleichkommen.“, meinte Yoongi. Mir entglitt ein erleichterter Seufzer. „Freu dich nicht zu früh! Du wirst schon noch deine Strafe erhalten, dafür dass wir hier Babysitter spielen durften.“ Bitte? „Du weißt schon, dass ich kein kleines Kind mehr bin oder?“ Er musterte mich. „Also klein bist du schon…“ Gerade als ich was erwidern wollte, hüpfte einer der Welpen aus dem Karton, den Hoseok auf dem Sofa abgestellt hatte und lief Richtung Yoongi. Dieser lehnte sich im Sessel zurück und bemerkte nicht wie der Kleine sein Bein beschnüffelte und dann langsam sein Bein hob. „Er wird doch nicht…!“, sprach Hoseok aus, was ich dachte. Doch es war zu spät. Ein feiner Strahl hinterließ Flecken auf Yoongis Hose und seiner Socke. Verwirrt sprang dieser auf und starrte hinab. Erst wanderten seine Augen zum Hund, dann zu seiner Hose… „Was zur Hölle…!“ Hoseok und ich brachen in Gelächter aus. In dem Moment hörte ich eine Tür klapsen und Schritte näherkommen. „Was ist denn hier los?“, fragte Jungkook überrascht von unserer ausgelassenen Stimmung. „…Hund…Pippie…Yoongi…!“, japste Hoseok, vor Lachen keinen vollständigen Satz herausbringend. Namjoon blickte verwirrt von einem Hund zum nächsten. „Wo kommen denn die ganzen Welpen her?“, fragte er schließlich. Ich hatte mich mittlerweile wieder eingekriegt und hob den kleinen Ausreißer hoch auf meinen Schoß. Er wedelte freudig mit dem Schwänzchen. Dann fiel mein Blick auf Taehyung, welcher mich ebenfalls anstarrte. Ich spürte einen Kloß im Hals und meine Augen wurden erneut feucht. Schnell vergrub ich mein Gesicht im Fell des kleinen Hundes, den ich in den Armen hielt. „Verdammt Taehyung! Hör jetzt endlich auf so ein Gesicht zu ziehen…du bringst sie nur wieder zum Weinen!“, schimpfte Hoseok ihn an und nahm mich in den Arm. Ich hob den Kopf, doch im nächsten Moment legte sich eine Hand vor meine Augen und ich wurde gegen eine Brust gezogen. „Könnt ihr uns kurz allein lassen?“, hörte ich Taehyungs Stimme an meinem Ohr. Es kam keine Antwort, aber ich hörte wie sich Schritte entfernten. Ich wollte mich umdrehen, doch Taehyung hielt mich fest in seinen Armen und hielt auch weiterhin meine Augen bedeckt. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr und bekam Gänsehaut. „Ähm…Taehyung…“, fing ich an, doch er drückte mich nur noch fester an sich. „Es tut mir so leid…“, hörte ich eine brüchige Stimme. M-Moment! Weinte er etwa!


    38
    „T-Taehyung?“ Ich riss mich los und drehte mich zu ihm um. Seine Augen schimmerten tatsächlich feucht und ich spürte einen Stich im Herzen. Verdammt! Das war alles nur meine Schuld! „Ich wollte das alles gar nicht sagen, aber dann hatte ich die Worte schon ausgesprochen und ich wollte deine Familie und dich nicht verletzen. Es tut mir wirklich leid, dass ich diese schrecklichen Sachen gesagt habe. Ich wollte euch nicht zu nahetreten. Bitte verzeih mir, Taehyung.“ Aus Angst er würde mich jetzt als einen anderen Menschen sehen und mich nicht mehr als seine Cousine akzeptieren, liefen mir nun auch wieder die Tränen runter. Er verzog sein Gesicht, wischte mir jedoch mit seinem Shirtärmel über die Augen, um sie zu trocknen. „Was redest du denn da? Du hast doch gar nichts falsch gemacht. Ich bin es doch, der bisher keine Rücksicht auf deine Gefühle genommen hat! Ich habe dich ja quasi dazu gedrängt, uns als Familie anzusehen. Aber in Wirklichkeit wusste ich, dass du dich hier nicht Zuhause fühlst. Ich wusste, dass der Umzug nicht leicht für dich sein muss und ich wusste auch, dass du deinen Vater vermissen würdest, einfach weil…er ist dein Vater! Dennoch wollte ich so sehr, dass du ihn und dein komplettes altes Leben vergisst, weil ich dich nett finde und du wie eine Schwester für mich bist und ich auf keinen Fall will, dass du wieder zurück nach Deutschland gehst! Ich war egoistisch und habe versucht dich abzulenken, sodass du dein altes Ich vergisst und nur noch daran denkst, wie viel besser es hier ist.“ Er atmete schwer ein. „Aber ich würde es verstehen, wenn du zurück nach Deutschland wolltest und egal was jetzt auch kommt, von nun an werde ich dich unterstützen, versprochen!“ Ich schüttelte energisch den Kopf. „Was soll ich denn in Deutschland, wenn doch hier die Menschen sind, die alles tun, nur damit es mir gut geht? Natürlich habe ich nie darüber nachgedacht, dass meine Mutter auf einmal einen anderen Mann liebt, als meinen Vater, aber weißt du was? Sie sieht tatsächlich seit Jahren mal wieder glücklich aus und das alles dank Jongdae. Ich könnte ihr das niemals kaputt machen und ich hätte auch keinen Grund dazu, weil er ein aufrichtiger Mensch ist und ich meine Mutter bei ihm in den besten Händen weiß. Das gilt für euch alle. Ihr seid ehrlich und offenherzig und kritisiert weder das Verhalten oder die Vorgeschichte meiner Mutter noch meine. Aber darin liegt der Punkt! Ich weiß nicht, ob ich eine Familie wie euch verdient habe. Einerseits fühle ich mich wohl hier, aber wenn ich an meinen Vater denke, dann spüre ich das mir etwas fehlt, aber mein Vater ist seit Jahren schon nicht mehr der, der er mal wahr. Früher war er auch liebevoll und hat alles getan, um meine Mutter und mich glücklich zu machen, aber dann…hat sich was geändert. Er fehlt mir, aber ich weiß auch, dass ich nicht mehr zu ihm durchdringe, aber ich kann ihn nicht aufgeben. Darum verzeih mir, dass ich mich hier fehl am Platz fühle. Glaub mir, ich würde mir nichts mehr wünschen, als Teil einer so tollen Familie zu sein wie eure, aber das kann ich nicht…noch nicht.“ Es fühlte sich so verdammt gut an, endlich mit jemanden über all das Klartext sprechen zu können. Dennoch wusste ich, dass ich Taehyung mit meinen Worten teilweise verletzte, aber wenn ich jetzt nicht anfing meine Gefühle für andere zugänglich zu machen, dann würde sich nie das Gefühl einer wahren Familie entwickeln…

    Taehyung schwieg eine Weile und schaute mich ohne eine Miene zu verziehen an. Ich wurde nervös und fragte mich, ob es doch ein Fehler war, mit ihm über all das zu reden, doch dann zogen sich seine Mundwinkel nach oben und ein seliges Lächeln erschien auf seinen Lippen. So sah der Taehyung aus, den ich kannte. Ich war erleichtert. „Du bist mir nicht böse?“, fragte ich vorsichtig. Statt eine Antwort zu geben, zog er mich in eine Umarmung. Er knuddelte mich so fest, dass mir fast die Luft wegblieb. „Oh doch, ich bin dir verdammt böse! Wie kannst du es wagen, zu sagen, du gehörst nicht in unsere Familie und hättest sie nicht verdient? Glaub mir, wir haben genauso viele Markel und Fehler wie jede andere Familie auch. Auch wenn ich dir mit deinem Vater nicht helfen kann, dann werde ich trotzdem alles geben, damit du dich als Teil unserer Familie fühlst und du glücklich sein wirst, hierher gezogen zu sein. Egal, was für Probleme oder Schwierigkeiten auch auf uns zukommen, ich werde dir ein toller Cousin sein und dich unterstützen und für dich da sein, wenn du jemanden zum Reden brauchst oder eine Schulter zum Gegenlehnen. Verlass dich auf mich!“ Er drückte mich weiter an sich und ich erwiderte seine Umarmung. „Okay… danke Taehyung“, sagte ich leise. Die ganzen schweren Gefühle waren verpufft und ich spürte wie sich Zufriedenheit und Hoffnung breitmachten. Dank Taehyung war ich dem Glücklich-Sein schon ein ganzes Stück näher gekommen…

    39
    Taehyung löste sich und deutete mir mit dem Finger auf den Lippen, leise zu sein. Ich sah ihn verwirrt an, während er Richtung Küchentür schlich und sie mit einem Ruck öffnete. Sofort purzelten Jungkook und Jimin nach vorn und landeten bäuchlings auf dem Boden. Auch Hoseok und Jin standen keinen Meter von der Tür entfernt und drehten sich ertappt um. „Also echt! Mit euch in der Nähe kann man wirklich keine Privatgespräche führen!“, meinte Taehyung gespielt ernst. Schnell rappelten sich Jimin und Jungkook wieder auf. „Aber das war so rührend.“, schniefte Jimin und wischte sich eine einzelne Träne weg, bevor er wieder lächelte. „Wir sind von nun an natürlich auch immer für dich da!“, setzte er hinzu und umarmte mich nun ebenfalls. Doch Taehyung reagierte und zog ihn am Kragen von mir weg. „Okay, anscheinend haben es immer noch nicht alle begriffen. Also Lynn ist MEINE Cousine, also kann ich sie knuddeln so oft ich will, aber ich würde es begrüßen, wenn ihr euch mit dem Körperkontakt einschränken würdet! Außerdem ist eure Hilfe nicht nötig, denn solange sie mich hat, wird ihr nichts passieren.“, stellte er klar. Jimin riss sich los. „Pah! Vielleicht ist sie deine Cousine, aber ab heute ist sie auch unsere Freundin. Also werden wir sie auch unterstützen.“ Yoongi, der mal wieder auf einen der Stühle Platz genommen hatte, erhob sich nun ebenfalls. „Außerdem kannst ja auch du die Quelle sein, wenn sie mal traurig ist und dann will sie sicher nicht mit DIR reden. Zum Beispiel, wenn sie sich mal unsicher mit der Familienkonstellation fühlt. Von daher ist es doch gut, wenn noch andere da sind, mit denen sie reden kann, meinst du nicht?“ Alle sahen Yoongi erstaunt an. „Was?“, motzte dieser. Namjoon klopfte ihm auf den Rücken. „Naja, das ist glaube ich das erste Mal, dass du dich um jemanden sorgst, mal abgesehen von uns.“ „Siehst du Tae, wir haben sie alle lieb, sogar Yoongi!“, freute sich Jimin. Yoongi verschränkte sofort die Arme. „Moment! Ich habe nie gesagt, dass ich sie mag oder so…!“ Hoseok gab ihm einen Schubs. „Jaja schon klar. Also um das ganze jetzt abzurunden…Gruppenknuddeln!“ Er zog Yoongi einfach mit sich und jeglicher Fluchtversuch schien versperrt, da sich schon Jimin und Namjoon an ihn drängten. Ich befand mich irgendwo mitten unter ihnen und hatte erneut Taehyung in meinen Armen liegen. Zusätzlich schlangen sich Jins Arme um mich und ich spürte Jungkooks Atem über meine Haare streichen. Ich grinste. Es fühlte sich warm an und geborgen. Für einen Moment vergaß ich, dass es sich um berühmte Idols handelte und sah sie für die Personen, die sie waren. Liebevolle, hilfsbereite Menschen, die ihre Freunde niemals im Stich lassen würden… Auf einmal klingelte ein Handy. „Okay, wer von euch stört hier diesen emotionalen Moment?“, wollte Taehyung wissen. Yoongi, der sichtlich froh war wieder seinen Freiraum zu haben, gab ihm einen Klapps. „Das ist deins, du Depp!“ Taehyung grinste nur und nahm dann ab. „Ah, Byung! Häh? Ja, sie ist noch bei uns. Wieso? Okay, ich bringe sie nach Hause. Bis gleich.“ Er legte auf und sah in die Runde. „Zeit, Abschied zu nehmen.“

    Nachdem ich wieder meine eigene Hose anhatte, verabschiedeten sich alle von Jin, um sich auf den Nachhauseweg zu machen. Nach und nach trennten sich unsere Wege, sodass nur noch Taehyung und ich den Straßenlaternen nach Hause folgten. „Was genau hatte Byung eigentlich gesagt?“, fragte ich ihn. „Mmh. Er meinte, als deine Mutter nach Hause gekommen war und du nicht da warst, hatte sie sich gewundert. Also hat Byung ihr erzählt, dass du dich mit mir und ein paar Freunden triffst und auf einmal ist sie wohl ernst geworden und hatte ihn gebeten, dich anzurufen und nach Hause zu bestellen. Als du nicht ans Handy gegangen bist, hat er mich angerufen. Wahrscheinlich hat sich deine Mutter Sorgen gemacht, weil du hier neu bist und wollte nicht, dass du erst spät wiederkommst.“, beendete er. Auf meiner Stirn bildeten sich Falten. Nein, es war nicht ihre Art, sich Sorgen um mich zu machen. Immerhin hatte sie nicht oft ein Auge auf mich und bisher wollte sie auch nicht wissen, was ich am Tag so mache. Es sei denn…! Verdammt! Hatte ihr Byung erzählt, dass wir Inliner fahren wollten? Wenn das der Fall war, dann konnte ich mich auf eine Standpauke gefasst machen! Den Rest des Weges betete ich einfach nur, dass Byung es ihr nicht gesagt hatte. Doch sobald Taehyung und ich vor Jongdaes Haus ankamen, verließ mich jegliche Hoffnung, denn sofort riss meine Mutter die Tür auf. Als sie Taehyung grüßte, schien sie zwar noch normal, doch als dieser gegangen war, bohrten sich ihre Augen in meinen Rücken. „Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen!“ Jap, auf diese Reaktion hatte ich nur gewartet…

    40
    Ich stand mit meiner Mutter in der Küche und wartete auf den Startschuss. Dieser Tag bestand nur aus Hochs und Tiefs. Ich seufzte und fing mir damit einen bösen Blick meiner Mutter ein. „Lynn Annabell Stebach!“, fing sie an, „Was hast du dir nur dabei gedacht!“ Ich schaute sie ohne eine Miene zu verziehen an. „Mmh? Naja Taehyung wollte mir seine Freunde vorstellen, also haben wir uns im Park getroffen und ein wenig Zeit miteinander verbracht…“ Ich wusste, dass sie das nicht meinte, aber ich wollte nicht über DAS Thema reden. „Damit habe ich kein Problem, aber wieso ausgerechnet Inliner fahren? Ihr hättet doch ins Kino gehen können oder von mir aus in ein Casino, Bar oder sonst was, das wäre mir komplett egal, aber wieso musst du unbedingt deine Gesundheit gefährden?“ Wow, eine Mutter, der es egal ist, wenn ihre minderjährige Tochter sich betrinkt oder Glücksspielchen spielt. Aber ich hatte nichts anderes erwartet. „Ich kann selbst entscheiden, wo meine Grenzen sind, okay?“ Sie verdrehte die Augen. „Das sehe ich.“, sie deutete auf das Loch in meiner Hose, welches ein aufgeschürftes Knie durchblicken ließ, „Kannst du dir auch nur ansatzweise vorstellen, welche Folgen es gehabt hätte, wäre es dein rechtes Knie gewesen und nicht das linke?“ Ich spürte eine unbändige Wut in mir hochsteigen, versuchte sie aber im Zaum zu halten. „Ich weiß das nur zu gut! Aber wie du siehst ist dem Knie nichts passiert, also könnten wir dieses Thema jetzt bitte abhaken?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte ich mich zum Gehen um. Doch meine Mutter packte mich am Oberarm. „Du bist naiv.“ Bitte? „Du spielst mit deiner Gesundheit, als würde dir dein Leben nichts bedeuten! Ich mache mir Sorgen, aber du scheinst auf die Gefühle Anderer keine Rücksicht zu nehmen.“

    JETZT WAR SCHLUSS! Ich riss mich los und blitzte sie böse an. „Wer macht sich hier Sorgen? Du? Das ich nicht lache! Seit wann interessierst du dich dafür, was ich am Tag mache? Seit wann interessierst du dich dafür, wen ich treffe und seit wann interessierst du dich für mich! Weißt du andere Mütter, fragen ihre Töchter wie ihr Tag war und wenn es ihnen nicht gut geht, dann geben sie ihnen eine Umarmung. Sowas nennt man mütterliche Fürsorge, aber das kannst du ja nicht kennen! Denn du hast dir ja nie die Zeit genommen, mich kennenzulernen! Weißt du, es war schon peinlich, als du letztens nicht wusstest, ob ich einen Freund habe oder nicht…und weißt du, warum du es nicht wusstest? Nicht, weil ich es dir nicht erzählt hätte, sondern weil du nie gefragt hast! Du hast nie viel mit mir gesprochen und wenn dann nur, wenn ich mal wieder eine gute Note gekriegt hatte. Noch nicht mal zusammen zu Abend gegessen haben wir. Ich habe dich manchmal für Wochen nicht gesehen und dann von einer Angestellten erfahren, dass du mal wieder auf Dienstreise bist. Du hieltest es anscheinend nicht mehr für nötig, dich um mich zu kümmern seit ich in die Grundschule kam! Es fühlte sich so an, als wäre ich allein, ohne Eltern, aufgewachsen! Und jetzt, wo ich fast erwachsen bin, brauchst du dich auch nicht mehr wie eine besorgte Mutter aufspielen, denn das bist du nicht!“ BATSCH! Was zum…! Meine linke Wange tat von der Backpfeife weh, aber der Schmerz war nichts gegen meine inneren Schmerzen. Ich biss die Zähne zusammen. „Und? War das jetzt befriedigend? Weißt du was? Mag sein, dass du meinen Vater hasst für die Kälte und Rücksichtslosigkeit, die er dir gegenüber gezeigt hat, aber du hast gar kein Recht dazu, ihn zu verurteilen, denn du bist genau wie er!“

    Ich wollte aus den Zimmer rennen, doch als ich die Tür öffnete standen Jongdae und Byung im Flur. Ich fluchte innerlich. Hatten sie alles gehört? Was solls, kann mir jetzt auch egal sein! Ich wusste, ich war nicht fair gegenüber meiner Mutter, aber es war ihre Schuld dafür, den Abschnitt meines Lebens aufzugreifen, den ich versuchte zu verdrängen! Ich drängte mich an den beiden vorbei und schritt Richtung Haustür. Die Tür schon geöffnet, legte sich eine Hand auf meine Schulter. „Wo willst du hin?“, fragte Jongdae sichtlich besorgt. „Hier weg!“, erwiderte ich mit erstickter Stimme, schob seine Hand weg und rannte in die Dunkelheit. Nachdem ich um die nächste Ecke gebogen war, senkte ich mein Tempo. Ich durfte nicht so schnell rennen. Das würde mein Knie auf Dauer nur schädigen. Bevor es mir bewusst war, befand ich mich schon wieder in dem Park, in den ich heute schon einmal geflüchtet war. Es war still. Niemand schien weit und breit hier zu sein. Ich setzte mich auf die Schaukel des kleinen Spielplatzes, klammerte mich an die Ketten und senkte meinen Kopf. Langsam tropften die Tränen auf meine Oberschenkel. Ich hörte ein Knacken und schaute erschrocken in die Dunkelheit. Natürlich war nichts oder niemand zu sehen, aber Angst machte sich breit. Ich dachte an die kleinen Welpen, die jetzt gemütlich bei Jin Zuhause schlafen mussten. Da wir uns nicht einigen konnten, hatte er vorgeschlagen, sie erstmal bei sich zu behalten. Ein starker Wind blies meine Haare nach vorn und erst jetzt fiel mir auf, dass ich keine Jacke anhatte. Nicht nur das, ich hatte nichts dabei, noch nicht einmal mein Handy! Unschlüssig, was ich jetzt tun sollte, saß ich auf der Schaukel und wippte vor und zurück.

    41
    Was war heute nur los mit mir? Es war nicht meine Art, meine Gefühle offen vor Anderen zu zeigen, erst recht nicht vor meiner Mutter oder meinem Vater. Und seit wann war ich so eine Heulsuse! Ich wischte die Tränen aus meinen Augenwinkeln und stand auf. „Okay, Lynn! Schluss jetzt mit diesen unnötigen Gefühlsgedusel! Du verletzt damit nur andere und dich selbst auch! Aber zurückgehen und die Sache klären, würde meine Laune auch nicht heben…“, sagte ich nachdenklich zu mir selbst. „Wie wär‘s dann, wenn wir uns was zu essen suchen und du mir erzählst, was ein kleines Mädchen hier allein in der Dunkelheit macht?“ Vor Schreck entfuhr mir ein leiser Schrei. Gosh! Ich dachte, niemand wäre weit und breit in der Nähe, aber da hatte ich mich wohl getäuscht. Keine fünf Meter von mir, stand ein Junge in Trainingsanzug und einem Cappy auf und grinste mich an. „Nein danke, ich habe keinen Hunger…und außerdem muss ich jetzt los.“ Ich schritt an ihm vorbei und wollte mich vom Acker machen, doch…! Er sagte zwar nichts, aber dennoch folgte er mir. Was wollte der Typ! Ich blieb stehen und drehte mich um. Der Junge blieb ebenfalls stehen. „Gibt es einen Grund, warum du mich verfolgst? Das ist nämlich langsam creepy!“ Er kratzte sich am Kopf. „Wie gemein! Sonst werde ich immer von allen Girls angehimmelt, aber du klingst so, als wäre ich irgendein Perverser!“, er verzog gespielt die Lippen. Was war nur mit dem? „Also bist du’s? Ein Perverser?“ Er grinste. „Wer weiß?“ Boar, der Typ ging mir auf den Geist! „Wenn du nicht gleich verschwindest, ruf ich die Polizei, kapiert?“ Er grinste noch breiter. „Also erstens würde ich jawohl keiner Fliege was zu Leide tun und zweitens siehst du nicht so aus, als hättest du ein Handy oder ähnliches dabei, womit du Hilfe rufen könntest, wenn wirklich ein Perverser auftaucht. Daher übernehme ich jetzt die Beschützerrolle für die holde Maid.“ Bevor ich ihm sagen konnte, dass er sich seine holde Maid sonst wohin stecken konnte, knurrte plötzlich mein Magen und das nicht gerade leise. Peinlich berührt schloss ich kurz die Augen. Dann war auch schon ein Lachen zu hören. „Wow, super Timing. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich gerade noch Basketballtraining und könnte auch was vertragen, also…? Mein Angebot steht noch…und du kannst jetzt nicht mehr sagen, du hättest keinen Hunger.“ Er schien ein netter Mensch zu sein und meine Entscheidung war eigentlich schon gefallen, aber dennoch… „Und warum sollte ich mit DIR essen gehen…immerhin könntest du mich sonst wohin bringen.“ Im nächsten Moment schnappte er sich meine Hand und zog mich einfach mit sich. „Ich kenne einen super Nudelladen in der Nähe und gut besucht ist er auch immer, also werde ich wohl keine Gelegenheit haben, dir was anzutun. Außerdem geht das Essen auf mich. Und dann kannst du mir berichten, warum du aussiehst, als würdest du gleich heulen…“ Dieser Typ hatte vielleicht Nerven! „Und wenn ich mit dir nicht reden will?“ Er strahlte mich an. „Dann erzähle ich halt dir, wie mein Tag heute war.“

    Keine zehn Minuten später saßen wir an einem kleinen Tisch und vor uns standen zwei dampfende Schüsseln mit Nudelsuppe. Ich hatte zwar keine Ahnung, was es genau war, aber es sah verdammt lecker aus! Den Jungen mir gegenüber ignorierend, fing ich an meine Suppe zu essen. „Ich bin übrigens Mason und du?“, kam es keine drei Sekunden später. Mason? Ich musterte ihn. Stimmt, er sah nicht ansatzweise asiatisch aus…seinem Namen nach würde ich auf Großbritannien oder Amerika schließen. Er schien meinen musternden Blick bemerkt zu haben. „Ganz recht! Diese atemberaubende Schönheit vor dir kommt nicht von hier, sondern aus dem fernen Amerika.“ Arroganter gings nicht oder? Trotzdem musste ich gestehen, dass er ein sexy Lächeln draufhatte und auch sonst nicht schlecht aussah. Er hatte seine Trainingsjacke ausgezogen und muskulöse Arme waren zum Vorschein gekommen. Seine grau blauen Augen passten zu seinen gefärbten Haaren, wobei auch diese nicht übertrieben blau waren, sondern für mich schon fast normal aussahen, aber ich war auch ein Fan von Jimins Haaren aus dem Spring Day MV. Aber alles in allem konnte ich mir vorstellen, wie beliebt er bei Mädchen sein musste. Ich schaute wieder meine Suppe an. „…Lynn…“, beantwortete ich nun leise seine Frage. „Und bevor du fragst…ja, ich bin auch nicht von hier, sondern aus Deutschland.“ Er stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch und beugte sich leicht nach vorn. „Deutschland? Da war ich noch nicht. Lass uns da mal zusammen hinfahren und dann zeigst du mir ein bisschen was, deal?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Mal schauen…“ Er grinste wieder. „Okay, also dann erzähl mir jetzt mal, was du ganz allein in der Nacht auf einem Kinderspielplatz machst…?“ Ich erstarrte, was er wohl bemerkte. „Hab schon verstanden. Du musst natürlich nicht mit mir reden, aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns je wiedersehen? Also, wenn du dein Herz mal ausschütten willst, dann stelle ich mich als Fremder gern zur Verfügung und wer weiß, vielleicht schaffe ich es sogar, dir wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern…Ich mag es nämlich nicht, wenn süße Mädchen traurig sind.“

    42
    Ich schwieg, legte dann jedoch den Löffel neben die Schüssel auf den Tisch. Wollte ich meine ganzen verworrenen Gefühle aus mir rauslassen und hinaus in die Welt brüllen? Ja. Wollte ich, dass meine Familie, was Byung und Taehyung einschloss, erfuhr, was vor Jahren passiert war und der Grund für den Wutausbruch meiner Mutter war? Nein. Aber dennoch wollte ich jemanden, der mir sagte, dass alles wieder gut wird…nur dass das nicht garantiert war und ich jeden nur ebenfalls traurig stimmen würde, wenn sie es wüssten. Nicht einmal Mona hatte ich es erzählt. Und jetzt saß irgendein dahergelaufener Schönling vor mir und erwartete, dass ich ihm meine Lebensgeschichte erzählte? Na gut! Ich hatte eh nicht vor, in den nächsten Stunden irgendwas Besonderes zu machen. Im Gegenteil, vielleicht hätte er wirklich ein paar hilfreiche Ratschläge. Ich schaute ihn an. Er grinste mich breit an. Irgh! Warum hatte ich nur das Bedürfnis ihm meine Suppe über den Kopf zu schütten und zu gehen? Aber nein, dafür wäre die Suppe echt zu schade. „Okay, ich kann auch raten.“, kam es von meinem Gegenüber, „Mmh, vielleicht hat dein Freund Schluss gemacht? Oder du hast ihn mit einer anderen rumknutschen sehen oder hat der etwa einen anderen Kerl geküsst! Das wäre ja hart!“ Gaaanz ruhig Lynn, das Essen ist viieeel zu schade, um es auf ihn zu schmeißen! „Ich habe recht oder? Wie wär‘s dann, wenn ich dein Boyfriend werde und dem Vogel zeige, was er verpasst!“ Hatte der Typ keinen Stoppknopf? Ich seufzte. „Erstens hat niemand mit mir Schluss gemacht oder sonstiges. Zweitens wäre es ja eine noch größere Strafe, dich als Freund zu haben und drittens bin ich bereit, dir zu erzählen, was los ist, wenn du mal für fünf Minuten deine große Klappe halten könntest!“ „Hehe sorry, bin ja schon still.“ Er lehnte sich zurück und wartete.

    Meine Handflächen begannen zu schwitzen. Ich war irgendwie nervös. „Also…seit ich elf Jahre alt war, begeisterte mich die Eleganz und Stärke von Eiskunstläufern. Es war atemberaubend wie sie über das Eis glitten und es wirkte, als würden sie ihre eigene kleine Welt kreieren. Ich wollte sowas auch! Das hatte ich mir damals in den Kopf gesetzt. Zu der Zeit nahm ich Klavierunterricht, Ballettstunden und zusätzliche Schulkurse, sodass ich generell kaum Freizeit hatte. Dennoch bat ich meine Eltern Eiskunstlaufen erlernen zu dürfen. Es war nicht weiter überraschend, dass sie keine Einwände hatten, nur die Bedingung, dass wenn ich nicht gewinne und die Beste werde, dann müsste ich aufgeben. Das war das erste Mal, dass ich was machen durfte, woran ich Spaß hatte. Ich trat einem Verein bei, wo mein Vater befand, dass die Lehrer gut geschult waren und schon viele Schüler von ihnen, Auszeichnungen und Medaillen gewonnen hatten. Zu meinem Überraschen waren sie jedoch keineswegs streng. Sie vermittelten den eigentlichen Sinn, dass es nicht um die Sprünge gehe oder den Erfolg, sondern um die Gefühle und das enge Band zwischen Musik und Bewegung. Ich fühlte mich dort sehr wohl. Wir waren wie eine kleine Familie. Mein Vater hätte mich da wahrscheinlich weggezerrt, hätte er das gewusst. Vielleicht war es dieses Gefühl von Glück und Verbundenheit, was mich stärker werden ließ. Auf jeden Fall machte ich schnell Fortschritte und zu Freuden meines Vaters erarbeitete ich mir den weg in Richtung Spitze. Ich band neue Freundschaften und es machte so unglaublich viel Spaß zusammen zu trainieren…es war definitiv die schönste Zeit meines Lebens und dabei bin ich noch nicht einmal erwachsen. Doch dann passierte etwas, was niemand hätte voraussehen können.“ Ich atmete stockend aus. „Es fand ein Turnier statt, wo nur die besten Nachwuchsschüler teilnehmen durften und ich war dabei. Die besten drei sollten in Kanada ein Stipendium erhalten und für zwei Jahre dort auf einem hohen Niveau mit den besten Mentoren trainieren dürfen. Ich war wahnsinnig aufgeregt, aber das war mein Traum! Ich wollte und konnte nicht aufhören! Ich wollte in internationalen Turnieren Deutschland vertreten und zeigen, was ich kann. Meine Eltern waren natürlich von dem Stipendium nicht begeistern…es sei nichts, was man fürs Leben macht, sondern nur, um seinen Lebenslauf aufzuwerten. Dennoch war ich bereit alles zu geben und mich meinen Eltern zu widersetzten, wenn nötig. Nie zuvor waren meine Eltern zu einem der Turniere gekommen, aber zu diesem, mir so wichtigen Event, konnte ich sie überreden, mir zuzuschauen. Ich wollte ihnen zeigen, wie viel es mir bedeutet. Ich war im zweiten Durchgang dran. Im Nachhinein hätte ich wissen müssen, dass etwas nicht stimmte, aber ich war so darauf fixiert alles zu geben, dass ich alle Details ausblendete und mich auf meine Performance konzentrierte. Schon nach dem ersten Sprung fiel mir auf, dass das Eis viel rutschiger war als ich es kannte. Aber ich dachte mir nicht viel dabei. Ich machte einfach weiter…bis zu meinem finalen Sprung verlief alles wie geplant.“

    43
    „Ich hatte lange trainiert bis ich einen vierfachen Flip ohne Probleme meistern konnte. In diesem einen Moment hatte ich keinerlei Zweifel, dass ich es schaffen würde. Ich spürte, dass soweit alles stimmte. Vielleicht war ich durch das Eis ein wenig zu schnell, aber dass würde ich in meiner Landung schon ausgleichen. Ich holte Schwung und sprang…“ Bei der Erinnerung ballten sich meine Hände zu Fäusten. Es lief alles gut! Die komplette Kür über hatte ich nicht einen Fehler gemacht! Wieso! „Natürlich lief es nicht wie geplant. Ich rutschte bei der Landung weg, knallte auf den harten Eisboden, überschlug mich ein paarmal und krachte gegen die Bande. Ich vernahm erstickte Aufschreie im Publikum, versuchte aufzustehen, aber…meine Glieder bewegten sich kein Stück. Mir tat alles weh. Aber am schlimmsten war das laute Knacken meines Knies, was sich wie von selbst in meinem Kopf wiederholte. Ich sah zwar auch Blut auf dem Eis, was von einer Platzwunde am Kopf stammte, aber meine ganzen Gedanken befanden sich auf dem Bein, was merkwürdig abgespreizt da lag. In diesem Moment war ich nur froh, dass es weh tat wie Hölle, denn das sagte mir, dass meine Wirbelsäule nichts abbekommen hatte und ich nicht gelähmt war. Dann verabschiedete sich mein Bewusstsein. Ich wachte im Krankenhaus wieder auf. Ich sah meine Mutter mit Tränen in den Augen und meinen Vater, der gerade dabei war, einen Arzt anzubrüllen. Dann wurde ich erneut bewusstlos.

    Als ich das nächste Mal zu mir kam, war ich allein. Eine Schwester kam ins Zimmer und sah mich mitleidig an. Ich ahnte schlimmes, aber das hatte ich dann doch nicht erwartet. Wie ich mir bereits dachte, hatte mein Knie den größten Schaden davongetragen. Eine Operation hätte jedoch alles wieder richten können und nach ein paar Monaten Reha wäre alles wieder fast so gewesen, wie es war. Bloß gab es in der Familie meines Vaters ein Gen, dass eine allergische Reaktion auf Narkosemittel hervorrief. Mein Onkel, also der Bruder meines Vaters, hatte dieses Gen ebenfalls und kam mit schweren Verletzungen nach einem Autounfall ins Krankenhaus. Er kam sofort in den OP, nur wusste man da nicht, dass er allergisch auf die Narkose reagieren würde. Während der Operation erlagt er einem Schock und liegt seitdem im Koma. In meinem Fall könnte demnach eine Operation ähnlich enden. Ohne eine Operation jedoch würde es Jahre dauern, bis mein Knie wieder vollständig geheilt wäre. Noch dazu wäre ich nie wieder in der Lage normal Sport zu machen, sei es Basketball, Eiskunstlaufen oder einfach nur Rennen über einen längeren Zeitraum. Dennoch waren meine Eltern sich seit langem mal wieder einig. Eine Operation käme nicht in Frage! Ich habe nicht widersprochen. Ich war immer ein aktives Kind und liebte es rumzutollen. In der Schule habe ich begeistert bei den Volleyball- oder Basketballstunden mitgespielt und das Eiskunstlaufen hatte mir immer unglaublich Freude bereitet. Ich wollte das nicht aufgeben. Niemals! Aber…mein Onkel liegt seit 7 Jahren im Koma und…ich will leben! Ich will Eiskunstlaufen UND ich will leben, aber beides scheint nicht möglich zu sein. Ich saß fast drei Jahre im Rollstuhl und bekam Rehabilitation, damit mein Knie wieder verheilen kann. Ich habe erneut laufen gelernt und jeder, der mich jetzt sieht, würde sagen, ich sei kerngesund…ich wünschte das wäre so. Dieses Jahr werde ich achtzehn und kann selbst entscheiden, ob ich so weiterlebe oder ob ich einer Operation zustimme. Ich weiß, dass ich so, wie ich jetzt bin und lebe, nicht glücklich bin, aber ich will eine OP nicht riskieren, wenn ich zu fünfundneunzig Prozent nie wieder aufwachen werde.“ Hatte ich was vergessen zu erwähnen? „Ach ja! Der Grund, warum ich im Park geweint habe, ist, dass ich heute Inlineskaten war und meine Mutter deswegen ausgeflippt ist. Was natürlich kein Wunder ist, aber ich brauche das von ihr nicht hören. Meint sie nicht, ich bin mir den Risiken bewusst? Aber was soll ich denn machen? Es besteht Tag täglich die Gefahr, dass ich stolpere und auf meinem Knie lande, aber deswegen in Watte gepackt das Haus nicht mehr verlassen? Ich habe es einfach satt, übervorsichtig zu sein!“ Gut, jetzt war alles draußen. Ich seufzte noch einmal und schaute dann auf. Mason starrte mich für kurze Zeit einfach nur ernst an. „…das Eis…etwas stimmte nicht damit oder? Du hattest das ein paarmal erwähnt…“ Wow, er schien mir genau zugehört zu haben. Ich nickte langsam. „Im Nachhinein stellte man fest, dass die Kühlstangen defekt waren und das Eis deshalb begonnen hatte zu schmelzen. Mein Vater hat natürlich Klage eingereicht und als Entschädigung bekamen wir eine hohe Menge an Geld, aber was soll’s? Davon kann ich mir auch kein neues Knie kaufen.“ Mason wollte etwas sagen, doch jemand anderes kam ihm zuvor. „Entschuldigen Sie bitte, aber wir schließen jetzt.“, sagte einer der Angestellten und guckte uns entschuldigend an. Als wir den kleinen Laden verlassen hatten, schaute ich auf meine Armbanduhr…Shit, es war schon nach Mitternacht!

    44
    Wir blieben vor dem Laden stehen, in dem nun die letzten Lichter erloschen. Die Nacht war kühl und ich bereute erneut, keine Jacke bei meiner Flucht ergriffen zu haben. Ich sah zu Boden. Plötzlich spürte ich, wie sich etwas Warmes um meinen Oberkörper legte. Verwirrt schaute ich Mason an, der nun ohne Trainingsjacke vor mir stand. „Du hast gezittert…“, sagte er mit einem Schulterzucken. Ich lächelte sanft. Er sah putzig aus, wie er beschämt von seiner klischeehaften Tat, sich durch die Haare fuhr. „Danke.“, erwiderte ich grinsend. Er räusperte sich. „Also…was hast du jetzt vor? Willst du weiter deiner Mutter aus dem Weg gehen oder mit ihr Klartext sprechen und endlich reinen Tisch machen? Versteh mich nicht falsch, ich hätte keine Einwände dich mit nach Hause zu nehmen und mein Bett wäre auch groß genug…“, ich sah ihn bedächtig mit hochgezogener Augenbraue an, „…zum ordnungsgemäßen Schlafen natürlich! Also was ihr Mädchen immer gleich denkt…aber wie sollte es auch anders sein bei meinem guten Aussehen.“ Er grinste vergnügt und zwinkerte mir zu. Verdammter Casanova. Aber im nächsten Moment wurde seine Miene wieder ernst. „Mal ehrlich…Deine Mutter wird dich nie verstehen, wenn du nicht offen mit ihr redest. Mal davon abgesehen machst du dir selbst Vorwürfe, nicht wahr? Ich weiß zwar nur grob, was du für ein Verhältnis zu deiner Mutter hast, aber da du sicher nicht heulend auf einer Schaukel saßt, weil dein Eis runtergefallen ist, schlussfolgere ich mal, dass dir deine Mutter viel bedeutet und wenn du ehrlich bist, dann ist sie doch heute nur wütend geworden, weil sie sich um ihre Tochter sorgt, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt, um Inliner mit Freunden zu fahren. Ich will dir keine Vorwürfe machen, denn nachdem, was du mir erzählt hast, verstehe ich dein Dilemma. Natürlich könntest du dich einfach in dein Zimmer einsperren oder das Haus nicht mehr verlassen, um sicherzugehen, dass es nicht zu unerwarteten Vorfällen kommt, die für dich…naja gewissermaßen den Tod bedeuten könnten, aber du gibst dich nicht geschlagen. Es ist schon bewundernswert, dass du so eine starke Persönlichkeit entwickelt hast, nach all dem was passiert ist. Du gehst deinen Weg und machst deine eigenen Erfahrungen. Dennoch bist du nicht allein. Die, die dich lieben sorgen sich um dich, weil sie nicht wollen, das du verletzt wirst…sie wollen dich nicht verlieren. Also unterschätze nicht deine eigene Mutter, die den Teufel tun wird, dass dir nichts zustößt.“

    Ich starrte ihn einfach nur an. Wo bitte hatte er den oberflächlichen Idioten gelassen, der gerade noch vor mir stand? Verdammter Mist…da schwingt er auf einmal eine tiefgreifende Rede über die Lehren des Lebens. Ich wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln und nickte. Er hatte recht. Ich war so mit mir beschäftigt, dass ich über die Intention oder Gefühle meiner Mutter nicht nachgedacht hatte. „Dann sollte ich mich wohl…wie heißt es…dem Schicksal stellen?“ Ich schniefte noch einmal, lächelte Mason dann jedoch vorsichtig an. Dieser legte mir seine Hand auf den Kopf. „Gute Entscheidung! Also dann…wo geht’s lang?“ Ich schaute ihn verdutzt an. „Na du weißt doch, hier ist es viel zu gefährlich, als dass ich eine holde Maid allein durch die Straßen laufen lassen könnte. Wer weiß, welche Idioten unterwegs sind…“ Ich schüttelte den Kopf. „Jetzt hör aber auf mit der holden Maid! Ich bin ja wohl nicht ganz so hilflos, wie ich aussehe! Außerdem habe ich den größten Idioten, der um diese Uhrzeit noch rumrennt, doch schon an der Backe, also schlimmer kanns doch nicht mehr werden.“ Mason verzog das Gesicht und hielt sich die Hand aufs Herz. „Autsch! Treffer versenkt!“, witzelte er gespielt. Aber um ehrlich zu sein, war ich dankbar ihn getroffen zu haben. Auch wenn er zu fünfundneunzig Prozent ein Casanova war, so zeigen die restlichen fünf Prozent, dass er im Grunde genommen ein herzensguter Mensch ist. Naja, jeder hat halt seine Macken…

    Nachdem klar war, dass ich absolut keine Ahnung hatte, wo mein Zuhause lag, nannte ich Mason die Adresse und er übernahm die Führung. „Also echt! Und du wolltest allein nach Hause gehen? Jaja, gut, dass du mich hast, Princess.“ Ich seufzte. „Princess? Dein Ernst? Und du bist der Ritter in glänzender Rüstung oder was?“ Er grinste breit. „Natürlich nicht! Ich bin der Prince, der die Prinzessin mit einem Kuss wiedererweckt!“ Ich schlug ihn auf den Arm, aber er lachte nur weiter. „Was denn? Holde Maid wolltest du nicht…also nenn ich dich ab jetzt Princess!“ Er schien sichtlich zufrieden. Ich schüttelte nur den Kopf…diskutieren bringt eh nichts. Den Rest des Weges redete zum Großteil ich. Ich erzählte, wieso ich nach Südkorea ziehen musste, offenbarte unsere familiäre Situation und schwärmte von BTS. Ich berichtete sogar von meinem Treffen mit ihnen und wie ich vorgab, sie nicht zu kennen. „Jetzt verstehe ich, wieso du unbedingt mit ein paar Freunden Inliner fahren wolltest. Aber mal ehrlich…gegen mich kommen die doch nicht an!“ Ich nickte. „Stimmt, dein Ego übertrifft definitiv keiner.“ Es war zwar nur ein kurzer Nachhauseweg, aber auf den paar Metern offenbarte ich ihm meine halbe Lebensgeschichte. Wieso? Keine Ahnung. Vielleicht braucht man manchmal halt einfach einen fremden Idioten, dem man sein Herz ausschütten kann.

    45
    „Ist es das?“, fragte Mason und deutete auf das Haus der anderen Straßenseite. Ich nickte. „Jap, mein neues Zuhause…oder so.“ Okay, jetzt bloß keine kalten Füße bekommen! Mason legte seine Hand auf meine Schulter. „Das wird schon. Nach all dem, was ich gehört habe, müsst ihr euch nur mal richtig aussprechen.“ Ich lächelte leicht. „Danke, Mason…für alles.“ Er sah mich überrascht an, wandte sich dann aber schnell ab. Nichts desto trotz konnte ich in dem schwachen Licht der Straßenlaterne, seine rosa glühenden Wangen erkennen. War es ihm peinlich? Wie süß. Da fiel mir ein… „Deine Jacke!“ Ich wollte sie abnehmen und ihm geben, aber er hielt mich davon ab. „Behalt sie vorerst…dann habe ich eine Ausrede dich wiederzusehen.“, er zwinkerte mir zu, „Also…bis zum nächsten Mal, Princess.“ Was…hatte er gerade gesagt? Mein Kopf brauchte eine Weile, bis er die Information verarbeitet hatte. Was war aus dem Erzähl mir ruhig alles, wir werden uns wahrscheinlich eh nie wieder sehen geworden? „Äh…ja bis demnächst?“ Ich klang sichtlich überfordert mit der neuen Situation, aber Mason lachte nur und winkte mir noch einmal zum Abschied zu. Irgendwie schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. All die Jahre hatte ich nur Mona als meine Freundin und nachdem ich sie jetzt zurücklassen musste, hatte ich Angst gehabt, ich würde wieder allein meine Wege gehen, aber…ich war nicht allein. Erst Byung und Taehyung, dann die anderen Mitglieder von BTS und jetzt Mason. Irgendwie war ich glücklich. Auch wenn mein Leben eine rapide Wendung nahm…es schien sich in eine positive Richtung zu entwickeln. Dennoch...wieso zum Kuckuck waren es allesamt Kerle! Tja…Mona ist wohl immer noch meine einzige Freundin…

    Ich stand vor der großen Haustür und bohrte geradezu Löcher mit meinen Blicken hinein. Natürlich hatte ich keinen Schlüssel dabei, aber da es schon zwei Uhr nachts war, wollte ich nun wirklich nicht klingeln. Und jetzt? Auf einmal ging das Fenster links von der Tür auf…das Fenster zur Küche? „Oho, wen haben wir denn da?“ Ich starrte ihn nur an. „Byung!“ Er grinste frech. „Sag mal reicht dir BTS noch nicht, sodass du jetzt andere Typen verführst?“ Was? Sprach er von Mason? Hatte er uns gesehen? Wie lange stand er bitteschön schon am Fenster? Oder… „Hast du etwa auf mich gewartet?“ Er stockte kurz. „Pff, natürlich nicht! Ich konnte nur nicht schlafen, da wollte ich mir eine Milch machen…“ Ich grinste. „…mit Nutella?“ Er biss sich auf die Lippe. „Schon möglich.“ Wir mussten beide lachen. „Also…soll ich dich reinlassen oder bevorzugst du es draußen zu campen?“ „Lass mich rein!“ Er grinste teuflisch. „Okay aber nur wenn du mich gaaanz nett fragst…wie wärs mit Bitte öffne die Tür für mich, mein cooler und gutaussehender großer Bruder.? Argh! War das sein Ernst? Na gut, konnte er kriegen. „Bitte öffne mir die Tür, mein auf cool tuender aber in Wirklichkeit sich sorgender und rücksichtsvoller großer Bruder!“ Er schnappte nach Luft und sah mich verblüfft an. „Tse! Dann halt anders…ich lass dich rein, unter der Bedingung, dass du mir erzählst, warum deine Mutter und du heute gestritten habt. Also…deal?“ Nicht schon wieder! Mir war klar, dass er es verdient hatte zu wissen, aber ich war einfach fertig für den Tag und wollte nur noch schlafen. Ich seufzte. „Okay, aber können wir das vielleicht auf morgen…also heute Nachmittag…verschieben?“ Er nickte und verschwand dann vom Fenster. Keine drei Sekunden später öffnete sich die Haustür.

    Bevor ich von eigener Hand eintreten konnte, zog er mich am Arm ins Haus. „Woah!“ Vom Schreck überrumpelt, fand ich mich in seiner Umarmung wieder. „Du machst einem auch nur Probleme oder? Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen wir uns alle gemacht haben?“ Er ließ mich los. „Gut zu wissen, dass dir nichts passiert ist. Aber mal im Ernst, wo hast du denn Mason aufgegabelt?“ Häh? „Warte…du kennt ihn?“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Er ist eine Klasse unter mir und bei den Mädels mehr als nur begehrt. Aber eins muss man ihm lassen, im Basketball ist er einsame Spitze. Ansonsten hatte ich noch nicht wirklich was mit ihm zu tun…“ Ich schüttelte den Kopf. „Oh man…aber weißt du, lass mich dir alles morgen erklären, okay?“ Er verschränkte die Arme. „Okay. Aber du solltest deiner Mutter Bescheid geben, dass du wieder da bist…sie hat die ganze Zeit im Wohnzimmer gewartet. Aber das musst du klären. Also…ich geh dann mal ins Bett.“ Byung stapfte die Treppen hoch, während ich vorsichtig ins Wohnzimmer schlich. Eine Stehlampe tauchte den Raum in ein sanftes Licht. Ich schaute mich um. Mein Blick blieb an der Couch hängen. Dort saß meine Mutter…, aber sie war nicht allein. Sie befand sich in den Armen von Jongdae. Beide schliefen. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter und seiner auf ihren Kopf. Ich fragte mich, ob Taehyung und ich in der U-Bahn wohl auch so süß zusammen aussahen.

    46
    Ich stand jetzt schon seit einigen Minuten an derselben Stelle und wusste immer noch nicht, ob ich sie jetzt wecken sollte oder besser nicht. Ich schluckte. Okay! Ich schlich vorsichtig Richtung Couch. Doch bevor ich meine Mutter am Arm antippen konnte, schlug Jongdae die Augen auf. Wuah! Mein Herz rutschte in die Hose. „…Lynn?“, hörte ich seine verschlafene Stimme. „Ähm…ja…bin wieder da.“ Meine Güte, ich machte diese Situation merkwürdiger als sie war. Er lächelte mich an. Dann strich er meiner Mutter eine Haarsträhne aus dem Gesicht und flüsterte leise ihren Namen. „Janett…Lynn ist hier…“ Es war lange her, dass ich jemanden den Vornamen meiner Mutter benutzen hörte. Kurz tauchte das Bild meines Vaters vor meinen Augen auf, doch ich schüttelte schnell den Kopf. Meine Mutter schaute sich leicht verwirrt um, doch dann schien sie sich zu erinnern, was heute Abend passiert war und sprang auf. „Lynn!“ Irgh! „Ja, ich weiß. Es tut mir wirklich leid, dass…!“ Ich wurde abrupt von ihrer stürmischen Umarmung gestoppt. „Lynn…Gott sei Dank, geht es dir gut! Ich hätte nicht so ausflippen dürfen, immerhin bin ich hier ja die erwachsene Person…tut mir leid.“ Haaaaaach! Es tat gut. Es war warm und kuschelig in ihren Armen und es roch…nach Mama halt. Ich drückte mich fester an sie und spürte die Tränen in meine Augen steigen. Nicht schon wieder! War es nicht irgendwie schädlich für die Gesundheit andauernd zu heulen? Ich nahm mir fest vor, in nächster Zeit nicht mehr aus den Augen zu Schwitzen. Ich spürte eine große Hand über meinen Kopf streichen. „Schön, dass du wieder da bist. Ihr habt sicher Einiges zu bereden, daher gehe ich schonmal ins Bett. Aber macht nicht zu lange, es ist schon spät.“, kam der gutgemeinte Rat von Jongdae. Ich lächelte ihn dankend an und nickte. „Danke Schatz, ich komme gleich nach.“, erwiderte meine Mutter ebenfalls mit einem Lächeln.

    Als Jongdae das Wohnzimmer verlassen hatte, starrte ich meine Mutter an. „Was ist?“, fragte diese beunruhigt. Ich verschränkte die Arme. „Schatz? ... Dein Ernst?“ Sie lachte. „Stört dich das so sehr?“ Ich ließ mich auf das Sofa plumpsen. „Gib mir drei Jahre, dann habe ich mich daran gewöhnt…oder ich bin bis dahin ausgezogen, dann störts mich auch nicht mehr.“ Sie setzte sich neben mich und schwieg. Irgendwas bedrückte sie, aber sie wollte es nicht sagen. „Raus mit der Sprache!“ Sie sah zu Boden. „I-ich weiß nicht, …ob es so eine gute Idee war hierherzuziehen.“ BAM! Brüller des Abends oder besser des Morgens. „Könntest du das genauer ausführen?“, forderte ich. „Ich…bin mir sicher, du vermisst deinen Vater.“ Es war drei Uhr Frühs…ich hörte quasi schon mein Bett nach mir rufen, aber natürlich war es die richtige Zeit, um DARÜBER zu sprechen. Ich seufzte. „Schon möglich, dass ich ihn vermisse, aber was hat das mit hierherziehen zu tun?“ Endlich schaute sie mich an. „Wärst du in Deutschland nicht glücklicher? Ich meine, ich habe es geschafft, dein halbes Leben auf den Kopf zu stellen! Noch dazu bin ich mir sicher, dass du Jongdae hasst und Byung…da bin ich mir nicht sicher, aber du fühlst dich hier sicher nicht wie Zuhause. Ich…ich dachte, wir könnten eine richtige Familie sein. Ich weiß, ich habe dich oft vernachlässigt und Arbeit war mir wichtiger als meine eigene Tochter, aber das wollte ich ändern. Ich wollte, dass du mit hierherziehst, damit ich irgendwie neu anfangen kann und wir naja so eine Bilderbuchfamilie werden. Aber ich war egoistisch und wenn du wirklich hier wegwillst, dann versteh ich das. Ich rede mit deinem Vater, dass du zurück nach Deutschland gehst und…“ Ich hob meine Hand, was meine Mutter verstummen ließ. Warum wollten mich heute alle zurück nach Deutschland verfrachten? „Mami, bevor du gleich das Flugticket kaufst, darf ich mal meine Meinung loswerden?“ Sie nickte mit einem ernsten Gesichtsausdruck. „Gut. Also…Ich will nicht zurück, auf keinen Fall, nie und nimmer… also doch vielleicht mal in den Ferien oder so. Aber worauf ich hinaus will ist, …ich fange an, mich hier wohl zu fühlen. Ja, ich gebe zu, ich wollte Jongdae hassen und Byung mal nebenbei auch, dennoch musste ich zu meinem Bedauern feststellen, dass dies nicht möglich ist. Die ganze Atmosphäre in diesem Haus ist ganz anders, als sie bei uns war. Es hat was Heimisches. Dennoch fühle ich mich hier nicht richtig Zuhause, da hast du recht, aber das tue ich in Deutschland auch nicht. Ich kann sehen, wie viel Jongdae an dir liegt und ich weiß dich bei ihm in guten Händen und er gibt sich auch wirklich Mühe, dass ich mich hier wohlfühle und nach dem heutigen Tag, weiß ich, dass er sich auch um mich sorgt…aber versuch bitte nicht, ihn als meinen neuen Vater zu verkaufen. So…Habe ich was vergessen zu erwähnen? Mmh, ach ja! Ich weiß, du hast alle Hände voll zu tun mit deiner Arbeit und so, aber ich würde mich freuen, wenn wir so wie heute öfter mal einfach reden können. Ich hab dich lieb, Mami.“ Ich schlang meine Arme um sie und sie erwiderte meine Umarmung. „Ich habe dich auch lieb mein Schatz.“ Dies ließ mich argwöhnisch zu ihr hochschauen. „Äh…ich will diesen Moment ja nicht kaputt machen, aber…nenn mich bitte nie wieder Schatz…dein Schatz liegt immerhin oben im Bett und wartet auf dich.“ Die Wangen meiner Mutter färbten sich leicht rosa. Ich lachte. „Du siehst gerade aus wie ein Mädchen, das zum ersten Mal verliebt ist.“ Als Antwort zu meinem Kommentar zwickte sie mich in die Nase. „Machst du dich etwa lustig über mich? Pass mal auf, wenn du das erste Mal verliebt bist! Ich habe haufenweise Babyfotos von dir…nackte Babyfotos!“ Mir klappte die Kinnlade runter. „NEIN! Glaub mir, wenn ich einen Freund habe, dann werde ich ihn definitiv von dir fernhalten!“ Wir lachten beide. DAS, genau DAS, hatte ich all die Jahre vermisst.

    „Aber Lynn, was dein Knie angeht…“, fing meine Mutter vorsichtig an. Ich nickte. „Ja, ich weiß. Ich war heute unvorsichtig und es wird nicht mehr vorkommen, versprochen. Mir ist bewusst, wie es ausgehen kann.“ Sie streichelte mir übers Haar. „Es tut mir leid. Ich weiß, wie viel dir das Eiskunstlaufen bedeutet hat, aber ich wusste all die Jahre nicht, wie ich dir nachdem entgegentreten sollte. Du sahst so traurig aus, aber keine Worte von mir, hätten alles rückgängig machen können. Mir erschienen jegliche Aufmunterungsversuche sinnlos. Aber ich hätte bei dir sein sollen, für dich da sein sollen…es tut mir leid.“ Ich seufzte. „Nein, schon gut. Ich wollte zu dem Zeitpunkt sowieso von niemanden was hören. Wie siehts eigentlich aus mit meiner neuen Schule? Wissen sie Bescheid?“, fragte ich, bevor ich in Depressionen ausbrächen konnte. Meine Mutter nickte. „Ja, du bist vom Sportunterricht freigestellt.“ Hach, für einige wäre es wahrscheinlich der Himmel auf Erden, kein Sport machen zu müssen, aber für mich war es eher die Hölle auf Erden! An meiner alten Schule wurde ich als für zu fein zum Sportmachen abgestempelt wurden. Hoffentlich würde es dieses Mal anders sein. „Und…ich habe für heute einen Termin im Krankenhaus gemacht, sodass sie dein Knie durchchecken, ob es Schäden vom Inliner fahren genommen hat. Der Termin ist für nachmittags sechszehn Uhr angesetzt und ich werde dich begleiten. Du bist dort jetzt als reguläre Patientin angemeldet und musst einmal im Monat zum Check-Up dorthin. Ist das okay für dich?“ Ich nickte langsam. „Ja. Aber ich hätte da noch eine Bitte…“ Meine Mutter sah mich fragend an. „Kann Byung mich morgen zum Krankenhaus begleiten?“ Überrascht zog meine Mutter die Luft ein. „Du…willst es ihm sagen?“ Ich nickte erneut. „Ich denke meine neue Familie hat es verdient, es zu wissen…“

    47
    Ein wohliges Gefühl breitete sich in meiner Brust aus und das lag nicht nur an der kuscheligen Bettdecke, in die ich mich nun schmiegte. Der Tag begann mit einem sanften Wehen, artete in einen Sturm aus, der sich nun endgültig wieder zur Ruhe gelegt hatte. Es war ein befreiendes Gefühl, dass meine Mutter und ich uns ausgesprochen hatten. Vielleicht hört sich das blöd an, aber ich hatte das Gefühl meine Mutter wiederzuhaben, nachdem sie all die Jahre mit ihrer Arbeit verheiratet war. Auch wenn ich es ein wenig ungern eingestand, war es wohl nicht zuletzt Jongdaes Verdienst gewesen. Er tat meiner Mutter gut, das war offensichtlich und dennoch… Wie es wohl meinem Vater ging?

    „Oi! Schlafmütze, beweg endlich deinen Hintern aus dem Bett! Wir haben immerhin Termine…“ Mmh…ein Alptraum? Ich drehte mich auf die andere Seite. „Dein Ernst? Wenn nicht so, dann muss ich zu drastischeren Maßnahmen greifen…“ Mir kam die Stimme bekannt vor, aber trotzdem ich versuchte hier immerhin zu schlafen und da war diese Stimme echt nervig. Ich grummelte vor mich hin. Im nächsten Moment wurde mir mit einem Ruck die Decke weggerissen. Von der plötzlichen Kälte übermannt, schoss ich nach oben und schaute mich verstört um. Konnten Decken neuerdings fliegen? „Na geht doch! Du solltest dich echt beeilen Morgenmuffel…du hast noch eine halbe Stunde, dann müssen wir los.“ Aha. Die nervige Stimme gehörte also Byung! Ich blinzelte zweimal. „Könnte ich vielleicht meine Kuscheldecke wiederkriegen? Das war grad sooo gemütlich.“, ich gähnte, „Wo willst du eigentlich in einer halben Stunde hin?“ Er seufzte, schmiss mir aber meine Decke zu. „Zum Krankenhaus…wie ich von deiner Mutter erfahren habe.“ Ich war verwirrt. „Wieso musst du zum Krankenhaus? Bist du krank?“ Jetzt da ich meine Decke wieder hatte, rollte ich mich unter ihr zusammen. Sooo schön kuschelig. „Meine Fresse! Sag mal, hast du gestern irgendwas getrunken? Nicht ICH muss dahin, sondern DU! Aber ich bin so frei und spiele den Babysitter. Aber wenn dir Mason lieber wäre…dann kann ich ihn anrufen, sodass er dich am Hals hat.“ Was redet dieser Vogel schon wieder. Mason…? Ach ja, er hat mich gestern heulend aufgegabelt und dann…! Gestern! Mit einem Mal war ich hell wach und sprang aus dem Bett. Byung seufzte. „Okay, ich schätze mal dein Verstand, wenn du sowas überhaupt jemals besessen hast, ist wieder im Einsatz. Also…fünfundzwanzig Minuten…ticktack!“ Dann fiel meine Zimmertür ins Schloss. Oh Gott, mein Kopf musste sich wirklich irgendwo in den Wolken befunden haben…

    In Rekordzeit sorgte ich dafür, dass mein Äußeres einigermaßen ansehnlich wurde, sodass ich mich der Gesellschaft zur Schau stellen konnte. Als ich die Treppe hinunter stürmte, lehnte Byung schon gelangweilt an der Haustür. „Kanns losgehen?“ Ich nickte, schlüpfte in Schuhe, zog meine Jacke an und schnappte mir meinen Rucksack. Die Tür zum Wohnzimmer schwang auf. „Lynn, hier sind noch einige Unterlagen, die du mitnehmen musst und dein Krankenkassenausweis! Falls irgendwas ist, dann ruf mich auf jeden Fall an, okay?“ Ich lächelte sie an und nickte. „Bis später Mama.“ Byung und ich beeilten uns zur U-Bahn zu kommen, dennoch konnte ich ihn zu einem kurzen Zwischenstopp bei MC Donalds überreden, denn ich konnte so langsam mal Frühstück vertragen und nichts ging über Burger, Nuggets und Pommes. Die U-Bahn war zum Glück recht leer, daher mampfte ich nun in Ruhe meinen Cheeseburger und schlürfte meine Cola. Byung meinte, er hatte erst zuvor gegessen, daher guckte er mir einfach beim Essen zu. „Ist was?“, fragte ich nach einer Weile etwas genervt. Ich hasste es, wenn ich beim Essen beobachtet wurde! Er grinste. „Das erste, was du am Tag isst, ist ein Cheeseburger von MC Donalds…achten Girls sonst nicht auf jedes Gramm, was mit Kalorien zusammenhängt?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Also zunächst… wenn es verdammt noch einmal lecker ist, dann esse ich es und da ist mir auch egal wie viele Kalorien es hat und zweitens…War das gerade ein indirekter Hinweis von dir, dass ich zu dick bin?“ Er zuckte mit den Schultern. „Naja, gibt schlankere…“ Ich rammte ihm meinen Ellenbogen in die Rippen. „Autsch! Ist ja schon gut. Ich steh ja auch nicht auf die abgemagerten Pseudo-Models, die nur Salat futtern.“ Jetzt war meine Neugierde geweckt. „Byung…sag mal, was ist denn eigentlich dein Typ, was Mädchen angeht?“ Er verschränkte die Arme. „Vergiss es! Kleine Schwester oder nicht, mit dir rede ich nicht über Mädchen!“ Oh doch! Ich konnte ziemlich hartnäckig sein, wenn mich die Neugier trieb. „Gut, dann anders. Wie viele Freundinnen hattest du schon? Und…wie weit bist du mit ihnen gegangen?“ Er zog die Luft ein. Ich kicherte. „Aha, so weit also…“ Er schnalzte mit der Zunge. „Weißt du, da bist du mir als Morgenmuffel doch viel lieber…da laberst du wenigstens weniger vor dich hin!“

    48
    Wir saßen jetzt schon eine geschlagene dreiviertel Stunde im Foyer des Krankenhauses und warteten auf meine Untersuchungsergebnisse. Dies hatte mir zumindest die Zeit gegeben, Byung zu erzählen, warum wir überhaupt hier waren. Er hatte mir die ganze Zeit über ruhig zugehört, wie es auch Mason getan hatte. Hin und wieder erschienen kleine Falten auf seiner Stirn und seine Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, aber er unterbrach mich nicht ein einziges Mal. Nachdem ich nun aber meine Ausführungen beendet hatte, schaute ich ihn, auf eine Reaktion wartend, an. Er seufzte tief und setzte dann zum Reden an. Doch bevor er auch nur ein Wort herausbringen konnte, wurde er schon unterbrochen. „Frau Stebach, wir haben jetzt ihre Ergebnisse. Folgen Sie mir doch bitte.“ Wir erhoben uns und folgten der Schwester in einen kleinen Untersuchungsraum, wo zuvor ein Arzt mein Knie betastet hatte. Ich kam mir vor wie in einem Film, als der Arzt die Röntgenbilder an eine Magnettafel pinnte. Ich war jedoch froh, dass dies keine Filmszene darstellte, sonst würde der Arzt mir gleich mitteilen, ich werde nie wieder laufen können und im Hintergrund würde eine traurige Melodie eingespielt werden.

    Der Arzt, der nebenbei noch recht jung aussah, setzte sich auf einen Drehstuhl und wies Byung und mich an, uns ebenfalls zu setzen. „Also gut, ich muss schon sagen, so eine Patientin wie Sie hat man nicht alle Tage.“, lächelte er mich freundlich an. War das jetzt ein Kompliment? Also ich könnte auf meine Narkoseallergie verzichten. „Wenn es Sie nicht stört, können Sie ruhig du zu mir sagen…ist mir angenehmer. Außerdem werden wir uns ja demnächst einmal öfter sehen, nicht wahr?“ Sein Lächeln zeichnete sich sogar in seinen Augen ab. So sieht wohl jemand aus, der seinen Wunschberuf ausführen darf. „Gern, dann also du. Naja, stimmt schon, dass du jetzt mindestens einmal im Monat zum Check-Up kommen solltest, aber erstmal zum jetzigen Stand. Dein Knie hat keine Schäden von dem gestrigen Sturz genommen, dennoch war es sehr riskant, dein Knie diesen Belastungen auszusetzen. Solange das Knie nicht operiert wird, wird es nie wieder zu hundert Prozent funktionsfähig sein, daher sind sämtliche sportliche Aktivitäten zu reduzieren beziehungsweise untersagt.“ Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber war sich wohl nicht sicher, ob er es wirklich tun sollte. „Sagen Sie es ruhig.“, forderte ich ihn auf. „Nun ja…der Unfall ist beim Eiskunstlaufen passiert richtig? Du betätigst dich also gern sportlich oder hattest es zumindest, richtig?“ Ich nickte vorsichtig. Er seufzte. „Mir ist klar, welche Gefahren eine OP birgt, immerhin bin ich Arzt, dennoch muss sie nicht den Tod bedeuten. Die Wahrscheinlichkeit, dass du während der OP stirbst ist gering, aber durch den hervorgerufenen Schock, ist die Gefahr des Komas sehr hoch…trotzdem ist nicht gesagt, dass du nie wieder aufwachst. Es kann Jahre dauern, aber es ist nicht unmöglich. Es gab auch schon Fälle, die nach zwei Wochen ihr Bewusstsein wiedererlangt haben. Worauf ich hinaus will ist, du solltest die Möglichkeit einer Operation nicht ausschließen…bitte denk in Ruhe darüber nach, okay?“

    Ich nickte zwar, doch als das Bild meines Onkels vor mir auftauchte, machte sich Angst in mir breit. Nein! Keine OP, niemals! Ich war den Tränen nah und senkte den Kopf, um es zu verbergen. Byung, der bereits aufgestanden war, legte mir eine Hand auf die Schulter. „Hey Doc, wenn es nichts weiter zu sagen gibt, können wir dann gehen.“ Er schaute Byung kurz an, nickte dann aber. „Das wäre vorerst alles. Wir sehen uns dann in einem Monat wieder.“ Er reichte mir die Hand und dann Byung, wobei er seine kurz umschlossen hielt. „Ich würde es bevorzugen, wenn du mich nicht Doc nennst…Ich wollte sie nicht verletzen oder verunsichern. Ich bin Arzt und versuche immer meinen Patienten die Hilfe zu geben, die sie brauchen. Ich hoffe du verstehst das.“ Byung entzog ihm seine Hand und zuckte mit den Schultern. „Von mir aus. Also dann…“ Er nahm meine Hand und führte mich aus dem Untersuchungszimmer. Ich hätte schwören können, ein Flüstern in Richtung des Docs gehört zu haben: „Und seit wann hat es mit helfen zu tun, wenn ein Doc ein Mädchen zum Weinen bringt?“ Doch im nächsten Moment öffneten sich auch schon die automatischen Schiebetüren und wir standen bei herrlichen Sonnenschein vor dem Krankenhaus. Kurz herrschte Stille bis Byung sich zu mir umdrehte. „Lynn, hör mal…“ „Heeeeeeeeyyyyooooooo!“ Malwieder wurde Byung unterbrochen, dieses Mal von einem echt lauten Gebrüll. Ich schaute mich um. Auf der anderen Straßenseite stand ein Junge und winkte uns hektisch zu. Er guckte nach links und rechts und überquerte dann die Straße. Mit der Brille, dem Mundschutz und dem Hut brauchte ich eine Weile bis ich erkannte, wer dieser durchgeknallte Typ war, der in voller Lautstärke eine Begrüßung gebrüllt hatte. „Hi Lynn, hey Byung! Was für ein Zufall euch hier zu treffen. Was macht ihr denn hier in diesem Stadtteil von Seoul?“ Das war definitiv die schlechteste Frage, die er hätte stellen können. Was machten wir wohl hier…vor einem Krankenhaus…? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, während Taehyungs strahlende Augen mich geradezu durchbohrten…


    49
    Taehyung starrte mich an, wie ein Welpe, der darauf wartete von seinem Herrchen getätschelt zu werden. „Ah! Du hast dich doch nicht etwa doch doller verletzt, als du gestern hingefallen bist oder?“, fragte er nun schon fast panisch. „Nein, nein deshalb sind wir nicht hier…äh also…“ Ich wollte und konnte es ihm nicht sagen! Sein gutmütiges Herz würde daran zerbrechen. Er hatte sich letztens doch schon so große Schuldvorwürfe gemacht, aber wenn ich ihm jetzt sagte, ich leide unter einer Allergie, die mich umbringen wird, dann gäbe es keine Möglichkeit, ihn wieder zum Lächeln zu bringen…und ich mochte sein optimistisches, kindisches und sorgenfreies Lächeln. Plötzlich griff er nach meinen Schultern. „Lynn, bitte sag die Wahrheit! Geht’s dir nicht gut? Bist du krank? Ist es was Schlimmes?“ Waaah! Jetzt sah er aus wie ein Welpe, der auf der Straße ausgesetzt wurden war. Ich öffnete meinen Mund…und schloss ihn wieder. Ich war noch nie gut im Lügen gewesen, im Gegenteil ich hasste es zu lügen. „Taehyung, beruhig dich mal. Wir sind wegen mir hier. Ich hab mir vorgestern beim Baseballtraining meinen Fuß umgeknickt und da wollte ich nur sichergehen, dass keine weiteren Schäden folgen. Aber der Doc meinte, es sei alles gut. Ich sollte mich nur ein wenig schonen…also keinen Grund hier gleich in Tränen auszubrechen, du Heulsuse.“ Meine Fresse, dass Byung ohne mit der Wimper zu zucken, so eine Lüge raushauen konnte. Ich hasste Lügen, aber ich war ihm so dankbar, dass nun ich meine Tränen im Zaum halten musste. „Pah, wen nennst du hier Heulsuse! Ich wollte nur sichergehen, dass Lynn in Ordnung ist und was dich angeht…du wirst es überleben.“ Er tätschelte Byungs Schulter und grinste frech. Puh…Katastrophe abgewandt…jedenfalls zeitweilig…

    Da Taehyung gerade sein Fotoshooting beendet hatte und wir ebenfalls keine weiteren Pläne hatten, entschieden wir uns zusammen essen zu gehen. Mein Magen grummelte vor Freude als endlich drei große Teller, von Nudelgericht bis Rindfleisch, vor uns standen und sich jeder nach und nach seinen eigenen Teller belud. „Oh Lynn, morgen ist dein erster Schultag oder?“, bemerkte Taehyung. Ich stockte kurz. „Ähm…ja.“ Taehyung legte den Kopf schief. „Das klingt aber nicht begeistert. Hast du Angst? Weil du mitten im Jahr neu dazu kommst? Oder hast du Angst, du findest keine Freunde?“ Taehyung war echt gut darin, Probleme ausdiskutieren zu wollen. „Naja, auf meiner letzten Schule hatte ich nie richtige Freunde gehabt…“, sagte ich mehr zu meinem Teller als zu Taehyung. „Ach ich bin mir sicher, deine Klassenkameraden werden dich lieben. Zumal du ja immer noch Byung hast. Der wird schon dafür sorgen, dass du dich zurechtfindest.“ Der Angesprochene blickte erst mich an, dann Taehyung. „Vergiss es! Mein Coolness-Faktor würde ja wohl drastisch sinken, wenn rauskommt, dass ich einen auf großen Bruder mache. Das kommt gar nicht in die Tüte. Ich hab immerhin ein Image zu wahren!“ Ich funkelte ihn böse an, konnte aber ein Grinsen nicht verkneifen. „Auf dich war noch nie Verlass. Okay, dann Plan B…ich werde dein persönlicher Bodyguard und folge dir auf Schritt und Tritt!“ Sofort tauchte in meinem Kopf ein Bild von Taehyung auf, der mir ohne zu zögern, in die Mädchentoilette folgte und die Kabine prüfte, ob Spinnen in den Ecken saßen. Ich musste kichern. „Hey! Das war ernst gemeint! Lach mich nicht aus…“, schmollte er. Ich schüttelte den Kopf. „Danke für das Angebot, aber ich schaffe das schon allein…bin ja kein Kind mehr.“ Noch nicht ganz schlüssig, ob er seine Idee aufgeben sollte, gab er sich dann doch geschlagen. „Na gut, aber du musst mich sofort anrufen, wenn du wieder zu Hause bist und mir sagen, wie es war, deal?“ Ich nickte. „Geht klar.“

    Den Rest des Essens hatte Taehyung über eine Faultier-Dokumentation erzählt, die er vor kurzen in einem Flieger gesehen hatte und wie cool er es fände, eins als Haustier zu haben. Als wir zu Hause ankamen, wollte natürlich meine Mutter sofort wissen, was der Arzt gesagt hatte. Ich berichtete über die Auswertung meiner Untersuchung, ließ aber das kleine Detail zum Thema Operation weg. Endlich in meinem Zimmer angekommen, ließ ich mich auf mein Bett plumpsen. „Haaach! Okay, ich denke, jetzt wird es zu keinen Unterbrechungen kommen…“ Meine Worte richteten sich an Byung, der sich verkehrtherum auf meinem Schreibtischstuhl niedergelassen hatte und seine Arme auf der Lehne verschränkt hatte. Er sagte jedoch nichts. Ich setzte mich auf und blickte zu ihm herüber. „Byung?“, fragte ich vorsichtig. Er schaute auf und in seinen Augen schienen Eiskristalle zu wachsen. „Nein!“ Seine Stimme war streng und unbeugsam. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. So hatte ich ihn noch nie erlebt. „Byu…“, setzte ich an, doch weiter kam ich nicht. „Ich lasse nicht zu, dass du diese Operation durchziehst! Niemals!“

    50
    Ich war baff, einfach baff. Ich hatte mit allem gerechnet, aber dass er solche Bombe platzen lässt… „Mir ist scheißegal, wie die Wahrscheinlichkeiten stehen, dass du das überlebst. Solange es auch nur eine winzige Prozentzahl gibt, dass du dabei stirbst, werde ich verdammt noch einmal alles tun, um zu verhindern, dass du dich operieren lässt!“ Er stand mittlerweile keinen Meter von mir entfernt und ballte seine Hände zu Fäusten. „Es tut mir zwar leid, dass du jetzt das Eiskunstlaufen aufgeben musst, aber dann helfe ich dir halt ein anderes, viel besseres Hobby zu finden! Ich trag dich von mir aus auch den ganzen Tag huckepack und passe auf, dass du nicht stolperst, aber ich lasse nicht zu, dass du einfach so aus meinem Leben verschwindest! Seit dem Tod meiner Mutter fühlte sich dieses Haus so verdammt leer an. Aber dann brachte mein Vater auf einmal diese Frau nach Hause und stellte sie als seine neue Liebe vor. Ich war verdammt noch einmal angepisst, so richtig angepisst. Wie konnte er meine Mutter so einfach ersetzen? Diese Frau konnte niemals auf der selben Stufe stehen wie meine Mutter! Und trotzdem…mein Vater lächelte seit langem mal wieder unbeschwert, führte sich teilweise auf wie ein verliebter Teenager. Es kam die Zeit, da konnte ich nicht mehr leugnen, dass diese Frau meinen Vater zurück ins Leben holte. Wie soll ich denn bitte so eine Person hassen? Noch dazu würde mein Vater sie auf Händen tragen, da konnte ich seinem Glück doch nicht dazwischen funken! Aber eine Sache, die ich tun konnte, die ich mir fest vornahm, war ihre Tochter zu hassen, die sie aus ihrer Ehe mit anschleppen wollte!“

    Mein Herz zog sich zusammen. Aber wer war ich schon zum Urteilen? Immerhin hatte ich doch dasselbe Ziel gehabt, wenn ich es mal ehrlich eingestand. Und trotzdem, es…machte mich traurig ihn so reden zu hören. Ich spürte Tränen in meine Augen steigen. Ihm nicht länger in die Augen schauen könnend, richtete ich meinen verschleierten Blick auf meinen Schoß. „Und dann kam der Tag, an dem ihre Tochter mit Sack und Pack nach Seoul gereist kam und sich hier einquartierte. Ich kannte eure Familienverhältnisse, daher erwartete ich eine verwöhnte Zicke in Gucci Sachen, was meinen Hass wenigstens geschürt hätte, aber was bekam ich stattdessen?“ Meine Matratze sank tiefer als sich Byung neben mir niederließ. „Statt einer Oberzicke, bekam ich eine kleine Schwester, die manchmal etwas zu selbstbewusst ist und manchmal zu schüchtern. Eine kleine Schwester mit der ich rumalbern kann und die es so geschafft hat, die kleine Lücke in meinem Herzen zu füllen, die seit Jahren offen klaffte. Eine kleine Schwester, die mich dazu bringt wie in einem kitschigen Film zu reden und die es geschafft hat, die Wörter Rücksicht und Sorge in meinem Wörterbuch aufzunehmen. Eine kleine Schwester, dich ich um alles in der Welt nicht mehr verlieren will und die ich beschützen werde, sodass sie niemals diese Familie verlässt, denn sonst wäre sie nicht komplett!“ Byung nahm mein Gesicht in seine Hände und sorgte so dafür, dass ich ihn ansehen musste. Ich schniefte. Er lächelte mich an und wischte meine Tränen weg. Ich schubste seine Hände weg. Erschrocken sah er mich an. Ich holte tief Luft. „Verdammter IDIOT! Wie kannst du nur sowas sagen?“

    Ich schlug mit geballten Fäusten gegen seine Brust. „Du…du benimmst dich ja wie ein richtiger Bruder!“ Er hielt meine Handgelenke fest. „Und ist das was Schlechtes?“, fragte er mit ruhiger Stimme. Ich sah ihn an. „Ja, was ganz Schlechtes, denn so zieht sich mein kleines Herz schmerzhaft zusammen, welches noch nie, von niemanden, viel Beachtung gekriegt hat und ich weiß nicht, was ich tun soll, damit dieser Schmerz aufhört?“ Ich schniefte vor mich hin und er kicherte leise. „Wie wär‘s denn damit?“ Er zog mich an seine Brust und umarmte mich fest. „Besser?“ Ich schüttelte in seiner Halsbeuge den Kopf. „Noch schlimmer…jetzt komme ich mir vor, als wären wir eine Familie…“ Er schnipste mir gegen den Kopf. „Dummkopf! Wir SIND eine Familie!“ Diese Aussage gab mir den Rest. Während immer noch Tränen ihren Weg aus meinen Augen suchten, schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. „Tse…da könntest du tatsächlich recht haben.“, sagte ich leise. Seine Brust vibrierte von seinem Lachen. „Oh oh, ich muss dir wohl noch Einiges beibringen. Aber wir haben ja genug Zeit. Also erstens: Ich habe immer recht!“ Ich stieß ihn von mir. „So läuft das nicht! Also die erste Regel lautet wohl eher: Du hast nur recht, wenn ich sage, du hast recht! Ansonsten habe ich recht!“ Wir mussten beide lachen.

    51
    „Oi! Hey! Heeeeey!“ Ich drückte mir mein Kissen aufs Ohr und hoffte so weiterschlafen zu können…Fehleinschätzung. Unsanft wurde es mir weggerissen und als wäre das noch nicht genug, wurde mein Arm gepackt und soweit dran gezogen, dass ich nun halb aus meinem Bett hing. „Schwing endlich deinen Hintern aus dem Bett! Wir müssen zur Schule und wenn du zu spät kommst an deinem ersten Tag, kann ich mir von meinem Vater eine gewaltige Standpauke anhören…“ Wiederwillig öffnete ich die Augen, wobei mir grelles Sonnenlicht in die Augen stach. Ich stöhnte. „Weißt du Byung…gestern warst du echt pflegeleichter!“ Er schnalzte mit der Zunge. „Das Kompliment gebe ich gerne zurück!“ Er war schon über die Türschwelle getreten, als er sich noch mal umdrehte. „Aber wehe du erzählst irgendjemanden, was gestern passiert ist!“ Noch nicht in der Lage meine Beine zu benutzen, saß ich verschlafen am Boden. „Jaja schon klar…dein Image könnte Schaden nehmen…“ Er grinste. „Du lernst schnell, Schwesterchen.“ Dann war er verschwunden. Lernen? Das war etwas, was ich absolut nicht mochte. Erster Schultag, heh? Lasst die Spiele beginnen und möge das Glück stets mit euch sein!

    Nachdem ich mich in meine Schuluniform reingezwängt hatte, die mir nebenbei verdammt gutstand, watschelte ich die Treppe hinunter. Der braune Rock hüpfte dabei hoch und legte sich dann wieder auf meine Oberschenkel. War der nicht ein wenig zu kurz? Röcke verunsicherten mich immer etwas. Man muss aufpassen wie man sitzt und wie doll der Wind weht, blablabla! Letztlich tat ich das, was ich immer machte und zog unter den Rock noch eine kurze Sporthose an. Perfekt! Ich schnappte mir meinen Rucksack und sauste in die Küche. „Na endlich!“, begrüßte mich Byung genervt. Er zog mich am Arm hinter sich her aus der Küche raus. „Hey…ich hab noch nicht gefrühstückt…“, warf ich ein. „Tja, wer nicht aus dem Bett kommt, hat keine Zeit für Frühstück…“ Damit war der Keks gegessen (oder eben auch nicht) und nachdem meine Mutter und Jongdae noch ein liebevolles Viel Spaß in der Schule. hinterherriefen, fiel auch schon die Haustür ins Schloss. Wir fuhren keine 10 Minuten mit der U-Bahn, da mussten wir schon wieder aussteigen. Den Rest des Weges legten wir zu Fuß zurück. Meine Aufregung stieg, da immer mehr Schüler mir den gleichen Uniformen sich unseren Weg anschlossen. Naja logisch, wenn sie auf dieselbe Schule gehen. „Nervös?“, fragte Byung neben mir. Ich nickte. „Aber was solls. Ich schaff das schon! Also mach dir keine Sorgen…“ Er schnaubte. „Wer macht sich hier Sorgen? Ich gehe nur sicher, dass du mich nicht blamierst.“ Ich kicherte.

    „Hey Byung! Seit wann hast du ne neue Freundin?“ Ein Junge kam auf uns zu gerannt und verfiel neben Byung dann ins Schritttempo. „Das du es an nem Montag mal pünktlich zur Schule schaffst grenzt ja schon fast an ein Wunder, Kean…“ Der Angesprochene versuchte noch die letzten Spuren seines Schlafes zu beseitigen, welche aus abstehenden Haarsträhnen bestanden. „Hehe hat sich doch gelohnt immerhin sehe ich dich nicht alle Tage Seite an Seite mit einem Mädchen zur Schule kommen.“ Er schob seinen Kopf vor, sodass er an Byung vorbeischauend, mich nun mustern konnte. „Hi, ich bin Kean. Und du?“ Also schüchtern war was anderes, aber er kam mir sympathisch vor, daher war ich auch weniger nervös beim Antworten. „Ich bin Lynn, Byungs…“ „Schwester!“, beendete Kean meinen Satz. „Mensch, er hat dich zwar mal erwähnt, aber er hat nie gesagt, dass du so süß bist.“ Er grinste und stupste Byung mit dem Ellenbogen erwartungsvoll an. Dieser, wenig berührt, gab Kean einen Klapps an den Hinterkopf. „Finger weg!“ Kean lachte. „Ich mach doch nur Spaß. Also freut mich dich kennenzulernen und wenn du mal von Byung die Schnauze voll hast, sag Bescheid…“ Er zwinkerte mir zu. Das Schulgebäude war mittlerweile in Sicht und neben uns tat sich ein riesiger Sportplatz auf. Mein Herz zog sich zusammen. Wir setzten unseren Weg fort und betraten das Hauptgebäude. „Ah, am besten ich zeige dir erstmal, wo das Sekretariat ist, damit du die letzten Anmeldungen ausfüllen kannst.“, meinte Byung. Doch bevor er weiterkam, tauchte ein großer Mann auf und kam auf uns zu. „Guten Morgen. Byung, ich muss mit dir noch was klären wegen des Baseballturniers…hast du gerade Zeit? Dauert auch nicht so lange.“ Ich war verwirrt. Kean beugte sich zu mir rüber. „Das ist der Coach…“, flüsterte er mir ins Ohr. Byung sah mich besorgt an. „Geh ruhig, ich finde schon zum Sekretariat. Vielleicht kann Kean mich begleiten?“ Ich sah diesen fragend an. Er strahlte und hob einen Daumen. „Roger! Alles gar kein Problem.“ Byung sah mich noch einmal an, aber nickte schlussendlich. „Okay. Ich verlasse mich auf dich, Kean. Wir sehen uns dann später.“ Mit diesen Worten folgte er dem Coach und ich blieb mit Kean zurück.

    52
    „Okaaay! Dann immer mir nach!“ Kean stapfte vorne weg und ich hinter ihm her. Ab und zu wurde er von ein paar Jungs begrüßt, deren Blicke dann immer fragend zu mir glitten, doch ich hatte Mühe mit Kean Schritt zu halten, der meiner Meinung nach für einen Montagmorgen viel zu energiegeladen war. Im ersten Stock blieb er vor einer großen Tür stehen. „Tada, das ist es.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er auch schon an die Tür geklopft. Ein Herein! war zu hören und zusammen mit Kean trat ich ein. „Guten Morgen. Sie sind bestimmt die neue Schülerin aus Deutschland, richtig? Lass mich kurz schauen…“ Die Frau blätterte in ihren Unterlagen und zog ein paar Zettel hervor. „Hier ist es ja. Also, Lynn Annabell Stebach, ich freue mich sie hier an unserer Schule begrüßen zu können und ich hoffe sie zeigen hier genauso erstaunliche Leistungen wie auf ihrer alten Schule. Bevor sie aber zu ihrer Klasse können, müsste ich sie noch darum bitten, diese Dokumente auszufüllen. Es handelt sich um reine Formalien.“ Dann fiel ihr Blick auf Kean. „Vielen Dank für ihre Hilfe, Yun Kean. Ab hier übernehme ich. Da der Unterricht gleich beginnt, sollten sie ihre Klasse schnellstmöglich aufsuchen.“ Mit der Frau sollte man es sich sicher nicht verscherzen. Ihre kurzen Haare und ihre Brille passten zu ihrem strikten Charakter. Ich sah zu Kean. „Danke fürs Herbringen.“ Er zwinkerte mir zu. „Null Problemo. Also…man sieht sich.“ Damit verließ er das Sekretariat und ich blieb mit der Spaßbremse allein zurück.

    Es dauerte zum Glück nur ein paar Minuten bis alle Formalien abgearbeitet waren. Mir wurde ein Spind zugeteilt und die Lehrbücher ausgehändigt, die gefühlt fünf Tonnen wogen. Nun eilte ich der Frau hinterher in den zweiten Stock und bekam weiche Knie als sie vor einem der Klassenräume anhielt. „Dies ist ihre Klasse.“, legte sie die Tatsache auf den Tisch. Sie klopfte, schob die Tür auf und ich folgte ihr unauffällig in den Raum. Naja unauffällig hätte ich es gerne gehabt, aber sofort richteten sich sämtliche Blicke meiner zukünftigen Klassenkameraden auf mich. Ich wollte mich am liebsten in Luft auflösen. Da ich nicht wusste, wo ich hinschauen solle, richtete ich meinen Blick zum Lehrerpult. Dahinter stand ein älterer Herr mit einem grauen Haaransatz. Nachdem die Frau mir noch viel Erfolg beim Lernen gewünscht hatte, war sie auch schon wieder verschwunden. Der ältere Herr trat neben mich und lächelte mich an. „Ich bin Herr Chung, dein Klassenlehrer. Wie wäre es, wenn du dich erstmal deiner Klasse vorstellst?“ Ich nickte vorsichtig. Okay, bring es einfach hinter dich, Lynn! Mein Puls stieg mit jeder Sekunde. „Ähm…Ich bin Lynn, 17 Jahre alt und das ist heute mein erster Tag an dieser Schule, daher hoffe ich auf eure Unterstützung.“ Ich fühlte mich wie ein Zootier unter den interessierten Augen meiner Mitschüler. „Wo kommst du her?“, brüllte ein Junge von hinten. „Ich bin vor kurzem aus Deutschland hierhergezogen…“, antwortete ich brav. „Hast du einen Freund?“, kam schon die nächste Frage. Ich konnte nicht verhindern, dass sich meine Wangen rosa färbten. „Äh…n-nein…“ Zwei Jungs tauschten in der letzten Reihe einen Handschlag aus und grinsten sich an. „Okay, ich hoffe, ihr helft Lynn sich hier einzufinden. Lynn setz dich doch bitte dort hin.“ Er deutete auf einen leeren Stuhl in der dritten Reihe in Wandnähe. Ich nickte und setzte mich auf den mir zugewiesenen Platz. Da es nur Einzeltische gab, prüfte ich meinen linken Nachbarn. Es war ein Mädchen, welches wenig koreanisch aussah. Sie hatte blonde längere Haare und blaue Augen. Nop, definitiv nicht asiatisch. Ich war beruhigt nicht die einzige Ausländerin zu sein.

    So wurde der Unterricht ohne weitere Unterbrechungen fortgesetzt. Naja, aber so wirklich gab es niemanden, der aufpasste. Okay, es muss gesagt sein, dass es sich um Geschichtsunterricht handelte und Herr Chung, naja, seine monotone Stimme half nicht gerade dabei, aufzuwachen. Andererseits ließ er sich auch nicht von dem leisen Schnarchen aus der letzten Reihe stören. Ich war jedoch verdammt froh, dass jeder beschäftigt war, denn im nächsten Moment vernahm ich ein lautes Bauchgrummeln. Ich senkte schnell den Kopf. Verdammter Byung! Nur weil ich kein Frühstück hatte… Plötzlich spürte ich ein Piksen im Rücken und drehte mich vorsichtig um. Ein Mädchen, offensichtlich Koreanerin, sah mich fragend an. „War das dein Bauch?“ Ich schluckte, nickte aber. „Tut mir leid…ich hatte noch kein Frühstück…“ Na toll, gleich am ersten Tag blamiert. Doch sie grinste mich nur an. „Hier.“ Sie zog aus ihrem Etui einen Schokoriegel und hielt ihn mir hin. „Herr Chung ist sowieso immer in seinen Monologen vertieft. Der kriegt sowas nicht mit.“ Dankend nahm ich den Riegel an und drehte mich wieder um. Dann war ein erneutes Bauchgrummeln zu vernehmen. Moment, diesmal war das aber nicht meiner! „Entschuldige, ich hatte auch noch keine Zeit zu frühstücken…“ Das blonde Mädchen sah mich mit geröteten Wangen an. Wir mussten beide lachen. Ich brach den Schokoriegel in zwei Teile und gab ihr die Hälfte ab. „Danke, ich bin übrigens Olivia…“

    53
    Als es zur Pause läutete schnappten sich die meisten schnell ihre Taschen und machten sich vom Acker. Bevor ich nicht mehr dazu kam, drehte ich mich schnell um. „Danke noch einmal für den Schokoriegel.“ Sie lächelte zurück. „Kein Problem. Also dann, man sieht sich.“ Sie schnappte sich ihre Tasche und verließ den Klassenraum. Ich war eine der letzten im Raum, also beeilte ich mich, meine Sachen in den Rucksack zu stopfen. Und jetzt? Sollte ich auch nach draußen auf den Schulhof gehen? „Wenn du grad nichts weiter vorhast, wie wäre es, wenn ich dich ein bisschen rumführe und dir die Schule zeige?“ Olivia stand vor mir und lächelte verlegen. Ich nickte. „Das wäre echt super.“ Ich war ihr unglaublich dankbar. Sie machte eine komplette Rundtour mit mir, von Bibliothek über Bandproberaum bis zum Keller zeigte sie mir alle Nischen der Schule. „Es sei gesagt, dass der Keller und das Dach eigentlich tabu sind, aber da dort nie Lehrer anzutreffen sind, haben diese Bereiche sich als eine Art Geheimverstecke entpuppt.“ Sie blieb stehen. „Ach ja! Auf dem Schulgelände gibt es mehrere Automaten, wo man sich Snacks und Getränke kaufen kann. Zudem gibt es natürlich eine Cafeteria, die in der Mittagspause geöffnet ist. Wenn du willst, können wir da nachher gemeinsam essen?“ Sie schaute mich vorsichtig an. „Ja klar, gerne!“, antwortete ich ohne Umschweife. Im nächsten Moment war ein Klingeln zu vernehmen, welches das Pausenende verkündete. Olivia seufzte. „Warum sind Schulstunden immer so lang und Pausen immer so kurz?“, fragte sie ironisch und wir trotteten zu den Schließfächern. „Äh, was haben wir jetzt eigentlich?“ Sie überlegte kurz. Dann schlug sie sich die Hand vor den Kopf. „Mist! Ich hatte total vergessen, dass wir heute Sport haben…und jetzt liegt meine Sportkleidung Zuhause.“ Ich schluckte. Hatte sie gerade Sport gesagt? Na toll und das an meinem ersten Tag.

    Wir schlichen Richtung Sporthalle, doch niemand von uns schien es sonderlich eilig zu haben. Der Lehrer zog eine Augenbraue hoch, als er uns sah. „Sehr schön, dass ihr auch noch kommt!“, begrüßte er uns sarkastisch. Dann blieben seine Augen an mir haften. „Oh, haben wir eine neue Schülerin?“ Ich stellte mich kurz vor. „Na gut, dann zieht euch bitte schnell um, damit wir den Unterricht beginnen können.“ Häh? Meinte meine Mutter nicht, sie hätte der Schule Bescheid gegeben? Na super und jetzt? „Ähm…also…ich darf keinen Sport mitmachen…“ Der Lehrer schlug mit der Faust in seine Handfläche. „Ach richtig! Deine Mutter hatte mir ja das ärztliche Attest zugeschickt. Tut mir leid, dass hatte ich doch glatt vergessen.“ Ein Nuscheln ging herum. „Attest?“… „Ist sie krank?“… „Ich will auch keinen Sport machen müssen!“ Von links spürte ich Olivias Blick. „Ich kann leider auch kein Sport mitmachen…ich habe meine Sportsachen zu Hause vergessen.“, sagte sie dann zum Lehrer. Dieser schüttelte den Kopf. „Haach! Aber dass das nicht zur Gewohnheit wird!“, sagte er grimmig. Olivia nickte. „Und wo ist Fräulein Kang schon wieder?“ Olivia zupfte an meinem Ärmel. „Lass uns schnell gehen, bevor er wieder seine Belehrungsmonologe hält.“ Möglichst unauffällig verließen wir also die Sporthalle und irrten ein wenig auf dem Schulgelände herum. Unterwegs holten wir uns ein paar Snacks vom Automaten und setzten uns dann auf eine höher gelegene Grasebene, die perfekte Sicht zum Sportplatz bot. Ich konnte ein Fußballfeld erkennen, das von einer Laufstrecke umzäunt war. Ein wenig weiter, befand sich ein Baseballfeld und Olivia hatte vorhin sogar ein Basketballfeld erwähnt.

    Ich seufzte. „Muss toll sein in einem Team spielen zu können…“ Ups! Hatte ich das laut gesagt? Olivia sah mich an, richtete ihren Blick dann aber wieder nach vorn. „Ich werde nicht fragen, warum du keinen Sport machen darfst, denn ich bin mir sicher, es ist eine ziemlich persönliche Angelegenheit, aber mich interessiert schon, wie du dazu kommst mitten im Schuljahr die Schule zu wechseln… Ah! Aber nur, wenn du es mir erzählen willst…“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ist okay. Ich antworte dir gerne, wenn es nicht gerade um Sportangelegenheiten geht…“ Sie lächelte. Die nächste Stunde redeten wir über alles Mögliche, warum ich hier bin, mit welchen Lehrern man es sich besser nicht verscherzen sollte und wo es die besten Kuchen gibt. „Im ernst, wir sollten das Café mal zusammen besuchen, die haben eine riesen Auswahl und wenn du mich fragst, dann schmeckt alles einfach klasse.“ Ihre Augen strahlten. Ich biss mir auf die Lippen. Das schien sie stutzig zu machen? „Habe ich etwas Falsches gesagt?“ Ich schüttelte schnell den Kopf. „Nein, nein. Es ist nur…also…“ Wie sollte ich das bitte formulieren, ohne dass es komisch kommt? Olivia lächelte. „Wenn es etwas ist, wobei ich helfen kann, dann bin ich gern für dich da.“ Ich holte tief Luft. „Das klingt vielleicht merkwürdig, aber…ich wollte dich bitten meine Freundin zu sein!“

    54
    Wow, wenn man es aussprach, hörte es sich noch komischer an. Im nächsten Moment war Olivias glockenhelles Lachen zu hören, doch dann nahm sie meine Hand in die ihren. „Das klingt nicht merkwürdig. Im Gegenteil, ich freue mich, dass du meine Freundin sein willst. Aber ich habe da eine Bedingung!“ Ich sah sie fragend an. „Du musst immer zu mir kommen, wenn dich etwas bedrückt oder du traurig bist! Versprochen?“ In meiner Brust breitete sich ein wohliges Gefühl aus. Meine Mundwinkel zogen sich nach oben. „Versprochen! Aber dann gilt dasselbe für dich!“ Sie nickte zustimmend. Wow! Hatte ich es geschafft? Hatte ich jetzt wirklich eine Schulfreundin? „Seit ihr eine geschlossene Gruppe oder nehmt ihr noch Neuzugänge auf?“ Erschrocken fuhren Olivia und ich herum. Vor uns stand das Mädchen, welches uns Frühstück ausgegeben hatte. „Äh…heißt das, du willst mit uns befreundet sein?“ Das Mädchen fasste sich ans Kinn. „Möglich.“ Ich musste lachen. Wieso klang sie, als wäre sie sich selbst nicht sicher? „Suji Kang.“, stellte sie sich mehr oder weniger vor und setzte sich neben uns. „Ah du hättest jetzt eigentlich mit uns Sport richtig? Hast du auch dein Sportzeug vergessen?“, fragte ich neugierig. „Negativ. Ich habe es nicht vergessen, sondern mit Absicht zu Hause gelassen.“ Olivia sah sie erstaunt an. „Magst du kein Sport?“ Sie schüttelte den Kopf. „Zu anstrengend.“ „Was magst du dann?“, fragte ich sie. „Schokoriegel.“, kam ihre Antwort wie aus der Pistole geschossen. Ich musste lachen. Was für ein schräger Vogel, aber sie schien nicht arrogant oder unhöflich…naja, sie hatte einfach eine spezielle Art oder so.

    Als es zur Pause klingelte, machten wir uns auf den Weg zur Cafeteria, doch als wir dort ankamen, war es rappeldicke voll. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns hinten der Warteschlange anzuschließen. Nach einer gefühlten Ewigkeit befand sich nun endlich das Curry auf meinem Tablett. Ich war am Verhungern! Als ich mich umdrehte, prallte ich fast mit Kean zusammen, der sein Tablett auf einer Hand balancierte. „Hoppla! Das wäre fast ins Auge gegangen.“, grinste er mich fröhlich an. Doch im nächsten Moment drängte sich unsanft ein Junge an Kean vorbei, sodass dieser nach vorne stolperte und ich nun zwei Portionen Curry trug…eine auf dem Tablett und die andere auf meiner Schuluniform. Kean zog die Luft ein. „Lynn, tut mir voll leid!“ Dann drehte er sich zu dem Jungen um. „Oi! Hast du keine Augen im Kopf?“ Der Angesprochene drehte sich zu ihm um. „Hä? Was willst du?“ Kean brodelte. „Ich WILL, dass du dich entschuldigst!“ Sein Gegenüber grinste frech. „Wieso sollte ich? Ich habe nicht mein Curry nach anderen Leuten geschmissen…“ Kean holte mit der Faust aus und…BAM! Nur war es nicht Kean, der gerade diesen unhöflichen Affen in die Schranken gewiesen hatte, sondern jemand anderes. Ich blinzelte. NEVER! Das gabs doch nicht! „Mason!“, rief ich erschrocken auf.

    Mittlerweile wurden wir von allen Tischen aus angestarrt. Doch Mason schien das wenig zu kümmern. Er war gerade dabei, dem Jungen die Schulter auszurenken…so sah es jedenfalls aus. Ich war mir sogar sicher gerade ein Knacken gehört zu haben. „Scheiße Mann, das tut beschissen weh!“, fauchte der in die Enge Getriebene. „Wenn du nicht willst, dass ich deinen Dickschädel abmontiere, dann entschuldigst du dich besser SOFORT! Ist das angekommen?“ Ich erkannte Mason nicht wieder. Er war gerade vom Casanova zum Folterknecht geworden. „Ja verdammt. Sorry. Jetzt lass mich endlich los!“, schnaufte der Junge außer Puste. „Wenn ich dich noch einmal in ihrer Nähe erwische, dann kannst du den Maden unter der Erde schöne Grüße von mir ausrichten!“ Damit stieß er den Jungen von sich, der sich schnell vom Boden aufrappelte und versuchte Land zu gewinnen. Ich war baff. War das gerade wirklich passiert. Der Geruch von Curry reichte mir als Bestätigung. Ich sah an mir hinunter. Nop, das ließ sich nicht mit Wasser abkriegen. Ein Stück Karotte rutschte von meinem Rock und patschte auf den Boden. Na lecker. Plötzlich wurde ich an meiner Hand fortgerissen. Mason zog mich hinter sich her, raus aus den Blicken der anderen Schüler. Vor den Spinden machte er halt. „Ähm Mason…“ Er drehte sich um und grinste. „Was für ein Glück!“ Häh, bitte was? „Wer hätte gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen? Ich habe dich so unglaublich vermisst, Princess.“ Aha und da war er wieder voll in seinem Element. „Danke, dass du dich gerade für mich eingesetzt hast…“, sagte ich die Worte, die mir auf der Zunge lagen. Er lächelte. „Wofür hat man denn einen Prinzen?“ Ich verdrehte die Augen. „Aber nun muss erstmal das Outfit meiner zukünftigen Gemahlin gerettet werden!“ Zukünftige G…! CASANOVA! Er hatte als Kind einfach zu viele Märchen gelesen! Er kramte in seinem Spind und kurz danach landeten ein paar Kleidungsstücke in meinen Armen. „Ähm…ist das eine Basketballuniform?“ Er kratzte sich am Kopf. „Hehe, der Prinz hat leider gerade keine Zeit, ein Ballkleid für seine Prinzessin zu kaufen…“

    55
    „Keine Sorge, die Sachen sind frisch gewaschen.“ Ich zog die Augenbrauen hoch und seufzte. Was hatte ich denn für eine Wahl? Meine Schuluniform sah aus als hätte jemand…wie drückte man es höflich aus…als hätte jemand sich darauf übergeben. „Oder wäre es dir lieber gewesen, hätte ich es schon einmal getragen? Dann könntest du die nächsten Stunden meinen herrlichen Duft genießen.“ Er zwinkerte mir zu und ich verdrehte die Augen. „Das würde dir wohl gefallen.“ Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Im nächsten Moment stand er direkt neben mir. Er beugte sich nach vorn und ich spürte seinen Atem an meinem Haar. „Weißt du, was mir noch viel besser gefällt? Dein Geruch. Du duftest so süß nach Vanille…“ Er atmete tief ein, doch ich wich schnell ein paar Schritte zurück. Also erstens war ich mir sicher, dass ich im Moment nur nach Curry roch und zweitens spürte ich Hitze in mein Gesicht steigen. „Hör endlich mit der Flirterei auf! Das funktioniert bei mir nicht!“, versuchte ich von meinem roten Gesicht abzulenken. „Du kannst sagen, was du willst…früher oder später werde ich dich schon für mich gewinnen.“, grinste Mason. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber du wirst in Zukunft wenig Chancen haben, mit ihr in Kontakt zu treten, da ich dich nämlich ab sofort im Auge behalten werde!“ Byung drängte sich zwischen uns und lächelte Mason kalt an. Er nahm mir die Wechselsachen ab und drückte sie gegen Masons Brust. „Die brauchen wir nicht.“ Byung nahm meine Hand und wollte mich mit sich ziehen, doch Mason ergriff meine andere Hand. „Ich nehme mal an, dass ist der Herr Bruder? Na gut, für heute lasse ich dich ziehen, aber versprich mir, dass du nur vor mir diese rosa Wangen zeigst, Princess.“ Er küsste meine Hand, woraufhin sich meine Wangen erneut verfärbten. Mason kicherte leise und ging dann Richtung Cafeteria zurück.

    Aus Byungs Augen schossen Blitze. „Ich kann diesen Typten jetzt schon nicht leiden. Lynn, du solltest dich lieber von dem fernhalten. Der flirtet doch mit allem, was einen Rock trägt! Aber nachdem, was mir Kean erzählt hat, scheint er doch sowas wie Moral und Werte zu kennen.“ Er drehte sich zu mir und verschränkte die Arme. „Aber mal ehrlich, wer duscht an deinem ersten Schultag denn auch mit Curry? Also falls du so Freunde finden wolltest, dann muss ich dir leider sagen, dass du dringend deine Taktik ändern solltest.“ Ich guckte ihn böse an. „Haha sehr lustig!“ Er grinste nur zufrieden, schloss dann aber einen Spind auf und zog eine Jogginghose plus Pullover heraus. „Die Pause ist gleich vorbei. Beeil dich also mit dem Umziehen. Wir treffen uns dann nachher am Schultor, okay?“ Ich nickte. „Danke für die Sachen.“ Er wuschelte mir noch einmal durchs Haar und ging dann die Treppe hinauf. Ich wiederum beeilte mich, die nächste Toilette aufzusuchen, um mich endlich den müffelnden, nassen Sachen entledigen zu können. Nur um ein Haar schaffte ich es pünktlich zum Matheunterricht. Immer mal wieder warfen mir Schüler komische Blicke zu, was wohl an meinem Outfit lag, aber naja. Die Stunden vergingen zum Glück schneller als erwartet und da es unsere letzten für den Tag waren, verließen Olivia, Suji und ich zusammen das Schulgebäude. „Ich wünschte, unsere Schuluniform würde aus Jogginghose und Pullover bestehen, ist viel bequemer und außerdem bin ich kein Fan von Röcken und Kleidern. Es ist übrigens ein Wunder, dass du noch lebst, bei der Masse an Mädchen, die dir Todesblicke zugeworfen haben als du mit Mason verschwunden bist. Sind das eigentlich seine Klamotten, die du trägst?“, fragte mich Suji. „Nein sind es nicht!“, antwortete Olivia in einem scharfen Tonfall. Ich sah sie an, doch sie mied meinen Blick. „Wenn ich dir einen Tipp geben kann, dann halt dich lieber von Mason fern.“ Ich wollte sie fragen, was sie genau meinte, aber wir hatten das Schultor erreicht und Byung kam auf mich zu gejoggt. „Also dann…bis morgen.“, sagte Olivia noch und schritt dann durch das Tor. „Sehr verdächtig!“, nuschelte Suji, zuckte dann aber die Schultern. „Bis morgen, Lynn.“

    „Also ich habe heute noch Baseballtraining und kann dich daher nicht nach Hause begleiten…Meinst du, du findest den Weg allein?“ Byung sah mich zweifelnd an. Aber wen ich ehrlich war, dann hatte ich noch nicht einmal einen Schimmer, ob wir heute Morgen von links oder von rechts gekommen waren. „Okay, dein Gesicht sagt alles. Wenn du es nicht eilig hast, wie wär’s, wenn du unserem Team beim Training zuschaust? Danach können wir zusammen nach Hause gehen.“ Plötzlich waren Schreie zu hören. „OH MEIN GOTT! Das ist er wirklich oder?“ „Ich glaub‘s nicht, was macht er bei uns an der Schule?“ „Meint ihr, er wartet auf jemanden?“ Ich sah Byung an, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. Vorsichtig bahnten wir uns einen Weg durch die Mädchenscharen. Das Nächste, was ich hörte, war Byungs Stöhnen. „Das kann doch nicht sein Ernst sein!“ Verwirrt drängte ich mich weiter nach vorn, um zu schauen, was Byung gesehen hatte. „Oh! Da bist du ja!“ Jemand ergriff meine Hand und zog mich aus dem Gedränge. Was zum? Ein paar Mädchen zogen scharf die Luft ein. Völlig perplex folgte mein Blick der Hand, den Arm hinauf und blieb an einem vertrauten Lächeln hängen. „Und? Wie war dein erster Schultag?“ Zum zweiten Mal an diesem Tag stand ich im Mittelpunkt. Der Grund? Ein gutaussehender Typ, der verdammt gut singen konnte und auf den Namen Kim Taehyung hörte!

    56
    „T-Taehyung!“, stammelte ich komplett überfordert mit der Situation. „Er ist es also wirklich! Aber wer ist das Mädchen da bei ihm? Geht sie auf unsere Schule? Aber sie trägt keine Schuluniform…“ Das Raunen der Umstehenden wurde lauter. „Verdammt Tae! Denkst du eigentlich auch mal nach BEVOR du handelst?“ Taehyung fasste sich ans Kinn. „Mmh, jetzt wo du fragst…sonst übernimmt Namjoon das Denken. Ich mag denken nicht so, weil ich meinen Gedanken nicht so schnell folgen kann und das verwirrt mich dann immer.“ Sein unschuldiges Grinsen war so süß, dass ich ihm am liebsten den Kopf getätschelt hätte, aber das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Byung war sichtlich unzufrieden mit der Situation. „Kommt mit!“ Taehyung und ich folgten ihm. Keine zwei Minuten später fanden wir uns hinter der Schule an den Müllcontainern wieder. „Bäh! Das riecht wie unsere Wäsche, wenn Jin mal nicht da ist und niemand außer ihm weiß, wie die Waschmaschine zu bedienen ist.“ Byung verschränkte die Arme. „Selbst schuld! Das ist der einzige Ort, wohin uns diese Mädchen-Herden nicht folgen werden, noch nicht einmal dir. Was meinst du, wird deine Agentur sagen, wenn morgen in allen Zeitschriften ein Foto von dir erscheint, wie du Lynn umarmst?“, fragte er sarkastisch. „Taehyung antwortete trotzdem. „Naja, wenn ich sage, dass sie meine Cousine ist, werden sie das schon verstehen. Aber die ganzen Belehrungen vom Manager rauben mir immer meine Videospielzeit…“ Byung schüttelte den Kopf. „Okay, Themenwechsel. Wenn du schonmal hier bist, kannst du Lynn nach Hause begleiten? Ich hab noch Training und die Existenz eines Orientierungssinnes ist bei meinem Schwesterchen leider nicht vorhanden…“ Ich funkelte ihn an…aber irgendwie lag er nicht ganz falsch…irgh! Taehyungs Augen leuchteten. „Au ja! Gar kein Problem! Überlass Lynn ruhig mir! Sie ist bei mir in sicheren Händen!“ Byung seufzte. „Da bin ich mir zwar nicht so sicher, aber mir bleibt nichts anderes übrig.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Ich muss los! Lynn, falls er wieder anfängt im Park Enten nachzuahmen…tu so als kennst du ihn nicht oder ruf mich an.“ Damit verschwand er Richtung Sporthalle und ich blickte zu Taehyung. „Jey! Jetzt hab ich meine Cousine den Rest des Tages für mich allein!“ Und ich hatte für den Rest des Tages ein Idol meiner Lieblingsgruppe für mich allein…

    „Okay! Als erstes gibt es ein dringendes Problem zu lösen!“ Taehyung sah mich ernst an. „Du…riechst nach Byung!“ Ich musste lachen. „Was? Oh! Du meinst die Sachen! Ich oder besser meine Schuluniform hatte eine kleine Auseinandersetzung mit meinem Mittagessen und deshalb musste ich mir notgedrungen was von Byung leihen.“, erklärte ich. Taehyung schüttelte den Kopf. „Das finde ich nicht in Ordnung. Wir suchen dir jetzt sofort was Hübsches zum Anziehen, sodass du nicht länger in diesen unstylischen Sachen durch die Gegend laufen musst. Komm!“ Er nahm meine Hand und zog mich mit sich. „In der Nähe gibt es eine kleine Boutique, die super putzige Kleidung anbietet. Sie muss hier irgendwo sein…mmh…ah! Da vorn ist sie ja!“ Ich hatte nicht einmal Zeit, Einwände zu bringen, schon standen wir zwischen haufenweise Kleidern, Röcken und Blusen. „Wow! Hier gibt es wirklich unglaublich schöne Sachen.“ Eine Verkäuferin kam auf uns zu. „Na wen haben wir denn hier?“ Taehyung grinste. „Hallo Ye Rin, lang nicht gesehen.“ „Lang nicht gesehen? Taehyung, du kommst alle zwei Wochen und guckst dir unsre neue Kleiderkollektion an. Und wie jedes Mal muss ich dir leider sagen, dass du das falsche Geschlecht für Kleider hast.“ Taehyung legte mir seine Hände auf die Schultern. „Dieses Mal bin ich aber in weiblicher Begleitung. Das ist meine Cousine in den unstylischen Sachen ihres Bruders, die wir dringend loswerden wollen.“ Die junge Frau lachte. „Freut mich. Ich bin Ye Rin, eine ehemalige Stylistin von BTS.“ Ich verbeugte mich leicht. „Ich bin Lynn, freut mich ebenfalls, Sie kennenzulernen.“ „Also dann! Wäre jawohl gelacht, wenn wir für dich nichts Schönes finden!“ Drei Minuten später fand ich mich in Begleitung von fünfhundert Kleidungsstücken in der Umkleidekabine wieder, wobei die meisten Taehyung ausgesucht hatte. Egal, was ich anzog, alles in diesem Laden sah einfach süß aus, aber dennoch nicht kindisch. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, was ich kaufen sollte. „Hey Lynn! Probier mal das hier an!“ Taehyung reichte mir einen weißen Rock, ein rosafarbenes Shirt und eine Jeansweste mit Stickereien, die farblich zum Rock passten. „Taehyung, das Outfit ist der Wahnsinn!“ Ich konnte meine Begeisterung nicht zurückhalten. Die Sachen passten perfekt und nachdem ich wieder die kurze Hose unter den Rock gezogen hatte, fühlte ich mich pudelwohl in meinem neuen Outfit. Ich behielt die Sachen gleich an und nach einer hartnäckigen Diskussion mit Taehyung, bezahlte ich die Sachen an der Kasse. „Ich hätte auch zahlen können…“, maulte er immer noch. „Lass gut sein. Ich bin dir schon dankbar genug dafür, dass du mir so ein tolles Outfit zusammengestellt hast. Ich liebe es!“ Ich strahlte wahrscheinlich übers ganze Gesicht. Taehyung grinste ebenfalls. „Jetzt wo du nicht mehr nach Byung riechst, kann der Spaß ja losgehen!“

    57
    Nachdem Taehyung sich ein Cappy aufgesetzt und einen Mundschutz umgemacht hatte, gingen wir nebeneinander die Straße entlang. Als ein Klingeln zu hören war, drehte ich mich um. Schnell rückten Taehyung und ich ein Stück zur Seite, damit eine Radfahrerin an uns vorbeifahren konnte. Ihr folgte ein kleiner Junge mit Stützrädern an den Seiten. Seine Mutter schaute ab und zu über ihre Schulter nach dem Rechten, doch der Kleine trat ganz vergnügt in die Pedale und strampelte ihr hinterher. Wie niedlich. „Lass uns das auch machen!“, rief Taehyung plötzlich aus und ich sah ihn verständnislos an. „Das? Was?“ Doch er hatte mich schon an der Hand gefasst und so trottete ich ihm ein paar Meter hinterher bis wir vor einem Schild mit der Aufschrift Fahrradverleih standen. „M-Moment mal…du willst doch nicht etwa welche ausleihen!“ Er grinste mich nur an, verschwand dann kurz im Laden und kam mit einem Mann mittleren Alters wieder. „Diese dort sind Ihre.“, er deutete auf zwei Stadträder. Er überreichte uns zwei Helme. „Falls eins der Fahrräder zu hoch oder niedrig ist, sagen Sie mir einfach Bescheid. Ansonsten wünsche ich viel Spaß.“ Damit verschwand er wieder. Ich war immer noch baff. Es war ewig her, dass ich das letzte Mal gefahren bin…und das nicht ohne Grund. „Gelb oder Rosa?“, riss mich Taehyung aus meinen Gedanken. Ich sah auf die beiden Helme in seiner Hand und deutete dann auf den in Rosa. Er reichte ihn mir und schritt dann zu den Rädern. „Rosa erinnert mich immer an Jin…“ Taehyung drehte sich um. „Hast du was gesagt?“ Ups! Hatte ich das gerade laut vor mich hin genuschelt? „Äh nein.“ Schnell folgte ich ihm. Wir drehten eine kleine Proberunde, um zu schauen, dass die Sattelhöhe stimmte. Taehyung hatte sichtlich Spaß, während ich noch ein wenig wacklig war. „Ob die auch Knieschützer haben…?“, murmelte ich. „Oh! Lynn, sag bloß, du bist noch nie Fahrrad gefahren?“ Ich sah ihn an. „Doch natürlich…ist nur schon etwas her.“ Um genau zu sein, war es eine Knieverletzung her, wenn ich es mal so formulierte. An sich war es für mein Knie zwar nicht belastender als das normale Gehen, aber würde es dazu kommen, dass ich stürzte…naja andererseits hatte ich das Inliner fahren auch überlebt. „Bist du bereit?“, fragte mich Taehyung, „Fahr mir einfach immer nach.“

    Zum Glück verlernt man sowas wie Fahrradfahren nicht. Wir folgten einem Radweg am Fluss, welcher um diese Uhrzeit erstaunlich leer war. Nach ein paar Minuten war ich voll in Fahrt und genoss es, wie der Wind meine Haare durchwirbelte. Ich überholte Taehyung und ging in Führung. „Oi! Häng mich nicht einfach ab!“ Er trat in die Pedale, sodass wir nun gleich auf waren. Ich grinste ihn an. „Na du lahme Ente, auch schon da?“ Er verzog den Mund. „Pass bloß auf. Gleich wirst du nur noch meinen Rücken aus der Ferne sehen!“ Er wurde immer schneller. Pff, so einfach wird er mich nicht los! Wir lieferten uns ein Wettfahren bis keiner mehr Puste hatte. Wir ließen uns ins Gras plumpsen und versuchten beide möglichst viel Sauerstoff in unsere Lungen zu füllen. „Du bist gar nicht so unsportlich wie ich dachte.“, jappste Taehyung. Ich sah ihn von der Seite an. „Das nehme ich jetzt mal als Kompliment.“ Von Nahem drang Musik zu uns herüber. Taehyung setzte sich auf und lauschte. Ich richtete mich ebenfalls auf. „Lass uns näher heran gehen.“, schlug ich vor und Taehyung nickte. Vorsichtig schoben wir unsere Fahrräder durch die Straßen bis sich vor uns ein größerer Marktplatz eröffnete. Eine kleine Traube von Menschen hatte sich bereits um die Straßenmusiker versammelt. Nachdem wir unsere Räder am Rand abgestellt hatten, drängten wir uns ebenfalls näher heran. Ein Drummer gab den Rhythmus vor, während ein Keyboarder und ein Gitarrist die Melodie unterstützten. Sie trugen die klare Stimme der Leadsängerin, welche mit Leib und Seele ins Mikro sang. Dennoch war es ein ruhiges Lied, welches schon fast ein wenig melancholisch klang. „Wovon handelt das Lied?“, fragte ich Taehyung, denn ich hatte Mühe den koreanischen Text zu verstehen. „Es ist ein sehr altes koreanisches Lied und handelt von einem jungen Mädchen, dessen Bruder schwer krank ist. Um ihn zu retten, geht sie einen Pakt mit einem mächtigen Dämon ein. Am nächsten Tag ist der Bruder wie durch ein Wunder geheilt, aber seine Schwester ist unauffindbar. Er macht sich auf die Suche nach ihr. Nach Jahren ohne Erfolg kehrt er in sein Heimatdorf zurück und findet dort seine große Liebe. Sie heiraten und gründen eine Familie. Bis zum Tag seines Todes sieht er seine Schwester nie wieder. An dem Tag als diese den Dämonen um Hilfe bat, blieb eine Seele, die die Erde verlassen sollte zurück, doch dafür musste eine andere gehen. Seine Schwester war dem Dämon in seine Welt gefolgt. Sie sah nach all den Jahren noch genauso aus wie früher. Wie gerne hätte auch sie ihren Bruder noch einmal gesehen, doch sie war glücklich mit dem bloßen Gedanken, dass er am Leben war.“, endete Taehyung und ich musste mich zusammenreißen nicht laut zu schluchzen, denn das Lied war zu Ende und alle Umstehenden klatschten laut Beifall. Dennoch war ich nicht die Einzige mit Tränen in den Augen. Im nächsten Moment klingelte Taehyungs Handy. „Ja?“, meldete er sich, als wir uns ein Stück von den Musikern entfernt hatten. „…ach war das heute?...Okay, okay beruhig dich Namjoon…ja bin unterwegs….“ Er legte auf und räusperte sich. „Okay Planänderung! Ich hab verpennt, dass wir heute ein Meeting haben und Namjoon macht mir Feuer unterm Hintern, wenn ich nicht in zehn Minuten da bin…also sollten wir uns beeilen!“ Schon zog er mich wieder hinter sich her. „Also, erst bringen wir die Fahrräder zurück und dann geht’s mit nem Taxi zur Gemeinschaftswohnung…“ Ah ja…hä? „Warte…heißt das, ich soll mit!“ Taehyung sah mich an. „Na logisch!“, war alles, was er sagte als wäre es selbstverständlich. Dann blieb er stehen. „Es sei denn, du hast keine Lust auf die anderen…dann würde ich das Meeting schwänzen.“ Keine Lust? Ich war schon fast am Hyperventilieren bei dem Gedanken, BTS wieder zu sehen!

    58
    Wie von Taehyung angekündigt, saßen wir mittlerweile im Taxi und bogen soeben von der Hauptstraße ab. Naja, Taehyungs Definition von Taxi war nicht so ganz das, was ich vor Augen gehabt hatte. „Lynn, alles klar bei dir auf der Rückbank?“ Ich bemühte mich, beim Antworten nicht ganz so nervös zu klingen. „Ja, alles bestens.“, antwortete ich Jin, der hinterm Lenkrad saß und dessem Blick ich hin und wieder im Rückspiegel begegnete. „Ich war ganz schön überrascht, als ich dich neben Tae stehen gesehen hab. Namjoon war schon genervt, weil wir nicht wussten, wo er sich überhaupt rumtreibt. Der Rest wird sich bestimmt wundern, wenn wir zu dritt ankommen.“ Taehyung streckte seine Beine aus und legte sie auf das Armaturenbrett. „Mir hätte es besser gefallen, wir wären unter uns geblieben.“, murmelte er. Jin nahm eine Hand vom Steuer und schlug Taehyung auf den Oberschenkel. „Nimm gefälligst deine Beine runter, sonst machst du mein geliebtes Auto dreckig! Du weißt, du kannst auch gerne zu Fuß gehen…ich bin mir sicher, Lynn ist als Beifahrerin viel sympathischer.“ Er zwinkerte mir im Rückspiegel zu. Gaaanz ruhig Herz, er ist auch nur ein Mensch…entweder das oder ein Engel ohne Flügel. Taehyung zog mit Schwung seine Beine zurück auf die Fußmatte. „Als ob ich Lynn mit dir allein in dieser Blechschale fahren lassen würde!“ „Hey!“, rief Jin aus und tätschelte sogleich das Lenkrad, „Er meint das nicht so…“

    Wir hielten vor einem ausgebauten Wohnkomplex. „Okay, ich befürchte du darfst nicht am Meeting teilnehmen, daher wirst du wohl die nächste Stunde allein warten müssen…als Entschädigung kann ich dir aber selbstgemachte Pasta anbieten.“, meinte Jin, während er die Tür aufschloss. Ich bekam noch schnell eine Einweisung, wo sich Badezimmer und Wohnzimmer befinden, dann führte mich Jin in die Küche und servierte mir das Essen. „Lass es dir schmecken.“ Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Nachdem für mich sowohl Frühstück als auch Mittag ausgefallen waren, verspürte ich einen Mordshunger! Im nächsten Moment flog die Küchentür auf. „Sagt mal, was steht ihr hier so rum? Ihr müsst echt die Ruhe weghaben! Meeting! Jetzt! Sofort!“, begegnete uns ein gereizter Namjoon, welcher sofort wieder verschwand. Ich wusste nicht, ob ich enttäuscht darüber sein sollte, dass er mich nicht einmal wahrgenommen hatte. „Der Leader hat gesprochen. Los Taehyung, machen wir, dass wir hinterher kommen!“, meinte Jin und packte Taehyung am Kragen, der sich gerade eine Gabel voll Nudeln in den Mund geschoben hatte. „Mmpf…bis später, Lynn.“, mampfte er. Schon fiel die Tür wieder ins Schloss und ich war allein. In Rekordzeit verdrückte ich den gesamten Teller Pasta und nahm mir fest vor, Jin ein Kompliment für seine Kochkünste zu geben, sobald das Meeting ein Ende fand. Ich blickte mich in der Küche um…geräumig, aber aufgeräumt. Ohne mir dessen bewusst zu sein, öffnete ich den großen Kühlschrank. Gemüse, Milch, Eier und eine Armee von Puddingbechern in sämtlichen Variationen erstreckte sich vor meinen Augen. Erst jetzt bemerkte ich die kleinen Klebezettel an einigen Elementen: am Vanillepudding stand Kookie’s, an der Erdbeermilch Jimin’s ;D, das Kaffeemilchgetränk trug die Aufschrift Lass besser die Hände von meinem Eigentum!~Suga und die verschrumpelte Paprika war beschrieben mit Jetzt schmeißt mich endlich weg!. Ähm, wer auch immer das dran geschrieben hatte, war wohl auch bloß zu faul, es selbst zu tun. Mit einem letzten Grinsen schloss ich die Kühlschranktür wieder und stemmte die Hände in die Seiten. Sollte ich einen Hausrundgang machen? Aber ich wollte auch nicht rumschnüffeln…ich hatte aber auch keine Lust, mich irgendwo hinzusetzen und zu warten. Na dann! Ich streckte den Kopf durch die Tür, doch niemand schien in der Nähe zu sein. Jin meinte, es würde etwa eine Stunde dauern, bis sie fertig sind. Ich schlenderte den Flur entlang bis ich auf ein Treppengeländer traf. Das Gebäude hatte drei Stockwerke, inklusive Erdgeschoss wie sich herausstellte und die Gänge führten um mehrere Ecken bis ich wieder am Treppenansatz ankam. Ich hatte gar nicht das Gefühl gehabt im Kreis gegangen zu sein und doch fand ich mich am Ausgangspunkt wieder. Natürlich war ich in einem gigantisch großen Haus aufgewachsen, aber die langen Gänge waren alle so monoton gewesen, plus die kahlen weißen Wände hatte es leer gewirkt und mich noch einsamer fühlen lassen. Doch obwohl dieses Haus auch recht groß war, erschien es lebhaft. Jedes Mal, wenn ich um eine Ecke trat, wechselte die Wandfarbe, zudem waren verschiedene Gemälde angebracht. Nicht zuletzt hingen auch viele persönliche Fotos an den Wänden. An Fäden hingen, mit Klammern angebracht, Polaroid Bilder, welche zum Teil Landschaften und Tiere, als auch BTS-Mitglieder zeigten. Ich war mir ziemlich sicher, dass Jin diese Aufnahmen gemacht hatte.

    Ich war schon fast wieder an der Treppe, als mir eine angelehnte Tür auffiel. Vorsichtig näherte ich mich ihr. Mein Blick glitt erst nach links, dann nach rechts. Niemand war zu sehen. Zuvor war ich im Erdgeschoss an einem Raum vorbeigekommen, aus dem ich Stimmen hörte. In der Annahme, dass es sich um den Meetingraum handelte und ich das Gespräch nicht belauschen wollte, hatte ich meinen Rundgang fortgesetzt. Naja Rundgang war vielleicht das falsche Wort, immerhin fühlte ich mich wie ein Einbrecher auf Beutezug. Vielleicht sollte ich die Tür einfach schließen und wieder hinunter gehen, hierbei handelte es sich ja schließlich um BTS‘-Reich. Es erschien mir wirklich falsch hier einfach rumzuschnüffeln…andererseits hatte ich nie zu träumen gewagt, jemals in dieser Situation zu stecken und wer weiß, wann sich das nächste Mal so eine Gelegenheit bietet. Bevor ich mich versah hatte ich die offenstehende Tür geschlossen…und stand mitten in einem Schlafzimmer!

    59
    Die zusammengeknüllte Decke und das zerknorkelte Bettlaken verrieten mir, dass dieser Raum keineswegs ein Gästezimmer war. Ich konnte einen Schreibtisch erkennen, der einen großen Computer beherbergte. Außerdem noch einen Kleiderschrank und ein paar Regale mit Figuren, Büchern und ein paar Fotos. Ich stellte mich auf Zehenspitzen, um die Bilder genauer betrachten zu können. Das Zimmer gehörte definitiv einer großen Person…und die Fotos verrieten mir auch, in wessen Zimmer ich mich ohne Erlaubnis befand. Ein paar Fotos präsentierten strahlende BTS-Mitglieder, andere zeigten Aufnahmen von…mmh…Hawaii und vielleicht Norwegen? Naja, ich war mir jedenfalls sicher, sie wurden während Bon Voyage aufgenommen. Mir vielen zwei weitere Bilderrahmen auf, die auf dem geordneten Schreibtisch standen. Es handelte sich um persönliche Aufnahmen, das erste Foto war ein Familienportrait, welches einen jungen Namjoon zwischen seinen Eltern zeigte. Es musste schon einige Jahre zurückliegen und doch…ist er auf dem Bild schon größer als ich es je sein werde! Hach, ich würde neben ihm wie ein Grundschulkind aussehen…so unfair! Mein Blick schweifte zum letzten Foto. Es zeigte zwei Personen. Namjoon und…! Ich schnappte mir den Bilderrahmen und hielt ihn mir direkt vors Gesicht, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht versehen hatte. Neben Namjoon stand ein Mädchen, welches ihm gerade einen Kuss auf die Wange drückte! M-Moment…meinte Namjoon nicht, er hat eine Freundin? Ich musterte das Mädchen von oben bis unten. Sie sah nicht aus wie eine Koreanerin, geschweige denn wie jemand aus Asien. Vielleicht lebte sie wirklich nicht in Korea, sondern am anderen Ende der Welt? Führte Namjoon eine Fernbeziehung und das Mädchen sprach nicht einmal koreanisch, sondern nur englisch? Wooow, dass würde ja sämtlichen internationalen ARMYs Hoffnung geben…wobei, bei den Englischkenntnissen der anderen, könnte dies schwieriger werden. Aber Musik vereint ja eh viel mehr als Sprache. Ich stellte das Foto an die Stelle zurück, wo ich es in meinem Übermut weggerissen hatte, dennoch blieben meine Augen an dem Mädchen kleben. Nicht, weil ich eifersüchtig war oder ähnliches, nur…sie kam mir bekannt vor? Menno, wieso sieht man sie nur von der Seite!

    Unsanft wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. „Lyyyyyyyyyyyyynn!“, hörte ich Taehyungs Stimme…näher als erwartet. Shit! War das Meeting vorbei? „Lynn?...Oi Namjoon, hast du sie gefunden?“ N-Namjoon? Waaah! Bitte komm nicht in dein Zimmer…bitte…bitte! Ich hörte Schritte im Flur und sah mich reflexartig nach einem Versteck um. Was soll ich sagen, wenn er in sein Zimmer geht und ich hier rumstehe wie ein durchgeknallter Fan, der in seine Privatsphäre eingebrochen ist? „Meinst du, sie ist in einem unserer Zimmer?“, hörte ich Jimin fragen. „Das lässt sich schnell herausfinden.“ Mein Herz rutschte in die Hose, als ich Namjoons Stimme vor der Tür wahrnahm. Wohin…wohin…dahin! Im nächsten Moment neigte sich die Türklinke herab. Das Einzige, was ich sehen konnte, waren Pantoffeln, die langsam durchs Zimmer schritten. Ich lag flach auf dem Boden, eine Hand vor meinen Mund pressend. Die Person hielt inne. „Hier ist sie auch nicht!“ Ich erschrak, als ich Namjoons Stimme aus kürzester Entfernung vernahm. Die Pantoffeln setzten sich wieder in Bewegung und mit einem leisen Klick, rastete die Tür ins Schloss ein. Ich atmete tief durch. „Safe…“, flüsterte ich, um mein hämmerndes Herz zu beruhigen. Ich wollte gerade aus meinem Versteck hervorkriechen als…

    Yolo yolo yolo yo, Where my money yah, tangjinjaem tangjinjaem tangjinjaem…! Ich schoss vor Schreck nach oben und knallte mit meinem Kopf gegen den Lattenrost. Ich stöhnte kurz auf. „Autsch…das tat weh!“ Ich war mir sicher, diese Aktion hatte mir einen Centimeter an Körpergröße gekostet und mir dafür eine zwei Centimeter Beule geschenkt. Immer noch vor mich hin fluchend, zog ich mein Handy aus der Hosentasche unter dem Rock hervor. „Mona, wenn es einen Moment für unpassende Videoanrufe gibt, dann JETZT!“, zischte ich leise. Sie schob ihre Unterlippe vor. „Pff! Also weißt du, da zieht meine beste Freundin nach Südkorea, wird Taehyungs Cousine und schon bin ich zu unwichtig, um angerufen zu werden! Vielleicht sollte ich mir eine neue Freundin suchen?“, sie rieb sich provokativ das Kinn. „Mona, glaub mir, ich habe dir soooo viel zu erzählen, aber JETZT ist wirklich kein guter Moment!“ Sie sah mich verdattert an. „Okay, jetzt will ich aber wirklich eine Erklärung. Erstens: Wieso flüsterst du? Und zweitens: Wo zum Kuckuck bist du gerade?“ Sie neigte ihren Kopf hin und her, um erkennen zu können, wo ich mich befand. „Äh…ja...lustige Geschichte“, murmelte ich, „Kurz gesagt…Ich bin unter Namjoons Bett und versuche nicht entdeckt zu werden…“ Sie blinzelte ein paar Mal…und noch mal…und noch einmal. „Wieso?“ Ja, mit dieser Frage hatte ich gerechnet. „Ich habe gerade keine Zeit, um dich komplett aufzuklären. Sagen wir, die Neugier hat mich übermannt?“ Se schüttelte den Kopf. „Nein, dass meinte ich nicht. Ich will wissen, wieso liegst du unter seinem Bett und nicht in seinem Bett. Ich starrte sie an. „Ernsthaft! Kannst du mal kurz an seinem Kissen schnüffeln? Mich interessiert wie er riecht. Oh! Und du weißt doch bestimmt wie Taehyung riecht oder? Wer von den beiden riecht besser? Oh und hattest du die Chance an Suga zu riechen? Er riecht bestimmt soooo lecker!“ Da war er wieder…der verträumte Blick. „Hey! Konzentration! Du bist acht Jahre älter als ich!“ Sie zog ihre Unterlippe vor. „Um genau zu sein, bin ich nur sieben Jahre älter. Ich werde erst im Dezember fünfundzwanzig! Also? Sag schon…wer riecht am besten?“ Ich atmete aus. „Ich ruf dich später zurück, deal?“, sagte ich schließlich. „Nein, warte! Geb mir erst eine Antwo…“ Ich legte auf und schaltete mein Handy auf stumm, bevor sie erneut anrufen konnte. „Sorry Mona, aber ich muss erst aus diesem Zimmer raus!"

    60
    So schnell wie möglich kroch ich unter dem Bett hervor und schlich zur Tür. Ich legte mein Ohr an die Tür und lauschte. Es war nichts zu hören. Ich hoffte innerlich, dass sie zurück ins Erdgeschoss gegangen waren. Vorsichtig öffnete ich die Tür und lugte mit dem Kopf in den Flur. Keiner war zu sehen. Ich huschte aus Namjoons Zimmer und schloss leise die Tür. Puh! Geschafft! Ich schritt Richtung Treppe als… „Na wen haben wir denn da?“ Ich zuckte zusammen. Ich atmete tief ein und drehte mich schwungvoll um. „Hi Yoongi! Schön dich wieder zu sehen.“, versuchte ich die Situation wegzulächeln. Er zog eine Augenbraue hoch. „Die anderen Jungs haben dich schon überall gesucht…was machst du hier oben?“ Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. „I-Ich habe nach einer Toilette gesucht!“, versuchte ich die Situation zu retten. „Und? Hast du eine gefunden?“ Ich nickte. „Ja.“ Er verschränkte die Arme. „Das ist ja merkwürdig, denn dies ist die einzige Etage ohne ein Badezimmer…“ Ich wollte im Boden versinken! Doch Yoongi ging an mir vorbei zur Treppe. Ich sah ihn verwirrt an. „Für heute lasse ich dich davon kommen, aber ich behalte dich im Auge…“ Er schritt die Treppe hinab und ich stolperte schnell hinterher. Hatte ich ihn verärgert? Auf jeden Fall war er jetzt argwöhnisch, was mich anging. Ich seufzte.

    „Lynn! Da bist du ja!“, Taehyung kam auf mich zu gerannt, schnappte meine Hand und zog mich zu ins Wohnzimmer, wo die anderen Mitglieder versammelt waren. „Ich hab sie gefunden…naja eigentlich Yoongi.“, rief er freudig aus. „Wir haben dich gesucht…wo warst du denn auf einmal hin?“, fragte mich Namjoon und ich antwortete innerlich mit Ach, ich bin nur als Stalker in dein Zimmer geschlichen und habe die Staubfussel unter deinem Bett gezählt.. Dennoch…was sollte ich sagen? Unvermittelt sah ich zu Yoongi. Dieser ließ sich auf einem großen Sessel nieder und schloss die Augen. „Ich hab sie in der ersten Etage getroffen, als sie aus dem Badezimmer kam…“ Ich nickte. Moment…was? H-Hatte Yoongi gerade für mich gelogen? Ich sah in geschockt an, doch seine Augen blieben geschlossen. „Ah, stimmt in den Badezimmern haben wir nicht gesucht…“, meinte Jungkook. „Das will ich dir auch geraten haben!“, meinte Taehyung ernst. Jungkook wurde rot. „So war das nicht gemeint! Ich würde doch niemals einfach so ins Bad platzen, wenn ein Mädchen da ist…ich meinte nur, wir hätten uns denken können, dass sie im Badezimmer ist…also…ah, ihr wisst, was ich meine!“ Er stand auf und ging Richtung Küche. „Will noch jemand was trinken?“ Doch bevor wir ihm antworten konnten, war er auch schon verschwunden. „Lynn, tut mir leid, dass ich dich vorhin übersehen habe.“, meinte Namjoon plötzlich. Ich schüttelte den Kopf. „Kein Problem und außerdem ist es ja irgendwie auch meine Schuld, dass Taehyung spät dran war.“, entgegnete ich. „Glaub mir, es liegt nicht an dir. Er ist jedes Mal zu spät.“, kam es von einem offenbar noch nicht schlafenden Yoongi. „Heute war anders! Immerhin ging es um eine Familienangelegenheit! Meine Cousine hatte ihren ersten Schultag…“, verteidigte sich Taehyung. Jimin setzte sich auf. „Stimmt! Und wie war’s?“, fragte er. Wie geplant kam in diesem Moment Jungkook mit acht Getränken zurück. „Jin, sag mal, hast du Curry zubereitet? Die ganze Küche riecht danach…“ Curry? Oh! In der Küche befand sich noch die Tüte mit meiner Schuluniform, verziert mit meinem Mittagessen. „Ähm…der Geruch stammt wahrscheinlich von meiner Schuluniform. Ich hatte eine ungeplante Begegnung mit meinem Mittagessen…“ Jungkook holte die besagte Tüte aus der Küche und zog die nicht sehr ansehnlichen Kleidungsstücke heraus. „Mmh lecker.“, grinste er. „Wenn du noch etwas Zeit hast, dann kann ich sie schnell waschen.“, meinte Jin, „Immerhin brauchst du sie ja morgen wieder oder nicht?“ Stimmt, jetzt wo er es sagte…daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Er schien meinen Gesichtsausdruck richtig zu deuten und nahm Jungkook die schmutzigen Sachen ab. „Überlass das ruhig mir. Aber es wird mindestens eine Stunde dauern bis die Waschmaschine fertig ist…“ Taehyung strahlte noch breiter als er es eh schon tat. „Kein Problem, das heißt mehr Zeit mit meiner Lieblingscousine!“

    Kurzerhand wurde Pizza bestellt, die wir auf den Boden lümmelnd verputzten. Ich war wohl nicht die Einzige, die heute noch nicht zum Essen kam. Hoseok und Jungkook lieferten sich sogar ein Dancebattle, wer das letzte Stück Pepperonipizza kriegt. Im Endeffekt waren die beiden so darin vertieft, dass sie nicht einmal merkten, als Jimin sich das Stück schnappte und in seinem Mund verschwinden ließ. Verdutzt schaute Hoseok den leeren Teller an. „W-Wer hat mein hart erkämpftes Stück Pizza geklaut!“ Niemand antwortete. „Na wartet! Ich kriege das schon noch raus.“ Er verließ kurz den Raum und kam mit einer leeren Flasche zurück. Er legte sie auf den Tisch und drehte. „Hoseok? Was wird das?“, fragte Namjoon als Erster. Dieser grinste. „Flaschendrehen!“ Überrascht starrten alle auf die Flasche, die auf Yoongi gerichtet zum Stehen kam. „Suga! Wahrheit oder Pflicht?“ Nicht sehr interessiert schaute dieser in die Runde. Wohl wissend, dass bei Pflicht die Gefahr bestand, sich bewegen zu müssen, wählte er: „Wahrheit.“ Hoseok grinste mit einem ernsten Blick. „Wer hat MEIN Stück Pizza gegessen?“ Yoongi gähnte, zeigte dann jedoch auf…Jimin. Sofort sprang dieser auf, doch Hoseok war schneller. Er riss Jimin zu Boden und fing an ihn auszukitzeln. Nach einer Minute lag dieser nur noch japsend und nach Luft schnappend vom Lachen auf dem Teppich. „Ich hoffe, dass ist dir eine Lehre!“, meinte Hoseok, der immer noch über Jimin gebeugt da stand. „Jetzt ich.“ Verwirrt sahen alle zu Yoongi. „Du? Sonst verdrückst du dich doch sofort.“, meinte ein ungläubiger Namjoon. Doch Yoongi griff schon zur Flasche. Mir lief es kalt den Rücken runter. Doch es war zu spät. Die Flasche kreiste…wurde langsamer…noch langsamer…und blieb schließlich stehen. „Lynn. Wahrheit oder Pflicht?“ Mein mulmiges Gefühl riet mir keins der beiden zu nehmen und mich aus dem Staub zu machen, aber das war wohl keine Alternative. „Drei…Zwei…“, fing Yoongi an runter zu zählen. Äh, was nun? Pflicht? Aber was, wenn ich dann…keine Ahnung! Was würde er von mir verlangen? AH! „WAHRHEIT!“ Oh Gott! Hatte ich das gerade gesagt? Ich machte mich innerlich auf meinen Tod bereit. Yoongi lehnte sich nach vorn und sah mir direkt in die Augen. „Bist du A.R.M.Y?“







    61
    Ich fühlte meinen Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Wie war es zu diesem Moment gekommen? Diese gesamte Situation war einfach zu irreal, als das ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Was wird wohl in den nächsten Minuten passieren und was erhoffte ich würde passieren? Was tat ich hier überhaupt zum Kuckuck noch einmal? Hier…in Korea, hier in BTS Wohnzimmer…? Mag sein, dass ich Taehyungs Cousine war, aber das gab mir doch noch lange nicht das Recht, mich in BTS’ Leben einzuklinken! Komm mal wieder runter auf den Boden, Lynn! Wenn Yoongi dir nicht diese eine entscheidende Frage gestellt hätte, wie lange hattest du vor, auf unschuldige Besucherin zu machen? Gosh war ich blind. Schon allein der Vorfall heute an der Schule…natürlich wurde Taehyung sofort erkannt und natürlich gab es Verwirrung als er und ich so vertraut umzugehen schienen. Taehyung war mein Cousin…, aber was, wenn ich nicht mit ihm, sondern mit Jungkook oder einen der anderen Mitglieder gesehen worden wäre? Das hier ist kein Spiel! Jedenfalls nicht für BTS…wie lange haben sie hart gearbeitet, um heute so weit oben zu stehen? Ich war naiv. Wenn ich Zeit mit BTS verbringen wollte, dann sollte ich mich wie jeder andere ARMY benehmen und zu Fanmeetings oder Konzerten gehen, stattdessen gebe ich mich für ein Nicht-ARMY aus und schleiche mich von hinten in BTS-Privatsphäre. Ich fühlte mich, als hätte ich die Fangemeinde betrogen…als hätte ich mich selbst betrogen. Wann nur hatte ich meine Grundsätze über Bord geworfen? Was ich am meisten hasste, waren Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit und jetzt hatte ich selbst Menschen belogen, die mir wichtig waren. Nicht nur hatte ich BTS belogen, sondern auch noch Byung in Gegenwart von Taehyung für mich lügen lassen. Jetzt war endgültig Schluss! Schluss mit dem Versteckspiel und Schluss mit der Frage, was passieren würde, wenn…

    Yoongi schnipste mit den Fingern vor meinem Gesicht rum. „Erde an Lynn! Wo bleibt meine Antwort?“ Ich räusperte mich und sah entschlossen zu ihm rüber. „Ja.“ Seine Augen weiteten sich kurz. Es herrschte vorübergehend eine Totenstille. „WAS!“, rief Jimin nach kurzer Realisierungszeit aus. „M-Moment, aber du bist schon Taehyungs Cousine oder? Also…ich meine…du hast dich nicht nur dafür ausgegeben, um uns ausspionieren zu können oder doch?“ Jungkook war offensichtlich nicht nur schockiert, sondern auch noch verwirrt. Sein Blick glitt zu Taehyung. „Red‘ keinen Mist! Natürlich ist sie meine Cousine! Ihr reagiert echt über…immerhin hat sie sich ja nicht dafür beworben, meine Cousine zu werden, schon vergessen?“ Taehyung schaute in die Runde. „Naja vorausgesetzt, dass sie nicht auch gelogen hat, was ihre Gefühle angeht...um naja Mitleid zu erwecken und unser Vertrauen zu gewinnen.“ Die Worte meines Bias taten höllisch weh und ich versuchte den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken, doch vergebens. Ich wollte was sagen, aber ich konnte nicht, aus Angst mir würden die Tränen kommen. Aber welche Reaktion hatte ich erwartet? „NIMM DAS ZURÜCK!“ Taehyungs Stimme glich einem Knurren. Entsetzt schauten ihn alle an. „Taehyung“, begann Namjoon vorsichtig, „Du weißt, dass es eine heikle Sachlage ist, fremde Leute in unsere privaten Räumlichkeiten zu lassen. Erst recht, was ARMY betrifft…da haben wir nun mal strenge Verhaltensvorschriften von unseren Managern. Es war kein Problem als sie nur deine Cousine war, aber sie hat nie durchblitzen lassen, dass sie uns überhaupt kennt, geschweige denn ARMY ist. Für uns ist es zu früh, sie richtig einschätzen zu können. Sie könnte genauso eine gute Schauspielerin sein, die versucht diese Situation auszunutzen…aber vielleicht halt auch nicht. Wir haben in ihrer Gegenwart private Dinge besprochen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind. Was mich angeht, ich habe an sich kein Problem, wenn rauskommt, dass ich eine Freundin habe…ich stehe dazu. Aber es könnte BTS-Image schädigen und meine Freundin in eine unschöne Lage bringen. Ich denke, es ist besser, wenn sie nur deine Cousine ist von nun an und ich möchte dich bitten, nicht BTS in eure Gespräche miteinzuziehen. Es tut mir leid, Tae. Bitte versteh, dass ich mir einfach Sorgen um Bangtan Sonyeondan mache.“ Taehyung hatte seine Hände zu Fäuste geballt. „Ist das euer Ernst! Ihr wollt sie jetzt einfach rausschmeißen als wäre nichts gewesen? Wer hat noch einmal gesagt, wir sind für dich da, wenn du mal nicht mit deiner neuen Familie, was mich miteinschließt, reden kannst? Wer hat gesagt, wir sind als Freunde für dich da? Nur, weil sie zugegeben hat, dass sie ein Fan ist, ist sie gleichzeitig eine Lügnerin und nicht mehr vertrauenswürdig? Und...“ „Warum hat sie es denn nicht von Anfang an klargestellt? Dann hätten wir jetzt nicht dieses Dilemma!“, unterbrach ihn Yoongi. „Ich wusste es! Ich wusste, dass sie ein Fan ist und hab auch nichts gesagt! Wenn ihr jemanden die Schuld geben wollt, dann gebt sie mir als unehrliches Mitglied von BTS!“ Die anderen sahen ihn schockiert an. „Wie meinst du das? Wieso wusstest du es? Hat sie es dir etwa gesagt?“, fragte Jungkook, was alle wissen wollten. „Nein, hat sie nicht, aber wer hat denn bitte Namjoons Handy gefunden? Und wer hätte, wenn sie BTS nicht gekannt hätte, das Passwort wissen können? Euch hätte auffallen müssen, dass sie BTS kennt! Also hört auf, sie als Verräterin abzustempeln! Sie hatte Zugriff auf sämtliche Dateien deines Handy Namjoon und was hat sie getan? Hat sie Fotos veröffentlicht? Nein. Hat sie sich unsere Telefonnummern abgetippt und uns mit Spamnachrichten belästigt? Nein. Wenn Lynn eine Lügnerin sein soll, dann seid ihr es erst recht…von wegen Freunde!“ Taehyung nahm vorsichtig meine Hand und sah mir entschuldigend in die Augen. „Lass uns gehen…wir sind hier nicht erwünscht.“



    62
    „Los, ich hole deine Sachen und dann verschwinden wir von hier.“ Taehyung verschwand in der Küche, wo mein Rucksack ungerührt vom Geschehen an der Wand lehnte. Ich schaute in die Runde, doch alle Augenpaare waren auf den Boden gerichtet. Verdammt noch einmal, Lynn! Du bist Schuld an diesem Schlamassel und du wirst das schön wieder auslöffeln! Das Mindeste war doch wohl eine simple Entschuldigung. „Ähm…“ Oh Gott! So hatte sich meine Stimme noch nie angehört. Sie war nicht nur brüchig, sondern zitterte wie Espenlaub. Aber nachdem Taehyung mich so sehr verteidigt hatte, was ich meiner Meinung nach nicht wirklich verdiente, war es nun an mir, meinen Fehler auszubügeln. „Es tut mir wahnsinnig leid!“ Ich verbeugte mich, um meine Aussage zu bekräftigen, aber vielleicht noch mehr, um ihnen nicht in die ernsten Gesichter schauen zu müssen. „Das Letzte, was ich wollte, war euch zu hintergehen. Dass ich Taehyungs Cousine bin, hat nichts mit der Tatsache zu tun, dass ich ein Fan von euch bin. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich bin heute nur hierhergekommen, weil Taehyung plötzlich zum Meeting musste und ich nicht weiß, wie ich allein nach Hause komme. Also…ja ich hätte wirklich nicht den Weg gefunden, aber ich…hatte die Hoffnung euch wiederzusehen.“ Taehyung kam mit meinen Sachen aus der Küche zurück. Widerwillig sah ich nun doch auf. „Mag sein, dass ihr mir jetzt nicht mehr vertraut, aber ich gebe euch dennoch das Versprechen, alles was ich gesehen und gehört habe, für mich zu behalten und mich in Zukunft nicht mehr in BTS‘-Privatsphäre einzumischen.“ Ich sah zu Taehyung. Dieser lächelte nur traurig und wies mit dem Kopf in Richtung Tür. Ich nickte und folgte ihm schließlich stillschweigend. Ah! Ich drehte mich noch einmal um und suchte Jins Blick. Ich versuchte ein Lächeln aufzubringen. „Unabhängig, ob nun Mitglied von BTS oder nicht…Jin, die Pasta war wirklich verdammt lecker, danke.“ Es kam keine Antwort, aber ich hatte auch nicht mit einer gerechnet.

    Auf dem Weg nach Hause sprachen Taehyung und ich kein Wort miteinander. Zu sehr waren wir in unsere eigenen Gedanken vertieft. Doch die tiefe Sorgenfalte auf seiner Stirn erinnerte mich an meine begangenen Sünden und ließen mich ins Hier und Jetzt zurückkehren. „…Taehyung?“ Ohne eine Reaktion zu zeigen, lief er weiterhin neben mir die Straße entlang. „Taehyung!“ Immer noch keine Reaktion. Ich lief ein wenig schneller, sodass ich mich direkt vor ihm positionieren konnte. „Taeh…“, setzte ich an, doch er hatte nicht einmal mitgekriegt, dass ich nun vor ihm stand und lief direkt in mich hinein. Ich spürte wie ich die Balance verlor und nach hinten kippte. Im letzten Moment griffen zwei starke Arme um meine Taille und retteten meinen Hintern vor blauen Flecken. „Upsa! Das war knapp.“, grinste er mich an. Jedoch war es nicht sein verspieltes, sorgloses Grinsen, was ihm sonst auf den Lippen lag. „Taehyung, bitte sei den Anderen nicht böse. Im Gegenteil, du müsstest eigentlich mit mir böse sein. Ich bin diejenige, die dich angelogen hat. Hätte ich dir von Anfang an gesagt, dass es das Coolste überhaupt ist, Taehyungs Cousine zu sein, wären die anderen Mitglieder wenigstens gewarnt gewesen.“ Erst jetzt löste er seine Arme von mir und trat ein paar Schritte zurück. Er schaute nach oben. Es setzte bereits die Dämmerung ein und färbte den Himmel in ein dramatisches Rot. „Darf ich eine Frage stellen? Wieso hast du es für dich behalten auch als ich dich gefragt habe, ob du BTS kennst? Ich meine, natürlich gäbe es die Möglichkeit, dass du uns ausspionieren wolltest, aber mal ehrlich, mit welchem Ziel? Das wäre kompletter Schwachsinn und deshalb kam mir sowas auch nie in den Sinn. Aber die Frage, die bleibt, ist warum dann? War es dir peinlich, eine unserer Fans zu sein oder…“

    „Nein!“ Taehyungs Blick richtete sich wieder auf mein Angesicht. „Es ist mir nicht peinlich! Kein bisschen! Der Grund, warum ich nie etwas gesagt habe, hat nichts mit BTS zu tun…naja vielleicht indirekt schon.“ Er sah mich verwirrt an. Nun war es an mir, seinem fragenden Blick auszuweichen. Lynn, jetzt ist Schluss mit dem Versteckspiel! Du schuldest ihm eine ehrliche Erklärung! Aber aus irgendeinem Grund machte es mich nervös und ließ mich von einem Fuß auf den anderen treten. „Ich wollte dich nicht als Teil von BTS sehen…“ Ah, das klingt komisch. „Also, in erster Linie wollte ich, dass du mich nicht als Fan ansiehst. Ich wollte einfach eine Idol-Fan-Beziehung vermeiden. Nicht weil es mir peinlich ist, sondern weil ich…, weil mir irgendwann der Gedanke kam, die Menschen um mich herum, als Familie anzusehen. Und andersherum wollte ich nicht, dass du mich von Anfang an als Fan siehst, sondern als deine Cousine. Das hört sich bescheuert an oder? Aber dann habe ich die anderen Mitglieder kennenlernen dürfen und es wurde schwieriger Cousin-Taehyung von BTS-Taehyung zu trennen beziehungsweise mein Fandasein nicht mein Verhalten beeinflussen zu lassen. Aber im Endeffekt bin ich Schuld, dass du dich heute mit deinen Freunden gestritten hast und egal ob BTS-Mitglied oder mein Cousin…ich mag es nicht, wenn du traurig bist. Also bitte, sei nicht mehr böse auf die Anderen, denn sie haben nichts falsch gemacht.“ Ich hatte die Augen zusammengekniffen und wartete auf Taehyungs nächste Worte. Doch es kamen nicht die Worte, auf die ich gehofft hatte. „Das kann ich nicht.“

    63
    Ich schaute ihn schlagartig an. „Aber…“ Doch er schüttelte den Kopf und ich verstummte. „Ich kann es verstehen, dass sie darüber geschockt sind, dass du ARMY bist. Ich kann es auch verstehen, dass es für sie dramatischer wäre mit dir gesehen zu werden. Bei mir ist es anders, da reicht nur ein Wort unseres Managers, dass du zur Familie gehörst und die Reporter verlieren nach ein wenig Recherche ihr Interesse, weil es nicht für eine Schlagzeile reicht. Womit ich allerdings ein Problem habe, ist, dass sie dich einfach von sich stoßen. Vor ein paar Tagen saßen wir noch zusammen in Jins Wohnung und ich musste aufpassen, dass dich mir keiner klaut. Insgeheim war ich natürlich schon glücklich darüber, dass sie dich gleich akzeptiert haben und dich sogar beschützen, wenn ich es mal nicht kann. Aber dass sie so einen Rückzieher machen und ignorieren, was zuvor passiert ist…so eine abweisende Reaktion hatte ich nicht kommen sehen. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich auch vorher schon ein Wort fallen gelassen, dass du möglicherweise ein Fan bist. Dann wären sie weniger schockiert gewesen und du hättest nicht alles abbekommen. Ich bin mir sicher, auch wenn du dir die Schuld gibst, bist du dennoch enttäuscht und verletzt.“ Zu gern ich ihm auch widersprochen hätte, mir ginge es gut…es wäre erneut eine Lüge. „Lynn! Tae! Da seid ihr ja endlich!“ Byung lief auf uns zu. „Taehyung, ich bitte dich, rede noch einmal in Ruhe mit den Anderen. Ich bin mir sicher, sie sind mit der jetzigen Situation auch nicht zufrieden und hinter den Kulissen von BTS seid ihr neben Mitgliedern auch noch Freunde. Ich will meinen Taehyung mit dem sorglosen Grinsen zurück.“ Er zog einen Mundwinkel hoch und drückte mich fest an sich. Nachdem er mich losgelassen hatte, klopfte er noch einmal Byung auf die Schulter. „Sorry, dass wir so spät dran sind.“ Damit setzte er, ohne sich umzuschauen, seinen Weg fort.

    Byung blieb neben mir stehen und schaute Taehyungs kleiner werdenden Rücken nach. „So habe ich ihn ja schon lange nicht mehr erlebt. Zuletzt sah er so depri aus, als er sich mit Jungkook verkracht hatte. Das war vielleicht ne Ehekrise, sag ich dir. Es hat Wochen gedauert bis sie wieder miteinander gesprochen haben.“ Ich schlug ihm fest auf den Oberarm. „Das ist nicht hilfreich!“ Die ganze Zeit hatte ich sie zurückgehalten, aber jetzt breitete sich ein Tränenschleier vor meinen Augen aus. „Das ist alles meine Schuld!“, schniefte ich. Byung sah mich geschockt an. „Was zum…!“ Dann legte er einen Arm um mich und schon war ich dabei sein Shirt zu bewässern. „Hach…meine kleine Schwester ist nicht nur eine Dramaqueen, sondern auch noch eine Heulsuse. Meinst du, ich finde auf eBay ein Handbuch Wie mache ich mich zum Affen, sodass meine kleine Schwester aufhört zu weinen und wieder lacht? Ich meine, ich als Schulidol und gutaussehender Kerl habe von sowas natürlich keine Ahnung, aber für dich hole ich mir gern ein paar Typs von Kean…manchmal habe ich das Gefühl, der ist wie Tarzan bei Affen aufgewachsen.“ Er hatte geschafft, worauf er hinauswollte. Mir glitt ein leises, aber verschnieftes Kichern über die Lippen. „Na geht doch. Und jetzt komm, wir suchen uns was Leckeres zu essen. Danach sieht die Welt bestimmt gleich ganz anders aus.“ Er zog mich hinter sich her, doch ich blieb noch einmal stehen. „Sind Mom und Jongdae zu Hause?“ Auf keinen Fall wollte ich so verheult wie ich war, vor sie treten. Zu meinem Glück schüttelte Byung den Kopf. „Die sind bei einem Geschäftsessen und kommen erst sehr spät zurück.“ Mir glitt ein kleiner Seufzer über die Lippen.

    Byung stellte zwei dampfende Schüsseln auf den Tisch. „Du darfst dich geehrt fühlen, eine meiner Schwächen zu kennen. Ich bin kein guter Koch, daher musst du dich für heute mit Ramyun begnügen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Danke.“ Mein Bauch genoss die Wärme und mit jedem Bissen fiel ein wenig Anspannung von meinen Schultern. Als ich fertig war, sah ich zu Byung, der geduldig neben mir saß. „Mir würde brennend interessieren, warum ihr zwei so verstört seid und wem ich dafür eine reinhauen muss.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe die ganze Sache in Gang gebracht.“ Langsam erzählte ich ihm, was vorgefallen war. Als alles gesagt war, sah er mich schockiert an. „Warte! Du bist so ein richtiges Fangirl! So mit Postern an der Wand, denen du vorm Einschlafen einen Gutenachtkuss gibst und mit lebensgroßen Kissen, die du die ganze Nacht knuddelst? Das versteh ich, warum sie dich als Gefahr ansehen. Nachher bespringst du sie noch und suchst die Läuse aus ihren Haaren.“ Ich schlug ihn erneut. „Hya! Hör auf mich mit Kean in einen Topf zu stecken! Außerdem liegt das Problem ganz woanders! Ich fass es nicht! Weißt du, du machst mich echt fertig!“, seufzte ich hysterisch. Er lachte. „Sorry, aber das musste raus.“ Ich sah ihn böse an. „Okay, okay…also, wenn du mich fragst, dann…“ In dem Moment klingelte es. Wir sahen uns an. „Erwartest du noch wen?“, fragte ich Byung. Er schüttelte den Kopf, stand dann aber auf und schritt zur Haustür. Ich nutzte die Gelegenheit, um schnell ins Bad zu huschen. Oh Gott! Es reichte ein kurzer Blick in den Spiegel, schon sprangen mir rote Augen entgegen. Ich sah schlimm aus! Verwuschelte Haare und verweinte Augen ließen mich wie ein fünfjähriges Kind wirken, welches man das Lieblingsspielzeug weggenommen hatte. Schnell versuchte ich zumindest meine Haare zu ordnen. „Lynn!“, schrie Byung durchs Haus. „Waaas?“, schrie ich doppelt so laut zurück. „Besuch für diiich!“, schrie er noch lauter zurück und ich bekam Mitleid mit den Nachbarn. Stopp! Hatte er gerade gesagt…Besuch für MICH!

    64
    Ich lugte vorsichtig um die Ecke. Trotzdem konnte ich keine Stimmen hören. Ich zählte innerlich bis Drei und setzte mich letztlich in Bewegung. Schlimmer konnte der Tag nicht werden, richtig? Ich traf auf Byung, doch er war allein. Fragend sah ich ihn an. „Wohnzimmer.“, war alles, was er sagte und „Falls du Hilfe brauchst, schrei einfach.“ Na toll, das war jetzt nicht sonderlich aufschlussreich. Immer noch ahnungslos, wen ich antreffen würde, betrat ich das Wohnzimmer. In der Mitte des Raumes stand eine Person und kratzte sich nervös am Nacken. „Hoseok!“, brachte meine piepsige Stimme seinen Namen hervor und er drehte sich überrascht zu mir um. „Ähm…hey, Lynn.“ Es herrschte Stille. Sag was…sag was! Aber mir fiel absolut nichts ein nach alldem, was heute vorgefallen war. „Ich dachte, du brauchst die hier sicher für morgen…“ Verwirrt sah ich in die Tüte, die er mir hinhielt. Oh! „Meine Schuluniform! Tut mir leid, die hatte ich komplett vergessen. Danke.“ Er schüttelte den Kopf. „Nicht der Sache wert.“ Wieder Stille. Hoseok räusperte sich. „Eigentlich bin ich froh, dass du sie vergessen hast, sonst hätte ich nie den Mut aufgebracht hierher zu kommen.“ Ich sah ihm, dass erste Mal seid er hier ist, in die Augen. Schnell senkte ich meinen Blick wieder bei dem Gedanken an meine roten Zombieaugen. „Nachdem ihr gegangen wart, ist jeder in sein Zimmer verschwunden. Irgendwie ist die Sache aus dem Ruder gelaufen und ohne weitere Überlegungen haben wir deine Gefühle verletzt. Bitte nimm es uns nicht übel…wir haben lange dafür gekämpft, dort zu stehen, wo wir heute sind, aber umso schneller kann alles im nächsten Moment enden, wenn wir einen Fehler machen. Trotzdem waren wir meiner Meinung nach mit dir zu streng. Zumindest ich habe keine Zweifel daran, dass du dir nichts Böses dabei gedacht hast. Ich meine, wer drei kleine Welpen mitnimmt, ohne zweimal nachzudenken, kann kein schlechter Mensch sein, richtig?“ Er zwinkerte mir zu und mein Herz machte einen kleinen Sprung. „Ich versuche die Anderen zu überzeugen, dir eine zweite Chance zu geben…Aber um ehrlich zu sein, denke ich, dass sie dich immer noch mögen und sich selbst schämen, dir diese ganzen Vorwürfe an den Kopf geschmissen zu haben. Gib ihnen ein bisschen Zeit, ihre Gedanken zu ordnen.“ Ich sah immer noch zu Boden. „Danke, Hoseok.“ Ich hörte ihn seufzen. Dann wurde mein Gesicht von zwei warmen Händen umfasst und vorsichtig angehoben. Seine braunen Augen durchbohrten meine. „Schlimm genug, dass wir Taehyung verärgert haben, aber noch schlimmer ist, dass wir einen unserer Fans zum Weinen gebracht haben. Aber ich verspreche dir, dass alles wieder gut wird, okay?“ Bevor ich eine Antwort herausbringen konnte, spürte ich einen sanften Druck auf meiner Stirn. „Hehe, sag das lieber nicht Tae, aber man könnte schon eifersüchtig sein, dass er so eine tolle Cousine bekommen hat.“ Ich brachte keinen Ton heraus. „Apropos Tae, ich denke, ich schau gleichmal bei ihm vorbei…immerhin schulde ich ihm auch noch eine Entschuldigung.“ Ich folgte ihm unbewusst zur Haustür. „Also dann…man sieht sich Lynn.“ Ich nickte. „Okay.“ Die Tür fiel ins Schloss und ich ging wie automatisch in mein Zimmer. Ich ließ mich ins Bett plumpsen. Was war das denn bitte gerade! Doch kaum lag ich, wurde ich von Müdigkeit übermannt. Meine Gedanken verschwommen, doch ich spürte immer noch Hoseoks Lippen auf meiner Stirn.

    Als ich am Morgen aufwachte, brauchte ich einige Zeit, um herauszufinden, warum ich angezogen nicht unter, sondern auf der Bettdecke lag. Ich schaute zum Wecker 6:12Uhr. Immerhin konnte ich heute in Ruhe frühstücken. Nachdem ich ausgiebig geduscht hatte, setzte ich mich an den Küchentisch und fing an mein Müsli zu futtern. Im nächsten Moment schwang die Tür auf. Nur in Unterhose und mit verwuschelten Haaren kam ein verschlafener Byung herein. „Hey! Ich versuche hier zu essen! Zieh dir gefälligst was an!“ Ich verdeckte mit einer Hand meine Augen. Doch Byung schien ungerührt. „Strahlen meine Bauchmuskeln so hell, dass du geblendet wirst?“ Ich nahm die Hand runter und funkelte ihn an. „Okay, hab schon verstanden…war nur ein Witz.“ Damit verließ er die Küche wieder. Ich war mittlerweile fertig und suchte nun die letzten Bücher zusammen, um sie in meinen Rucksack zu stopfen. Keine Stunde später platzierte ich sie vor mir auf den Tisch. Olivia war seit gestern etwas merkwürdig und warf mir hin und wieder einen Blick zu, den ich nicht zu deuten vermochte. Suji dagegen war…einfach Suji? Ab und zu war hinter mir ihr Schnarchen zu vernehmen. Als es zur Pause klingelte, musste ich sie wachrütteln. Sie streckte ihre Arme in die Luft. „Man, hab ich guuuuut geschlafen.“, gähnte sie. Ich musste lachen, doch Olivia starrte mich von der Seite an. Hatte ich etwas falsch gemacht oder was Falsches gesagt? „Lynn, kann ich dich etwas fragen?“ Sie sah mich ernst an. „Ähm ja klar.“ Suji und ich folgten ihr aufs Dach, wo ein angenehmer Wind wehte und uns vor allem keiner belauschen konnte. „Was willst du mich fragen?“ Ich war nervös. Sie schien zu überlegen, wie sie die Frage formulieren sollte. „Woher kennst du…nein anders…welche Beziehung hast du zu Mason?“ Moment……..hä?

    65
    „Mason?“ Okay, mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. „Äh…Beziehung? Naja, ich würde uns als flüchtige Bekannte bezeichnen?“ Wobei er schon mehr von mir weiß, als mir lieb ist. „Definiere flüchtige Bekannte?“ Olivia schien diese Frage ziemlich ernst zu nehmen, also wollte ich ihr eine ehrliche Antwort geben. „Vor ein paar Tagen hatte ich Streit mit einer Mutter, weil ich nicht nach Hause wollte, bin ich einfach umhergelaufen. Mason hat mich mitten in der Nacht aufgegabelt und mir Essen spendiert. Zugegeben, er war mir nicht sonderlich geheuer und andauernd hat er umhergeflirtet, aber er kam mir nicht wie ein schlechter Mensch vor. Ich war mit den Nerven eh am Ende und ein Wort ins andere, habe ich ihm Einiges über mich erzählt, was man vorher wohl als Geheimnis betitelt hätte. Es hat auf jeden Fall gutgetan. Aber da wusste ich auch noch nicht, dass wir auf dieselbe Schule gehen würden. Demnach passt die Formulierung flüchtige Bekannte wohl nicht ganz, aber sowas wie Freunde sind wir auch nicht…denke ich.“ Olivia kam einen Schritt näher und durchbohrte mich mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte. „Also bist du nicht in ihn verliebt?“ Hä? Häääääh? „Nein! Definitiv, nein!“ Sie atmete erleichtert auf und das erste Mal heute schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Gott sei Dank!“ Warum war sie jetzt so froh darüber? Oder war sie etwa…? „Olivia, hast du etwa Gefühle für Mason?“ Sie verschränkte ihre Arme. „Ja. Gefühle…oder eher den Drang in zu verschiffen und zwar zurück nach Amerika!“ Suji neben mir zeigte keine Regung, aber ich hatte nun ein riesiges Fragezeichen über dem Kopf. „Er ist mein verdammter Bruder!“ Ich blinzelte ein paar Mal. „Was? Ihr seid Geschwister?“ Okay, sie sahen beide nicht asiatisch aus, aber ihre Charaktere könnten ja wohl kaum unterschiedlicher sein! Sie seufzte. „Ich bin so froh, dass du nicht in ihn verliebt bist. Ich meine, er ist hilfsbereit und aufrichtig, aber was Mädchen angeht, flirtet er mit allem, was auch nur weiblich aussieht. Aber, wenn ein Mädchen ihn fragt, ob er mit ihr gehen würde, gibt er jeder einen Korb. Meine Freundinnen in Amerika durfte ich dann immer trösten, nachdem er sie abgewiesen hat. Es ist für ihn wie ein Spiel und ich habe es satt, meine Freundinnen weinen zu sehen. Nachdem wir hierhergezogen sind, hatte ich Hoffnung, es würde sich was ändern, nur unglücklicherweise passt er auch ins Beuteschema vieler Koreanerinnen. Ich hätte an sich nichts dagegen, wenn eine von euch Gefühle für ihn hätte, aber ich will nicht, dass er einer von euch das Herz bricht.“

    Bevor ich etwas sagen konnte, meldete sich Suji zu Wort. „Keine Sorge, der ist nicht mein Typ.“ Olivia und ich starrten sie an. „Und was ist dein Typ?“, fragte ich letztlich aus reiner Neugier, weil ich ihr nicht einmal Interesse an Jungs zugetraut hätte, um ehrlich zu sein. Sie überlegte. „Das weiß ich erst, wenn ich jemanden sehe, der mein Typ ist.“ Irgh. Jap, mit so einer Antwort hätte ich rechnen müssen. „Und du?“ Ich sah Olivia erwartungsvoll an. Sofort bekamen ihre Wangen eine rosa Färbung. „Also um genau zu sein…habe ich einen Freund.“ Sie sagte es so leise, dass man es kaum verstehen konnte. „Im Ernst! Wie ist er so? Wie sieht er aus? Ist er aus Amerika? Führt ihr eine Fernbeziehung? Wie habt ihr euch kennengelernt?“ Ups, ich wurde gerade viel zu enthusiastisch. „Tut mir leid. Du musst es natürlich nicht sagen…nur wenn du willst.“ Ja, ich wollte es schon gerne wissen, immerhin habe ich null Prozent Erfahrung in Sachen Liebe. „Er…ist Koreaner, aber ich habe ihn das erste Mal in Amerika getroffen. Wir sind aber erst zusammengekommen, als ich hierhergezogen bin. Wir sind seit fast einem Jahr zusammen.“ „Haaach, ich bin neidisch.“ Sofort schlug ich meine Hände vor den Mund. Das war mir so rausgerutscht. „Dann war der Junge von gestern nicht dein Freund?“ Überrascht schaute ich Suji an. „Der Junge von gestern?“ Sie nickte. „Der am Schultor auf dich gewartet hat.“ Schultor? Oh! Sprach sie von Taehyung? „Ah…nein er ist nicht mein Freund!“ Taehyung als mein fester Freund? Selbst mir kam das jetzt komisch vor. In den letzten Tagen haben wir sowas wie eine Kumpelbeziehung aufgebaut und selbst das war schon Neuland für mich. Immerhin hatte ich noch nie richtige Freunde gehabt. „Ich hatte doch erzählt, dass meine Mutter hier einen Mann kennengelernt hat und naja, der Junge von gestern ist jetzt mein Cousin.“ Suji nickte nur, doch Olivias Augen weiteten sich. „Aber der Junge, der gestern vor dem Tor stand, war doch Kim Taehyung, wenn ich mich nicht verguckt habe.“ Ich lächelte etwas unbeholfen. Sie schien BTS zu kennen. „Ähm, ja. Du kennst ihn?“ Sie schien mehr als überrascht. „Er und mein Freund sind gute Freunde und sie sind sogar beide…!“ Sie brach ab und kniff die Lippen zusammen, als hätte sie sich fast verplappert. Doch es war zu spät. Mir schoss das Foto auf Namjoons Schreibtisch in den Kopf. Ein blondes Mädchen, welches ihm einen Kuss auf die Wange drückte. Ihr Freund und Taehyung sind gute Freunde und beide…was? Sie sind sogar beide in derselben K-POP Gruppe? „W-Wa…! Olivia, du bist mit Namjoon zusammen?“, quietschte ich. Ihre Augen weiteten sich noch ein Stück. „Du kennst BTS? Aber wie bist du auf Namjoon gekommen?“ Ich glaub mich tritt ein Pferd! Deshalb kam mir das Mädchen auf dem Foto bekannt vor! „Äh…das ist eine etwas längere Geschichte.“, murmelte ich. „Kein Ding. Der nächste Block ist Geschichte und da wollte ich eh nicht hingehen.“ Olivia und ich sahen Suji an und mussten beide lachen.

    Das erste Mal in meinem Leben schwänzte ich bewusst den Unterricht. „Naja und jetzt ist BTS sauer auf mich und Taehyung böse auf BTS oder so ähnlich.“, endete ich meine Ausführungen. Im nächsten Moment schnipste mir Olivia, schon fast liebevoll, gegen den Kopf. Entsetzt schaute ich sie an. „Das war dafür, dass du unerlaubt in das Zimmer meines Freundes eingebrochen bist!“, grinste sie. Ich lächelte entschuldigend. „Aber keine Sorge, Namjoon verdient auch einen Schnipser gegen den Kopf, weil er meine Freundin im Regen stehen gelassen hat.“, fügte sie metaphorisch hinzu. „Was?“, fragte ich entsetzt. Sie schaute mich ernst an. „Nur weil er mein Freund ist, heißt das nicht, dass ich mich seiner Meinung anschließen muss. Natürlich verstehe ich seinen Standpunkt, immerhin habe ich die gleichen Belehrungen hören dürfen, aber letztlich haben die anderen Mitglieder Verständnis gezeigt und mich akzeptiert, auch mit dem Bewusstsein, dass es Folgen haben wird, wenn die Öffentlichkeit von Namjoon und mir Wind bekommt. Und nun haben die anderen eh keine Wahl als dir zu vertrauen. Immerhin weißt du jetzt, dass Namjoon und ich ein Paar sind.“ Sie wurde ein wenig Rot. „Ich bin morgen mit Namjoon verabredet. Wir wollten uns bei ihrer Villa treffen und soviel ich weiß, müssten die Anderen auch da sein. Ich nehme dich einfach mit und ihr sprecht euch aus, okay?“ Ich überlegte, aber nickte letztlich. Dennoch machte mich der Gedanke nervös. Ich hoffe, sie verzeihen mir. „Ich habe eine Frage.“, meldete sich Suji, die Olivia und ich total vergessen hatten. Überrascht schauten wir sie an. „Wer ist BTS?“

    66
    Seit einer halben Stunde versuchte ich Suji möglichst detailliert zu erklären, wer BTS ist und welche Rolle BTS in meinem Leben spielte, angefangen von Idolen bis zur Familienebene. Hin und wieder fügte auch Olivia persönliche Fakten hinzu, damit Suji die Verbindung zu unserem vorherigen Gespräch fand. „Okay, wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist BTS auch Bangtan Boys oder Bangtan Sonyeondan eine südkoreanische Boygroup, bestehend aus sieben Mitgliedern, die relativ bekannt ist, nicht nur hier, sondern auch in Amerika und Europa. Taehyung ist Lynns Cousin und Olivia ist mit diesem RM oder Namjoon zusammen, aber zurzeit hat BTS was gegen Lynn und das stört euch. Richtig?“ Ich schlug mir meine Handfläche mit voller Wucht gegen die Stirn. Wozu meine emotionalen und anhimmelnden Ausführungen, wenn sie eh nur den Wikipedia-Teil behält? Die einzige Koreanerin von uns, aber Interesse an ihrer eigenen Kultur war ihr wohl überflüssig. Olivia legte mir ihre Hand auf die Schulter. „Mach dir nichts draus. Irgendwo können wir froh sein, dass sie überhaupt weiß, was eine Boygroup ist.“ Ich nickte resigniert. „Eine Frage muss mir Lynn aber noch beantworten.“ Ich sah Suji mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Frag ruhig…diesmal fasse ich mich auch gern kurz.“ Sie trat nah an mich heran…fast schon zu nah, wenn ihr mich fragt.

    „Suji…was…?“ „Hier!“ Sie tippte gegen meine Stirn. Was hier? Ich wich ein paar Schritte zurück. „Du fässt dir seit heute Morgen andauernd an die Stirn.“ Hä? Wirklich? „Oh, das war mir gar nicht so bewusst. Tut mir leid.“ Aber jetzt, wo sie es sagte…meine Fingerspitzen glitten schon wieder Richtung Stirn…zu der Stelle, wo Hoseok mich…! Ich wurde rot. „Jetzt bin ich aber auch neugierig.“, mischte sich Olivia ein. Ich trat von einem Fuß auf den anderen. „Äh, also, eigentlich ist wirklich nichts weiter…naja, Hoseok kam gestern noch vorbei, um sich zu entschuldigen und da hat er mir eventuell einen klitzekleinen Kuss auf die Stirn gegeben. Also nichts Großes oder so und nicht der Rede wert. Apropos…Ich denke, es hat gerade zur Pause geklingelt. Lasst uns schonmal den Klassenraum aufsuchen, ich will nicht noch mehr Stunden verpassen…“ Suji zuckte mit den Schultern, doch Olivia grinste mich wissend an. Moment…was heißt hier wissen? Es ist ja nicht so, als hätte ich für Hoseok besondere Gefühle…es war nur überraschend von meinem Idol geküsst zu werden!

    Als wir die Treppe hinab schritten, sprach uns eine bekannte Stimme an. „Na wen haben wir denn da? Wo kommt ihr denn her? Ich nehme an nicht aus den Unterricht, wo ihr hättet sein sollen.“ Ich hörte Olivia seufzen. „Wenn man vom Teufel spricht…“ Mason lachte. „Aber Schwesterchen, ich bin doch viel zu gutaussehend für einen Teufel und ich hoffe, es wurde nur Gutes über mich besprochen?“ Er zwinkerte mir zu. „Du brauchst dich gar nicht so bei Lynn einschmeicheln. Du bist nämlich nicht ihr Typ. Also flirte woanders weiter.“ Gespielt zog Mason eine Schnute. „Ooh, diese Worte machen mich traurig, aber keine Sorge so schnell gebe ich nicht auf. Vielleicht bin ich nicht ihr Typ, aber ich kann es ja noch werden.“ Olivia atmete tief durch. „Nein! Ich will nicht, dass du mit ihr spielst wie mit den ganzen Anderen. Halt dich von ihr fern und hier hört der Spaß für mich auf!“ Mir gefiel die Stimmungsschwankung kein bisschen und dass ich im Mittelpunkt dieser Diskussion stand schon gar nicht. Selbst auf Masons Gesicht verhärteten sich die Züge. „Und wenn es kein Spiel ist? Wenn sie nicht ist wie jede Andere? Wenn ich es von Anfang an mit ihr ernst gemeint habe? Was dann?“ Olivia schien genauso überrascht über Masons plötzliche Ernsthaftigkeit wie ich. Aber wie viel Wahrheit steckte in seiner Aussage? „Zu schade, dass ich dir das alles nicht glaube.“ Olivia hatte ihre Sprache wiedergefunden. Doch Mason grinste triumphierend. „Ich werde dir beweisen wie ernst es mir mit Lynn ist. Du wirst schon sehen!“ Er sah mir direkt in die Augen und verschwand dann in die andere Richtung des Korridors. Ich erschauderte. Natürlich kannte ich Mason noch nicht lange, aber ich hatte das Gefühl, dass er den Blick, den er mir gerade zugeworfen hatte, nicht oft zeigte. Ich schaute zu Olivia, die immer noch Mason hinterher sah. „Das gefällt mir nicht…ganz und gar nicht.“ Grrrrrrr! Erschrocken sahen wir zu Suji. „Ich hab Hunger.“ Ach was sie nicht sagte! „Lasst uns zur Cafeteria gehen, ich könnte auch etwas essen.“, lächelte Olivia als hätte dieses merkwürdige Gespräch eben gar nicht stattgefunden. Ich schüttelte unmerklich den Kopf. Ob Mason nun mit mir spielte oder nicht…machte es überhaupt einen Unterschied? Erstens hatte ich so schon genug um die Ohren und zweitens hatte ich Olivia versprochen, nichts mit Mason anzufangen. „Ja, lasst uns was essen gehen.“, stimmte ich zu. Auf dem Weg zur Cafeteria versuchte ich mein Herz zu beruhigen, dessen Schlagen ich in jeder Ader meines Körpers spürte.

    67
    Nachdem mir Byung gestern Abend bestimmt noch um die zehn Mal erklärt hatte, wo der Weg nach Hause lang geht, schritt ich selbstbewusst um die nächste Ecke und…krachte volle Kanne mit einer Person zusammen. „Autsch!“ Nur knapp erlangte ich mein Gleichgewicht zurück, doch mein Gegenüber plumpste auf den Boden. „Oh! Das tut mir wirklich sehr leid! Haben Sie sich verletzt?“ Ich bückte mich etwas, um der Person aufzuhelfen und hielt ihm meine Hand entgegen. „Warum sind wir auf einmal beim Sie?“, fragte mich eine Stimme, die sich sehr nach Taehyungs anhörte. „Aber immerhin habe ich dich gefunden. Ich dachte schon, ich bin zu spät und du bist schon nach Hause gefahren.“ Taehyung klopfte sich etwas Schmutz von der Hose. „Äh, ja…ich wollte gerade zur U-Bahn, aber die bessere Frage ist wohl, warum bist DU hier? Also nicht, dass ich mich nicht freue, aber hat BTS heute nicht Termine wie Shootings oder Fanmeetings oder Ähnliches?“ Er zuckte mit den Schultern. „Keine Lust. Ich will die Anderen nicht sehen.“ War das sein Ernst! D-Das ging doch nicht oder? „Was hast du den Anderen gesagt…oder besser, weiß euer Manager Bescheid?“ Noch ein Schulterzucken. „Weiß nicht. Hab mein Handy ausgeschaltet.“ WHAT THE…! „Bitte tu das nicht! Ich weiß, dass dich ihre Worte verletzt haben, aber sie sind deine Freunde und eben diese machen sich Sorgen, wenn sie dich nicht erreichen können. Hast du gestern noch mit Hoseok gesprochen?“ Er sah mich verblüfft an. „Woher weißt du, dass Hobi bei mir war?“ Als ich ihm antworten wollte, rannte mich fast ein Anzugträger um, der es offensichtlich sehr eilig hatte. „Lass uns den Standort wechseln.“, schlug Taehyung vor und ich stimmte zu. Kurze Zeit später dampften vor uns zwei Tassen heiße Schokolade mit ordentlich Sahne und extra Streusel, die mich in allen Farben des Regenbogens anstrahlten. Mmh, das sah verdammt lecker aus! Ob es wohl so gut schmeckte, wie es aussah? Lynn, Konzentration! Es gibt Wichtigeres als bunte Streusel! „Hoseok hat mir gestern noch meine Schuluniform vorbeigebracht.“, fing ich an und Taehyung verzog das Gesicht. „Die hatte ich ja total vergessen…tut mir leid, Lynn.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich hatte auch nicht mehr dran gedacht. Jedenfalls hat sich Hoseok bei mir persönlich entschuldigt und naja, ich habe das Gefühl, er vertraut mir? Er wollte auch noch einmal mit den Anderen über die ganze Sache reden, aber zunächst hat er dich aufsuchen wollen, weil er es bereut hat, dich nicht unterstützt zu haben…“ Taehyung trank einen Schluck aus seiner Tasse. Als er sie absetzte, klebte ein weißer Sahnebart an seiner Oberlippe. Es hätte putzig aussehen sollen, doch sein ernster Blick zerstörte das unschuldige Image. Im nächsten Moment wischte er sich sein Bärtchen auch schon mit dem Handrücken wieder ab. „Er war bei mir…, aber ich wollte nicht mit ihm reden.“ Er vermied Blickkontakt und schaute stattdessen auf die Tasse in seiner Hand. In mir brodelte es!

    Ohne Vorwarnung zog ich das Handy aus seiner Hosentasche und schaltete es an. „Was machst du?“, rief er verwirrt aus und versuchte mir das viereckige Ding aus der Hand zu nehmen, doch ich zog es weg, bevor er es zu fassen bekam. Es reichte ein kurzer Blick auf das Display, um zu erkennen, was ich mit meiner Lüge angerichtet hatte. „Achtundsechzig verpasste Anrufe und einhundertvierundzwanzig neue Nachrichten.“ Ich legte das Handy vor ihm hin. „Vielleicht hast du im Moment keine Lust mit ihnen zu reden, aber ich hoffe, dir ist bewusst, dass sie sich riesen Sorgen, um dich machen. Seit gestern haben sie nichts mehr von dir gehört. Sie sind bestimmt krank vor Sorge um dich…du könntest von einem Auto angefahren worden sein und sie wüssten es nicht. Du kannst sagen, was du willst, aber zum Teil ist das alles auch meine Schuld. Ich werde dir jetzt nicht vorschreiben, dass du ihnen verzeihen sollst, aber eine Sache WILL ich, dass du tust…naja eigentlich zwei. Zum einen melde dich bitte, damit sie wissen, dass es dir gut geht. Zum anderen bitte ich dich deinen BTS Pflichten nachzugehen, denn da draußen sind Millionen von Fans, ich eingeschlossen, denen BTS die Kraft gibt, Tag für Tag ihr Bestes zu geben und die gleichzeitig im Gegenzug BTS Karriere unterstützen und anfeuern. Es steht mir vielleicht nicht zu, das alles zu sagen, aber ich bin mir nun mal sicher, dass BTS dir genauso wichtig ist und am Herzen liegt wie mir!“ Okaaay…das war eventuell ein wenig zu laut gewesen, denn alle umliegenden Tische sahen mich mit großen Augen an. Zum Glück schienen keine Teenager darunter zu sein, die hätten wissen können, worüber ich sprach. Taehyung seufzte. War das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen? Gerade als er den Mund öffnete, ging der neunundsechzigste Anruf ein. Auf dem Display erschien ein Foto von Namjoon. Mit großen Augen sah mich Taehyung an. Ich deutete ihm ranzugehen, doch er schüttelte den Kopf. „Was, wenn er böse auf mich ist?“ Ich wusste nicht, ob ich lachen oder meinen Kopf auf die Tischplatte knallen sollte. War das sein Ernst? „Jetzt geh schon ran!“ Doch zu spät…sein Handy zeigte einen unbeantworteten Anruf mehr an. „Taehyung, ob du willst oder nicht, irgendwann musst du eh ans Handy gehen.“ Er legte sein Handy wieder auf den Tisch. „Vielleicht später?“ Schon leuchtete das Display erneut auf: Kookie. Fragend schaute Taehyung wieder zu mir und ich riss mich zusammen, ihm nicht schon das Geh ran! entgegen zu brüllen. So vorsichtig wie nur möglich, tippte er auf das Ikon mit dem grünen Telefonhörer und zog es nach rechts.

    68
    „Tae? Tae bist du dran?“ Auch ohne, dass Taehyung den Lautsprecher angeschaltet hatte, hörte ich Jungkooks nervöse Stimme klar und deutlich. Taehyung neben mir räusperte sich leicht. „Hey…“ Er klang sichtlich schuldbewusst. „Verdammt noch einmal Tae! Niemand von uns wusste, wo du bist…und nach gestern…naja…wir haben uns Sorgen gemacht und wir konnten dich noch nicht einmal übers Handy erreichen. Wir suchen dich seit Stunden überall und unser Manager hat erstmal alle Termine auf Eis gelegt.“ Taehyung räusperte sich erneut. „…tut mir leid.“ Am anderen Ende der Leitung vernahm ich ein erleichtertes Seufzen. „Ich bin nur froh, dass es dir gut geht und die anderen werden es sicher auch so sehen. Wo bist du gerade?“ Nachdem sich darauf geeinigt wurde, dass Jin Taehyung mit dem Auto abholen sollte, bezahlten wir unsere Getränke und verließen das Café. „Ähm, ich denke, ich gehe dann schonmal…ich muss ja eh noch ein paar Hausaufgaben machen und so…“ Um ehrlich zu sein, waren mir die Hausaufgaben komplett egal, aber ich wurde nervös beim Gedanken, dass Jin gleich kommen würde. Naja vorausgesetzt, dass sie nicht auch gelogen hat, was ihre Gefühle angeht...um naja Mitleid zu erwecken und unser Vertrauen zu gewinnen. Seine Worte schwirrten mir immer noch im Kopf herum und sofort spürte ich diesen dicken Kloß im Hals. Ja, ich wollte meinem Bias gerade nicht unbedingt begegnen. Wow, wie tief konnte ich noch fallen? Jetzt ging ich schon meinen Idolen aus dem Weg! Naja, nach einer Lösung konnte ich auch noch nachher suchen. „Also dann…wir sehen uns, aber erst, wenn du deiner Arbeit nachgegangen bist, deal?“ Taehyung nickte zwar, dennoch sah er betrübt aus. „Du versuchst ihnen aus dem Weg zu gehen oder?“ Ich versuchte ihn fragend anzusehen. „Was meinst du?“ Sein Blick verfinsterte sich leicht. „Du weißt genau, wovon ich spreche.“ Natürlich wusste ich es und er lag mit seiner Annahme goldrichtig, aber im Moment wusste ich echt nicht, was ich BTS sagen sollte, wenn sie vor mir ständen. „Taehyung, hör mal, ich weiß, dass ich dir gerade noch geraten habe, deinen Problemen nicht aus dem Weg zu gehen, aber…ich kann ihnen gerade nicht vor die Augen treten. Außerdem wollten sie, dass ich mich aus sämtlichen BTS-Angelegenheiten raushalte. Also…schreib mir, wenn du mal wieder etwas Zeit für mich übrig hast.“ Ich wartete noch sein Nicken ab und machte mich dann so schnell wie möglich vom Acker.

    Ich lief die Straße hinab, doch schon von Weitem bemerkte ich eine mir bekannte Silhouette, die mich stark an Yoongi erinnerte. Oh! Das war Yoongi! Er lief mir direkt entgegen. Unentschlossen sah ich mich um. Nur ein paar Meter weiter schaltete eine Ampel gerade auf Grün. Schnellen Schrittes folgte ich anderen Passanten, welche ebenfalls die Straßenseite wechseln wollten. Ich warf einen Blick über die Schulter, nur um festzustellen, dass Yoongi mich nicht gesehen hatte und seinen Weg Richtung Taehyung fortsetzte. Puh! Nochmal Glück gehabt. Als ich mich zurückdrehte, fiel mir das wartende Auto an der Ampel auf. Es war dasselbe Modell, welches auch Jin fuhr. Mein Blick glitt zur Windschutzscheibe. Im nächsten Moment stolperte ich fast über meine eigenen Füße. Shit! Jin und Jungkook sahen mich an, als hätten sie einen Geist gesehen. Plötzlich ging die Hintertür auf und Namjoons Haarschopf kam zum Vorschein. „Na wen haben wir denn hier? Stehst du immer mitten auf Kreuzungen rum?“ Zurück in der Realität bemerkte ich, dass die Fußgängerampel soeben auf Rot umgesprungen war. Mason hatte mich wie ein Kleinkind an die Hand genommen und zog mich nun hinter sich her runter von der Fahrbahn. Mein Blick glitt zu Jins Auto zurück, doch dies hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und verschwand aus meinem Sichtfeld. Komisch ich hätte schwören können, dass Namjoon aussteigen wollte, aber ich konnte ihn nirgends sehen. „Princess? Alles klar bei dir?“ Erst jetzt nahm ich Mason richtig wahr. „Mason? Was machst du hier?“ Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Ist das nicht offensichtlich? Dir das Leben retten oder wolltest du dir mit dem Auto einen Zweikampf liefern? Dann tut es mir leid, dass ich dazwischen gefunkt habe.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ähm…danke. Ich war wohl ein wenig in meine Gedanken vertieft.“ Er lachte etwas. „Das ist mir aufgefallen. Aber eine positive Sache hat das Ganze…Mir wird das Privileg zuteil, dich nach Hause bringen zu dürfen.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. Aber ich wusste auch nicht, was dagegen sprach. „Na gut…, wenn du unbedingt willst. Sie es als Gegenleistung dafür, dass du mir gerade mehr oder weniger mein Leben gerettet hast.“ Er grinste. „Ich fühle mich geehrt.“ Mason hatte mir meinen Rucksack abgenommen und trug ihn über seinen eigenen auf dem Rücken. Es hätte komplett bekloppt aussehen sollen, aber bei ihm…naja…irgendwie sah es aus, als wäre es das Normalste der Welt. „Wie geht’s dem Knie?“ Seine plötzliche Frage brachte mich ein wenig aus dem Konzept. Ich hatte erwartet, dass er wieder rumflirtet, nicht dass er seine ernste Seite in Erscheinung bringen würde. „Ähm…ganz gut? Der Arzt hat das übliche Prozedere runtergerattert, von wegen kein Sport und ich könnte eine OP in Erwägung ziehen und so weiter.“ Als er nichts erwiderte, schaute ich ihn von der Seite an. „Und?“, fragte er schließlich. „Was meinst du Und?? Er drehte seinen Kopf und unsere Blicke trafen sich. „Ziehst du die Option einer OP in Erwägung?“

    69
    Was genau wollte er jetzt von mir hören? Ich wusste doch selbst nicht, welche Option die vernünftigste wäre, geschweige denn die richtige. „Um es anders zu sagen, kannst du wirklich für den Rest deines Lebens damit leben, dich nicht mehr frei bewegen zu können? Während deine Freunde Inliner fahren, einfach nur daneben zu stehen und zuzuschauen? Willst du das wirklich?“ Ich bereute es nun, ihm alles erzählt zu haben. Er löcherte mich mit Fragen, die ich selbst nicht zu beantworten wusste. Nein, ich ging solchen Fragen aus dem Weg. Denn würde ich sie ehrlich beantworten, dann gäbe es nur eine Schlussfolgerung und zwar genau die, vor der ich die meiste Angst hatte. Eine Schlussfolgerung, die meine Zukunft schwanken ließ und sie sogar beenden könnte. „Nein. Ich versuche diese Option auszublenden, als stände sie nicht zur Debatte.“ Mason verzog keinen Muskel. „Dann hast du dich schon damit abgefunden, nie wieder Sport machen zu können?“ Ich schluckte. „Nein…habe ich nicht.“ Er nickte. „Darf ich dir meine persönliche Meinung sagen?“ Ich atmete tief ein und wieder aus. „Leg los…“

    Die Tür schlug hinter mir ins Schloss. „Bin wieder zu Hause!“, rief ich laut, sodass meine Mutter, es hören konnte. Da jedoch keine Antwort kam, ging ich einfach in mein Zimmer und ließ mich auf mein Bett plumpsen. Hörbar entwich mir die Luft beim Ausatmen. Ich denke, du solltest dich operieren lassen. Sowohl meine Mutter als auch Byung waren strikt gegen eine OP und jetzt sprach sich Mason dafür aus? Versteh mich nicht falsch, ich bin der Letzte der will, dass dir etwas passiert. Ob du mir nun glaubst oder nicht, ich möchte, dass du glücklich bist. Wow, das klingt ja noch kitschiger als ich gedacht hatte, haha. Aber…ich kann nicht mitansehen, wie du Tag für Tag versuchst, dich damit abzufinden und die Welt um dich herum weiter schrumpft. Ich meine, du könntest jeder Zeit stolpern und deine Knieverletzung kann sich soweit verschlimmern, dass du vielleicht irgendwann nicht einmal mehr Treppen steigen darfst oder…du im Rollstuhl landest. Natürlich würde ich dich anschieben und dir meine Schulter zum Ausheulen leihen, aber am liebsten würde ich dich gar nicht weinen sehen. Ja, ich hatte es satt! Hatte es satt, vorsichtig zu sein mit jedem meiner Schritte. Aber beim Gedanken an eine Operation bekam ich Gänsehaut. Und dennoch…welche ist nun die richtige Entscheidung. Es war an mir, dies festzulegen. Aber nicht heute! Ich griff nach meinem Handy und rief Monas Kontakt auf. Nach ein paar Sekunden hörte ich ihre vertraute Stimme am anderen Ende. „Ach ne, wen haben wir denn da? Weißt du überhaupt noch, wer ich bin?“ Wo sie Recht hatte, hatte sie Recht. Bei all den neuen Dingen, die geschehen sind, habe ich sie schon irgendwie vernachlässigt. „Bist du mir doll böse?“, fragte ich vorsichtig. Ich hörte sie Luft holen. „Also, wenn du mittlerweile hinter meinem Rücken was mit Yoongi angefangen hast, dann muss ich wirklich in Erwägung ziehen, mir eine neue beste Freundin zu suchen…“, fing sie an. Bevor sie ihre wilden Fantasien weiterspinnen konnte, unterbrach ich sie. „Du kannst beruhigt sein…ich bin noch immer single. Und so viel ich weiß Yoongi auch.“, fügte ich hinzu. „Na dann beste Freundin, bring mich auf den neuesten Stand. Unter welchen Betten bist du heute rumgeklettert? Und viel wichtiger…wer riecht denn jetzt am besten?“ Diese Frage schien sie wirklich zu interessieren. „Okay. Als Entschädigung versuche ich deine hochkomplizierte und besonders tiefgründige Frage zu beantworten. Beurteilen kann ich aber nur die Gerüche von Taehyung, Jungkook, Namjoon und Hoseok. Wenn ich mich zwischen ihnen entscheiden müsste, wer am besten riecht, dann fällt meine Wahl auf…Hoseok? Frag bitte nicht, warum…ist einfach meine subjektive Meinung. Außerdem bin ich sicher, dass Taehyung und Jungkook dasselbe Shampoo benutzen. Oh, aber natürlich riechen alle gut. Sind wir jetzt quitt?“ Ich hatte wirklich nicht das Bedürfnis als nächstes darüber zu reden, wer die weichste Haut hat. „Wenn du die Chance hattest an Yoongi zu riechen, sagst du mir dann bitte, ob er besser riecht als Hoseok?“ Ich rieb mir die Nasenwurzel. „Ja Mona, ich versuche es. Können wir jetzt über was anderes reden…vielleicht etwas mit Niveau?“ Ich konnte praktisch sehen, wie sie eine Schnute zog. „Na gut. Dann erzähl mir ausführlich, was ich alles im tollen Südkorea verpasst habe und noch verpassen werde.“

    Ich verbrachte wahrscheinlich die komplette nächste Stunde damit, ihr meine Krisensituation zu schildern. Also Krisensituation Ich gehe BTS aus dem Weg und nicht Krisensituation ((Rollstuhl oder Koma-OP, denn davon wusste sie ja auch nichts und ich war mir sicher, sie würde ausflippen und mich erwürgen, bevor ich die Chance hätte im Koma zu landen. „Wie jetzt? Du hast also BTS-Verbot von BTS selbst bekommen! Krasse Sache, Girl!“ Ich schwieg. „Okay, okay…nur ein Witz. Aber mal ehrlich, aus dem Weg gehen, bringt da gar nichts. Du musst den Bullen bei den Hörnern fassen oder so ähnlich. Diese Olive hat schon recht, ihr müsst euch einfach noch einmal richtig aussprechen. Ich meine, du weißt, warum sie so reagiert haben und bist dir deiner Schuld bewusst und genauso bin ich mir sicher, dass sie es bereuen, wie sie mit dir umgesprungen sind. Hoseok hatte zwar als Einziger den Mut, dir das auch persönlich zu sagen, aber den anderen geht es sicher auch so. Also Kopf hoch, sonst kommst mit ihm nicht durch die Wand, wenn du verstehst, was ich meine!“ Sie war wirklich eine Meisterin, wenn es darum ging, mich wieder aufzubauen. Ich fühlte mich schon ruhiger, obwohl keins meiner Probleme aus der Welt geschafft war. „Danke Mona, du bist echt die Beste. Aber ihr Name ist Olivia und nicht Olive.“, klärte ich sie auf. „Jaja auch ganz nett, aber solange ich noch die Beste bin, ist mir das herzlich egal. So schnell gebe ich dich nämlich nicht her.“ Ich kicherte. „Das will ich auch hoffen!“ Kurz herrschte Stille. „Mona?“ Sie atmete vorsichtig aus. „Hey, ich weiß, dass ist jetzt nicht die beste Zeit, weil du hast genug Problemchen und so, aber…“ Sie stockte erneut. „Mona, spuck’s aus!“, sagte ich ungeduldig. „…deinem Vater geht’s nicht so gut. Es ist wohl irgendwas mit deinem Onkel.“

    70
    „Könntest du irgendwas vielleicht genauer definieren?“ Meine Stimme hatte einen gereizten Unterton. „Naja, viel weiß ich nicht, nur dass sich der Gesundheitszustand wohl verschlechtert hat und der Arzt nicht all zu viel Hoffnung hat, dass dein Onkel aus dem Koma wieder aufwachen wird…“ Ich hatte begonnen, im Zimmer auf und ab zu laufen. „Und mein Vater?“, wollte ich wissen. „Ähm…er kommt nur noch selten nach Hause und wenn dann ist es spät in der Nacht. Nachdem er mit dem Arzt gesprochen hat…nun ja…die Alkoholbestände in diesem Haushalt reduzieren sich zunehmend, wenn du verstehst, was ich meine.“ Ich blieb stehen. Ich hatte meinen Vater noch nie mehr trinken sehen, als abends mal ein Glas Wein, ein wenig Scotch oder Whisky, aber so richtig betrunken? Das gefiel mir nicht. Aber was sollte ich tun? Ihn anrufen? Seitdem ich hier war, hatte er sich doch auch nicht ein einziges Mal bei mir gemeldet! Es machte mich traurig zu sehen, wie unwichtig ich ihm doch war. „Lynn? Ich erzähle dir das nicht, damit du den nächsten Flieger zurück nimmst, aber…ich dachte, du solltest das wissen.“ Ich ließ mich wieder auf die Bettkante sinken. „Keine Ahnung. Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich reagieren sollte. Natürlich mache ich mir jetzt Sorgen, aber…ich habe auch nicht das Gefühl, es wäre hilfreich für ihn, wenn ich morgen früh vor seiner Haustür stehe und per Handy ein ernsthaftes und ausführliches Gespräch zu führen, würde auch nicht den Nagel auf den Kopf treffen. Noch viel weniger weiß ich, ob ich meiner Mutter hiervon Bericht erstatten sollte…ich will nicht, dass sie sich Vorwürfe oder Ähnliches macht. Aber ist es okay, jetzt nichts zu tun?“ Nein, war es sicher nicht! Dennoch…wusste ich nicht, WAS ich tun sollte. „Hey! Mach dir keine überflüssigen Sorgen. Ich behalte die ganze Sache im Auge und halte dich auf den neuesten Stand. Wenn was passiert, lasse ich es dich sofort wissen. Also regle erstmal dein Leben da drüben und belaste dich nicht mit noch mehr. Dein Vater ist erwachsen und wird ja wohl noch genug Verstand haben, um auf sich selbst aufzupassen. Gut, wäre das also geklärt. Und wenn ich das nächste Mal anrufe, will ich hören das zwischen BTS und dir wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, haben wir uns verstanden?“ Ich seufzte. „Aber wenn was ist, dann rufst du SOFORT an, okay?“, fragte ich, immer noch nicht überzeugt. „Jaja, hast mein Wort. Also dann, auf mich warten eine Tüte Chips, ein Glas Käsedipp und die siebte Staffel Pretty Little Liars. Man hört sich…und Finger weg von Yoongi!“ Damit legte sie auf. Sie konnte echt verdammt besitzergreifend sein…

    Am nächsten Tag wusste ich nicht, worüber ich mir mehr Sorgen machen sollte…über meinen Vater oder das mir bevorstehende Gespräch mit BTS. Ich hatte es nicht übers Herz gebracht, meiner Mutter von den Vorkommnissen in Deutschland zu erzählen. Sie hatte gerade erst meinen Vater hinter sich gelassen und ist nun dabei mit Jongdae ein neues Leben aufzubauen. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war ihr besoffener Ex-Ehemann. „Lynn!“ Ha? Verwirrt sah ich Olivias Gesicht vor mir. Warum stand sie vor mir? „Was?“, fragte ich verwirrt. „Es hat gerade zum Stundenende geklingelt und da es unsere letzten für heute waren, müssen wir jetzt los.“ Es hatte geklingelt? „Ja, sorry.“ Olivia sah mich weiterhin an. „Alles okay? Du bist schon den ganzen Tag woanders mit den Gedanken habe ich das Gefühl.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nein, alles gut. Hab nur nicht so viel Schaf gehabt diese Nacht.“ Naja, komplett gelogen war es nicht. „Hier!“ Suji hielt mir einen ihrer Schokoriegel entgegen, während sie genüsslich auf ihrem eigenen rum kaute. „Ähm danke?“ Sie zuckte die Achseln. „Schoki beruhigt die Nerven.“ Schnell stopfte ich meine Sachen in den Rucksack und zu dritt verließen wir das Schulgebäude. Während der U-Bahnfahrt aß ich den Schokoriegel, den Suji mir gegeben hatte. Apropos, da Suji eh schon Bescheid wusste und offensichtlich den Rest des Tages nicht besseres vorhatte, hatte sie uns gefragt, ob sie mitkommen dürfe. BTS würde zwar nicht so begeistert sein, aber im Endeffekt wusste sie eh schon alles und mal ehrlich…sie war jetzt nicht so der Gossipgirl-Typ. Wir waren fast an ihrem Haus. Nicht einmal Taehyung wusste von unserem geplanten Überfall. Ich wollte es ihm mitteilen, aber bei unsrem letzten Treffen ist es in den Hintergrund geraten und jetzt…standen wir vor der Tür, aus der ich vor drei Tagen rausgekantet wurde. Ich schaute zu Olivia, die wohl auch ein wenig nervös war. Gerade als ich Zweifel bekam und fragen wollte, ob das wirklich eine so gute Idee ist, hörte ich ein Klingeln. Entsetzt sah ich, wie Suji ihren Zeigefinger vom Klingelknopf nahm. Bevor ich ausflippen konnte, wurde jedoch schon die Tür geöffnet. Natürlich war es kein anderer als Namjoon, der die Tür geöffnet hatte, immerhin erwartete er ja seine Freundin…nur hatte seine Freundin noch zwei Freundinnen mitgebracht und noch dazu hatte eine davon auch noch Hausverbot. Wie zu erwarten weiteten sich seine Augen, sobald er mich sah. Oh oh! Ich und Olivia sahen uns an. Dann drehte sie sich zu Namjoon und wollte gerade alles erklären als… „Schön dich zu sehen.“ Er umarmte Olivia und gab ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe. Dann sah er zu mir. „Hey Lynn, gut dass du da bist. Kommt doch rein.“ Mooooment! Er…war nicht sauer?

    71
    Nervös rutschte ich von einer Pobacke auf die andere. Olivia saß neben mir auf dem Sofa und wirkte so entspannt, als wäre sie gerade von einem Wellnessnachmittag gekommen. Namjoon kam ins Zimmer. „Jin und Jungkook sind einkaufen, müssten aber gleich wieder hier sein und den anderen habe ich Bescheid gegeben, dass wir Besuch haben. Ich denke, sobald wir vollzählig sind, gibt es Einiges zu besprechen.“ Er setzte sich zu Olivia und sie fingen an, sich über irgendeinen Film zu unterhalten, der wohl zurzeit im Kino lief und ganz gute Kritik bekam. War er jetzt noch sauer? Hach, das machte mich wahnsinnig! Ich stand mit Schwung auf, sodass die beiden mich überrascht ansahen. „Ähm, ich habe ein bisschen Durst. Wollt ihr auch etwas?“ Eigentlich hatte ich keinen Durst, aber die Hummeln in meinem Hintern machen mich verdammt noch einmal kirre! „Oh, tut mir leid, ich hatte vergessen zu fragen. Ich kann gern etwas holen gehen…“, beteuerte Namjoon. „Ach, ich stehe eh schon…also soll ich was mitbringen?“ Im Endeffekt war ich die Einzige, die Durst hatte und trat nun endlich meinen Fluchtweg an. In der Küche angekommen, tapste ich auf und ab, immer zwischen Kühlschrank und Herdplatte hin und her. Okay! Ich musste irgendwie meine innere Ruhe wiederfinden! Überleg mal Lynn…was könnte schlimmsten Falls passieren? Erste Variante: Sie haben ihre Meinung nicht geändert und ich fliege wieder hochkant aus dem Haus. Irgh…super Aussicht. Zweite Variante: Sie verzeihen mir und dann…äh…dann…sind wir Freunde? Aber Verzeihen heißt nicht, dass sie mir dann auch wieder vertrauen. Mittlerweile hörte ich weitere Stimmen im Wohnzimmer. Okay, Grübeln bringt mich nicht weiter. Komme es einfach, wie es kommt.

    Die Küchentür flog mit Schwung auf und Jungkook kam mit zwei großen Einkaufstüten herein. „Oh!“ Ich blieb am Kühlschrank stehen. „H-Hey?“ Die Tür ging erneut auf und Jin kam mit drei weiteren Tüten herein. „Jungkook? Was stehst du hier so rum? Hilf mir lieber beim Auspacken…das dort gehört in den Kühlschr…!“ Sein Blick glitt zum eben genannten Objekt vor dem ich wie angewurzelt stand. Ich biss mir auf die Lippe. „Äh…ich wollte nur schnell was zum Trinken holen…“, schnell holte ich ein Glas aus dem Schrank und füllte mir am Wasserhahn Leitungswasser ab. Ich fühlte quasi wie mein Rücken nur so durchbohrt wurde. „Ich stör nicht weiter…bin schon weg!“ Fluchtartig stürzte ich zurück ins Wohnzimmer, wo ich fast mit Yoongi zusammen geknallt wäre. „Wooaah!“, entfuhr es mir, bevor ich schnell zurückwich. Yoongi legte den Kopf schief. „Man, du klingst als wäre ich eine fette Kakerlake.“ Hinter mir kamen jetzt auch Jungkook und Jin ins Wohnzimmer und bevor ich auch nur ansatzweise meine Gedanken ordnen konnte, hörte ich weitere Schritte auf der Treppe. Bevor ich noch anfing zu hyperventilieren, stellte ich mein Glas auf den Tisch und ließ mich zu Olivia auf das Sofa sinken. „Wenn ich richtig liege, dann fehlt jetzt nur noch dein Cousin Taehyung, richtig?“ Ich zuckte so doll zusammen, dass ich froh war, mein Glas auf dem Tisch abgestellt zu haben, sonst läge es jetzt nämlich in Scherben auf dem Boden verteilt. Gosh, wo zum Kuckuck hatte sich Suji nur versteckt gehabt!“ Olivia, die Sujis Frage ebenfalls mitgehört hatte, antwortete an meiner Stelle. „Ja, Taehyung ist der Einzige, der noch fehlt.“ „Er müsste gleich hier sein. Seine eigene Wohnung ist nicht weit von hier und ich hatte ihm per Anruf Bescheid gegeben, dass Lynn hier ist.“ Sofort schossen alle Augen zu mir. Yoongi fläzte in einem der Sessel, während Suji nun im anderen Platz genommen hatte. Jin saß neben Jungkook auf dem Sofa und Hoseok und Jimin hockten auf dem Boden, da schon alle Plätze belegt waren. Die eingekehrte Stille ließ mich meinen tosenden Puls noch stärker wahrnehmen und ich war mir sicher, dass mein Schweißausbruch jede Sekunde zu einem Wasserfall ausarten würde! Plötzlich war ein Schlüsseldrehen im Schloss zu hören und sogleich stürzte ein aufgebrachter Taehyung zu mir. „Lynn! Alles okay? Haben sie dir irgendwas getan?“, hechelte er noch ganz außer Atem. Seine Anwesenheit beruhigte mich sogleich und ich fragte mich, seit wann er so eine friedliche Wirkung auf mich hatte. Irgendwie war er nicht mehr das Idol, welcher mein Herz aus der Brust springen lässt, sondern ein guter Freund, bei dem ich weiß, dass er mir zur Seite steht, egal was auch kommen mag. „Na toll! Erst werden wir angestarrt wie Kakerlaken und jetzt werden wir behandelt wie Raubtiere? Meine Fresse! Worüber diese gottverdammte Aufregung? Ist ja nicht so als wären wir Lynns Feinde. Immerhin hat es uns ziemlich aus der Fassung gebracht, als sie angefangen hat, uns zu ignorieren! Stopp! Also mich natürlich nicht! Was interessiert mich so ein dahergelaufenes Mädchen…“

    Ha? M-Moment…was hieß hier aus der Fassung gebracht? „Jetzt tu doch nicht so, Yoongi! Du warst so schockiert, als du sie vor dir auf dem Fußweg hast flüchten sehen, dass du kurz danach gegen eine Laterne geknallt bist und jetzt müssen unsere Stylisten, deine Haare immer so anordnen, dass die kleine Beule an deiner Stirn nicht zu sehen ist!“, keifte Jimin. „D-Das hatte nicht mit ihr zu tun! Ich war einfach in Gedanken, okay! Außerdem hast du uns doch vorgeheult, wie durcheinander sie aussah, als sie vor Jins Auto stand wie ein verletztes Reh!“ Jimin wurde rot. „Na und wenn schon! Ich habe mir halt Sorgen gemacht! Wir haben sie behandelt wie den letzten Dreck und das hatte sie nun wirklich nicht verdient!“ Yoongi schwieg. „Okay. Ich denke, wir sollten jetzt mal anfangen, Einiges klarzustellen.“, mischte sich nun Namjoon ein. „Zunächst tut es mir leid, dass ich dich so hart verurteil habe. Aber…“ Tack! Ein lautes Aufstöhnen war zu hören. „Ich will kein Aber hören!“ Mein Blick folgte der Stimme und blieb an Olivia hängen, die sich ihren Finger rieb. Auf Namjoons Stirn zeichnete sich derweil ein roter Abdruck ab. Olivia hatte ihm volle Kanne gegen die Stirn geschnippst!


    72
    Jungkook und Taehyung konnte man im Hintergrund leise kichern hören. „Super Aktion, Liv!“ Ohne eine Miene zu verziehen, glitt ihr Blick zu den beiden. „Was gibt es da zu lachen? Wollt ihr auch?“ Sofort wich ihr belustigter Ausdruck einem beschämten und sie sahen zu Boden. „Für wen haltet ihr euch eigentlich? Ihr findet heraus, dass sie ARMY ist und im nächsten Moment behandelt ihr sie wie eine Fremde…Ist es normal, euren eigenen Fans vor den Kopf zu stoßen? Wenn ich nicht wüsste, dass ihr im Normalfall eure Fans auf Händen tragt, dann wärt ihr als Idole komplett ungeeignet!“ Sie atmete tief ein und fuhr dann in ihrer ruhigen, mir bekannten Stimme fort. „Ich bin mir sicher, dass ihr euer Verhalten in der Sekunde bereut habt, als ihr Lynn vor die Tür gesetzt habt. Aber der Einzige, der das auch zugeben konnte, war Hoseok. Und indem ihr Lynn ausgeschlossen habt, habt ihr auch Taehyung unbewusst verletzt, sodass dieser sich in eurer Umgebung unwohl gefühlt hat. Ihr wolltet BTS beschützen, aber eure Reaktion hatte den gegenteiligen Effekt.“ Namjoon, der seinen Kopf auf eine Hand gestützt hatte, richtete seinen Oberkörper wieder auf und nahm vorsichtig Olivias Hand. „Wieso musst du nur so schlau sein? Aber du hast ja Recht. Auch wenn ich keine bösen Absichten hatte, hat mein Verhalten nicht nur BTS, sondern auch Lynn geschadet. Erst versprechen wir dir, deine Freunde zu sein, die dir zur Seite stehen, wenn du mal Probleme hast, dabei sind wir die, die dir hier die größten Probleme bereiten. Ich nehme hiermit zurück, was ich gesagt habe. Du kannst vorbei kommen, wann immer du willst und es wäre mir eine Freude, wenn du BTS bei der Arbeit unterstützen würdest. Vorausgesetzt, du kannst uns verzeihen, trotz unserer Unerfahrenheit als verlässige Freunde?“ Ich biss mir auf die Lippe. Ich war Olivia für ihre Ansprache echt was schuldig. In mir breitete sich ein befreiendes Gefühl aus, welches sich als Erleichterung entpuppte. BTS hasste mich nicht! Mir fiel ein verdammt großer Stein von Herzen. „Es wäre mir eine Ehre BTS als meine Freunde zu haben. Ich verspreche euch auch, in Zukunft so weit es geht, ehrlich mit euch zu sein!“ Jimin sah mich fast schon empört an. „Was heißt hier so weit es geht? Olivia kicherte. „Wir sind Mädchen! Und Mädchen haben nun mal ihre Geheimnisse!“ Sie zwinkerte mir zu. „Und was heißt das jetzt?“ Jimin war mit ihrer Antwort noch nicht so ganz zufrieden, aber alle beließen es dabei. Sie hatte Recht, es gibt nun mal Themen, über die ich nicht unbedingt Auskunft geben wollte, nicht mal, wenn es sich um BTS handelte…oder erst recht, wenn es sich um BTS handelte.

    „Eine Entschuldigung muss ich aber noch loswerden. Taehyung, es tut mir leid, dass wir dir nicht vertraut haben und Lynn ohne Rücksichtnahme auf deine Meinung verurteilt haben. Kannst du uns vergeben?“, äußerte Namjoon und sofort blickten alle zu Taehyung, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte und neben mir auf der Sofalehne saß. Er zuckte mit den Schultern. „Ihr habt ja jetzt eingesehen, dass Lynn ein guter Mensch ist und für uns nur das Beste will…also gibt es keinen Grund mehr euch böse zu sein.“ Sein nächster Satz war zwar nur ein Flüstern, aber immer noch laut genug, dass alle es hörten. „Außerdem hab ich euch eh schon ein bisschen vermisst…aber nur ein bisschen! Im nächsten Moment wurde er auch schon von Jungkook zu Boden gerissen. „Jey, wir haben unseren besten Freund wieder!“, rief dieser freudestrahlend aus und wuschelte Taehyung durch die Haare. Aber nicht nur Jungkook sah man die Freude an, alle Mitglieder schienen erleichtert aufzuatmen und sogar bei Yoongi konnte ich für eine Millisekunde ein Lächeln auf den Lippen erkennen. Aber ohne Frage war Taehyung selbst derjenige, der am hellsten strahlte. Wieder einmal war ich stolz, ARMY zu sein. Diese Jungs waren nicht einfach Mitglieder ein und derselben Gruppe, sie verband noch viel mehr. Ihre Freundschaft würde sie auf Ewig prägen. Mein Blick huschte zu Olivia, die ebenfalls die lächelnden Gesichter der sieben Jungs betrachtete. Freundschaft, he? Sah so aus, als hätte ich jetzt auch wahre Freunde gefunden. Ich nahm mir vor, Olivia bei der nächsten Gelegenheit, für all ihre Unterstützung zu danken. Und auch trotz ihrer Eigenart war Suji uns nicht von der Seite gewichen…Stopp! Wo zum Henker war Suji überhaupt!

    Unauffällig tippte ich Olivia an. „Ähm…weißt du, wo Suji ist?“ Sofort richtete sie sich auf und blickte sich, wie ich zuvor, im Zimmer um, mit dem gleichen Ergebnis. Suji befand sich nicht mehr in diesem Raum! „Was ist los? Stimmt etwas nicht?“ Namjoon hatte unsere besorgten Gesichter bemerkt. „Ähm…“, fing ich an, jedoch wusste ich nicht wie ich fortfahren sollte. Ein Mädchen ist gerade spurlos aus eurem Wohnzimmer verschwunden, habt ihr sie gesehen? Okay, das klang bescheuert. Ich suchte immer noch nach einer Antwort, als Jin zusammenzuckte. „Was zum…! Wo kommt sie denn her?“ Alle Blicke schossen zu Suji, die gemütlich die Treppe hinunterschritt und sich wieder zu uns ins Wohnzimmer gesellte. „Äh…wer ist das eigentlich?“, fragte Jimin verwirrt. „Suji Kang.“, stellte sie sich selbst vor, „Und meinen Recherchen zufolge musst du Jimin sein.“ Bei ihr handelte es sich keines Wegs um eine Frage, sie sprach es aus wie eine bloße Tatsache. Damit hatte sie auch schon das Interesse an Jimin verloren und wedelte stattdessen mit Karten, die sie in ihrer rechten Hand hielt. „Die hab ich gefunden. Braucht ihr die noch? Ich frag nur, weil die demnächst ablaufen. Sind für den neuen Freizeitpark hier in der Nähe.“ Yoongi sprach wie gestochen auf. „Du warst in meinem Zimmer! Was läuft denn bei dir falsch! Wer hat die denn bitte ins Haus gelassen!“ Ich sah zu Olivia, die Suji entsetzt anschaute. „Suji, du kannst doch nicht einfach in anderer Leute Zimmer rumschnüffeln, schon gar nicht ohne Erlaubnis!“ Sie schaute die Jungs an, „Es tut mir wirklich leid, aber sie hatte keine bösen Absichten wirklich. Sie ist nur etwas…“ Komisch? Gestört? Anders als normale Menschen? „…eigensinnig.“, beendete Olivia ihren Satz. „Also ist sie eine Freundin von euch?“, fragte Namjoon, „Das bringt mich auf die Frage, woher ihr euch eigentlich kennt? Um ehrlich zu sein, war ich schon verwirrt, als ihr plötzlich zusammen vor unserer Tür standet…“ Ich nickte. „Wir sind Klassenkameraden, also wir drei, und dann kam eins zum anderen und es stellte sich heraus, dass wir beide eine eher spezielle Beziehung zu BTS haben, um es mal so zu formulieren. Ah, um Suji müsst ihr euch übrigens keine Sorgen machen. Sie hat eher wenig Interesse an BTS oder Boygroups. Sie hat allgemein nur an wenigen Dingen Interesse wie Schokoriegel…und jetzt auch Freizeitparks wie es scheint.“ Yoongi schnaubte, beließ es aber dabei. „Also ich finde den Vorschlag gar nicht so schlecht…“, meldete sich Jin zu Wort, der inzwischen die Karten in den Händen hielt, „Sie laufen dieses Wochenende ab und das wäre wirklich zu schade. Es sind zwar nur sieben Stück, aber warum gehen wir nicht alle zusammen?“ Und schon war es beschlossene Sache. Kommendes Wochenende würden meine neuen Freundinnen und ich mit BTS den Vergnügungspark unsicher machen.

    73
    Ich hasse Vergnügungsparks nicht, aber lieben tue ich sie auch nicht. Drei Runden in dieser viel zu schnellen, kurvenreichen und loopingbeinhaltenden Achterbahn und mein Mittagessen schrie mich geradezu an, damit aufzuhören. „Ich fordere euch heraus! Wenn jemand mehr Runden durchhält als ich, dann bezahle ich für alle das Abendessen!“, strotzte Taehyung. Wag es nicht, da mitzumachen!, warnte mich mein Mittagessen und ich hatte nicht vor, mich zu widersetzen. Im Nu hatten sich jedoch Gegner gefunden. Jungkook war der erste, der ohne zu zögern die Challenge annahm, ihm folgte Suji und Yoongis Ego wollte auch nicht als Weichei betitelt werden. „Lynn, was ist mit dir?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich denke, ich setze aus.“ Jimin neben mir atmete auf. „Ich schließe mich Lynn an. Wir suchen uns einen Platz zum Hinsetzen und beobachten euer Vorhaben von dort aus.“ Blieb noch Jin. Als ich zu ihm schaute, wich er meinem Blick aus. Hä? Oder war das nur Zufall? Trotz seines schon kreidebleichen Gesichtes schloss er sich der kleinen Gruppe an, die nun mit Taehyung an der Spitze unterwegs zur vierten Runde Höllenachterbahn, wie ich sie nannte, war. „Ich war so froh als du eben gesagt hast, du willst nicht mehr. Wäre ich als Einziger ausgestiegen, hätte ich mir das für die nächsten Wochen anhören können. Aber ehrlich, noch eine Runde und ich hätte Oben nicht mehr von Unten unterscheiden können!“ Ich kicherte. „Noch eine Runde und mein Mittagessen hätte die Erdanziehungskraft überwunden!“ Jimin lachte, sah mich dann aber doch etwas besorgt an. „Du bist wirklich etwas blass. Sicher, dass es dir gut geht?“ Ich nickte. „Alles okay, aber eine kleine Pause würde doch ganz gut tun, denke ich.“

    Ich ließ mich auf einer Bank im Schatten nieder, während Jimin entschieden hatte, Getränke zu besorgen. Seit der Aussprache im Wohnzimmer war zwischen Taehyung und den anderen alles wieder im Reinen, dennoch war es merkwürdig mit BTS abzuhängen. Natürlich hatte ich mich den Rest der Woche auf heute gefreut, aber die Stimmung war…naja merkwürdig. Schon den ganzen Tag spürte ich Blicke auf mir, aber sobald ich einen Member ansah, wandte jeder den Blick ab und tat auf normal. Jimin kam mit zwei Dosen zurück und setzte sich neben mich auf die Bank, wohlbadacht genug Abstand zu lassen. „Ich dachte was Kaltes mit viel Zucker ist das Beste, um den Kreislauf wieder anzuheben. Also, willst lieber Fanta oder Sprite?“ Ich deutete auf seine linke Hand, in der sich die Spritedose befand. Er gab sie mir und wir begannen stumm unsere Dosen zu leeren. Ich warf ihm einen Seitenblick zu. Er saß irgendwie unbeholfen neben mir und starrte die kleine Dose in seinen Händen an. Okay, jetzt reicht‘s! „Sag mal…“, fing ich an, „…kann es sein, dass ihr mir noch ähm böse seid? Ich habe das Gefühl, ihr versucht mich zu meiden…“ Ruckartig schoss sein Kopf zu mir, doch er schaute schnell wieder zu Boden. Also hatte ich es mir nicht eingebildet! „Es ist nicht so wie du denkst…wir sind dir nicht böse oder so, nur…“ Er rieb sich über den Nacken. „Naja, wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Wie wir dich behandelt haben, war unfair…uns ist allen bewusst, dass wir dich hintergangen haben, als wir dich behandelt haben wie…also wir haben dich schlecht behandelt! Wir hatten dich irgendwo alle ins Herz geschlossen und wollten deine Freunde sein, aber du kanntest uns halt schon besser, als wir dachten und das birgt gewisse Vorurteile…von wegen die perfekten Idole und immer gut drauf oder so. Ich denke, wir hatten das Gefühl vor dir sein zu können, wer wir wirklich sind, aber da du ARMY bist, hatten wir die Befürchtung, dich zu enttäuschen. Naja, außer Namjoon, er hatte einfach Angst, wir würden in deiner Gegenwart zu unvorsichtig werden und von Papparazzi entdeckt werden, die dann Gerüchte in die Welt setzen, die nicht nur uns, sondern auch dir Probleme bereitet hätten. Ich glaube jedenfalls, dass wir anderen so gedacht haben, denn nachdem du an dem Abend gegangen warst, ist jeder in seinem Zimmer verschwunden. Das war das erste Mal seit…mmh auf jeden Fall langer Zeit, dass Jin nichts gegessen hat, bevor er schlafen gegangen war und uns am nächsten Morgen auch kein Frühstück gemacht hat. Naja, die Stimmung die nächsten Tage war…erbärmlich. Tae hatte keine Lust mehr auf uns und die Schuldgefühle wurden immer größer. Am nächsten Abend hatte Hobi uns dann erzählt, er habe noch einmal mit dir gesprochen, sich entschuldigt und uns dann gebeten, dieses Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Du hast uns gesehen, als wir mit dem Auto an der Ampel standen oder? Namjoon wollte aussteigen und dir anbieten, mit uns zu kommen, um noch einmal über die ganze Sache zu reden, aber dann kam dieser blauhaarige Typ und hat dich mit sich gezogen. Und jetzt, wo doch alles geklärt scheint, fühlen wir uns…naja schuldig, weil wir nicht wissen, wie wir uns entschuldigen und das alles wieder gut machen können…“

    Ich ließ mich nach hinten gegen die Banklehne fallen. „Du weißt gar nicht, wie sehr mich beruhigt, was du gerade gesagt hast! Die ganze Zeit dachte ich, BTS hasst mich jetzt und ich könnte mich nicht einmal zu einem Fanmeeting mehr blicken lassen. Nach der Aussprache dachte ich dann, zum Glück mögen und akzeptieren sie mich noch, aber dann habt ihr mich heute naja ignoriert wäre viel zu übertrieben, aber ihr seid mir ausgewichen im übertragenen Sinne. Ich hatte schon angenommen, es ist euch jetzt unangenehm, Zeit mit mir zu verbringen!“ Jimin sprang auf und starrte mich entsetzt an. „Nein! Überhaupt nicht! Du bist toll! Also, ich meine, es ist lustig, was mit dir zu unternehmen wie mit dem Inlinerfahren letztens. Aber ich will es irgendwie wieder gut machen, dass ich mich nicht für dich eingesetzt habe. Es tut mir wahnsinnig leid und falls es etwas gibt, womit ich es wieder gut machen kann, dann sag es mir!“ Er sah mich erwartungsvoll an. Ehrlich gesagt, brauchte ich nichts von ihm als Wiedergutmachung. Mir reichts es, dass sie mich nicht für eine schlechte Person hielten und sogar meine Freunde seien wollten. Aber…, wenn er es schon anbot, dann gäbe es da doch eine Sache, die ich mir seit Jahren wünschte. „Weißt du, obwohl ich ein riesen Fan von euch bin, hatte ich noch nie die Chance auf ein Konzert von euch zu gehen. Es ist nicht so, dass ich noch nie versuchte hätte Karten zu kriegen, aber die Dinger sind immer in Rekordgeschwindigkeit ausverkauft. Also, wenn du mir den Gefallen tuen könntest und eine Karte für ein kommendes Konzert zu reservieren…ich zahle natürlich auch selbst!“

    74
    Ein breites Grinsen erschien auf Jimins Gesicht. „Eine einfache Konzertkarte? Vergiss es! Ich besorge dir ein VIP-Backstage-Ticket und sämtlichen Merch, der an dem Tag verkauft wird!“ Ich hielt ihm meine ausgestreckte Hand hin. „Gut, dann haben wir einen Deal! Und von nun an, ist wieder alles normal zwischen uns, richtig?“ Er erwiderte meine Geste und ich spürte die Wärme seiner Hand in meiner. Obwohl Gerüchte besagten, er solle kleine Hände haben, waren seine immer noch größer als meine. Ich spürte seinen sanften Druck. „Auf eine gute Freundschaft!“, grinste er mich an und ich hatte das Gefühl, dass die unsichtbare Wand zwischen uns einfach in sich zusammengefallen war. „Okay, als Freunde ist man immer ehrlich zueinander, stimmt’s?“ Ich ahnte Schlimmes, als er sich wieder neben mir niederließ. „Äh, ja?“, antwortete ich mit Bedacht. Seine Augen leuchteten. „Wer ist dein Bias?“ Die Frage traf mich wie aus dem Nichts. Moment! Ich lasse mich sicher nicht ausquetschen! Ich fragte ja auch nicht, wann das nächste Album rauskommt oder welche Titel da drauf sein werden! „No Comment!“, lautete meine Antwort und er zog sofort eine Schnute. „Verrat es mir!“ Ich schüttelte den Kopf. „Wir sind jetzt Freunde und nicht in einer Idol-Fan-Beziehung. Also kein Ausfragen auf Fanebene!“ Sichtlich unzufrieden schaute er mich an. „Bitte?“, versuchte er es erneut. „Mmh okay, du hast einen Versuch, es zu erraten.“, knickte ich letztlich ein. „Wobei hat er einen Versuch, was zu erraten?“, mischte sich plötzlich eine bekannte Stimme in unser Gespräch ein.

    „Oh, Hoseok! Ich hatte Lynn gerade gefragt, wer ihr Lieblingsmember ist, aber sie will es mir nicht sagen!“, beschwerte sich Jimin bei ihm. Hoseok hatte sich abgekapselt als wir zur ersten Runde dieser Horrorachterbahn aufgebrochen waren. Auch Olivia und Namjoon wollten lieber für sich die Zeit hier genießen, was ich mehr als verstehen konnte, immerhin hatte ich ihnen ihr letztes Date kaputt gemacht. Prompt setzte Hoseok sich zu uns. „Also mich würde die Antwort auch interessieren.“, gab er zu. Ich schüttelte den Kopf. „Welche Erkenntnis erhofft ihr bitte aus der Tatsache, wer mein Bias ist?“ Hoseok überlegte kurz. „Naja, ich würde mal sagen, egal wer es ist, es stärkt definitiv das Ego. Also was mich angeht, ich würde es spannend finden, die Gründe für deine Wahl zu erfahren.“ Ich schluckte. Jemanden zu erzählen, warum BTS toll ist und wer mein Bias ist, fand ich noch nie schlimm. Im Gegenteil, ich bin stolz darauf ARMY zu sein! Aber BTS persönlich zu sagen, warum man bei jedem neuen Musikvideo sabbernd vor dem Laptop sitzt und es mindestens sieben Mal guckt, um jeden Member einmal genauer unter die Lupe nehmen zu können, wie er tanzt, was er anhat oder welche Parts er singt, war…zu viel des Guten! Irgendwie käme es mir vor wie ein Liebesgeständnis! „Okay, ich rate.“, beschloss Jimin schließlich. „Wie wäre es mit Jungkook? Er ist der Jüngste und hat demnach den geringsten Altersunterschied zu dir.“ Das war seine Begründung! Dann würde ich mal sagen, seine Wahl ist am weitesten weg von der Antwort! „Dang! Du hast deine Chance verspielt!“ Jimin seufzte. „Nicht Jungkook? Ach komm schon, sag es uns!“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Ich sagte, nur einmal raten. Du hattest deine Chance…“ Hoseok sah zu mir rüber. „Dann will ich auch eine Chance! Gut, Jungkook schonmal nicht…dann vielleicht einer von uns beiden?“ Er zog spielerisch eine Augenbraue hoch. „Da muss ich dich enttäuschen…ihr seid es auch nicht.“ Jimin seufzte. „Wer bleibt denn noch übrig? Namjoon? Jin? Oder Yoongi? Oh, oder ist es dein Cousin vielleicht?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Gib auf Jimin. Heute werden wir es wohl nicht mehr herausfinden.“

    Kurze Zeit später traten Suji, Yoongi und Taehyung zu uns, wobei Taehyung aussah, als hätte man ihm seinen Lolli weggenommen. „Wieso hat mich niemand vorher informiert, dass diese Verrückte noch ein ausgeprägteres Image als Stein hat als Yoongi?“, fragte er theatralisch. „Hey! Pass lieber auf, wen du hier als Stein bezeichnest! Und Vergleich mich nicht mit DER da!“, maulte Yoongi und warf Suji einen musternden Blick zu. „Aber eine gute Sache springt durch ihre Anwesenheit wenigstens heraus. Ich muss mein Abendessen nicht selbst zahlen.“ Jimin musste lachen. „Wie jetzt? Tae, du wurdest von einem Mädchen besiegt?“ Dieser zog seine Unterlippe vor. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich eins ist…vielleicht ist sie ja in Wirklichkeit ein Roboter!“ „Du kannst so viele Ausreden suchen, wie du willst…unser Abendessen darfst du trotzdem bezahlen!“, rief Jungkook, der mit Jin nun zu uns stieß. „Wo kommt ihr zwei denn jetzt her?“, fragte Hoseok. „Naja sagen wir mal, in Jins Bauch ist jetzt wieder genug Platz, um Essen zu sich zu nehmen. Des Weiteren würde ich die Toiletten am Süd-Eingang meiden…es riecht nach zu vielen Runden mit der Achterbahn, wenn ihr versteht, was ich meine. Besorgt blickte ich in Jins Gesicht, welches noch blasser geworden war. „Vielleicht solltest du dich besser setzen…“, schlug ich vor und stand von der Bank auf, da nur drei Personen darauf Platz hatten. Jungkook leitete Jin zum soeben freigewordenen Platz und sobald er saß, lehnte er sich nach hinten du schloss die Augen. „Mein Magen ist komplett leer, aber mir ist immer noch übel.“ Jungkook sah ratlos in die Runde. „Ich hole erstmal was Kaltes zum Trinken…die Hitze heute ist kaum zu ertragen und hilft sicher nicht in seinem Zustand.“, bekannte ich. Yoongi nickte. „Ein Versuch ist es wert.“ Er war der Letzte, bei dem ich mit Zustimmung gerechnet hatte, aber wen wunderte es? Er war nun mal kein Stein und machte sich um seinen Kumpel Sorgen. „Ich bin gleich wieder da…“, verabschiedete ich mich und beeilte mich zum Kiosk zu kommen. Gerade als ich das Wechselgeld eingesteckt hatte und mich auf den Rückweg machen wollte, wurde mir die Dose aus der Hand genommen. Verwirrt sah ich zu einem grinsenden Jimin. „Was ist?“, fragte ich nicht wissend, warum er so schelmisch grinste. „Nichts…nur, dass du gerade verraten hast, wer dein Bias ist.“




    Da es in den Kommentaren immer untergeht und immer mal wieder gefragt wird...

    Ich versuche jede Woche Montags und Donnerstags mindestens ein neues Kapitel reinzustellen! Falls es mal nicht klappt, versuche ich auf andere Tage umzuspringen, dennoch werden die Kapitel immer erst abends gegen 20Uhr kommen!
    Ich gebe beim Schreiben mein Bestes und hoffe ihr haltet mir als Leser die Treue ❤
    Eure Kathi ✌

    75
    Er grinste immer noch, während ich überrumpelt von seiner Aussage war. „Ach ja? Wer ist denn mein Bias?“ Er hob die Dose in seiner Hand. „Nicht der Jüngsten, sondern der Älteste, Jin!“ Es machte mich irgendwie nervös, dass er nun wusste, wer mein Bias ist. „Und wie kommst du darauf?“, fragte ich möglichst unschuldig. Er überlegte kurz. „Jetzt wo ich genauer darüber nachdenke, hätte ich eventuell auch eher darauf kommen können. An dem Abend als du uns gestanden hast, dass du ARMY bist, hast du unsere Empörung einfach über dich hergehen lassen, sozusagen deiner eigenen Lüge ins Auge geblickt. Aber so richtig verletzt sahst du erst aus, als Jin dir unterstellt hat, uns hintergehen zu wollen. Trotzdem hast du dich bei ihm für die Pasta bedankt. Vielleicht hört es sich an wie eine bloße Annahme, aber ich bin mir fast zu hundert Prozent sicher, dass Jin dein Bias ist…na gut, es blieben auch nur noch vier Kandidaten übrig.“ Er sah mich mit großen Augen an, als warte er auf eine Bestätigung. „Wer weiß? Vielleicht will ich es auch nur nicht sagen, weil es Namjoon ist, er aber offensichtlich schon eine Freundin hat?“, zog ich ihn etwas auf. Er verzog das Gesicht. „Das sagst du doch jetzt als Ablenkungsmanöver…oder?“ Ich zuckte mit den Schultern. In Gedanken vertieft lief Jimin neben mir her. Bei den Anderen angekommen, reichte er Jin das kalte Getränk und gesellte sich dann zu Hoseok. Jin bedankte sich und nahm einen ersten Schluck. Er setzte die Dose wieder ab und lächelte etwas. „Das tut wirklich gut…“, sagte er und ich meinte zu erkennen, dass Yoongi erleichtert aussah. Derweil rutschte Jimin näher zu Hoseok. „Ich habe das Geheimnis gelüftet!“ Ich ahnte Schlimmes. Hoseok schien nicht ganz zu verstehen und sah seinen Freund fragend an. Bevor ich eingreifen konnte, war es schon passiert. „Ich weiß, wer Lynns Bias ist…es ist Jin!“, flüsterte er triumphierend. Jedenfalls dachte er, es wäre im Flüsterton, was ich definitiv verneinen konnte. Innerhalb einer Millisekunde trafen Jins Augen auf meine. Es war das erste Mal seit dem Vorfall, dass er mich direkt ansah. Unter normalen Umständen hätte es mich gefreut…nur, dass mich noch fünf weitere Augenpaare anstarrten!

    Ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte…Jimin meinen Ellenbogen in die Seite rammen oder mir ein so tiefes Loch schaufeln, dass ich auf der anderen Seite der Erdkugel wieder rauskam! Zunächst aber, entschied sich mein Gesicht Jins Lieblingsfarbe anzunehmen, was meine Lage nur verschlimmerte! „Uuh Jimin, ich glaube du hast Recht!“, bekundete Hoseok. So schnell wie Jins Blick zu mir geschossen war, wandte er ihn auch wieder ab. Ich sah Jimin mit einem mörderischen Blick an, was ihn die Hände heben ließ. „Hey, das ist doch nichts, wofür man sich schämen muss. Außerdem wird sich das eh bald ändern…“ Bevor ich fragen konnte, tat es Jungkook. „Was wird sich bald ändern?“ Jimin legte sein engelsgleiches Lächeln auf. „Na ihr Bias! In spätestens einer Woche habe ich den Platz ihres Bias übernommen!“ Seine Aussage ließ mich nicht nur leise kichern, sondern auch mein Gesicht wieder eine natürliche Farbe annehmen. „Also, wenn das jetzt so ist, dann bewerbe ich mich auf für den Posten!“, grinste Hoseok und zwinkerte mir zu. Taehyung, der nun aus seiner Schockstarre erwacht war, stellte sich vor seine beiden Freunde. „Wie oft muss ich euch noch sagen, dass ich ihre Nummer Eins bin! Und ihr eure Finger von ihr lassen sollt! Und sie auch nicht so aufziehen sollt!“, belehrte er sie zum gefühlt x-ten Mal. „Du bist ihre Nummer Eins, was Familie angeht, aber was eine romantische Beziehung betrifft, stehst du hinter uns allen im Abseits.“, gab Yoongi mit neutraler Miene von sich. „Was heißt hier uns? Hast du auch Absichten, dich an meiner Cousine zu vergreifen?“ Yoongi verzog das Gesicht. „Bloß nicht, sonst wäre ich ja auch mit dir verwandt, wenn ich Lynn heirate.“ Das gab Taehyung den Rest. „Hei-heiraten!“ Er klammerte sich an mich. „Niemals! Wenn sie einen von euch über mich stellt, dann könnte sie ja nicht mehr so viel Zeit mit mir verbringen. Lynn…das tust du mir nicht an, oder?“ Ich wusste nicht, ob er übertrieben schauspielerte oder er es tatsächlich ernst meinte, aber er sah wirklich süß aus wie er mich mit seinen treuen Hundeaugen ansah. „Hat sie nicht eh schon einen Freund?“ durchschnitt Jins Stimme die Luft. Taehyung ließ von meinem Arm ab und sah zu Jin. „Was meinst du?“, fragte Jimin ihn. Er sah in die Runde. „Na dieser große Typ mit den blauen Haaren, der sie von der Fahrbahn gezogen hat. Sie schienen jedenfalls sehr vertraut, immerhin hat er sie vorsichtig an der Hand genommen und unserem Auto einen mörderischen Blick zugeworfen…das habe ich mir sicher nicht eingebildet!“ Jimin hatte ihn vorhin auch schon erwähnt. Mason muss ganz schön Eindruck gemacht haben. Aber er hatte sie doch nicht mit einem mörderischen Blick angeschaut…oder? Aber noch viel wichtiger… „Mason ist nicht mein Freund…also nicht mein fester Freund!“, stieß ich hervor. „Da stimme ich Lynn zu. Er ist nicht ihr Freund. Aber leider kann ich nicht verneinen, dass er ein Auge auf sie geworfen hat…“ Ich wirbelte herum, um Namjoon und Olivia hinter mir vorzufinden.

    76
    „Mason? Heißt so nicht dein Bruder?“, fragte Namjoon an Olivia gewandt, versuchend die Situation zu verstehen. „Ja, mein großer Bruder Mason.“, beantwortete Olivia die Frage ihres Freundes. „Und dein Bruder steht auf Lynn?“, meldete sich Jungkook interessiert. Widerwillig nickte Olivia. „Ich befürchte ja.“ Hoseok zog eine Augenbraue hoch. „Befürchte?“ Meine Freundin seufzte. „Ja, mir gefällt die Tatsache nicht, dass er Lynn hinterherjagt. Er ist nun einmal nicht gerade der Typ von Mann, der es ernst mit Mädchen meint. Flirten kommt bei ihm jedenfalls nicht zu kurz.“ Von einer Sekunde auf die andere war unsere ausgelassene Stimmung ins Wanken geraten, obwohl immer noch ich im Mittelpunkt der Diskussion stand. „Wie muss ich das verstehen? Hat er jede Woche eine andere Freundin oder gleich mehrere auf einmal?“, fragte Jimin verwirrt. Olivia biss sich auf die Unterlippe. „Das ist ja das Problem. Er flirtet, aber weist jedes Mädchen ab, welches ihm zu nah kommt.“ Sie stocke und wählte ihre nächsten Worte mit Bedacht. „Bloß…bei Lynn ist es anders…ist ER anders.“ Bei mir breitete sich eine Gänsehaut aus. Es war als redeten wir über irgendeinen Stalker, der es auf mich abgesehen hatte. Es ist doch nur Mason! „Inwieweit anders?“, fragte Jimin genauer nach. „Ist doch offensichtlich. Mason hat Gefühle für Lynn!“, nahm Jin Olivia die Antwort ab, „Die Frage ist nur, wie tief seine Gefühle für Lynn gehen…“ Es war, als hätte ich sieben große Brüder. Ohne auch nur ein einziges Wort mit Mason gesprochen zu haben, waren sie ihm schon misstrauisch gegenüber. Alle schienen zu überlegen, wie man das Problem aus der Welt schaffen könnte. „Wenn er nur mit ihr spielt, dann kriegt er es mit mir zu tun!“ Ich erschrak bei Taehyungs Stimme. Es war, als könnte man ein unterdrücktes Knurren vernehmen. Okay! Jetzt hatte ich aber genug! Was bildeten sie sich ein! „Tut mir ja leid, dass ich mich einmische, aber wo genau liegt euer Problem? Ihr kennt Mason doch noch nicht einmal! Ich kann verstehen, dass Olivia Bedenken hat, immerhin ist er ihr Bruder und sie weiß mehr über ihn als jeder andere von uns, aber bei euch hört es sich an, als sei er ein schlechter Mensch und das ist er nicht!“ Ich sah in die Runde, doch sie wichen meinem Blick aus, alle bis auf einer. „Kannst du dir denn komplett sicher sein, dass er nicht nur an dir interessiert ist, weil du neu hier bist?“ Betitelte mich Yoongi gerade als Frischfleisch? Mir klappte die Kinnlade runter.

    „S-Selbst wenn es so wäre, wovon ich übrigens nicht ausgehe, ist es meine Sache! Ich schreibe euch doch auch nicht vor, wen ihr zu sehen habt und wen lieber nicht! Ich habe gar nicht das Recht dazu und ihr auch nicht!“ Ich wusste nicht, warum ich so ungeheuer wütend war. Ich wusste nicht, woher dieser Drang kam, Mason zu verteidigen…oder wollte ich mich verteidigen? Ich wollte hier einfach weg, aber ich wollte auch nicht wieder vor ihnen weglaufen. Aber aufgrund ihrer zweifelnden Blicke stand ich kurz vor einem berauschenden Wutausbruch. Wenn ich jetzt nicht wieder runterkam, würde ich BTS wahrscheinlich noch mehr anfahren und die Aufmerksamkeit des gesamten Freizeitparks auf uns lenken. Niemand machte den Anschein, irgendwas erwidern zu wollen. Ich atmete aus und fuhr mir durch die Haare. „Ich bin gleich wieder da…“ Damit machte ich kehrt und entfernte mich vom Diskussionskreis. „Lynn! Wo willst du hin?“, rief mir Jimin aufgebracht hinterher. Ich drehte mich nicht um. „Keine Ahnung…vielleicht Zuckerwatte holen?“ Ich suchte einfach eine ruhige Stelle, um herauszufinden, warum ich ständig anfing, BTS anzubrüllen! Ich ging in Richtung der Essensstände, lehnte mich jedoch einige Meter entfernt gegen einen Baum. Lynn, du bist eine Idiotin! Anstatt bei deinen Idolen einen auf cute zu machen, benimmst du dich wie eine Kratzbürste! Mach so weiter und BTS wird nichts mehr mit dir zu tun haben wollen! Ein aufgebrachter Seufzer entwich meinem Mund. Verdammt, in dieser Situation hätte ich mir Mona an meiner Seite gewünscht.

    Ich erschrak, als mich jemand an der Schulter berührte. Neben mir tauchte das Gesicht einer schuldbewussten Olivia auf. „Wie geht es dir? Es tut mir leid. Ich hätte das Thema Mason meiden sollen, aber glaub mir, ich wusste nicht, dass sie es so ernst nehmen würden…“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Ich habe total überreagiert…warum ist es so schwer, vor BTS einen halbwegs vernünftigen Eindruck zu machen? Aber es war mir soooo peinlich! Erst Jimin, der rausposaunt, dass Jin mein Bias ist und dann die Ansprache, ich solle mich von Mason fernhalten, weil er kein guter Umgang für mich ist. Sehe ich vielleicht aus wie ein Kleinkind, welches leicht zu manipulieren ist? Nur weil ein Typ gutaussieht, fange ich doch nicht gleich was mit ihm an! Sonst hätte ich mich schon längst an ein BTS-Mitglied rangemacht! Aber so bin ich doch nicht…erst recht nicht ich! Ich meine…ich hatte doch noch nie einen richtigen…festen Freund! Und auch wenn es kitschig klingt, wenn ich mir nicht zu hundert Prozent sicher bin, dass ich ihn liebe und er mich genauso, würde ich mich nicht auf eine Beziehung einlassen! Aber es war mir viel zu peinlich, dass vor BTS zuzugeben. Versprich mir, dass du ihnen nichts sagst!“ Ich sah hoffnungsvoll zu Olivia, doch diese wich meinem Blick aus. „Ähm Lynn…als du weggerannt bist, waren wir etwas besorgt…“ Ich wurde unruhig. „W-Wir?“ Ich konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, doch dann glitten ihre Augen in die Richtung, aus der ich gekommen war, als wollte sie mir etwas beichten. Ich drückte mich vom Baum ab und lugte um den dicken Stamm herum. OH MEIN GOTT! DAS IST DOCH JETZT NICHT WAHR! Ich hockte mich auf den Boden und vergrub mein Gesicht in den Händen. „Wieso hast du nichts gesagt!“, winselte ich. Ein Luftzug sagte mir, dass sie sich neben mich niedergelassen haben musste. „Ich kam nicht mehr dazu…“ Von links näherten sich Schritte. „Tut mir einen Gefallen und vergesst ALLES, was ich gerade gesagt habe!“ Ich wünschte mir, mich in Luft auflösen zu können. Ich würde ihnen nie wieder in die Augen schauen können, ohne rot zu werden! Was hatte ich falsch gemacht, um mich selbst so dermaßen zu blamieren? „L-Lynn? Das muss dir nicht peinlich sein…“, hörte ich Jimins sanfte Stimme. „Naja…also mir wäre es verdammt peinlich. Wenn ich es richtig verstanden hab, dann sind wir so gutaussehend, dass sie es auf uns abgesehen hat.“ „Yoongi, du bist so ein Arsch! Kannst du vielleicht mal auf ihre Gefühle achten?“, grollte Jin. Gefühle? Also die lachten mich gerade im Chor aus!

    77
    „Na gut. Aber ihr müsst zugeben, dass diese Aktion dann doch zwei gute Sachen hatte.“, sprach Yoongi mit ehrlicher Miene. Also mir fiel nicht mal eine ein! „Yoongi, wenn jetzt wieder so ein blöder Kommentar von dir kommt, dann lass es lieber gleich!“, seufzte Hoseok. Yoongi hob beschwichtigend die Hände. „Ich will nur sagen, dass es eh schon vorher offensichtlich war, dass wir sehr anziehend sind…“, Hoseok verdrehte die Augen, „…und wir uns jetzt weniger Sorgen machen können.“, endete er. „In Bezug auf was?“, wollte Jungkook genauer wissen. „In Bezug auf, dass sich irgendein Drecksschwein an Lynn vergreift.“ Überrascht sahen alle zu Yoongi, naja…ich mehr geschockt als überrascht, denn ich hatte nun das endgültige Gefühl, mein Liebesleben niemals mehr privat führen zu können, wenn ich das mal so formulieren darf. „Mensch Yoongi, diese Worte aus deinem Mund!“, grinste Jungkook vergnügt. „Jaja, mach dich nur lustig. Manchmal kommen bei mir halt auch komische Gefühle auf, ich bin immerhin auch menschlich! Apropos menschlich…ich hab Hunger! Also Taehyung, such schonmal deine Kreditkarte raus…“ Dieser seufzte. „Mist, ich dachte, ihr hättet das schon vergessen…“ Namjoon schaute auf seine Armbanduhr. „Der Park schließt auch bald und da wir morgen früh raus müssen für Dreharbeiten, sollten wir uns wirklich langsam auf den Weg machen.“ Die Karawane setzte sich in Bewegung Richtung Parkplatz, doch Olivia hielt mich zurück. „Lynn, was meinen Bruder angeht…, wenn er es wirklich ernst mit dir meinen sollte und du dich auch in ihn verliebst, bin ich die letzte, die sich euch in den Weg stellt.“ Suji legte ihren Kopf schräg. „Wo kam das denn jetzt her?“ Olivia biss sich auf die Unterlippe. „Naja, ich habe das Gefühl, dass Lynn Mason ganz gut einschätzen kann und nicht voreilig handeln wird, daher hat sie meinen Segen, falls…die beiden sich besser verstehen als nur Freunde.“ Mich rührten ihre Worte, denn ich wusste, wie heikel dieses Thema für sie war. Ich nahm ihre Hand. „Danke für dein Vertrauen. Falls sich meine Gefühle für Mason ändern sollten, bist du die Erste, die davon erfährt, versprochen!“, versicherte ich ihr. „Dann will ich aber der zweite sein!“, meldete sich eine stimme protestierend, „Immerhin bin ich Familienangehöriger. Hab ich da nicht irgendein Privileg oder so?“ Ich drehte mich um und war erleichtert, dieses Mal NUR Taehyung hinter mir vorzufinden. „Bist du nicht den anderen gefolgt?“, fragte ich ihn. „Ich gehe doch nicht ohne meine Cousine. Ich habe immer ein Auge auf dich, auch wenn du mit Jungangelegenheiten ganz gut zurecht zukommen scheinst…“ Er tätschelte meinen Kopf und zwinkerte mir zu. „Okay, dann lasst uns mal was essen gehen!“

    Das Essen fiel wesentlich schlichter aus als erwartet. Warum? Taehyung redete sich damit raus, dass er nie gesagt hatte, welche Art von Abendessen er zahlen würde. Statt Restaurantbesuch erwartete uns also der MC-Donalds Drive-In-Schalter. Yoongis Empörung und Wut waren fast zu riechen. Doch seine Rache folgte als Riesenbestellung, welche Taehyungs Kreditkarte dann doch zum Schwitzen brachte. Namjoon schien eher erleichtert über die MC-Donaldsvariante, denn es war mittlerweile spät und er wollte wohl vermeiden, dass morgen alle beim Shooting mit Augenringen auftauchten. Suji hatte sich als erste von unserer Gruppe getrennt, da wohl ihre Tante hier in der Nähe wohnte und irgendein Familientreffen anstand. Der Rest von uns war auf zwei Autos aufgeteilt. Da Yoongi sich strikt geweigert hatte, das Auto zu fahren, wo zwei Turteltauben an Board waren, befanden sich nun in Jins Auto sowohl Olivia und Namjoon, als auch Hoseok und Taehyung. Natürlich hatte Taehyung Protest eingelegt, er könne mich nicht allein lassen, aber Yoongi, der noch nicht über die Restaurant-Verarsche hinweg zu seinen schien, verweigerte ihm Zutritt zu seinem Auto. Da saß ich jetzt also neben Jimin auf der Rückbank und staunte über mir bisher unbekannten Fahrkünste von Yoongi. „Also wenn ich eine Sache noch schlimmer finde als einen hinterhältigen Taehyung, dann ist es in den Rückspiegel zu gucken und Namjoon auf der Rückbank mit seiner Freundin kuscheln zu sehen. Jin verdient dafür echt meinen Respekt.“, meinte Yoongi und schüttelte seinen Kopf. Jimin seufzte. „Jetzt lass sie doch! Wir sind immer so beschäftigt, dass die beiden sich kaum sehen, geschweige denn auf ein Date gehen können. Heute war seit langem mal wieder eine perfekte Gelegenheit. Ich meine, zu zweit Riesenrad fahren, die Aussicht genießen, ist das nicht ein perfektes Date? Was meinst du Lynn?“ Etwas überrascht von seiner Frage, nahm mir Yoongi das Wort ab. „Was fragst du sie? Sie weiß doch nichts davon.“ Jimin verdrehte die Augen. „Man Yoongi, sei mal ein wenig sensibler! Außerdem hat jedes Mädchen Vorstellungen, wie das erste Date aussehen soll, stimmt’s?“ Er sah mit seinen großen Augen zu mir rüber. Ja klar hatte ich da so meine Wunschvorstellungen, aber die wollte ich eigentlich nicht mit BTS teilen…erst recht nicht, wenn Yoongi mit dabei war! „Sagen wir es mal so, Dates in Vergnügungsparks, Riesenradfahren usw. ist nicht das, was ich gerne an meinem ersten Date machen würde…“ Jimin sah mich überrascht an und auch Jungkook hatte sich auf dem Beifahrersitz zu mir umgedreht. „Wieso? Das machen doch viele bei einem ersten Date…“ Ich nickte. „Deshalb ja. Mir ist das zu viel Klischee. In jedem dritten Film wird als Location für das erste Date der Freizeitpark, ein Aquarium oder das Planetarium gewählt! Deshalb wirken diese Orte…naja irgendwie unpersönlich für mich.“ Keine sagte etwas, aber jeder schien aufmerksam meinen Ausführungen zu folgen. Ich fühlte mich wie bei einer Nachhilfestunde, aber ich war die Lehrerin und das Fach hieß Wie date ich richtig?. „D-Das ist aber nur meine Meinung! Natürlich können diese Orte für ein Date auch super sein…“, versuchte ich mich zu retten. „Wo und wie würdest du denn dein erstes Date verbringen wollen?“, kam auch schon die Frage, die ich eigentlich vermeiden wollte…

    78
    „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich euch wirklich meine Gedanken zu dem Thema sagen soll, nach Allem, was heute passiert ist.“, nannte ich ihnen meine ehrliche Meinung. Jimin legte seine beiden Handflächen auf einander, als würde er beten wollen. „Bitte! Es tut mir auch leid, dass ich hinausposaunt habe, dass Jin dein Bias ist. Ich wollte dich nicht blamieren oder so, wirklich! Es würde mich nur wahnsinnig interessieren, was Mädchen so für Vorstellungen oder Ansprüche an ein Date stellen…“ Jungkook nickte enthusiastisch, womit er wohl auch sein Interesse bekundete. Yoongi…zeigte nicht eine Reaktion, aber ich war mir sicher, er wartete nur auf eine passende Gelegenheit, um mich wieder aufzuziehen. „Ach was soll’s…peinlicher kann es heute eh nicht mehr werden.“, fasste ich meinen Endschluss und ich hätte schwören können, Yoongis Mundwinkel zucken gesehen zu haben. „Also wie schon erwähnt, ich würde für ein Date etwas bevorzugen, was ich mag beziehungsweise meinen persönlichen Interessen entspricht…und dazu gehören definitiv keine höllischen Achterbahnen!“ Jungkook sah immer noch nicht so aus, als würde er verstehen, wovon ich eigentlich sprach. „Was stimmt denn nicht mit einem Date im Freizeitpark?“ Ich hob beschwichtigend die Hände. „An sich nichts, solange das Mädchen nicht nur mitkommt, weil der Junge dahin will. Ich meine, Dates sind typabhängig. Nehmen wir an, das Mädchen liest sehr gerne, ich denke sie würde sich dann riesig freuen, wenn sie während des Dates ein Bücherantiquariat besuchen, anstatt Riesenrad zu fahren, obwohl sie Höhenangst hat, sich aber nicht traut, es ihrem Freund zu sagen, weil sie Angst hat, das Date kaputt zu machen. Gleichzeitig sollten natürlich aber Beide Spaß haben, man muss irgendwie ein Gleichgewicht finden, sodass beide merken, dass der jeweils andere Spaß hat.“ Spätestens jetzt spürte ich die Röte in mein Gesicht steigen. Was redete ich hier eigentlich? Ich war doch nicht der Date-Guru oder so! „Wisst ihr was, vergesst was ich gesagt habe. Ich hatte eh noch nie ein Date gehabt, also was weiß ich schon. Also kein Grund meiner Philosophie Beachtung zu schenken.“ Ich drehte meinen Kopf und starrte stur aus dem Fenster. Mal ehrlich, das war doch alles nur eine Wunschvorstellung von mir. Sollte doch jeder selbst entscheiden, was er macht.

    „Also eigentlich ergibt das voll Sinn! So eine Art von Date ist viel persönlicher und zeigt, dass man der anderen Person viel Aufmerksamkeit schenkt oder?“ Überrascht sah ich zu Jungkook und nickte schließlich zaghaft. „Meiner Meinung nach, ja.“ Jimin grinste mich an. „Und was wäre jetzt dein Typ eines persönlichen Dates?“ „Auf jeden Fall irgendwas Spo…!“ Sportliches? Lynn, war das dein Ernst? Das war ja wohl das Letzte, was in Frage kam! „Äh…Spontanes?“ Ich konnte sehen, wie selbst Yoongi eine Augenbraue kraus zog. „Spontan? Ich dachte, etwas zu planen, was dem Mädchen gefällt wäre besser?“ Wow, jetzt hatte ich den Maknae wieder verwirrt. „Ähm, ja klar, aber manchmal bieten sich plötzlich Gelegenheiten, die man dann nutzen sollte…“ Ausgedacht war das so nicht wirklich. „Also würdest du nichts Spezielles machen wollen bei deinem ersten Date?“, fragte Jimin etwas betrübt. Natürlich hatte ich spezielle Sache im Kopf…aber Sport konnte ich wohl streichen. Blieb noch… „K-POP!“, platzte ich heraus. Mich schauten sechs große Augen an. „Hyung, guck auf die Straße!“, brüllte Jungkook Yoongi an. „Sorry. War kurz abgelenkt. Ich hab alles im Griff.“, meinte dieser gelassen, „Lynn, du musst nicht spontan das Thema auf uns lenken, nur weil du nicht antworten willst…“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Ich wollte von nichts ablenken, das war meine Antwort. Euch mal außen vorgelassen, ich steh nun mal auf K-POP. Also warum nicht mal ein Date im K-POP-Style?“

    Ich musste selbst über meine Idee lachen. „Also, wenn ich jemals einen Jungen finde, der dabei mitmacht, dann heirate ich ihn sofort.“, scherzte ich. Viele Jungs finden es einfach nicht so toll, wenn ihre Freundin männliche Idole anhimmelt, was irgendwo verständlich ist, aber ich würde es trotzdem nicht toll finden, wenn er mir dann verbieten würde zu fangirlen. „Immer langsam junge Dame, da du in Sachen Jungs noch keine Erfahrung hast, kannst du das Wort heiraten erstmal aus deinem Wortschatz streichen. Außerdem wird es schwierig Taehyungs Segen zu kriegen, also streich dir dein K-POP-Date mal schön aus dem Kopf.“ Ich funkelte Yoongi aus zusammengekniffenen Augen an. „Meany!“, flüsterte ich. „Wie war das?“ Boar, hatte der gute Ohren! „Rein gar nichts. Und selbst wenn Taehyung nicht einverstanden ist, liegt die Entscheidung immer noch bei mir!“ „Was für ein eigensinniges Mädchen…ich habe so das Gefühl, du wirst uns noch Schwierigkeiten bereiten…“, brummte Yoongi. „Yoongi, sei nicht gemein zu ihr!“, rief Jimin von hinten. Dieser parkte das Auto am Straßenrand und hob die Hände. „Ich gemein? Nie! Grundsätzlich war das auch mehr als Tatsache gemeint…aber was soll’s. Lynn, du kannst jetzt aussteigen, es sei denn du willst bei uns übernachten, was ich für keine gute Idee halte, da wir in letzter Zeit zu viele weibliche Wesen zu Besuch hatten, die zu weit in unsere privaten Gemächer vorgedrungen waren…“ Ich ignorierte die Aussage, dass er Suji und mich als Wesen bezeichnet hatte und öffnete die Tür, um festzustellen, dass wir tatsächlich vor meinem Haus standen. Ich stieg aus. „Also dann äh…danke für den lustigen, aber auch peinlichen Tag und danke für’s nach Hause fahren.“, murmelte ich meine Abschiedsworte für den Tag. „Gewöhn dich bloß nicht dran, ich bin hier kein Chauffeur…“ Jimin verdrehte die Augen bei Yoongis Worte. „Lass uns bald mal wieder was zusammen unternehmen, ja?“ Ich nickte. „Gern.“ Yoongi startete den Motor des Autos. „Gott bewahre.“, damit trat er auf das Gaspedal und das Letzte, was ich hörte, war Jungkook, der noch ein Man sieht sich! aus dem Fenster schrie.

    79
    „Lynn, wo warst du so lange? Wieso hast du nicht Bescheid gesagt, wo du bist?“, begrüßte mich die besorgte Stimme meiner Mutter. „Hallo Mama“, grüßte ich sie ebenfalls, „Also, wenn ich mich recht entsinne, dann habe ich dir bereits am Donnerstag erzählt gehabt, dass ich mich heute mit ein paar Freunden treffe…und außerdem ist es noch nicht einmal zehn Uhr.“ Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen und sorgsam geordnet neben Byungs gestellt hatte, tapste ich, dicht gefolgt von meiner Mutter, in die Küche, um mir etwas zum Trinken zu holen. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, schaute mich ein Paar warmer, brauner Augen an. „Oh Lynn, du bist schon zurück? Wolltest du nicht mit Taehyung und ein paar Freunden in den Freizeitpark?“ Ich drehte mich zu meiner Mutter um. „Siehst du! Ich wusste, ich hatte euch Bescheid gesagt!“ Doch meine Mutter schüttelte immer noch den Kopf. „Daran kann ich mich gar nicht erinnern…“, seufzte sie. „Mmh, dass müsste Donnerstagabend gewesen sein, wenn ich mich recht erinnere. Aber davor kam ein Anruf der Firma rein, dass irgendwelche Unterlagen nicht aufzufinden sind und danach warst du bemüht herauszufinden, wo diese geblieben sind.“, erklärte Jongdae. „Daran kann ich mich erinnern! Zum Glück sind die Unterlagen wiederaufgetaucht. Tut mir leid Lynn…wahrscheinlich habe ich es wirklich nicht mitgekriegt, weil ich so beschäftigt war. Also warst du bis eben im Freizeitpark? Wer war denn alles dabei?“ Ich senkte mein Glas mit Apfelsaft wieder, welchen ich gerade trinken wollte. „Zwei Klassenkameradinnen, Taehyung und ein paar seiner Freunde.“ Naja, sie waren auch meine Freunde um genau zu sein. „Waren diese Freunde weiblich oder männlich? Und wie viele denn?“, setzte meine Mutter ihre Ausfragerunde fort. „Da es sich um Taehyung handelt, schätze ich es waren seine sechs besten Freunde.“, beantwortete Jongdae die Frage meiner Mutter. Diese bekam sofort große Kulleraugen. „Aber es gibt keinen Grund sich Sorgen zu machen. Sie sind alle erwachsen und wissen sich zu benehmen.“, fügte er schnell hinzu. „Aber Lynn ist erst siebzehn und…“, fing meine Mutter protestierend an und ich sah mich hier schon die nächsten Stunden einem Verhör bevorstehen. „Schatz, Lynn weiß schon, mit wem sie ihre Freizeit verbringen will und mit wem nicht. Immerhin ist sie doch deine Tochter. Also vertrau ihr und mach dir bitte nicht so viele Sorgen…ich mag es nämlich auch lieber, wenn du lächelst. Übrigens, warst du beim Friseur?“ Sofort fingen die Augen meiner Mutter an zu leuchten. „Das ist dir aufgefallen? Ja, ich war heute Nachmittag bei diesem Friseur, der mir von einer Kollegin empfohlen wurde und…“ Mein Blick traf auf Jongdaes, der mir mit mehreren Augenbewegungen zur Tür deutlich machte, dass wenn es einen guten Zeitpunkt zur Flucht gäbe, er jetzt gekommen war. So schnell und unauffällig wie möglich schlüpfte ich durch die Tür in den Flur. Puh, ich war Jongdae echt was schuldig. Gleichzeitig konnte ich nur hoffen, dass meine Mutter nie auf BTS traf…sie würde mich wahrscheinlich wie Rapunzel in einen Turm sperren!

    Ich betrat mein Zimmer und im nächsten Moment testete meine Reaktionsgeschwindigkeit, inwieweit ich in der Lage war, den Teppich vor dem Glas Apfelsaft zu beschützen. „Uh, das war knapp. Fast hättest du den schönen Teppich versaut.“ Ich setzte ein falsches Lächeln auf und sah rüber zum Schreibtischstuhl, auf dem es sich Byung bequem gemacht hatte. „Das hätte dir gefallen, nicht wahr? Tja, Pech gehabt! Ich habe eine schnelle Reaktionszeit, die ich nebenbei auch gleich nutzen werde, um dich aus MEINEM Zimmer zu schmeißen! Was zum Kuckuck machst du hier?“ Nicht sonderlich beeindruckt, sondern immer noch mit einem dicken Grinsen im Gesicht, zuckte er die Schultern. „Auf dich warten.“, antwortete er trocken. Ich verdrehte die Augen. „Und das ging nicht in deinem Zimmer, Bruderherz?“ Er verzog das Gesicht. „Wenn du mich so nennst, bekomme ich so eine unangenehme Gänsehaut. Zumal es mir so ein Gefühl vermittelt, dass wenn du Scheiße baust, ich als großer verantwortungsbewusster Bruder, es ausbaden darf.“ Ich stellte meinen Saft auf den Schreibtisch. „Du hast dich versprochen. Es heißt großer verantwortungsloser Bruder. Was übrigens nicht meine Frage beantwortet hat. Was machst du hier?“ Er begutachtete das frisch platzierte Glas neben sich. „Auf dich warten. Was ist das?“, fragte er ungerührt. „Apfelsaft. Ich fühle mich geehrt, dass du extra auf mich wartest, aber hättest du nicht in DEINEM Zimmer oder im Wohnzimmer auf mich warten können?“ Er tat so, als würde er überlegen. „Hätte ich auch tun können, aber egal.“ Damit war das Thema für ihn abgehakt. Ohne weitere Umschweife griff er nach meinem noch halbvollen Glas und trank es in drei Zügen leer, bevor er mir es einfach wieder in die Hand drückte. „Ah, genau zur richtigen Zeit. Gerade machte sich so ein Durstreiz breit, aber jetzt ist es gleich viel besser.“ Zum zweiten Mal stellte ich das Glas, diesmal leer, auf den Schreibtisch. Dann packte ich seinen rechten Arm und versuchte ihn, vom Stuhl runter zu ziehen. „Danke für deinen Besuch, aber ich kann dich hier nicht gebrauchen, also geh doch bitte auf irgendeinen Spielplatz deine überschüssige Energie loswerden!“ Natürlich bewegte er sich keinen Zentimeter! „Meine Güte, da hat eine Ameise ja mehr Kraft als du. Aber na gut, ich gehe unter einer Bedingung!“ Wollte ich es überhaupt wissen? „Du kommst morgen mit zu meinem Baseballübungsspiel gegen eine andere Schulmannschaft.“ Ich war baff. „Wie? Ich soll dir zuschauen, wie du Bälle ins Aus schlägst?“ Er stand auf und schaute nun von oben auf mich hinab. Im nächsten Moment drückte er mit seinem Zeigefinger meinen Kopf leicht nach Hinten. „Ich will, dass du mir zuschaust, wie ich gewinne. Also? Kommst du mit?“ Ich hatte für morgen eh noch keine Pläne, also warum nicht? „Okay, ich bin dabei…es sei denn ich muss dafür vor 9 Uhr aufstehen!“ Zu meiner Freude schüttelte Byung den Kopf. „Es findet nachmittags gegen 15 Uhr statt. Gut, dann zähle ich auf dich. Also dann…“ Er schritt Richtung Tür, drehte sich aber noch einmal um. „Ach ja, du hast dich heute wieder mit Taehyungs Truppe getroffen oder? Und? Mit wie vielen hast du schon rumgeknutscht?“ Mein Kissen knallte gegen die Tür, welche Byung zu seinem Glück schnellgenug geschlossen hatte. Jetzt hörte ich ihn nur noch, wie er auf dem Flur vor sich hin lachte.

    80
    Am nächsten Morgen quetschte ich mich in meine Shorts und suchte ein halbwegs vernünftiges T-Shirt aus meinem Schrank. Nachdem ich wie immer ein wenig Make-Up aufgetragen hatte, hüpfte ich gutgelaunt in die Küche. „Guten Morgen.“, begrüßte ich Byung, der gerade dabei war ein paar Wasserflaschen in seine Sporttasche zu stopfen. „Hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist halb Zwei!“ Ich zuckte entspannt mit den Schultern. „Ich bin nun mal kein Frühaufsteher!“ Byung rollte mit den Augen. „Ach was du nicht sagst…Also wie wär’s mit Rührei und Toast? Ansonsten sieht der Kühlschrank recht leer aus, aber deine Mutter wollte mit meinem Vater heute noch einkaufen gehen.“ Ich holte den Toaster aus dem Schrank. „Wo sind die beiden eigentlich?“, fragte ich beiläufig Byung, der schon dabei war die Eier anzubraten. „Auf dem Markt Blumen kaufen für den Garten.“ Ich kicherte. „Pass bloß auf, sonst verunstaltete meine Mutter noch deinen gut gepflegten Garten.“ Er stellte zwei Teller mit Rührei auf den Tisch. „Der Garten ist groß. Unterstützung kann also nicht schaden.“ Der Toast ploppte hoch und mit Fingernägeln, weil er noch so heiß war, balancierte ich ihn rüber zum Tisch. „Hey, kann ich dann auch helfen?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich bin mir zwar nicht sicher, ob man dich als Unterstützung bezeichnen kann, aber mit dir ist es wahrscheinlich lustiger als allein.“ Ich hatte mir zwar gerade eine Gabel voller Rührei in den Mund gestopft, jedoch hinderte mich das nicht am Reden. „Pass bloß auf, das war fast ein Kompliment!“, zog ich ihn auf. „Yah, mit vollem Mund spricht man nicht! Ich lebe wirklich mit einem kleinen Ferkel zusammen.“ Ich grinste. „Sei froh, dass du nicht mit einem Lama zusammen lebst…“ Ich konnte sehen, wie sich Byung ein Lachen verkniff. „Ohne Witz, wenn du jetzt noch anfängst mich anzuspucken, verkauf ich dich auf Ebay als Lama!“ So setzten wir unsere ausgelassene Frühstücksstimmung fort, bis wir fast die Zeit aus den Augen verloren hatten und uns dann schleunigst auf den Weg zur Schule machten.

    „Okay, such dir einfach irgendwo einen Platz auf der Tribüne. Ich bin für die Erwärmung schon spät dran…also wir sehen uns nach dem Spiel.“ Damit war Byung verschwunden und ich stand wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend rum. Okay, dann mal los. Dafür das Wochenende war, schienen viele Schüler unserer Schule genug Langeweile zu haben, um sich Byung anzuschauen, wie er im Viereck rennt. Ich schlug mich durch die vollen Sitze, um mir einen noch freien Platz zu ergattern, den ich erspäht hatte. Ich ließ mich neben einem anderen Mädchen nieder und hoffte, dass sich bald Wolken vor die Sonne schieben würden, denn diese verkokelte gerade meine Kopfhaut! Da mein Cappy sich aber beim ersten BTS-Treffen aus dem Staub gemacht hatte und meine Sonnenbrille noch bei Mona auf der Kommode lag…fühlte ich mich gleichzeitig wie ein Schnitzel in der Pfanne und ein Polarfuchs im Solarium! Wenn es so weiter geht, würde ich noch vor der Halbzeit an einem Hitzschlag zugrunde gehen! Im nächsten Moment drückte mir jemand etwas Kühles auf den Kopf. Verwirrt nahm ich den verdächtigen Gegenstand herunter, der sich als weißes Cappy herausstellte. „Du solltest es lieber auflassen, wir wollen doch nicht, dass du zusammenklappst, hier in der prallen Sonne sitzend. Das kann echt gefährlich werden.“ Die Person vor mir hatte sich umgedreht, doch da ich gegen die Sonne guckte, erkannte ich nichts außer einer großen, schwarzen Sonnenbrille und…blaue Haare! „Was für ein Zufall dich hier anzutreffen, Princess.“

    So oft wie ich ihn zufällig traf, glaubte ich nicht mehr an so etwas wie Zufall! „Sag mal Mason, hast du am Wochenende nichts Besseres zu tun als hier rumzusitzen?“, seufzte ich. „Warum habe ich das Gefühl, du freust dich nicht ansatzweise so doll mich zu sehen wie ich dich?“ Weil es so ist, dachte ich, aber sprach es nicht aus. Im nächsten Moment setzte er sein gottgleiches Lächeln auf und sah das Mädchen neben mir an. „Entschuldige bitte, hättest du etwas dagegen mit mir den Platz zu tauschen?“ Völlig perplex schüttelte meine Nachbarin wie automatisch ihren Kopf. Keine drei Sekunden später nahm Mason ihre Hand und führte sie zu dem Platz, wo er eben noch gesessen hatte. „Zu freundlich. Wie wäre es, wenn ich dir während der Pause ein Eis spendiere als Ausgleich für diese holde Tat?“ Ich schwöre, ich konnte Herzchen aus ihren Augen hüpfen sehen. Sie nickte zaghaft, während sich ihre Wangen rosa färbten. Nachdem sie sich wieder umgedreht hatte, sah ich Mason vorwurfsvoll an. Dieser kniete sich gespielt neben mich und legte seine Hände aufs Herz. „Kein Grund eifersüchtig zu sein. Du bist die Einzige, für die mein Herz schlägt.“ Ich schlug ihm auf die Schulter. „Hör auf mit dem Scheiß und setz dich endlich hin!“ Um uns herum starrten schon die Leute. Er seufzte, stand dann aber wieder auf. „Hach, ich verstehe nicht, wieso du so unromantisch bist, Princess.“ Apropos unromantisch…bei seinem Vorhaben, über mich drüber zu seinem Platz zu steigen, kam sein Hinterteil meinem Gesicht gefährlich nahe. Na gut ein schlechter Ausblick war es nun auch wieder nicht…. Lynn, reiß dich zusammen! Ich konnte froh sein, dass er sich nicht entschieden hatte andersherum über mich zu steigen, sonst müsste mein Gesicht sich mit Körperteilen auseinandersetzen, die nicht jugendfrei waren!


    Wie ihr natürlich schon festgestellt habt, kamen schon laaaange keine neuen Kapitel mehr. Das liegt daran, dass ich angefangen habe zu studieren und daher auch umziehen musste. Leider gab es ein paar Probleme, was meine Wohnung betraf und auch generell muss ich mich erstmal an den Studentenalltag gewöhnen und gucken, wann ich jetzt in der Woche Zeit habe, weiter zu schreiben. Um genau zu sein, hatte ich schon ein paar neue Kapitel fertig, aber es war einfach nichts halbes und nichts ganzes, wenn ihr versteht. Ich will diese FF so spannend und lustig wie möglich weiter schreiben und die paar fertigen Kapitel werde ich komplett neu schreiben. Es tut mir sooo leid, dass ich euch enttäuschen muss, aber in ein bis zwei Wochen geht's auf jeden Fall weiter! Nochmals, es tut mir leid, dass das Warten für euch scheinbar kein Ende hat... 😓😔

    81
    „Wieso bist du eigentlich hier? Wenn ich nicht irgendwas verwechselt habe, spielst du doch Basketball und nicht Baseball…“ Das Spiel hatte mittlerweile begonnen, daher musste ich mich ein wenig zu Mason beugen, damit er mich bei dem ganzen Lärm um uns herum überhaupt verstand. „Einer meiner Kumpel ist in unserer Baseballmannschaft…dort drüben…der Große, der gerade den Ball geschlagen hat…“ Er deutete mit dem Finger auf einen schwarzhaarigen Jungen, dessen kantiges Gesicht ihn viel älter aussehen ließ. Hätte er einen Anzug an, sehe er aus wie der Sohn eines millionenschweren Firmenchefs. Wenn ich mir unsere Schulmannschaft generell so anguckte, wusste ich auch wieso am Wochenende so viele Mädchen freiwillig zur Schule kamen. Jeder Einzelne war gut gebaut und lagen vom Aussehen her über dem Durchschnitt. Dennoch führten Masons Kumpel und Byung definitiv die Truppe an. Ich hatte noch nie sonderlich drauf geachtet, aber Byung hatte keine schlechte Statur. Er war groß, schlank, aber dennoch zeichneten sich Muskeln unter seinem Shirt ab. Das war natürlich auch dem Fanclub von Mädchen aufgefallen, die jedes Mal rumquietschen, wenn der Ball auch nur in Byungs Nähe kam. „Ich nehme an, du bist hier, um deinen Bruder zu unterstützen?“, riss mich Mason aus meinen Gedanken. Ich lehnte mich zurück. „Das dachte ich, aber mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich nicht einfach nur hier bin, damit er mit seinen weiblichen Fans angeben kann.“ Mason lachte. „Du hättest mal die Reaktionen an deinem ersten Schultag sehen sollen. Die meisten dachten, du wärst seine feste Freundin! Ich schwöre, einige von denen haben schon Pläne geschmiedet, wie sie dich aus dem Weg schaffen können!“ Ich musste grinsen. „Das kann ich mir vorstellen.“

    Pünktlich zur Halbzeit stand das Mädchen vor uns von ihrem Platz auf und schaute Mason erwartungsvoll an. Es hatte was von einem Hund, der sein Herrchen anbettelte, ihm ein Leckerli zu geben, wenn ihr mich fragt. „Also dann Princess, ich muss mich leider kurz von dir verabschieden, aber nach der Pause bin ich wieder ganz dein.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich denke, ich werde die Zeit ohne dich überleben.“ Ich verdrehte die Augen und tapste die Tribüne hinab. Ich hatte mir gerade eine Flasche Wasser am Automaten besorgt, da schlang jemand von hinten einen Arm um mich. Die andere Hand schnappte sich mein Wasser. Ich wurde wieder losgelassen und vernahm das Zischen beim Öffnen MEINER Flasche. Empört fuhr ich herum. Bevor ich die Gelegenheit hatte zu reagieren, hatte Byung auch schon die halbe Flasche leer getrunken. „Ah, das tat gut.“ Er gab mir die Flasche zurück und wischte sich etwas Schweiß von der Stirn. „Und? Unsere Mannschaft ist ziemlich gut, findest du nicht?“ Ich verschränkte die Arme. „Mag sein. Aber ihr liegt nur ganz knapp vorn. Wenn ihr nicht aufpasst, wendet sich das Blatt noch.“ Er grinste. „Du hast ja doch aufgepasst. Aber keine Sorge, unser Team hat nicht vor, den Sieg einfach so abzugeben.“ Er verschränkte nun ebenfalls die Arme vor der Brust. „Aber mal ehrlich, was ist das mit dir und diesem Mason? Von weitem saht ihr aus wie ein Paar. Naja, jedenfalls bis er mit einer anderen von dannen gezogen ist…“ Ich zuckte mit den Schultern. „Es ist mir egal, mit wie vielen Mädchen er abhängt, denn wir sind KEIN PAAR!“ Ich erwartete eine seiner neckenden Kommentare, aber stattdessen schien ihm ein ernster Gedanke gekommen zu sein. „Was ist?“ Er schüttelte bloß den Kopf. „Nichts, ich dachte nur, dass…naja…, wenn ich mir vorstelle, dass entweder er oder einer von Taehyungs Freunden dein fester Freund wird, dann…würde ich eher eine Beziehung zwischen dir und Mason unterstützen.“ Perplex schaute ich ihn an. „Wo zum Teufel kam das jetzt her?“ Er rieb sich leicht beschämt den Nacken. „Ach, vergiss es einfach wieder. Oh, ich muss wieder los…unser Coach wollte noch eine Teambesprechung abhalten. Ich seh dich, nachdem wir gewonnen haben!“

    Verwirrt nahm ich meinen Platz wieder ein. „Willkommen zurück, Princess.“, begrüßte mich Mason. Ich schaute ihn einige Sekunden an, bis er fragend die Augenbraue hochzog. „Stimmt etwas nicht?“ Schnell schüttelte ich den Kopf und wand meinen Blick ab. Warum hatte Byung gesagt, es wäre für ihn okay, wenn Mason mein fester Freund wird? Oder noch viel wichtiger, konnte es sein, dass er von BTS nicht all zu viel hielt? Da ich keine Antwort auf meine eigenen Fragen fand, konzentrierte ich mich für den Rest der Zeit auf das Spiel. Byungs Team schaffte es tatsächlich ihren Abstand auszubauen und so blieben sie bis zum Schluss in Führung. Nachdem das Spiel zu Ende war, wartete Mason mit mir auf Byung. Er gratulierte ihm noch zu seinem Sieg, verschwand dann aber recht schnell mit einem Bis morgen. an mich gerichtet. Verwirrt schaute ich ihm nach. Hätte nicht gedacht, dass er einfach so von dannen zieht. Nach der Pause hatte er kaum noch mit mir gesprochen, aber ab und zu hatte ich seinen Blick auf mir gespürt. Aber das war nicht das, was mich gerade am meisten beschäftigte. „Wie meintest du das vorhin?“, fragte ich Byung ohne Umschweife. Er seufzte. „Ich wusste, du kannst nicht einfach darüber hinweg sehen, was ich gesagt habe. Lass uns erstmal nach Hause gehen und dann…erklär ich dir, wie ich das meine, okay?“ Ich nickte. Äh…konnte es sein, dass er BTS nicht mochte? Und das obwohl sein eigener Cousin Mitglied der Gruppe war?

    82
    „Also, was ist jetzt mit dem Solange du nicht BTS datest, ist es mir egal mit wem du zusammen bist.?, platzte ich heraus, bevor die Haustür überhaupt die Chance hatte, ins Schloss zu fallen. Byung seufzte. „Das habe ich doch gar nicht gesagt.“ Ich verdrehte die Augen. „Indirekt schon. Immerhin fändest du es okay, wenn ich einen Playboy daten würde!“ Noch ein Seufzen seinerseits. „Hätte ich bloß nichts gesagt… Mason war nur ein Beispiel. Eigentlich fände ich es auch Kacke, wenn du ihn daten würdest.“ Ich warf die Arme in die Luft. „Kannst du dich mal entscheiden, Mr. Amor?“ Er fuhr sich durch die schwarzen Haare. „Ich will dich mit niemanden verkuppeln, okay? Es ist nur…du verstehst dich gut mit BTS, was nicht verwunderlich ist bei einem crazy Fangirl wie dir, die in ihrem Zimmer Tonnen von Merch hortet, nur wenn es über diese Fangirl-Freundes-Zone hinaus geht…“ Es zog sich eine lange Pause dahin. „Spuck’s endlich aus, sonst weiß ich nicht, was du mir gerade versuchst zu verstehen zu geben!“ Mittlerweile schien er genauso angepisst wie ich zu sein, dabei hatte er doch mit diesem komischen Thema angefangen! „Ich verbiete dir mit einem dieser BTS-Jungs was anzufangen, das gebe ich dir hiermit zu verstehen!“ Ich sah ihn mit großen Kulleraugen an. „Verbieten? Ich lasse mir doch nicht einfach so was von dir verbieten, egal um was es geht! Soweit kommt‘s ja wohl noch!“ Byung schnaubte. „Dann seh doch, was du davon hast! Die Typen gewinnen enorm an Bekanntheit und da bist du doch maximal ein kleines Spielzeug zum Zeitvertreib! Aber komm bloß nicht bei mir angekrochen, wenn einer von denen dir das Herz bricht und du anfängst rumzuflännen!“ Ich kochte innerlich. Für wen hielt er BTS eigentlich? Irgendwelche Stars, die sich mit Fangirls umgeben und sich so die Zeit vertreiben? Ich war wütend, angepisst und einfach stinksauer. Ich schnappte mir meinen Rucksack und schritt an Byung vorbei Richtung Tür. „Wo willst du jetzt wieder hin?“, fragte er genervt. „Kann dir doch egal sein!“ Damit verschwand ich wutentbrannt nach draußen, wo mich die Sonne begrüßte. Wenn sich das Wetter nach meiner Stimmung richten würde, müsste es jetzt stürmen und hageln!

    Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, um mich abzureagieren, also lief ich durch die Straßen auf der Suche nach Ablenkung. Als mein Handy vibrierte, war ich mir sicher, es wäre Byung…zu spät schaute ich auf das Display, um festzustellen, dass Taehyung angerufen hatte. Sollte ich zurückrufen? Ich entschied mich dagegen. Wenn ich mich jetzt mit ihm unterhielt, würde er merken, dass ich schlechte Laune habe und wissen wollen warum. Ich seufzte. Ich wollte mit jemanden reden, jemand der mich verstand. Ich wählte Monas Nummer, doch sie nahm nicht ab. Ich versuchte es bei Olivia. „Hallo? Lynn? Wie geht es dir?“, vernahm ich ihre Stimme am anderen Ende der Leitung. „Hi, Olivia. Ähm, was machst du gerade?“, fragte ich. „Mmh, also eigentlich ist Namjoon zu Besuch. Wir sitzen auf dem Sofa und schauen uns Filme an… Wieso stimmt etwas nicht?“ So ein Mist! „Nein, alles bestens. Dann will ich euch nicht weiter stören. Wir sehen uns dann in der Schule.“, versuchte ich so gelassen und unbeschwert wie möglich zu sagen. Sie schwieg kurz. Ich wusste, ich hatte sie nicht überzeugt. „Okay, dann sehen wir uns morgen.“, gab sie dann doch auf. Ich hatte gerade aufgelegt, als mein Handy erneut klingelte. Ich starrte die unbekannte Nummer einen Moment an, nahm dann aber doch ab. „Hallo?“, fragte ich etwas nervös. „Hi, Princess.“ Sofort verflog sämtliche Nervosität. „Mason? Woher hast du meine Handynummer?“, fragte ich ihn. „Von meiner Schwester…“ Ich zog meine Brauen zusammen. „Und die hat sie dir einfach so gegeben…?“, fragte ich genauer nach. „Natürlich nicht! Aber ich kenne ihr Passwort…immerhin muss ich ja sicher gehen, dass dieser Namjoon keine komischen Gedanken hat.“ Er las Olivias Nachrichten! „Wow, so wenig Vertrauen hast du also in deine Schwester? Meine Güte, woher nehmen sich Brüder nur das Recht, sich in Beziehungen einzumischen!“, keifte ich ihn unbewusst an. „Na na, ist dir etwa nach dem Spiel eine Laus namens Byung über die Leber gelaufen?“ Ich lachte kurz, aber herzlos auf. „Witzig, aber ich bin nicht in der Stimmung. Also, was kann ich für dich tun?“, fragte ich immer noch genervt oder schon wieder? „Ich glaube, die Frage ist eher, was ich für DICH tun kann. Ich habe gerade ein Ohr übrig, für eine Prinzessin, die ihre Wut mal rauslassen muss…“ Ich atmete einmal kräftig durch. „Dir ist bewusst, dass sich das für dich negativ auswirken kann?“ Er lachte auf. „Ich eigne mich auch als Boxsack…also wie wär’s?“

    Keine halbe Stunde später standen wir vor einem Convenience-Store. „Warum treffen wir uns hier?“, fragte ich nicht gerade begeistert. „Weil du schlechte Laune hast und die nur durch zwei Sachen los wird: Essen und Reden! Also, ich zahle, du suchst aus. Go!“ Zwar verstand ich seine Logik nicht, aber ich hatte Hunger und würde nicht zahlen müssen. Mit einem Schulterzucken ging ich voran in den Laden. Nach nur fünf Minuten kamen wir mit zwei großen Tüten aus dem Laden, die Mason Gentleman-like trug. Es sei gesagt, dass ich ihm dann doch angeboten hatte, auch eine zu tragen, aber er hatte sich geweigert. „Und jetzt?“, fragte ich ihn. „Immer mir nach.“ Mir gefiel es zwar nicht, dass ich nicht wusste, wohin wir gehen, aber ich hatte keine Lust mit ihm zu diskutieren, also trottete ich ihm die nächsten zehn Minuten hinterher. Wir betraten einen Wohnblock und als wir endlich vor einer Tür im dritten Stock zum Stehen kamen, sah ich ihn vorwurfsvoll an. „Mason, was soll das hier?“ Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und schloss auf. „Voila! Hier kann man sich ungestört unterhalten…komm rein.“ Mir das das Ganze zwar nicht ganz recht, aber trotzdem betrat ich die Wohnung. „Ein Kumpel ist für zwei Wochen verreist und ich schaue hier nach dem rechten.“ Dann war es also nicht seine eigene Wohnung. In nächsten Moment stürmten zwei Langhaarkatzen auf uns zu. Die eine schmuste um Masons Beine, während die andere ihm keines Blickes würdigte. „Na ihr zwei? Wie war euer Tag?“, lächelte Mason sie an. „Das sind Mo und Ro, Bruder und Schwester und ich zur Zeit ihr privater Butler. Mo wanderte zu Ro, doch als er sie anstupste, tachtelte sie mit ihrer Pfote nach ihm. „Nana Ro, so behandelt man doch nicht seinen Bruder!“, scherzte Mason. Meine Miene verfinsterte sich. „Manchmal verdienen es Brüder einfach, in ihre Schranken gewiesen zu werden…“

    83
    Nachdem wir zwei Pizzen, einen Ofenkäse, eine Tüte Chips und bisher eine halbe Packung M&Ms verdrückt hatten, stieg meine Laune tatsächlich wieder an. Nach dem dritten Bier war ich zudem auch viel gesprächiger. „Also hat Byung dir untersagt, was mit BTS anzufangen und das regt dich jetzt auf, weil du in einen von ihnen verliebt bist?“, fragte er und ließ weitere M&Ms in seinen Mund plumpsen. „Nein! Ich habe für keinen von ihnen romantische Gefühle.“ Mason stützte seinen Kopf auf der Sofalehne ab. „Also bist du nur sauer, weil Byung deinen BTS-Stolz verletzt hat?“ Ich kniete mich auf die Couch und zeigte mit dem Hals meiner Bierflasche auf Mason. „Nur? Er hat von BTS geredet, als würden sie sich selbst als Könige der Welt sehen und ihre Fans als Sklaven! Also ja, mein BTS-Stolz hat er sehr wohl verletzt. Sie bedeuten mir nun mal viel! Egal, was mal wieder zu Hause abging, sobald ich auch nur an BTS dachte, hatte ich wieder Hoffnung! Ich hatte weder Freunde noch sonderlich viel Freizeit und ich kann dir sagen, irgendwann kommst du an einen Punkt an, wo du sagst, was soll der Scheiß! Ich wollte doch nur ein Leben, welches ich selbst bestimmen kann und wo meine Freunde nicht zuerst auf den Kontostand meiner Familie schauen. Und seitdem ich BTS entdeckt habe, war es als hätte ich Freunde gefunden, auch wenn sie nicht wirklich meine Freunde seien konnten, aber sie haben mich zum Lachen gebracht! Und jetzt sind sie wirklich meine Freunde! Ich meine, wie krass ist das denn! Hehe, wie viele ARMYs können sagen, sie sind mit BTS befreundet? BTS ist talentiert und gutaussehend und ihre Songs haben eine Message und sie sind gutaussehend und sie sind gutherzig und…“ „Gutaussehend?“, unterbrach mich Mason. Ich kicherte. „Hihi, woher weißt du das? Sag bloß du stehst auf Kerle?“ Er seufzte. „Dein wievieltes Bier ist das jetzt? Ich glaube, du hattest genug…“ Er versuchte mir die Flasche wegzuschnappen, doch ich zog sie schnell zu mich ran, bevor ich mich mit dem Rücken an Mason lehnte. Doch als ich den nächsten Schluck nehmen wollte, musste ich mit Bedauern feststellen, dass kein Tropfen mehr übrig war. Ich zog eine Schnute. Wiederwillig setzte ich mich auf. Ich erspähte meine Beute neben Mason. Kurzerhand streckte ich mich über ihn und ergriff die letzte Bierflasche. „Was zum…!“, stieß Mason überrascht aus als ich mich halb über ihn legte, um an das Bier zu kommen. Doch er reagierte schnell und nahm mir das Bier wieder aus der Hand. „Buuuuuh!“, ich schaute ihn böse an, doch als er nur den Kopf schüttelte, ließ ich meinen Kopf enttäuscht auf seinem Oberschenkel nieder. „Spielverderber!“, nuschelte ich. Ich starrte zu ihm hoch und studierte seine Gesichtszüge. „Weißt du was? Du bist fast so gutaussehend wie BTS…“ Er verschluckte sich leicht an seinem Bier. „Okay! Jetzt reicht’s! Lynn, du bist betrunken!“

    Ich kicherte. „Ich hab noch nie zuvor Bier getrunken. Nur wenn wichtige Geschäftsessen waren, wo die ganze Familie da sein musste mal ein Glas Sekt. Deshalb kann es sein, dass ich Alkohol nicht sooo gut vertrage.“ Mason seufzte. „Ach was du nicht sagst…“ Ich kicherte wieder. Ich drehte meinen Kopf Richtung seinem Bauch und versuchte mit dem Finger seinen Bauchnabel zu finden. Er schnappte mein Handgelenk und zog mich von seinem Schoß hoch. Dann stand er auf, doch weit kam er nicht, denn ich schlang einfach wieder meine Arme um seinen Bauch und vergrub mein Gesicht an seiner Brust. „Du riechst guuuut…“ Ich konnte seinen Herzschlag spüren und fand es komischer Weise sehr beruhigend. „Ich werde jetzt Byung anrufen…bevor sich meine Selbstbeherrschung verabschiedet.“ Er streckte seinen Arm zu meinem Handy aus, welches auf dem kleinen Wohnzimmertisch lag. Wen wollte er anrufen? Byung? Nö, darauf hatte ich keine Lust! Völlig unerwartet zog ich ihn mit voller Kraft nach hinten, sodass er neben mir aufs Sofa plumpste. Kurzerhand saß ich auf seinem Schoß und drückte seine Schultern gegen die Sofalehne. Entgeisterte starrte Mason mich an. „Verdammt Lynn! Das ist so langsam nicht mehr lustig!“ Ich schmollte. „Wieso? Wenn ich nicht aufhöre, fällst du dann über mich her?“ Meine Augen funkelten spielerisch. Im nächsten Moment lag ich unter Mason auf der Couch und seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von meinen entfernt. „Und wenn? Du bist gerade nicht mal mehr in der Lage dich zu verteidigen…“ Ich versuchte seine Worte zu verarbeiten, doch meinem Gehirn war der Job gerade einfach zu schwer. „Mason?“, ich schlang meine Arme um seinen Hals, „Weißt du, eigentlich stehe ich ja mehr auf Asiaten, aber für einen nicht Asiaten bist du trotzdem mein Typ, hehe. Aber trotzdem weiß ich nicht, wie ich dich einschätzen soll…du bist echt rätselhaft.“ Seine Augen weiteten sich. Plötzlich spürte ich seinen Atem auf meinen Lippen, die nun nur noch Millimeter von meinen entfernt waren.

    Yolo, yolo, yolo, yo, where my money go…! Sofort schoss Mason nach oben und ließ mich verwirrt zurück. Er nahm mein Handy und schaute auf das Display. „Byung…“, murmelte er. „Ich will aber nicht nach Haaaauuuuse!“, rief ich immer noch auf der Couch liegend und verschränkte die Arme. Mason seufzte frustriert. „Und was dann? Ich spiele nicht weiter den Babysitter für eine Betrunkene! Was ist denn mit deinem Cousin, wo wohnt der?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Oh! Aber ich weiß, wo BTS wohnt. Ist das nicht toll?“, grinste ich ihn an. Er überlegte und seufzte resigniert. „Dann halt so. Hat ja eh keinen Sinn, dich gegen deinen Willen nach Hause zu bringen…du rennst mir sonst noch beim nächsten Fluchtversuch vors Auto. Also, wo wohnen diese Pseudo Dream Boys?“ Ich summte entspannt vor mich hin, während Mason mich auf seinem Rücken durchs nächtliche Seoul trug. Diesen Entschluss hatte er gefasst, als ich schon nach dreißig Zentimetern über den Wohnzimmertisch gestolpert bin und danach einen fünfminütigen Lachflash hatte. Als wir bei BTS-Villa ankamen, klingelte ich sturm. „Was mache ich hier eigentlich…?“, murmelte Mason neben mir. Nach drei Minuten öffnete ein verschlafen aussehender Jungkook die Tür. Sofort fiel ich ihm um den Hals. „Hallo Maknae!“ Verwirrt starrte Jungkook abwechselnd mich und Mason an, während Mason versuchte meine Arme von Jungkook zu lösen. „Was ist denn hier los? Wisst ihr eigentlich, wie spät es ist?“ Namjoon kam in Pyjama und Hausschlappen auf uns zu. „Namjoooooon!“ Sofort sprang ich vor ihm auf und ab. „Ist…Lynn betrunken?“, fand Jungkook endlich seine Sprache wieder. Mason erklärte, was alles vorgefallen war, angefangen von Byungs und meinem Streit bis zum Bier. „Ich kann sie nicht mit zu mir nach Hause nehmen, also…kann ich sie euch anvertrauen?“, zwängte er zwischen den Zähnen heraus und sah dabei nicht sehr erfreut aus. Jungkook sah Namjoon erwartungsvoll an. Dieser nickte. „Wir haben morgen eh frei. Sie kann bei Taehyung im Zimmer schlafen und morgen sehen wir weiter.“ Etwas widerwillig verabschiedete sich Mason dankend von Namjoon und sah dann noch einmal zu mir. Wollte er etwa schon gehen? Ich hüpfte auf ihn zu und gab ihm einen fetten Schmatzer auf die Wange. Alle drei Jungs zogen scharf die Luft ein. Mmh? Hatte ich was falsch gemacht? „Danke Mason! Ich hatte einen schöööönen Abend.“, grinste ich ihn an, bevor ich an Namjoon vorbei Richtung Küche hüpfte. Ich öffnete den Kühlschrank und freute mich, als ich Jins Pasta vom letzten Mal erspähte. Ohne um Erlaubnis zu fragen, fing ich an den Berg von Spagetti in mich reinzustopfen. „Vielleicht ist es gut, dass sie was Festes im Magen hat…“, hörte ich Namjoons Stimme. „Ich sag den anderen Bescheid…wach müssten sie ja sein bei dem Klingelansturm von Lynn.“, meinte Jungkook belustigt. Ich war gerade fertig, da ging die Küchentür auf und die restlichen Member kamen herein. Selbst Yoongi, der mir einen mörderischen Todesblick zuwarf. Sofort fing ich an, in meine Hände zu klatschen. „Jaaaa, BTS leistet mir Gesellschaft!“ Alle rissen die Augen auf. „Was wurde meiner Cousine angetan!“, fragte Taehyung panisch. Ich rannte zu ihm und umarmte ihn fest. „Mein Lieblingscousin!“ Jimin lachte. „Das wird wohl eine lustige Nacht.“ Oh, da fiel mir was ein. „Ich muss euch was sagen!“, fing ich an und kletterte für meine wichtige Ansage auf einen Stuhl. „Ich hab BTS ganz doll liiiiiieeeeeb!“, verkündete ich freudestrahlend. Ich hörte ein unterdrücktes Lachen. „Sie ist ja schon süß, wenn sie betrunken ist.“ Sofort schlug sich Yoongi seine Hand vor den Mund. „Was hast du da gerade gesagt!“, grollte Taehyung und Jungkook versuchte ihn davon abzuhalten, auf ihn loszugehen. Im nächsten Moment durchschnitt Hoseoks Stimme den Raum. „Sie fällt!“ Wer? Mein Gehirn versuchte seine Worte zu deuten, doch irgendwie verwandelte die Küche sich gerade in ein Karussell und im nächsten Moment fühlte ich mich schwerelos. Hehe, ist ja komisch.

    84
    „Die Sonne scheint!“, fiel mir auf, als ich nach oben schaute. „Das ist die Deckenlampe…“, sagte Namjoon leicht frustriert. Oh? Stimmt, ich war ja in BTS Küche vom Stuhl geplumpst und lag nun mitten auf dem Boden. „Komisch…euer Boden ist irgendwie flauschig.“, murmelte ich. „Flauschig! Wen wundert’s? Du bist immerhin volle Kanne auf mich drauf gerummst, du hyperaktives Springhörnchen!“, stöhnte Yoongi unter mir. Ich kicherte, stand aber schwankend auf. Dann hielt ich inne. „Ich…bin auf Yoongi gefallen!“ Dieser verdrehte die Augen. „Sagte ich doch gerade…“, brummte dieser immer noch am Boden sitzend. „Aber, aber, aber…Yoongi gehört doch zu BTS und muss singen und tanzen und gut aussehen, aber jetzt hat er wegen mir Schmerzen und wenn er jetzt nie wieder auftreten kann und BTS sich auflöst, dann ist das alles nur meine Schuld!“ Meine Stimme wurde zu einem leisen Wimmern und Tränen stiegen mir in die Augen. Hoseok schubste Yoongi in meine Richtung. „Du hast sie zum Heulen gebracht, also kannst du es jetzt wieder gut machen.“ Yoongi hob die Hände. „Wieso bin ich jetzt der Schuldige! SIE ist doch auf MICH gefallen! Und ich spüre jetzt schon die blaue Flecken unter meinem Schlafanzug…“ Ich wimmerte lauter. „Ist ja gut! Schau, ich kann meine Arme und Beine bewegen und der Kopf ist auch noch dran. Also gibt es keinen Grund, weshalb sich BTS auflösen sollte.“ Ich schaute ihn durch meinen Tränenschleier hindurch an. „Wirklich?“, fragte ich unsicher. „Jaja, das passt schon. Er tut immer nur so zimperlich, aber eigentlich ist er hart im Nehmen!“, meinte Taehyung und wischte mir mit einem Taschentuch die Tränen weg. Dan hielt er mir es an die Nase und ich schnäuzte einmal kräftig hinein. „Alles wieder gut?“ Ich nickte ihm zu. „Gut, dann bringe ich dich jetzt nach oben in mein Zimmer, du kuschelst dich tief in die Decke und schläfst ein bisschen…“ Ich fing an, energisch meinen Kopf zu schütteln. „Ich will noch nicht schlafen!“

    „Das ist doof! Ich will was anderes machen!“, maulte ich, nachdem ich nun schon zum vierzehnten Mal gegen Jungkook beim Mario-Kart spielen verloren hatte. „Ich hab Hunger…“, quengelte ich weiter. „Du hast doch erst vor einer Stunde, gefühlt eine Tonne Pasta in dich rein gestopft…!“, meinte Namjoon in einem flehenden Ton. „Hey Namjoon, ich weiß, dass du müde bist, also warum gehst du nicht wie Yoongi einfach ins Bett? Wir sind ja noch zu fünft, da werden wir mit Lynn schon fertig.“, meinte Jungkook an Namjoon gerichtet. „Uuuuh wie süß ist das denn! Der Jüngste im Bunde sorgt sich um seine Hyungs! Ich liebe es einfach, wie BTS sich umeinander kümmert!“, quietschte ich. Moment! Das war falsch! Ich konnte doch nicht BTS auf die Nerven gehen! „Okay! Zeit zum Heia Heia machen!“ Während die anderen mich noch ungläubig anstarrten, beschritt ich den Weg nach oben. Ich öffnete die nächstbeste Tür und fand einen friedlich schlummernden Yoongi vor mir. Heh, er konnte ziemlich süß aussehen mit so einem entspannten Gesichtsausdruck. „Lynn? Du bist im falschen Zimmer!“, hörte ich Taehyung flüstern, „Weck ihn lieber nicht noch ein zweites Mal…sowas nimmt er einem manchmal echt übel.“ Oh, aber ich musste unbedingt ein Erinnerungsfoto machen…also schaltete ich den Selfie-Modus meines Handy ein, beugte mich zu Yoongi, grinste in die Kamera und machte den Schnappschuss meines Abends. Hehe, Mona wird das Bild lieben. Taehyung wartete im Flur auf mich. Auch die anderen Jungs wünschten mir eine gute Nacht, doch als ich jedem einen Gutenachtkuss geben wollte, hob mich Taehyung einfach hoch und trug mich in sein Zimmer. Also mussten sich die anderen mit einem wilden Gewinke von mir zufrieden geben.

    „Man, wenn die anderen dich so sehen würden, müsste ich sie eigenhändig zum Schweigen bringen…“, nuschelte Taehyung, während ich mich hin und her schaukelnd im Spiegel betrachtete. „Hehe, die kurze Jogginghose ist voll bequem, aber dein Shirt ist mir viel zu groß…jetzt sieht es voll so aus, als hätte ich nichts drunter an!“ Ich zupfte am Shirt, welches Taehyungs Körpergeruch ausstrahlte. „Jetzt rieche ich ja nach dir!“, kicherte ich weiter. „Okay, Schluss damit! Es ist drei Uhr, also Zeit für dich zu schlafen…“ Ich kuschelte mich neben ihm unter die Decke und sobald er das Licht ausgeknipst hatte, schloss ich meine Augen. Nach zehn Minuten öffnete ich sie wieder. Das geht so nicht! „Tae?“, flüsterte ich leise, doch bekam keine Antwort. Ich spürte nur seinen sanften und gleichmäßigen Atem an meinem Ohr. Wie konnte er nur so schnell einschlafen? Ich seufzte. Ich verspürte absolut keine Müdigkeit, stattdessen machte sich ein anderes Gefühl breit. Ich…hatte Hunger!

    85
    Auf dem Weg nach unten, vollführte ich geschmeidige Spionagebewegungen…okay, ich versuchte James Bond like die Treppe herunter zu schleichen, aber in Wirklichkeit, naja…ich war leise genug, sodass mich niemand hören sollte. Doch vor der Küche hielt ich inne. Ich konnte zwei Stimmen hören, und ich wusste auch genau wem diese gehörten. „Beim letzten Fanmeeting war sie auch wieder da und sie hat sogar zugeben, dass du ihr Bias bist, also worauf wartest du noch? Frag sie doch einfach!“, sagte Jimin. Uh, scheint ein interessantes Gespräch zu werden. Ohne Umschweife setzte ich mich im Schneidersitz auf den Boden und beugte mich mit dem Ohr nah zur Tür. „Okay, nehmen wir an, ich frage sie nach einem Date…ich wüsste spontan gar nicht, was ihr gefallen würde oder wo sie gerne hingehen würde!“, antwortete Hoseok leicht aufgebracht. „Mmh, ich hätte da eine Idee…sie scheint K-POP toll zu finden, also wieso nicht ein Date im K-POP-Style?“ Halt Stopp! Das war ja wohl nicht seine, sondern meine Idee! Ich machte kurzen Prozess und stieß die Tür auf. „Verräter!“, brüllte ich und sprang auf Jimins Rücken. Dieser, total überrumpelt, gab alles in seiner Macht stehende, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Lynn? Ich dachte, du bist schlafen gegangen?“, meinte Hoseok überrascht. „Ich wollte, aber…dann hatte ich Hunger!“ Er musste lachen. „Du bist genau so ein Vielfraß wie Tae…“ Jimin seufzte. „Ich spüre gerade jede Spaghetti, die du vorhin gefuttert hast…“ Bei dem Kommentar schlang ich meine Beine noch fester um seinen Bauch. „Okay! Tut mir leid, ich habe nichts gesagt…also bitte lockere deinen Klammergriff!“, japste er. Ich löste mich von ihm und setzte mich stattdessen auf einen Stuhl. „Ähm…Jimin? Warum starrt sie dich mit diesem Todesblick an?“

    Jimin wich meinem Blick gekonnt aus. „Du hast meine Idee, nein, meine Traumidee von meinem ersten Date geklaut!“, feuerte ich los. „Lynn, hör mal. Das…ist mir so rausgerutscht. Ich dachte halt, das ist die Idee, weil das Mädchen, auf das Hobi steht, ja auch ein K-POP Fangirl ist. Ich wollte ihm nur helfen, wirklich…ich wollte dich damit nicht kränken oder dich hintergehen! Bitte glaub mir…“ Ich schnaubte und ließ meinen Kopf auf den Tisch sinken. „Du bist unfair! Wie soll ich dir denn böse sein, wenn du mich mit diesen unschuldigen Hundeaugen ansiehst…?“ Ein leichtes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Also verzeihst du mir?“ Ich nickte stumm. „Bei meinem Glück werde ich eh nie dazu kommen, auf ein Date zu gehen und sterbe als Jungfrau…“ Was hatte ich da gerade gesagt? Langsam lichtete sich der Alkoholschleier in meinem Kopf und ich schlug mir die Hand vor den Mund. „Und, was wäre, wenn du mit Hobi auf ein Probedate gehst?“, fragte Jimin. Mein Kopf schnellte hoch. „Was!“, fragten Hoseok und ich gleichzeitig. „Ähm, Jiminie…ich denke, dass ist keine all zu gute Idee…“ Die Idee war verrückt und natürlich hatte Hoseok keine Intention diesen Vorschlag umzusetzen…und trotzdem tat es etwas weh abgewiesen zu werden. Ich hatte noch nicht mal romantische Gefühle für ihn, also warum fühlte ich mich jetzt, als hätte ich einen Korb bekommen! „Na seht es doch mal so, Hobi, du kannst dir von Lynn erklären lassen, was einem Mädchen auf einem K-POP-Date gefallen würde und Lynn hätte die Chance einen Tag lang richtig zu fangirlen. Ich meine ja nicht, dass ihr es wie ein richtiges Date aufziehen müsst mit einem Abschiedskuss zum Schluss…vielmehr als ein Nachmittag, an dem man seine Freunde trifft und was lustiges zusammen unternimmt.“ Ich sah zu Hoseok, welcher mich ebenfalls anschaute. Wir…sahen beide noch nicht sehr begeistert aus.

    „Okay, lass es uns versuchen!“, stieß Hoseok zu meiner Überraschung aus. Jimin klatschte in die Hände. „Super! Ihr werdet sehen, es macht bestimmt voll Spaß!“ „Und du bist damit einverstanden?“, fragte ich immer noch perplex Hoseok. Er rieb sich den Nacken. „Naja, ich würde mich schon über ein paar Tipps freuen, wie ich dieses Date, zu einem unvergesslichen Erlebnis machen könnte…“, sagte er leise und wurde rot. Ach ja, die gute alte Liebe! Ich hoffe, das Mädchen weiß es am Ende zu würdigen! Ich warf meine Arme in die Luft. „Okay, überredet. Dann spiele ich halt Amor!“ Hoseok sah erleichtert aus und Jimin hatte ein fettes Grinsen im Gesicht. Und ich…war angepisst. Ich fühlte mich irgendwie benutzt…Versuchsobjekt für ein Date…konnte ja lustig werden. Ich setzte ein Lächeln auf. „Okay, sagt mir einfach Bescheid, wann und wo und ich komme. Aber jetzt gehe ich erstmal schlafen…“ Ich stand auf und ging Richtung Tür. „Wolltest du nicht was essen?“, fragte Jimin noch. Ich zuckte mit den Schultern. „Irgendwie bin ich jetzt zu müde dazu…“ Mir war einfach der Appetit vergangen! „Okay, dann schlaf gut.“, lächelte mich Jimin an. Ich winkte den beiden zu. „Ihr auch.“ Ich stapfte die Treppe wieder hoch. Nachdem ich auf dem Flur einen großen Seufzer rausgelassen hatte, ging ich zurück in Taehyungs Zimmer. Vorsichtig kuschelte ich mich zu ihm unter die Decke. Ein Fake-Date mit Hoseok? Ich würde Fake-Love nicht mehr hören können, ohne an diese verrückte Aktion denken zu müssen. Davon mal abgesehen, wie sollte ich ihm denn Tipps geben? Ich hatte doch noch nie ein Date? Und jetzt würde ich mein erstes Date haben, mit einer Person, die ich zwar möchte, aber nicht liebte! Toll Lynn, ich rate dir, trink nie wieder Bier! Mit diesem Rat an mich selbst, fielen mir dann endlich die Augen zu…

    86
    Ich wurde wach, als ich auf dem Flur laute Stimmen hörte. „Mmh…“, grummelte ich. Ich will weiterschlafen! Können die nicht leiser sein? Ich kuschelte mich näher an Taehyung, der so angenehme Wärme ausstrahlte. Ebenfalls noch im Halbschlaf legte er vorsichtig seinen Arm um meine Taille. Ich spürte sein Kinn auf meinem Haaransatz. Wie gern hätte ich ihn früher als großen Bruder gehabt, wenn ich bei Gewitter nicht schlafen konnte und mich allein unter der Decke verkrümelt hatte. Ich war froh, ihn als meinen Cousin zu haben…nicht den BTS V, sondern Kim Taehyung, den liebenswerten, hilfsbereiten und aufmunternden Menschen. Von seiner Wärme ummantelt, glitt ich zurück in meinen Schlaf. Doch leider wurden die Stimmen auf dem Flur lauter und im nächsten Moment schwang die Tür auf. „Sag mal, schläfst du noch? Zeit zum Aufstehen, Taehyung dreht schon seit einer halben Stunde am Rad, weil er nicht weiß, wo Lynn ist! Also hilf uns suchen!“ Was faselte Jungkook denn da? Warum sollte Taehyung mich suchen? Oder hatte ich einen meiner seltenen BTS-Träume? „Jungkook, hast du sie gefunden?“, hörte ich Taehyung durch das Haus brüllen. Mit einem Mal war ich wach. Wie sollte Taehyung denn gleichzeitig im Flur und neben mir sein! Ich schreckte hoch. „Oh…“, war alles, was Jungkook herausbrachte, während ich ihn verschlafen anschaute. Verwirrt betrachtete ich den Arm, der immer noch um meine Taille lag. Plötzlich tauchte Taehyung im Türrahmen auf. Als sich unsere Blicke trafen, sahen wir beide kurz leicht durcheinander aus. Wenn Taehyung dort war, wer lag dann neben mir…unter der Decke! Ich schnappte nach Luft und starrte in das männliche Gesicht, welches definitiv nicht zu Taehyung gehörte, mich aber ebenfalls mit weit geöffneten Augen ansah. Es war als würden wir uns zum ersten Mal sehen. Ich kam mir vor, als hätte ich zu viel getrunken und einen One-Night-Stand gehabt! Okay, das erste stimmte, aber das zweite nicht…oder? Mein Kopf brummte zu doll, als das ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Eine grollende Stimme durchschnitt das Zimmer. „Nimm SOFORT deine Hände von meiner Cousine!“ Erst jetzt fiel mir das Gewicht des Armes auf meinem Bauch wieder auf, doch sogleich wurde er weggerissen. „T-Tae! Ich kann das erklären…glaube ich?“ Dieser stapfte auf uns zu und packte sein Gegenüber am Shirt. „Das will ich für dich hoffen Seokjin!“

    Schlagartig hell wach, sprang ich aus dem Bett und versuchte Taehyung von Jin wegzukriegen. „Taehyung, hör mal, ich denke das ist meine Schuld!“ Für einen kurzen Moment starrte er Jin noch finster an, ließ dann aber von seinem Shirt ab und begutachtete mich von oben bis unten. „Geht es dir gut? Er…hat dir nichts getan, oder?“ Schnell schüttelte ich meinen Kopf. Ich griff nach seiner Hand. „Er kann gar nichts dafür! Nachdem du eingeschlafen warst, bin ich noch mal in die Küche, weil ich Hunger hatte und als ich zurück bin…muss ich in das falsche Zimmer gegangen sein. Also dachte ich, Jin wäre du und habe mich nichts wissend neben dich…also neben ihn gelegt. Tut mir leid, das war keine Absicht und es geht auf meine Kosten! Also bitte streite nicht mit ihm…“ Dann sah ich zu Jin, der genauso geschockt wie Taehyung über die ganze Sache war. „Jin, es tut mir wirklich leid, dass ich dir Umstände bereitet habe! Es war wirklich nicht mit Absicht, das schwöre ich!“ Mir war das ganze peinlich und unglaublich unangenehm. Ich verehre BTS als Idole und von allen Mitgliedern ist Jin mein Bias und da hatte ich mich aus Versehen in sein Zimmer geschlichen und mit ihm gekuschelt...Das klang so verdammt falsch! Ich war mittlerweile knallrot im Gesicht und schwor mir, nie wieder zu trinken. „Du…hast wirklich nicht mitgekriegt, dass sie in deinem Bett lag?“ Ernst schüttelte Jin den Kopf. „Es sah vorhin vielleicht so aus, aber ich hatte keine Ahnung. Lynn, es tut mir leid, dass ich dich ohne Erlaubnis angefasst habe, ich war im Halbschlaf und habe es unbewusst getan…entschuldige.“ Ich wedelte mit meinen Händen vor meinem Gesicht rum. „A-Alles okay. Die Sache war einfach ein unglücklicher Zufall…am besten wir vergessen einfach, dass das passiert ist!“

    Endlich entspannten sich Taehyungs Züge und er nickte. „Okay, vergessen wir die Sache einfach. Lynn?“ Ich sah ihn fragend an. „Ja?“ Er räusperte sich. „Wie wäre es, wenn du in mein Zimmer gehst und dich umziehst?“ Ich sah an mir hinab und erstarrte. Ich stand mitten in Jins Zimmer, bekleidet mit einem zu großen Männershirt, welches so lag war, dass es auch noch so aussah, als hätte ich nichts drunter. Das erklärte dann auch, warum sowohl Jin, als auch Jungkook die ganze Zeit angestrengt den Boden betrachteten. Meine Wangen glühten. „I-Ich gehe dann mal…“ Ich huschte so schnell wie möglich aus dem Zimmer, an Jungkook vorbei, der im Türrahmen stand. Erst jetzt entdeckte ich Hoseok, der ebenfalls vor der Tür an der Wand lehnte und offenbar alles mitbekommen hatte. Als sich unsere Augen trafen, stolperte ich über Jungkooks Fuß und taumelte nach vorn, doch kurz bevor ich mein Gleichgewicht wieder hatte, stand Hoseok vor mir und ich fiel ihm in die Arme. „Gut gefangen Hobi!“, kicherte Jimin, der soeben aus seinem Zimmer gekommen war. „Du konntest wohl mit dem physischen Kontakt nicht mehr bis zu eurem Date warten…“ Innerhalb einer Zehntelsekunde schoss Taehyung aus Jins Zimmer. „Könntest du das bitte noch einmal sagen, Jiminie?“

    87
    „E-Es ist nicht so wie es sich anhört!“, stotterte Hoseok, ich immer noch in seinen Armen liegend. „Also habe ich es falsch verstanden, als Jimin meinte, ihr habt ein Date?“, fragte Taehyung darauf bedacht nicht vom Schlimmsten auszugehen. „Ähm…also wir haben schon ein Date…“, fing Hoseok an und Taehyungs Augen weiteten sich, „Aber nicht im romantischen Sinne, sondern als eine Art Nachhilfestunde.“ Jetzt kniff Taehyung seine Augen zusammen. „Als…was? Und würdest du bitte meine Cousine loslassen?“ Erst jetzt schien Hoseok seine eigene Hand zu bemerken, die auf meinem Rücken ruhte und verhinderte, dass ich mich von ihm lösen konnte. „Ups, entschuldige Lynn. Das war keine Absicht.“ Ich schüttelte nur kurz den Kopf. „Danke, für’s Auffangen…“ Toll, konnte es noch peinlicher werden? Erst werde ich mit Jin im Bett erwischt, dann falle ich Hoseok in die Arme und als Krönung scheine ich nur ein Männershirt zu tragen, welches bis zur Hälfte meiner Oberschenkel geht. Kein Wunder, dass sich Jungkook nicht mehr einkriegte vor Lachen. „Also was ist jetzt mit diesem Nachhilfe-Date? Findest du nicht, dass du groß genug bist, um ein Date zu planen, Hoseok? Dafür brauchst du meine Cousine doch nicht…“ Hoseok sah mittlerweile betreten zu Boden und auch Jimin biss sich auf die Unterlippe. Taehyungs Laune war im Keller und meine erreichte mittlerweile fast den Erdkern! Ich klatschte in die Hände und setzte ein Lächeln auf. „Lass gut sein, Tae. Ich habe zu gesagt ihm zu helfen, also gebe ich auch mein Bestes. Oder gönnst du es mir etwa nicht, dass ich, jetzt wo ich im Ursprungsland des K-POPs bin, mal einen Tag so richtig fangirlen kann?“ Ich hatte Kopfschmerzen. „Nein…doch, aber…“, er schien mit sich selbst zu hadern. Ich ging zu ihm und umschlang seinen Arm. „Bitte? Ich bringe dir auch Kuchen mit!“ Er zog seine Unterlippe vor. „Dann will ich aber ein ganz großes Stück?“ Ich lächelte. „Das lässt sich einrichten!“

    „Sie ist echt gut…“, nuschelte Jungkook. Gut? Ich wusste doch selbst nicht, warum ich mich hierfür einsetzte! Mein erstes Date geht an ein Idol, welches ich verehre, er aber jemanden anderes liebt und mich als Versuchskaninchen für sie nimmt…man, Lynn, wie schaffst du es nur immer, in so bescheuerte Situationen zu geraten! „Ähm Taehyung…welches ist noch einmal dein Zimmer?“ Das letzte, was ich brauchte, war einen schlafenden Hunde zu wecken…und damit meinte ich, dass ich keinen Bock hatte, aus Versehen in Yoongis Zimmer zu stürmen und mich vor ihm umzuziehen! „Oh ja, linke Seite, drittes Zimmer.“ Im Zimmer angekommen, verschloss ich die Tür und sank zu Boden. Wieso nur musste mich Mason hierher bringen! Nein, wieso musste Byung mit diesem Du darfst niemanden von BTS daten anfangen! Wie ironisch, dass genau das jetzt eingetroffen war! Ich zog meine Sachen vom Vortag wieder an und schaute zur Uhr. Shit! Kurz nach Zehn! Ich hatte noch nie in meinem gesamten Leben die Schule geschwänzt! Ich rannte aus Taehyungs Zimmer, die Treppe hinab und stoppte in der Küche, wo alle BTS-Mitglieder am Tisch saßen und mit dem frühstücken begonnen hatten. Ohne Umschweife verbeugte ich mich leicht. „Tut mir leid, dass ich einfach mitten in der Nacht hierein geplatzt bin, die Pasta aufgefuttert habe, auf Yoongi gefallen bin, euch am Schlafen gehindert habe, auf Jimins Rücken gesprungen bin, aus Versehen bei Jin im Bett geschlafen habe und auf Hoseok als Auffangkissen benutzt habe…äh, falls ich etwas vergessen habe, tut mir das auch leid! Okay, dann bin ich mal weg! Euch noch einen erholsamen restlichen Tag…“ Ich redete so schnell, dass ich mich fast an meiner Spucke verschluckte. Schon fast bei der Haustür hörte ich Taehyung mir noch hinterherbrüllen. „Was ist mit Frühstück?“ Ich machte die Tür auf. „Schaff ich nicht mehr…muss zur Schule!“ Damit verließ ich den Tatort von letzter Nacht.

    Ich rannte drei Querstraßen, hielt dann aber inne. Wo…ging es zur Schule? Mein Handy weigerte sich mir zu helfen, was wohl am leeren Akku lag, also stand ich aufgeschmissen auf dem Fußweg herum. Plötzlich hielt neben mir ein bekanntes Auto. Die Scheibe ging herunter. „Steig ein, ich fahre dich…“ Ich starrte Jin kurze Zeit an, als wäre er ein Geist, sprang dann aber auf den Beifahrersitz und schnallte mich an. Im Auto herrschte Totenstille. Ich räusperte mich. „Ähm, ich wollte dich nicht vom frühstücken abhalten…“ Jin schaute ohne eine Miene zu verziehen nach vorn. „Schon gut, war eigentlich eh schon fast fertig.“ Da war sie wieder…die Stille. Wir mussten an einer roten Ampel halten. „Wieso hast du Hoseok zugesagt, mit ihm auf dieses Date zu gehen?“, durchbrach er diesmal die Stille. „E-Es ist ja kein richtiges Date in dem Sinne…“ Er sah zu mir herüber. „Du kannst es nennen, wie du willst, aber es bleibt ein Date und noch dazu ist es dein erstes…ich will nicht, dass du es nur Hobi zu Liebe machst, weil er dich darum gebeten hat. Das wäre falsch dir gegenüber und das weiß er auch.“ Ich schluckte. Was wollte er denn von mir hören? „Ich will mein erstes Date mit jemandem haben, den ich aufrichtig liebe…, aber…ich will auch nicht, dass Hoseok mit diesem Mädchen auf ein K-POP-Date geht…nenn mich egoistisch, aber das war meine Idee! Und eigentlich ist Jimin an allem schuld!“ Ich schaute aus dem Fenster, damit Jin nicht die Tränen sah, die langsam hochkamen. „Aber was mich an dieser ganzen Date-Sache am meisten ankotzt, ist die Tatsache, dass sich anscheinend jeder gern in mein nicht existierendes Liebesleben einmischt! Ich will nicht, dass du mit dem was anfängst hier, ich will nicht, dass du den datest da und so weiter! Ich wäre froh, wenn mal jemand Interesse an mir zeigen würde! Ich will auch wissen, wie es ist, jemanden zu haben, der immer für einen da ist, wie es ist zu daten und küssen und Sex haben verdammt noch einmal! Ist das nicht natürlich? Wünscht sich das nicht jeder? Diese eine Person zu finden, mit der man das Leben teilen möchte?“ Erst jetzt fiel mir auf, dass wir auf irgendeinen Parkplatz standen. „Wo sind wir?“ Doch Jin schnallte sich ab und beugte sich zu mir herüber, nah mein Gesicht in seine großen, aber sanften Hände und wischte mir die Tränen weg. „Das wünscht sich jeder…ich auch. Aber es braucht Zeit, diese eine Person zu finden, okay? Aber man sollte nie aufhören zu suchen, also Kopf hoch. Wir sind noch jung und haben unser halbes Leben noch vor uns.“ Er zog mich an seine Brust und streichte mir sachte übers Haar. „Die Person, die dich einmal heiraten wird, kann unglaublich glücklich sein, dich in den Armen halte zu dürfen…“ So saßen wir einige Zeit lang still da und mit jedem weiteren Streicheln ließen meine Kopfschmerzen langsam nach…



    Guuuut, mein Studentenleben nimmt langsam einen Rhythmus an, sodass ich jetzt wieder regelmäßiger schreiben kann, was euch hoffentlich freut 😜
    Neue Kapitel kommen jetzt voraussichtlich immer:

    Montag und Samstag 21-22Uhr!
    Ich bin übrigens glücklich, über so viele postive und anspornende Kommentare von euch und werde mir weiterhin viel Mühe geben...
    Hab euch lieb ~ eure Kathi
    💙

    88
    Ich merkte gar nicht, dass Jin aufgehört hatte, über meine Haare zu streichen und sie jetzt auf meinem Kopf ruhte. „Lynn…schläfst du?“ Ich schüttelte an seiner Brust den Kopf. „Nein, aber wenn du mir noch eine Minute gibst, könnte sich das ändern.“ Er lachte leise und nahm seine Hand weg, woraufhin ich mich langsam von ihm löste. Er löste meinen Anschnaller und öffnete die Fahrertür. „Hey, was wird das?“, fragte ich verwirrt. „Du musst was frühstücken und hier gibt es ein tolles Bistro, welches ohne Frage die besten Waffeln anbietet…“ Er schlug die Tür zu und ich beeilte mich ebenfalls raus zu kommen. Schnell joggte ich ihm hinterher. „Aber Jin, ich muss doch zur Schule…schlimm genug, dass ich schon meinen ersten Block verpasst habe!“ Er nahm mich an die Hand, als würde ich sonst wie ein Kleinkind auf der Stelle stehenbleiben und nicht aufhören zu quengeln bis ich meinen Willen kriegte. „Im Normalfall fände ich es super admirabel von dir, wie du um deine Bildung bemüht bist, aber der zweite Block hat eh schon angefangen und zusätzlich glaube ich nicht, dass du mit diesen zerzausten Haaren und den dunklen Augenringen wirklich bereit für die Schule bist…“ Er blieb kurz stehen und zupfte ein paar meiner Strähnen zurecht. Ach ja! Ich war so in Eile, dass ich nur schnell meine Sachen angezogen hatte und meine widerspenstigen Haare komplett ignoriert hatte. Na toll! „Okaay, jetzt sieht es ganz gut aus…“, meinte Jin als er noch einen letzten Blick auf meine Haare geworfen hatte. „Also, dann lass uns mal was Leckeres essen gehen!“ Schwupps saßen wir in einer kleinen Nische und vor jedem von uns stand ein Berg duftender Waffeln. Meine Wahl war auf Erdbeeren und Vanillesoße gefallen, während Jins Waffeln in Schokosoße schwammen, die jedoch unter dem ganzen Batzen Sahne kaum noch zu sehen waren! „Ähm, bist du sicher, dass DAS die richtige Ernährung für ein Idol ist?“, fragte ich skeptisch. „Nein. Deshalb bleibt das auch zwischen dir und mir und wird niemals Namjoons Ohren erreichen, richtig?“ Ich kicherte. „Deal.“, nickte ich.

    „Mmh, das war so verdammt lecker!“ Für den Moment wäre es mir sogar egal gewesen, wenn ich single sterben würde. Das war das beste Frühstück meines Lebens gewesen! „Ich bin froh. Dir scheint es wieder besser zu gehen.“ Ich sah ihn an. „Ja, das tut es tatsächlich…dank dir.“ Er zog eine Miene. „Ich habe dein Lächeln gar nicht verdient, nachdem was ich dir zugemutet habe…“ Mmh, was war denn jetzt mit ihm los? „Ich möchte, dass du weißt, dass ich es zu tiefst bereue, dich als Lügnerin abgestempelt zu haben. Ich…weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Ich habe dich mit meinen Worten verletzt und hatte dann nicht einmal den Mut gefunden, dir richtig in die Augen zu schauen…es tut mir leid. Also falls du jetzt deinen Bias wechseln willst, würde ich es durchaus verstehen…“ Er sah verlegen zur Seite. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. „Ich denke, soweit muss ich nicht gehen, immerhin war es zu fünfzig Prozent ja auch meine Schuld. Ich bin nur froh, dass ihr mir alle vergeben habt und mich nicht mehr wegstoßt. Ich verspreche, ihr werdet es nicht bereuen!“, versicherte ich ihm. „Da bin ich mir jetzt schon ziemlich sicher. Ich glaube, nach dem ganzen hin und her, haben wir dich eh schon viel zu sehr ins Herz geschlossen, was wie es scheint Nachteile für dich mit sich bringt…jedenfalls was seine Privatsphäre auf Liebe angeht.“ Ich biss mir auf die Lippe. „Vielleicht ist das so, aber dennoch…liegt es bei mir Entscheidungen zu treffen und weißt du was? Ich werde Hoseok absagen.“ Jins Augen weiteten sich. „Echt?“ Ich nickte entschlossen. „Die Atmosphäre wäre seltsam und keiner von uns hätte Spaß daran. Außerdem bin ich mir sicher, er kriegt das mit seinem Date schon hin. Wenn das Mädchen ihn wirklich mag, ist es eh egal, was sie zusammen unternehmen. Er kriegt das auch ohne Probedurchgang hin.“ Jin lächelte. „Ich denke, du hast die richtige Entscheidung getroffen…“

    Ohne dass ich es bemerkt hatte, saßen wir nun schon zwei Stunden in dem gemütlichen Bistro. Wir teilten uns die Rechnung und Jin fuhr mich nicht wie geplant zur Schule, sondern nach Hause. Es wäre eh ein bisschen komisch geworden, wenn ich dort ohne Schuluniform aufgetaucht wäre. Dennoch wollte ich nicht wissen, was meine Mutter mit mir machen würde, wenn sie davon erfahre sollte. „Da wären wir.“ Ich wollte aussteigen, doch Jin hielt mich am Arm fest. „Ähm, was deinen Bruder angeht…Tae meinte, er hat dich ziemlich ins Herz geschlossen, also denke ich nicht, dass er es negativ meinte, als er meinte, du sollst dich von uns fernhalten…“ Wann hatte Jin denn davon erfahren! Oh Gott, was hatte ich noch alles gestern Nacht ausgeplaudert? „Nehmen wir an, du würdest einen von uns daten…ich denke nicht, dass du nur ein Spielzeug für uns bist, geschweige denn, dass irgendein Fan für uns nur zum Spielen ist. Aber…es wäre riskant. Namjoon liebt Olivia und doch wollte er sich seine Gefühle nicht eingestehen. Auch jetzt noch hat er Angst, dass die Presse davon Wind bekommt, oder die Fans, und Olivia das Leben zur Hölle machen. Liebe…ist bei uns noch ein viel komplizierteres Thema als bei dir. Aber was ich sagen wollte, ist, dass Byung dich wahrscheinlich nur davor beschützen möchte…er hat sich nur bescheiden schön ausgedrückt. Verstehst du?“ Ich seufzte. „Ich weiß nicht, worauf er damit hinauswollte, aber ich verspreche dir, noch einmal mit ihm über die ganze Sache zu reden.“ Jin lächelte mich an. „Gut…und wenn du das nächste Mal abhaust, bist du wieder gern bei uns willkommen.“ Ich grinste. „Wer weiß…vielleicht komme ich darauf zurück. Wenn jemand um drei Uhr nachts Sturm klingelt, weißt du Bescheid!“

    Ich sah Jin beim Wegfahren zu. Nop, ich würde niiieeemals meinen Bias wechseln! Ich ging ins Haus und lauschte. Es war nichts zu hören, immerhin waren meine Mutter und Jongdae arbeiten und Byung, im Gegensatz zu mir, in der Schule. Wann er wohl nach Hause kommt? Ohne Umschweife ging ich in sein Zimmer und wurde fündig. Sein Schulplaner lag ausgebreitet auf seinem Schreibtisch. Auch sonst lag viel ausgebreitet im ganzen Zimmer herum…meine Mutter wäre bei so einem Anblick in Ohnmacht gefallen! Ich nahm den Planer und ließ mich auf seinem Bett nieder. Nach ein bisschen Blättern fand ich seinen Stundenplan. Na toll, er hatte heute nach der Schule noch Baseballtraining. Und was sollte ich die ganze Zeit machen, während ich auf ihn wartete? Ich ließ mich seufzend nach hinten fallen. Ich japste auf, als ich rechts von meinem Kopf eine seiner Unterhosen entdeckte. Ich nahm sie vorsichtig mit zwei Fingern und führte sie über die Bettkante, wo ich sie auf den Boden plumpsen ließ. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie noch sauber war und ich wollte es definitiv auch nicht wissen. Gut Lynn, also der Plan für heute: Erst die Geschichte mit Byung klären, dann Hoseok absagen und dann mir von meiner Mutter den Kopf abreißen lassen, weil ich geschwänzt habe. Hörte sich doch nach einem guten Plan an…

    89
    Als ich die Augen aufschlug, wusste ich nicht, wo ich war oder warum. Doch nach kurzer Zeit meldete sich auch mein Gehirn zurück und erinnerte mich daran, dass Alkohol und ich keine guten Freunde werden würden. Ich schaute auf meine Uhr. Ich hatte ganze vier Stunden verschlafen, naja, letzte Nacht war dafür auch irgendwie nicht so viel Zeit gewesen. Ich sollte besser schnell aufstehen, bevor der eigentliche Eigentümer dieses Zimmers und Bettes mich hier entdeckte. Ich richtete mich langsam auf und verstarb im selben Moment beinahe an einem Herzinfarkt! „Heilige Schei…!“, brach ich ab. „Wie lange sitzt du da schon?“ Byung verzog keine Miene und schaute auf dem Wecker seines Nachttischs. „Achtzehn Minuten…“ Ich strich meine Haare glatt. „Und warum hast du mich dann nicht geweckt?“, fragte ich in die unangenehme Situation hinein. Er zuckte mit den Schultern, stand dann auf und ging zur Tür. Na toll, er war immer noch angepisst. Dabei bin ich doch die, die angepisst sein müsste oder nicht! „Hey, wo willst du hin? Ich will mit dir über gestern reden…“ Ohne eine Reaktion zu zeigen, ging er auf den Flur Richtung Treppe. „Hey!“ Ich sprintete hinterher und packte ihn am Ärmel. Er riss sich los. „Das Essen ist fertig, soll ich von deiner Mom ausrichten…“ Ich hatte keine andere Wahl als ihm in die Küche zu folgen. „Lynn, da bist du ja! Wie war die Schule?“, bombardierte mich auch schon meine Mutter. Haha, keine Ahnung? Ich war ja immerhin nicht da! Sie stellte gerade den letzten dampfenden Teller auf den Tisch und ich ließ mich auf dem Stuhl neben Byung nieder. „S-So wie immer?“, brachte ich mit schlechtem Gewissen heraus. Byung neben mir lachte kurz auf. „Byung? Ist etwas?“, fragte meine Mutter etwas besorgt. Dieser schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich habe nur gerade gedacht, dass es nicht viele wie Lynn gibt, die nie schwänzen und sich engagiert in der Schule zeigen…“ Ich spuckte fast meine Suppe wieder aus. „Lynn, hast du dich verschluckt? Iss doch bitte langsam, es ist noch genug da.“ Ich nickte. Was war Byungs Problem, verdammt noch einmal! Wehe er lässt mich auffliegen! Als Belohnung für die Offenbarung seiner Gedanken, gab ich ihm einen Seitentritt gegen sein Bein. Er japste geschockt auf, während ich, als wäre nichts gewesen, eine Ladung Reis in meinen Mund stopfte. „Mensch, was ist denn heute mit euch los?“, fragte meine Mutter verwirrt. Doch Jongdae legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Alles ist gut, Schatz. Ich denke, die beiden hatten eine kleine Auseinandersetzung und sollten sich mal aussprechen…“ Er guckte erst Byung, dann mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Byung seufzte laut auf und erhob sich dann von seinem Stuhl. „Ich bin satt.“ Damit verließ er die Küche. Ich sprang ebenfalls auf. So leicht, gab ich nicht auf! „Das Essen war lecker…“ Damit stürmte ich Byung hinterher…

    Leider war sein Vorsprung zu groß, sodass ich nun vor verschlossener Tür stand und mit geballten Fäusten dagegen hämmerte. „Hey! Ist das dein Ernst? Du ignorierst mich jetzt einfach? Findest du das nicht ein wenig unfair? Immerhin hast du dich in mein Leben eingemischt und nicht umgekehrt!“ Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen. „Hast du nichts besseres zu tun, als meine Tür einzuschlagen? Geh doch und belabere einen deiner großartigen Idole und lass dich von ihnen umarmen, küssen und was weiß ich, aber hör auf mich zu nerven!“ So hatte ich ihn noch nie gesehen. Seine Augen voller Wut und Abneigung schrie er mir ins Gesicht. Unter Schock kamen mir die Tränen. Er verdrehte die Augen. „Bist du ein Kleinkind, dass du jetzt anfängst rumzuheulen?“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten. „D-Du b-bist hier das K-Kleinkind, mit dem m-man nicht mal n-normal reden kann!“, schluchzte ich ihn an. Er packte meinen Arm und zog mich ins Zimmer. Mit verschränkten Armen sah er mich erwartend an. „Und? Was willst du mir so sehr mitteilen, dass du mich nicht in Ruhe lässt?“ Mein Herz schmerzte bei seinem eisigen Blick. „I-Ich will mich e-entschuldigen! Ich habe überreagiert und nicht genauer nachgefragt, warum du anderer Meinung bist…ich will, dich verstehen! Ich will, dass wir wieder normal reden und scherzen und lachen können!“ „Tja, man kriegt aber nicht immer, was man will…“ Bei mir brachen die Dämme. Ich stapfte auf ihn zu und schlug mit geballter Kraft gegen seine verschränkten Arme. „Hör a-auf! Ich will m-meinen B-Bruder zurück!“, weinte ich. Ich schlug solange auf ihn ein, bis ich kraftlos zu Boden sank. Ich schniefte unaufhörlich vor mich hin. „Hast du deinen ganzen Frust jetzt an mir ausgelassen?“ Ich sah ihn durch verheulte Augen an. Seine Stimme…schien sanfter? Wenn auch nur minimal… Im nächsten Moment drückte er mir ein Stofftaschentuch ins Gesicht. „Mach erstmal diesen ganzen Schnodder weg, dass will ja keiner sehen…“

    „Ich nehme es zurück…“, sagte er leise. Mit großen Augen sah ich zu ihm hoch. „Sie behandeln ihre Fans nicht wie Spielzeuge…im Gegenteil, sie nehmen ihre Fans mit Ernsthaftigkeit wahr.“ Er seufzte. „Trotzdem möchte ich nicht, dass du zu viel mit ihnen zu tun hast. Das Risiko ist einfach zu groß, dass Paparazzi und Fans davon Wind bekommen und dich belästigen oder aus dem Weg schaffen wollen. Was wäre, wenn dich auf der Straße ein paar Fans anpöbeln, weil du ihre Idole um den Finger gewickelt hast und dich schubsen? Es muss kein Psycho-Messerangriff sein, bei dir reicht ein Schubs und du kannst nie wieder laufen! Und ich weiß beim besten Willen nicht, was Tae daraufhin ausrichten wird. Sich die Schuld geben? Mit Sicherheit. Er könnte nicht mehr Mitglied von BTS sein und dir gleichzeitig in die Augen sehen. Wie ich ihn kenne, würde er aus Schuldgefühlen, alles hinschmeißen. Dann gibt es halt eine Boygroup weniger, soll mir egal sein, aber Tae wäre sein Leben lang unglücklich. Er liebt BTS, er liebt die anderen Jungs und er würde für Bangtan Sonyeondan alles geben, aber du…bist jetzt eine seiner Schwachstellen und bist ihm genauso wichtig wie BTS. Wenn er in die Lage kommt, dass er sich zwischen ihnen und dir entscheiden müsste…ich weiß nicht, was passieren würde.“ Jin hatte Recht gehabt. Er…wollte nur Tae und mich beschützen und ich blöde Kuh denke, er verachtet BTS, weil sie berühmt sind. „E-Es tut mir leid! Hätte ich dir ruhig zugehört und hätte nicht überstürzt reagiert, wäre es nicht zu so einem Missverständnis gekommen. Ich habe über dich geurteilt, ohne dir richtig die Chance zu geben, mir deinen Stand zu erklären.“ Er kniete sich vor mir hin und legte mir seine große Hand auf den Kopf. „Vielleicht hätte ich das Thema Dating lieber nicht als Bezug nehmen sollen. Ich wollte dir keine Vorschriften dazu machen, mit wem du, was anfängst, nur das du bei BTS einen gewissen Sicherheitsabstand hälst…unabhängig von eurer Beziehung. Ich kann mir ja selbst eingestehen, dass sie alle gute Manieren haben und sehr rücksichtsvoll sind, was daten angeht, aber es stehen dein Leben und BTS-Karriere auf dem Spiel, vergiss das bitte nicht.“ Ich nahm seine Hand von meinem Kopf. „Dann bist du mir nicht mehr böse und…alles ist wieder gut zwischen uns?“, fragte ich mit Hoffnung in der Stimme. Er zog seine Hand weg und seine Züge wurden wieder härter. „Alles wieder gut? Nein!“ Ich ließ den Kopf hängen. „Immerhin hast du mein ganzes Kopfkissen vollgesabbert! Der Ersatzbezug ist in der Wäsche! Worauf soll ich denn jetzt diese Nacht schlafen, sag mir das mal!“ Ich hörte ein Lachen, sein Lachen. Da war sie wieder, die Wärme in seinen braunen Augen und sein neckisches Grinsen. Ich atmete das erste Mal tief durch und spürte wie sich Erleichterung ausbreitete. „Aber jetzt zu einem anderen Thema. Kannst du mir mal sagen, warum heute dieser Mason in meiner Klasse aufgetaucht ist und sich quasi eine Date-Erlaubnis von mir holen wollte?“

    90
    „Hah?“ Wir saßen uns im Schneidersitz gegenüber und starrten uns beide verwirrt an. „Nicht Hah?, sondern JA! Kannst du mich nicht wenigstens vorher informieren, bevor da so ein Bad Boy dahergelaufen kommt und mir die Mittagspause ruiniert?“ Als ich etwas sagen wollte, fiel mir erst auf, dass er bereits die ganze Zeit offen stand. „D-Das…also…hä! Was genau hat er denn gewollt?“, stotterte ich. Byung zog eine Augenbraue hoch. „Sag mal, nimmst du überhaupt Typen neben BTS wahr? Er wollte mein Einverständnis, dich daten zu dürfen…“ Ich riss die Augen auf. „Und…du hast darauf, was geantwortet?“ Er zuckte mit den Schultern. „Dass das nicht meine Entscheidung ist…“, sagte er langsam und ich war erleichtert, dass er ihm nicht seinen Segen gegeben hatte, „…und, dass wenn er mit dir etwas macht, was du nicht willst, ich dafür Sorge, dass er sein männliches Stück nie wieder benutzen werden können wird.“ Mit mir etwas macht, was ich nicht will, denkt er etwa Mason würde es nur um Sex gehen! Ich lief rot an. „Sag mal, für wen hältst du mich? Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen und Entscheidungen treffen!“ Im nächsten Moment sah ich Masons Lippen wieder vor mir und erinnerte mich an seinen Atem auf meinen eigenen Lippen. Oh oh, hätte ich gestern fast etwas gemacht, was ich zutiefst bereut hätte? Ich hatte ihn meinen Typ genannt und meine Arme um seinen Hals geschlungen! Ich vergrub mein Gesicht in den Händen. „Byung, ich schulde dir was, für deinen Anruf gestern…“ Er sah mich verwirrt an. „Wieso? Sollte ich irgendwas wissen? Apropos, wo warst du gestern eigentlich? Du bist nicht rangegangen und kamst die ganze Nacht nicht zurück! Ich musste meinen Vater und deine Mutter damit beruhigen, dass du bei Olivia übernachtet hast! Du bist mir also doppelt, nein dreifach was schuldig, weil ich so frei war, dich in der Schule krank zu melden, du Schwänzerin!“ Ich fiel ihm um den Hals. „Du bist der Beste!“ Er versuchte mich von sich zu schieben. „Tse, du hast auch Stimmungsschwankungen…gestern war ich noch der größte Arsch der Welt, falls dir das entfallen sein sollte…“ Ich grinste ihn frech an. „Oh stimmt…mmh…dann bist du eben der beste Arsch der Welt?“ Er seufzte. „Womit habe ich sowas wie dich nur verdient…ach ja und das meine ich nicht positiv! Also? Ich warte noch auf die Antwort, wo du gestern warst?“ Äh, mit Mason, allein in der Wohnung seines Kumpels, der zurzeit verreist ist? Ach ja und ich war so betrunken, dass ich ihn fast geküsst hätte. Definitiv nicht! „Ähm Taehyung hat mich in der Stadt aufgegabelt, also habe ich in der BTS-Villa übernachtet und heute Morgen verschlafen…“, log ich, obwohl ich nichts vom Lügen hielt. Wobei es ja nicht komplett gelogen war… „Okay, wenn du bei Taehyung warst, bin ich beruhigt. Aber bitte versprich mir, was auch immer zwischen uns vorfällt, geh nächstes Mal bitte an dein Handy…ich habe mir ziemlich Sorgen gemacht.“ Er sah mich ernst an. Ich umarmte ihn. „Mach ich. Versprochen!“

    Am nächsten Tag in der Schule wurde ich von Olivia überrumpelt, bevor ich überhaupt die Chance hatte, ihr einen guten Morgen zu wünschen. „Lynn! Sag mal, was machst du denn? Einfach von zu Hause abhauen und dich mit meinem Bruder betrinken! Ich hoffe, er hat die Situation nicht ausgenutzt? Namjoon hat mir erzählt, er hatte wenigstens den Verstand, dich zu Taehyung zu bringen, das rechne ich ihm durchaus hoch an. Aber was ist mit Byung? Hast du noch einmal mit ihm geredet? Habt ihr immer noch Streit? Oder hat er dir schon gesagt, dass mein Bruder dich nach einem Date fragen möchte? Hach, ich weiß echt nicht, was mit ihm los ist! Oh? Tut mir leid, ich bin ein wenig aufgewühlt…, aber dir geht es gut, oder?“ Das war das erste Mal, dass ich sie so durch den Wind sah. „Ja, mir geht’s gut und mit Byung ist auch alles wieder in Ordnung und ja, er hat mir den Fall Mason erläutert, aber…irgendwie weiß ich nicht, was ich davon halten soll?“ Olivia nahm meine Hand und zog mich mit sich. „Was machst du? Wir müssen doch zum Unterricht!“ Wir blieben etwas abseits von den anderen Schülern unter einer Linde stehen. „Hör mal, was Mason angeht, du weißt ja, was ich von seiner ganzen Flirterei halte, aber…er ist in letzter Zeit anders. Seit Tagen spielt er nicht mehr den Prinzen für die Mädchen, sondern lässt sie einfach links liegen! Stattdessen fangen seine Augen immer an zu leuchten, wenn ich deinen Namen erwähne. Ich bin seine Schwester, ich merke, wenn etwas im Busch ist und wenn du mich fragst, dann, ich hätte nie gedacht, das mal zu sagen, ist er verliebt! In dich!“ Ich biss mir auf die Lippe, nicht wissend, wie ich darauf reagieren sollte. „Du bist ein größeres Plappermaul, als ich dachte, kleine Schwester!“

    Wir schossen beide herum. Masons Blick wanderte kurz zu mir, dann zu seiner Schwester. „Kannst du uns kurz allein lassen?“ Olivia sah hin und her gerissen aus. „Na gut. Aber wenn sie dir einen Korb gibt, dann akzeptierst du das und belästigst sie nicht weiter!“ Ein letzter besorgter Blick in meine Richtung und sie ging zum Schuleingang. Jetzt, wo sie fort war, herrschte Stille. Ich war zu nervös, um Mason in die Augen zu blicken. Mason räusperte sich. „Hast du den Abend gut überstanden?“, fragte er mit einer Vorsichtigkeit, die ich nicht kannte. Ich nickte. „Ich bin mir sicher, du hast sie noch ganz schön auf Trapp gehalten…“, ich konnte hören, dass er etwas lachte. „Lynn, sieh mich bitte an!“ Langsam hob ich den Kopf und traf auf leuchtend blaue Augen. „Da ich mehr oder weniger euer Gespräch mitbekommen habe, bin ich mir sicher, du weißt, warum ich mit dir reden möchte.“ Wollte er mich hier und jetzt wirklich um ein Date bitten? Ich war dafür noch nicht bereit! Erst hatte ich ihn für einen Perversling gehalten, dann für einen Idioten, dann einen großkotzigen Angeber und zwischendurch war er super nett, aber wie sah ich ihn jetzt? „Lynn, ich mag dich. Ich…weiß nicht wieso. Als ich dir das erste Mal begegnet bin, dachte ich auch nicht, dass wir uns überhaupt wiedersehen und um ehrlich zu sein, wäre es mir auch egal gewesen, aber dann stellte sich heraus, dass wir auf dieselbe Schule gehen und du dich mit meiner Schwester angefreundet hast. Mir war es ein Rätsel, wieso wir uns ständig über den Weg gelaufen sind, aber irgendwann fingen meine Augen an, nach dir zu suchen. Ach verdammt, ich höre mich bestimmt ziemlich dämlich an! Trotzdem, ich kann dich nicht mehr gehen lassen und an einen dieser K-POP-Schnösel gebe ich dich erst recht nicht ab. Ich meine es todernst, also bitte gib mir die Chance zu zeigen, dass du mir wirklich wichtig bist. Du musst dich jetzt noch nicht entscheiden, aber lass mich dir wenigstens zeigen, wer ich wirklich bin und geh mit mir auf ein Date!“


    91
    „Er ist unordentlich, egoistisch und macht nie das, was man ihm sagt! Auf der anderen Seite ist er ein guter Zuhörer, höflich, wenn auch manchmal zu höflich, und immer da, wenn man Hilfe braucht. Ach Mensch, ich kann mich einfach nicht entschieden, ob er ein schlechter oder guter Kerl ist…und dabei ist er mein eigener Bruder!“, grummelte Olivia vor sich hin und griff nach meinen Händen. „Bist du dir auch ganz sicher, dass du ihm seinen Herzenswunsch von einem Date erfüllen willst? Du musst das nicht tun, ich kann dich verstehen, wenn du ihn dahin schickst, wo der Pfeffer wächst, Bruder hin oder her. Andererseits muss ich mir dann keine Sorgen mehr machen, dass er mit einer eingebildeten Ziege ankommt und sie mir als seine Zukunftsehefrau vorstellt…dich als Familienmitglied zu haben, wäre wundervoll, aber hat er dich überhaupt verdient? Ich gebe es auf, ich kann mich für keine Seite entscheiden und ich muss es auch nicht, sondern du. Bist du dir sicher, dass du ihm diese große Chance geben willst?“, beendete sie ihren Monolog mit einer Frage. Ich packte meine Englischsachen aus. „Er ist kein schlechter Kerl, sein gutes Aussehen mal außer Acht gelassen. Ich weiß nur nicht, was ich für ihn fühle. Ich bin mir sicher, dass man uns schon so etwas wie Freunde nennen könnte, aber ich hatte nie erwartet, dass seine ganze Flirterei mal ernst gemeint war. Ich weiß nicht, wie ich ihn jetzt sehen soll…als deinen Bruder, als Freund…oder festen Freund? Von Liebe auf den ersten Blick kann keine Sprache sein, aber was ist, wenn es Liebe auf den zweiten Blick wird? Meinst du, er könnte es wirklich schaffen, dass ich mich in ihn verliebe?“ Olivia schmiss die Arme in die Luft. „Kind, woher soll bitte ich das wissen? Es macht mich doch selbst schon verrückt, mir das überhaupt vorzustellen! Du und mein Bruder und…küssen! Ich kann dir nur sagen, für mich ist es okay, wenn du nach dem Date sagst, er könnte der Richtige sein, aber umgekehrt ist es auch kein Weltuntergang, wenn du ihn gerade heraus abweist, weil du der Meinung bist, dass sich keine Gefühle für ihn entwickeln werden… In dem Sinne ist ein Date wohl der beste Weg, um es herauszufinden.“ So hatte ich mir das auch gedacht. Deshalb hatte ich Mason zugesagt. Deshalb war ich bereit, herauszufinden, wie viel mir Mason bedeutet. Und deshalb war ich verdammt noch einmal fast schon lächerlich nervös!

    „Gehst du mit diesem Jimin dann auch auf ein Date?“ „Was?“, schossen Olivia und ich zu Suji herum. „Lynn, gibt es da etwas, wovon du mir nichts erzählt hast?“ Ich schüttelte heftig den Kopf. „Meinst du etwa ich würde mit Mason auf ein Date gehen, wenn ich schon mit Jimin verabredet bin?“ Ich sah Suji fragend an. „Wie kommst du denn auf sowas?“ Sie kramte in ihrem Rucksack und zog einen Block hervor. „Na im Freizeitpark habt ihr euch so gut zusammen amüsiert und dann habe ich überlegt und kam zu dem Endschluss, dass du, von allen aus BTS, am besten mit Jimin zusammenpasst. Guck…“ Nach ihrer vagen Erklärung reichte sie mir den aufgeschlagenen Block und ich staunte nicht schlecht. Es war eine Zeichnung, nein, eine grandiose Zeichnung! Meine künstlerische Begabung hörte bei Strichmännchen auf, aber auf dieser Zeichnung waren so viele kleine Details zu sehen, dass ich im ersten Moment gar nicht erfassen konnte, was Suji mir eigentlich zeigen wollte. „Das…hast du gezeichnet?“, fragte Olivia verdutzt. Suji nickte. „Und? Sie sehen doch süß zusammen aus, richtig?“ Erst jetzt wurde mir die Bedeutung hinter dem Bild bewusst. Um genau zu seien, waren auf dem A4 Blatt vier verschiedene Szenen zu sehen. Ich sah mich, wie ich in BTS Küche am Tisch stand und acht Teller hinlegte. Was ich auf dem Bild nicht mitbekam, war Jimin, der im Türrahmen lehnte und mich mit einem so liebevollen Blick ansah, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Die zweite Szene zeigte meine Überraschung, als Jimin plötzlich seine Arme um meine Taille schlang. In der nächsten Szene…küsste er meinen Hals und ich schien es zu genießen, denn meine Augen waren geschlossen, jedoch hatte ich ein Lächeln auf den Lippen. Mir wurde immer wärmer. In der letzten Abbildung hatte ich mich in Jimins Armen zu ihm umgedreht und…es sah nach einem wirklich leidenschaftlichen Kuss aus! Mit schweißnassen Händen schloss ich den Block und gab ihn Suji zurück. „D-Du hast zu viel Fantasie!“ Olivia kicherte. „Sagt die Person mit dem knallroten Gesicht!“ Schnell vergrub ich mein Gesicht in den Händen. „Vielleicht sollte ich Namjoon mal fragen, ob Jimin nicht wirklich mal Lust hat, mit dir auf ein Date zu gehen? Wer weiß? Vielleicht…wird da wirklich mehr draus?“ Ich funkelte sie böse an. „Untersteh dich! Und du!“, ich wies auf Suji, „Verbrenn diese Zeichnung! Ich will mir gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn jemand diese Zeichnung sieht…vor allem nicht BTS!“

    92
    Ich hatte den ganzen Tag Schwierigkeiten gehabt, mich auf den Unterricht zu konzentrieren und gab es irgendwann einfach auf. Auf der einen Seite wusste ich immer noch nicht, was ich von dem Date mit Mason erwarten sollte. Auf der anderen war da noch die Tatsache, dass ich Hoseok absagen musste. Gestern war ich so durcheinander gewesen, dass ich vergessen hatte, ihm mitzuteilen, dass ich nicht mit ihm sein Date proben werde. Nur, wie sollte ich ihm Bescheid geben? Um diese Uhrzeit hatten sie sicher jede Menge Termine, also würde keiner zu Hause sein. Aber seine Handynummer hatte ich auch nicht. Blieb mir als Kontaktperson nur noch Taehyung. In dem Moment beendete das bekannte Klingeln die Stunde. Die meisten hatten vor zehn Minuten schon angefangen, ihre Sachen einzupacken und stürmten jetzt regelrecht aus dem Klassenraum. Auch Olivia atmete erleichtert auf und packte zusammen. Zu dritt verließen wir das Gebäude. „Also, habt ihr schon ein Termin für das Date?“ Ich nickte. „Freitag.“ Olivia runzelte die Stirn. „Wieso Freitag, wo man schon fertig von der Schule ist, und nicht Samstag?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Er wollte das Date auf diesen Freitag legen…wieso weiß ich auch nicht.“ Sie seufzte. „Da verstehe einer mal meinen Bruder…“ Wie immer trennten sich unsere Wege am Schultor und ich ging zur U-Bahn-Station. Und ja, ich war stolz auf mich, dass ich mittlerweile allein den Weg nach Hause fand! So langsam fand ich mich in Seoul auch ohne Google-Maps zurecht. Zuhause angekommen, starrte ich mein Handy an. Ach egal, wird schon schiefgehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit drückte ich den Anrufbutton. „Ja?“, erklang Taehyungs Stimme. „Ähm hey. Sag mal, hast du gerade Zeit oder eher nicht?“ Im Hintergrund waren mehrere Stimmen zu hören. „Also, um ehrlich zu sein, drehen wir gerade für ein Musikvideo und ich bin gleich dran…, aber etwas Zeit habe ich noch.“ Okay, dann mal frei heraus. „Eigentlich geht es um diese Datesache mit Hoseok…meinst du, du könntest ihm mal kurz dein Handy reichen? Ich muss ihm dringend etwas sagen…“ Es herrschte kurz Stille. „Das gefällt mir nicht…“, murmelte er dann. „Um genauer zu sein, wollte ich ihm mitteilen, dass ich es doch nicht mache…“ Es herrschte wieder Stille. Ich dachte schon, er hätte aufgelegt, als… „Hallo?“ Mein Herz machte vor Schreck einen Sprung. „Ah…hi Hoseok, hier ist Lynn.“ Und jetzt? Wie sollte ich das jetzt sagen? „So doll wie Tae gerade grinst, schätze ich, du hast dich doch gegen das Probe-Date entschieden?“ Mein Herz stoppte. War er böse, traurig, verletzt? „Das sollte nicht anklagend klingen! Ich kann dich voll verstehen. Ich wollte dich auch zu nichts zwingen. Vielleicht war es wirklich eine dämliche Idee…wer probt schon ein Date, richtig? Oh! Ich muss los…wir sehen uns, okay?“ Bevor ich mich entschuldigen und ihm viel Glück für sein Date wünschen konnte, hatte er schon aufgelegt. Irgendwie…fühlte ich mich schlecht. Wieso hatte ich auch, ohne weiter nachzudenken, zugesagt gehabt? Jetzt war es eh zu spät…er würde sein Date allein planen müssen und ich…würde mich wohl auf mein Date überraschen lassen müssen.

    Noch nie in meinem Leben war eine Woche so schnell vergangen und mit jedem Tag wurde Masons Lächeln breiter, wenn wir uns auf dem Gang über den Weg liefen. Es war Freitag, der Klang der Schulklingel hallte in meinem Kopf nach. Olivia stürmte zu mir herüber. „Egal, was im Laufe des Nachmittags passiert…versprich mir, dass du meine Freundin bleibst!“ Ich lächelte. „Na logo! Dass du überhaupt sowas fragst! Ich versprech’s dir!“ Suji hielt mir erneut ihren Block hin. „Ich habe noch einmal nachgedacht und bin zu dem Endschluss gekommen, dass du vielleicht doch besser zu Jin passt als Jimin…“ Auf ihrer neuesten Zeichnung hatte mich Jin an der Taille gepackt und dicht zu sich herangezogen, während er sich mit Jimin ein Blickduell lieferte, wodurch sie wie Erzfeinde aussahen. „Ja…nein! Suji, du hast auf jeden Fall viel mehr Fantasie, als ich dir zugetraut hätte… Aber ich muss jetzt wirklich los.“ Ich flüchtete, bevor Suji die Chance hatte umzublättern. Wer wusste, in wessen Armen ich da liegen würde! Auf dem Weg in mein Zimmer rannte ich in Byung, der gerade aus seinem Zimmer kam. „Woah! Warum rennst du denn wie ein aufgeschrecktes Huhn durchs Haus?“ Ich wedelte mit meiner Hand. „Sorry, ich habe es etwas eilig…“ Mason würde in einer halben Stunde vor der Tür stehen, um mich abzuholen. Draußen war es zwar warm, aber Mason hatte mich gebeten, mir eine lange Hose anzuziehen und eine Jacke mitzunehmen…was hatte er nur vor? Naja, das hielt mich wenigstens davor ab, komplett overdressed vor ihm aufzutauchen. Dennoch gab ich mir bei meinem Make-Up Mühe und lieh mir Mamas Glätteisen, um mir ein paar natürlich aussehende Locken zu formen. Ich hatte gerade Handy und Portemonnaies in meine kleine rosa Tasche gestopft, da klingelte es. Ich rannte auf den Flur und stieß erneut mit Byung zusammen. „Meine Fresse! Bist du auf Speed oder so? Moment…warum sind deine Haare plötzlich krumm?“ Ich verdrehte die Augen. Krumm? Das heißt gelockt! „Es hat geklingelt!“ Byung nickte. „Ja, Tae wollte vorbeikommen, wieso?“ Ich hielt inne. Was…hatte er gerade gesagt? Byung ging die Treppe runter Richtung Tür. Ich hoffte inständig, dass es Mason und nicht Tae war, der hinter der Tür stehen würde! Byung wusste zwar nichts von meinem Date mit Mason, aber noch schlimmer wäre ein Taehyung, der davon Wind bekam! Ich betete und Byung öffnete die Tür. Davor stand…Mason! Puh, noch einmal davon gekommen…dachte ich bis ich die Gestalt hinter Mason sah! „Hey Tae…und Mason, richtig? Kann ich dir irgendwie helfen?“, begrüßte sie Byung, denn ich hatte meine Sprache verloren. Schnell riss ich meine Jacke vom Haken und schlüpfte in ein Paar weißer Geox. „Ähm, dann euch zwei einen entspannten Männerabend…ich bin dann mal weg!“ Ich wich Taehyungs geschocktem Blick aus und zog Mason am Ärmel hinter mir her…oder besser das wollte ich, doch er rührte sich kein Stück. „Ich werde gut auf Lynn achtgeben und bringe sie gegen zehn Uhr wieder.“ Er verbeugte sich kurz vor Byung und nahm dann meine Hand. „Also…kann es losgehen?“ Ich war knallrot geworden.

    93
    Was für ein Timing! Ein verdammt ungünstiges Timing! Wobei Byung wohl das kleinere Problem darstellte…schlimmer war die Tatsache, dass ausgerechnet Taehyung alles mitangesehen hatte. „Lynn? Alles gut?“ Wir waren unterwegs zur U-Bahn-Station…Händchen haltend wie mir gerade auffiel. Ich wollte langsam meine Hand wegziehen, doch in dem Moment verstärkte sich sein Griff. „Mason?“ Er sah weiter nach vorn. „Nur bis wir bei der U-Bahn sind…“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Na gut, ich ließ es ihm durchgehen. „Also…wo gehen wir eigentlich hin?“ Er grinste nur. „Mmh, ist ne Überraschung.“ Ich verzog mein Gesicht. „Aber es wird dir gefallen…“, lachte er. Ach ja? Und da war er sich so sicher, weil…? „Du hast deinem Bruder also nichts von unsrem Date erzählt?“ Ich schluckte. Hätte ich das tun sollen? Naja, dann hätte ich immerhin gewusst, dass Tae heute kommt und mich früher vom Acker machen können. Ich hätte Taehyung zudem echt zugetraut, uns zu folgen…doch nach ein paar Mal umdrehen, konnte ich diesen Gedanken wieder verdrängen. Vielleicht hatte Byung ihn einfach irgendwo eingesperrt, wo er jetzt schmollte und Mason verfluchte. Oder ich hatte einfach zu viel Fantasie? Erst jetzt bemerkte ich die Kälte an meiner rechten Hand. Verwirrt sah ich sie an. „Die U-Bahn kommt gleich…“ Ich sah mich um. Wie durch ein Wunder befanden wir uns auf Gleis 4 der U-Bahn-Station. Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, Treppenstufen hinab gegangen zu sein! „Sag mal, wo bist du mit deinen Gedanken? Du hast hier ein Date mit einem verdammt gutaussehen Typen, der versucht, dein Herz zu gewinnen, aber alles was du anstarrst ist der Boden. Vielleicht sollte ich versuchen, dich wach zu küssen?“ Plötzlich war sein Gesicht direkt vor meinem. Vor Schreck hielt ich die Luft an. Doch Mason richtete sich wieder auf und seufzte. „Belastet es dich so sehr, dass dein Cousin uns zusammen gesehen hat?“ Er seufzte. „Ich merk schon, mein Ziel wird es heute sein, dich von sieben ganz bestimmten Typen abzulenken. Um dich für mich zu gewinnen, gibt es wohl keine andere Möglichkeit als BTS zu überbieten…“

    Ich schüttelte meinen Kopf. Jetzt war Schluss mit dem Sorgen machen! Sollte Taehyung machen, denken und den anderen erzählen, was er wollte. Den einzigen Typen, den ich jetzt im Kopf haben sollte, war Mason. Immerhin wollte ich ihm eine ernstgemeinte Chance geben! Mit der U-Bahn fuhren wir etwa eine halbe Stunde, bevor Mason mir deutlich machte, die nächste sei unsere Station. Wieder unter freiem Himmel folgte ich weiter Mason. Doch nach weiteren fünf Minuten Fußmarsch erhob sich vor uns eine große Halle, auf die wir gerade zusteuerten. Es sah aus wie…eine Sporthalle? „Ähm…Mason?“ Er drehte sich nur zu mir um und grinste breit. Schon allein das Wort Sporthalle ließ meine Stimmung in den Keller rutschen. Wir reihten uns in eine Schlange ein und Schritt für Schritt kamen wir dem Eingang näher. „Herzlich Willkommen. Dies ist eine freie Veranstaltung, aber wir freuen uns über jede Spende.“ Bevor ich reagieren konnte, hatte Mason schon ein paar Scheine in die Schale geworfen. „Vielen Dank. Ich hoffe, Ihnen gefällt unsere kleine Show.“ Show? Wo waren wir und was würde hier gleich passieren? Selbst auf Zehenspitzen konnte ich keinen Blick in die Halle erhaschen, da vor mir einfach zu viele Menschen gingen. Ich merkte nur eins, dass es kälter wurde. „Hast du Lust auf Popcorn?“ Gab es eine Zeit, in der ich keine Lust auf Popcorn hatte? „Klar, immer doch. Aber verrate mir endlich, wo wir hier sind!“ Er zwinkerte. „Wirst du gleich sehen…“ Mit einer Tüte Popcorn und zwei Softdrinks betraten wir den Rang einer Tribüne.

    „Wo wollen wir sitzen?“, hörte ich Mason fragen, doch ich war wie angewurzelt stehen geblieben. In der Mitte der Halle befand sich eine große Eisfläche. Mein Herz zog sich zusammen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte! Schockiert sah ich zu Mason. „Wehe, du machst dich jetzt vom Acker!“ Er zog mich am Ärmel zu zwei leeren Plätzen und drückte mich in den Sitz hinein. „Ich weiß, dass dieser Anblick vieles in dir aufwühlt…“ Verdammt richtig! Also warum…! „…, aber bitte gib dem Ganzen eine Chance. Es ist nicht so, dass du Sport hasst und dich damit abgefunden hast und deshalb das Thema vermeidest. Du gehst der Sache nur aus dem Weg, aus Angst deine Entscheidung in Frage zu stellen.“ Ich riss mich zusammen, ihn nicht anzuschreien. „Ach, und das hier ist jetzt, um mich zu der OP zu überreden oder was soll der Scheiß!“, zischte ich. „Nein. Ich werde dir nichts einreden und es gibt in dieser Sache auch kein Richtig oder Falsch. Warum wir hier sind? Weil es dir gefallen wird.“ Ich stopfte mir Popcorn in den Mund und ließ mich gegen die Lehne sinken. „Wer’s glaubt…“ Ich bezweifelte, dass meine Laune noch mal den Keller verlassen würde. Eiskunstlaufen. Meine Liebe dazu, hatte sich vor Jahren zu Hass entwickelt und ich könnte jedes Mal alles kurz und klein schlagen, wenn ich auch nur Leute auf Weihnachtsmärkten Schlittschuhlaufen sah. Konnte er die Sache nicht einfach ruhen lassen? Warum versuchte er mir nur immer wieder einzureden, diese OP machen zu lassen? Tja, selbst schuld Lynn, du musstest ihm ja unbedingt dein Herz ausschütten!

    94
    Wir sprachen kein Wort. Ich futterte das Popcorn und hoffte, die Show würde schnell vorbei gehen. Das Licht auf den Tribünen wurde gedimmt und die Eisfläche spiegelte sich im Licht der Scheinwerfer. Es sah wunderschön aus. Verlockend. Ich schüttelte meinen Kopf. Denk nicht mal dran, Lynn! Eine Frau mittleren Alters schlitterte in die Mitte. „Es freut uns unglaublich, dass so viele heute gekommen sind.“ Pah! Wahrscheinlich wurde die Hälfte wie ich einfach hierher verschleppt! „Das heutige Thema, unter dem diese Show läuft, wurde diesmal von unseren Nachwuchsschülern selbst gewählt und gestaltet. Es lautet All About KPOP. Aber bevor ich zu viel verrate, sollen sie Ihnen lieber selbst präsentieren, was sie auf die Beine gestellt haben. Einen großen Applaus bitte und viel Spaß.“ Mmh? Hat sie gerade K-POP gesagt? Ich lehnte mich nach vorne, um besser sehen zu können. Es waren keine Profis, die hier das Eis betraten, sondern kleine Kinder, die vielleicht im Grundschulalter waren. Jeder der Kleinen trugen zur Sicherheit Knie- und Ellenbogenschützer. Selbstbewusst versammelten sich ein paar von ihnen in der Mitte. Erst jetzt fielen mir die T-Shirts mit den verschiedenen Beschriftungen auf. Mein Gesicht entspannte sich als ich das BTS-, EXO-, SEVENTEEN- und B.A.P.-Logo erkannte. Jeweils vier der sechszehn Kids trugen ein bestimmtes Logo dieser, mir sehr bekannten, K-Pop Groups. Sie verbeugten sich kurz gemeinsam bevor nur die vier mit den SEVENTEEN-Shirts im Zentrum stehen blieben. Im nächsten Moment ertönte Musik und ich vernahm das Klatschen, welches Seventeens Clap ankündigte. Es war keine aufwendige Kür, die die Kinder vollführten, sie tanzten vielmehr zu den Liedern, naja, so gut dies mit Schlittschuhen ging. Das Lied wechselte zu BTS‘ Danger und vier weitere Schüler betraten das Eis. Die einzelnen Songs waren zu einem Medley zusammengeschnitten und so wechselte die Musik von Danger zu Lotto zu Just Right und wieder zu BTS. Ich war so von ihrer Choreographie in den Bann gezogen, dass ich gar nicht merkte, wie viel Zeit schon vergangen war. Erst als sie ihren letzten Song ankündigten, wurde mir bewusst, dass ich seit fast neunzig Minuten hier saß, obwohl ich hätte schwören können, es wären noch nicht einmal zehn gewesen. Ihr letztes Lied präsentierten sie zusammen zu EXOs neusten Song Love Shot. Als sie endeten, ertönte ein größerer Applaus, als Seventeen wahrscheinlich zu ihrem Clap bekommen hatten! Mit überglücklichen Gesichtern verbeugten sich alle sechszehn und verließen dann die Eisfläche.

    „Ich will mich ja nicht aufspielen, aber…ich hab’s dir gesagt!“, flüsterte mir Mason ins Ohr und weckte mich aus meiner Trance. „Was?“, fragte ich verwirrt. „Ich hatte recht damit, dass es dir gefallen wird.“ Ich nickte widerwillig. „Ja, ich gebe es ja zu. Es war völlig anders, als ich es erwartet hatte.“ Die ersten verließen bereits die Halle. Mason atmete hörbar aus. „Gott sei Dank. Ich dachte wirklich, ich hätte verkackt, aber richtig. Du hast mich mit diesem Todesblick angesehen und ich dachte, du schmeißt das Date und schießt mich zum Mond!“ Er fuhr sich durch die blauen Haare. Todesblick? Ich? Naja, so effektiv konnte er ja nicht sein, wenn Mason mich immer noch mit seinem anzüglichen Grinsen ansehen konnte. „Okay, wie wäre es, wenn wir uns was zum Essen besorgen?“ Ich stand langsam auf und schaute auf die leere Popcorntüte in meiner Hand. „Aber wir hatten doch gerade Popcorn…“ Er verschränkte die Arme. „Also erstens hast du mir nicht mal einen Krümel davon abgegeben und zweitens weiß ich genug über dich, um zu sagen, dass du immer noch Hunger hast!“ Äh wie peinlich? Aber…mein Bauch gab Mason einen Pluspunkt, dieser verdeutlichte mir nämlich, wie sehr er sich über Nachschub freuen würde. Man, war ich dankbar für die Gene, die dafür sorgten, dass ich mir nicht alle paar Wochen neue Hosen kaufen musste, wenn ich nur auf die Waage sah. „Bin dabei. An was hast du gedacht?“ Wir verließen mit als Letzte die Sporthalle und freute mich, dass die späte Frühlingssonne noch immer hoch am Himmel stand. „Das kommt darauf an, worauf du Lust hast. Eher Kaffee und Kuchen oder lieber Nudeln oder etwas mit Fleisch?“ Obwohl ich sonst schnell zum Fleischtarier mutierte, war mir jetzt noch nicht nach Abendessen. „Kaffee und Kuchen klingt super.“, lächelte ich Mason an. Dieser schüttelte seinen Kopf. „Eben hast du mich noch vollgezickt und jetzt zeigst du mir dieses engelsgleiche Lächeln...du bist wirklich unfair, weißt du das? Aber soll ich dir was sagen?“ Er beugte sich dicht, etwas zu dicht, wenn ihr mich fragt, an mich heran. „Ich liebe alle Seiten von dir, selbst die, die ich noch nicht kenne. Ich freue mich schon darauf noch viel mehr von dir kennen zu lernen…“, flüsterte er mir ins Ohr, wobei seine Lippen leicht daran streiften. Ruckartig wich ich zurück und schlug mir die Hand aufs Ohr. Könnte jemand bitte die 112 wählen? Mein komplettes Gesicht war wortwörtlich ON FIRE!

    95
    Auf dem Weg zum nächstgelegenen Café versuchte ich mir wieder eine natürliche Gesichtsfarbe zuzulegen, aber Masons Hand, die erneut meine hielt, war dabei eher kontraproduktiv. Aber dennoch…noch nie hatte ein Junge zuvor meine Hand gehalten. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Es ließ mich schüchtern und aufgedreht zugleich werden. „Wie wäre es mit dem dort drüben?“, fragte mich Mason und deutete auf eine Caféfront auf der anderen Straßenseite. „Okay, sieht gemütlich aus.“ An der nächsten Fußgängerampel überquerten wir die Straße und betraten das bereits gut gefüllte Café. Zu unserem Glück fanden wir noch einen freien Tisch in einer der hinteren Ecken. Ich setzte mich auf die sofaähnliche Bank und hatte erwartet, Mason würde sich mir gegenüber auf einen der zwei Stühle setzen, doch stattdessen plumpste er wenige Centimeter neben mir auf das Polster. Da nur eine Karte auf dem Tisch stand, legten wir sie so, dass wir gleichzeitig darin blättern konnten. Schon nach wenigen Blicken wusste ich, was ich wollte. Als die Bedienung kam, bestellte ich freudig einen Erdbeermilchshake und ein Stück Käsekuchen mit weißer Schokolade. Mason dagegen nahm nur einen Kaffee. „Willst du gar nichts essen?“, fragte ich ihn, wissend, dass er eben ja schon kein Popcorn gegessen hatte. Er lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. „Mein Bauch kribbelt zu doll, weil so ein hübsches Mädchen neben mir sitzt und da kriege ich keinen Bissen runter.“, grinste er mich an. Ich verdrehte die Augen. „Übertreib nicht!“ Er lachte leise. „Was? Traust du mir nicht zu, dass ich vor Aufregung ein Kribbeln im Bauch habe?“ Das tat ich tatsächlich nicht. Im nächsten Moment kamen auch schon der Kaffee, Milchshake und mein Stück Kuchen an. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. „Na dann lass es dir schmecken Lynn.“ Worauf er wetten konnte!

    Ich wusste nicht, was besser schmeckte. Der süße, fruchtige Milchshake oder der cremig-leichte Kuchen. Es war beides einfach himmlisch! „Hey, ich habe das Gefühl, der Kuchen bringt dich mehr zum Lachen als ich dich. Lass mich mal kosten!“ Er versuchte mir die Gabel wegzuschnappen, aber ich riss sie schnell an mich. „Nix da!“ Er grinste schelmisch. „Gut. Dann füttere mich eben…Ah…“ Mit offenen Mund wartete er auf seinen Anteil meines Kuchens. Ich schaute mich um. Zum Glück waren alle Leute mit sich selbst beschäftigt, sodass niemand auf uns achtete. „Vergiss es!“, funkelte ich ihn an. „Ich höre nicht auf bis ich was kriege…ah…“ So ein Mist, jetzt starrten ein paar Mädchen vom Nachbartisch zu uns herüber und fingen auch schon mit dem Getuschel an. Ach was soll’s! In der nächsten Sekunde stopfte ich ihm ein Stückchen Kuchen in den Mund. Genüsslich kaute er darauf rum und schluckte zufrieden. „Ja, definitiv lecker.“, grinste er. Das kleine Glockenspiel klirrte, als die Tür geöffnet wurde und ein Pärchen das Café betrat. Sie schauten sich um, doch wir hatten vor ein paar Minuten den letzten freien Tisch in Beschlag genommen. Plötzlich blieb der Blick des jungen Mannes an mir hängen. Er nahm die Sonnenbrille ab und erst jetzt erkannte ich, wer sich unter dem Cappy versteckte. „Das darf doch nicht wahr sein! Die sind ja wie Parasiten, immer da, wo du bist…“, grummelte Mason, der zu meiner Überraschung Hoseok genauso schnell erkannt hatte wie ich. Dieser kam nun auch zu uns rüber zusammen mit seiner Begleitung. Moment…war das das Mädchen, welches er mochte? D-Dann hatten sie jetzt gerade ihr Date! Stopp. War es überhaupt an mir auszuflippen? Immerhin war ich doch in derselben Situation! „Lynn? Bist du das etwa? Und?“ Hoseok sah zu Mason. „Hi, ich bin Mason, freut mich.“ Hoseok sah abwechselnd zwischen uns hin und her. „Oh, ah ich bin Hoseok…ein Freund von Lynn. Entschuldigt, dass wir euch stören…“ Mason lächelt ihn an. „Ach was! Setzt euch doch zu uns…sonst ist hier eh nichts mehr frei.“ Dankend nahm Hoseok das Angebot an. Ich trat gegen Masons Bein und sah ihn mit einem Was soll das? Blick an. „Glaub mir, am liebsten würde ich dich mir einfach über die Schulter schmeißen und abhauen, aber das erschien mir dann doch nicht so ganz angemessen…“, flüsterte er mir so unauffällig wie möglich ins Ohr. Zugegeben, ich war schon neugierig auf das Mädchen, welches nun gegenüber von mir Platz nahm, aber die Situation war einfach nur merkwürdig. Mason starrte Hoseok an, der wiederum mich und ich starrte das Mädchen an, welches sich gerade als Yuna vorstellte. Meine Güte…der heutige Tag war echt voller Highlights. Nicht nur, dass ich mein erstes Date hatte, nein, es hatte sich gerade in ein Doppeldate verwandelt!

    96
    „Also…ähm…habt ihr euch hier zum Lernen getroffen oder…“ „Wir haben ein Date…so wie ihr nehme ich an.“. unterbrach Mason Hoseok. Dessen Blick huschte kurz zu mir, bevor er antwortete. „Ja, das stimmt.“ Hoseok schweig, anscheinend komplett überrumpelt von der Situation. Mason starrte ihm währenddessen ein Loch durch die Stirn. Ich schlürfte genüsslich an meinem Milchshake und fühlte mich, wie auf einer dieser Familienfeiern, wo man nie hinwollte, aber immer mitgeschleift wurde. „Wenn ihr ein Date habt, dann heißt das, dass ihr ein Paar seid, richtig?“, grinste mich Yuna als Einzige unbeschwert an. Hoseoks Blick schoss erneut zu mir und meiner zu Mason. Moment…warum eigentlich? Ich musste mich doch nicht erst mit ihm austauschen… „Nein.“ „Ja!“, antworteten Mason und ich gleichzeitig. Yuna lachte und man hatte sie ein schönes Lachen. „Was meinst du, ja?“, funkelte ich Mason an. „Na gut, du hast noch nicht zugestimmt, aber du machst Fortschritte. Mit der Hochzeit können wir ja noch etwas warten…“, neckte er mich. „Scherzbold! Ich kann mich nicht erinnern, einer Beziehung zugestimmt zu haben!“ Mason legte einen Arm um mich und näherte sich meinem Gesicht. „Du meinst, du hast noch nicht zugestimmt. Keine Sorge, du bist bei mir gut aufgehoben.“, flüsterte er laut genug, sodass unsere Gegenüber es deutlich hören konnten. Hoseok räusperte sich. „Ich weiß ja nicht, wie das bei euch in Amerika läuft, aber hier dürfen Mädchen noch selbst entscheiden, wen sie daten und wen nicht! Also solange Lynn nicht ihre Zustimmung gibt, nimmst du mal bitte deine Hände von ihr!“, seine Stimme klang tiefer als sonst. Es klang…wie eine Warnung. Mason hatte den Unterton natürlich auch wahrgenommen. Doch anstatt von mir abzulassen, zog er mich zu sich heran, sodass ich sein Kinn auf meinem Kopf spürte. „Ich weiß ja nicht, wie das hier in Korea ist, aber in Amerika haben sich Fremde aus dem Liebesleben anderer rauszuhalten!“ Ich spürte seine Brust mit jedem Wort vibrieren. Hoseok ballte seine Hand zur Faust. „Ich bin aber kein Fremder, ich bin Lynns Freund!“ Mason grinste. „Aber als fester Freund stehe ich in der Rangordnung über dir…“ „Du bist aber nicht ihr fester Freund!“, stieß Hoseok so laut hervor, dass sich einige Gäste der Nachbartische zu uns umdrehten. Es war Yuna, die die beiden Streithähne zum Schweigen brachte. „Reißt euch doch bitte zusammen! Hier sind noch andere Gäste, die versuchen in Ruhe zu essen. Zudem hat Lynn auch noch Mitspracherecht, also hört auf sie wie einen Gegenstand zu behandeln. Ich bin mir sicher, sie weiß, was sie will und was nicht, nicht wahr?“ Ich drückte mich von Mason weg und nickte. Wow, also schüchtern war sie schonmal nicht.

    Nach dieser Aktion schwiegen die beiden Streithähne erstmal, während Yuna sich ein großes Stück Erdbeertorte einverleibte. Sobald das letzte Stück heruntergeschluckt war, rief Mason auch schon nach der Rechnung, wofür er von Hoseok einen bösen Blick zugeworfen bekam, den er aber schlicht weg ignorierte. Ich spürte, wie Yuna mich mit ihrem Fuß anstupste und sah sie fragend an. „Lynn und ich gehen noch mal kurz auf die Toilette…“ Ach ja? Tun wir das? Sie stand auf und zog mich einfach mit sich. Die beiden Jungs schauten uns verwirrt nach. Bei den Toiletten angekommen, überprüfte Yuna die Kabinen. „Okay, keiner da.“ Äh…ja? Sie schlug ihre Hände zusammen. „Bitte hilf mir!“ Was? Wobei? „Ich muss irgendwie von Hoseok wegkommen.“ „Bitte?“, fragte ich nicht ganz begreifend, was sie meinte. „Na, wir sind ja auch irgendwie gerade auf einem Date, aber…ich sehe ihn nicht so! Ich verehre ihn, als J-Hope von BTS, aber ich will nicht Hoseok als festen Freund! Ich liebe, wie er singt und tanzt, aber ich liebe nicht ihn! Das wäre mir viel zu anstrengend, den ganzen Tag schon wird er von anderen Leuten erkannt und dann starren sie mich an mit diesen Mörderblicken und ich kann nicht mehr gute Miene zum bösen Spiel vortäuschen. Du bist eine gute Freundin von ihm…kannst du dich nicht krank stellen, sodass er sich Sorgen macht und dich nach Hause bringt? Bitte?“ Ich war kurz davor, ihren Kopf ins nächste Klo zu stopfen! „Du willst, dass ich vortäusche, krank zu sein, sodass du von Hoseok wegkommst?“ Sie nickte. „Und dann? Er wird dich anrufen…willst du ihn dann einfach ignorieren?“ Sie sah betreten zu Boden und nickte wieder. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! „Wieso hast du dann überhaupt zugestimmt mit ihm auf ein Date zu gehen?“, versuchte ich meine Stimme im Zaum zu halten. „Na, er ist J-Hope! Der J-Hope und da kann ich ihm doch keine Abfuhr geben!“ Meine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Aber mit seinen Gefühlen zu spielen, findest du okay?“ Sie spielte mit ihren Fingern, schwieg aber. „Das einzige Ehrliche, was du jetzt noch machen kannst, ist ihm zu sagen, was du wirklich denkst. Es hilft ihm auch nicht, Ausreden zu erfinden, sodass er sich falsche Hoffnungen macht!“ Man, er wird jetzt schon am Boden zerstört sein! Was sollte ich nur tun? Ich konnte nichts tun! Sie wird ihn verletzen und ich…wie konnte ich ihm helfen? Ich war mit Mason hier, nicht mit Hoseok. „Okay. Verstanden. Dann beende ich die Sache.“ Damit verließ Yuna das Bad und ich hätte am liebsten in einen der Spiegel geschlagen!

    Die Jungs hatten jeweils bezahlt und so verließen wir das kleine Café. Die Sonne hatte sich hinter ein paar Wolken verkrümelt. Passte ja zu Yunas Vorhaben. „Also dann, man sieht sich…“, verabschiedete sich Mason von Hoseok. Dieser sah nicht begeistert aus, mich mit dem großen bösen Wolf ziehen zu lassen, aber er verkniff sich Weiteres. „Lynn, wir sehen uns demnächst, ja?“ Ich versuchte zu lächeln, doch meine Mundwinkel fanden nicht den Weg nach oben. „Ja, klar.“, sagte ich leise. Damit nahm Mason erneut meine Hand und zog mich hinter sich her. „Was hältst du davon, wenn wir noch etwas durch den Park schlendern und reden?“ Ich nickte. Doch nach wenigen Schritten blieb ich stehen. Mason sah mich verwirrt an. Ich ließ seine Hand los und sah ihm in die Augen. „Kannst du hier kurz warten? Ich…muss noch etwas Dringendes mit Hoseok klären! Warte hier auf mich, ja? Ich komme auch wieder, versprochen!“ Ich drehte mich um und rannte los. Hatte Yuna ihm wirklich einen Korb gegeben? Und wenn ja, was sollte ich sagen? Wie sollte ich ihm helfen? Ich kam am Café an und drehte mich im Kreis. Shit! Waren sie noch woanders hingegangen? Dann entdeckte ich ihn. Hoseok saß unter einem Baum am Rande der Straße auf einer Bank. Allein. Vorsichtig bewegte ich mich auf ihn zu. Ich blieb direkt vor ihm stehen. „Hoseok?“ Keine Reaktion. „W-Wo ist Yuna?“ Als ob ich es nicht wusste! Dieses verdammte Gör hatte sich vom Acker gemacht, nachdem sie ihm das Herz gebrochen hatte! „Hey, Hoseok…rede bitte mit mir.“, versuchte ich es erneut. „Lass mich einfach in Ruhe!“ Mit einem Satz sprang er auf und drängte sich an mir vorbei. Ich taumelte ein paar Schritte zurück. Ich vernahm ein Klingeln und realisierte zu spät, dass ich auf dem Fahrradweg stand. Die rechte Lenkerseite traf mich am Rücken und ich stürzte nach vorn. Blitzschnell riss ich meine Hände nach vorn, um mich abzufangen. Mein rechtes Handgelenk knickte unter der plötzlichen Last weg, doch es hatte gereicht, um meinen Sturz zu bremsen. Meinem Knie ging es gut. Ich wollte gerade erleichtert aufatmen, als mir ein schrecklicher Schmerz durchs Handgelenk schoss. Sofort stiegen mir Tränen in die Augen. „Scheiße Lynn!“ Plötzlich kniete Mason neben mir. „Bist du auf dein Knie gefallen?“ Ich schüttelte den Kopf. „A-Alles o-okay. N-Nur mein H-Handg-gelenk tut e-etwas w-weh…“, stotterte ich unter lauten Schniefern. Mit wutverzehrtem Gesicht stapfte er auf Hoseok zu, der völlig neben sich ein paar Meter weiter stand. Mason holte aus und…Hoseok fiel zu Boden. Kurzerhand beugte Mason sich über ihn und zog ihn am Shirt hoch. „Dafür wirst du büßen! Ich schwöre, könnte Lynn jetzt wegen dir nie wieder laufen, dann würde ich dein kleines beschissenes Leben zur Hölle machen!“, knurrte er. „Du kannst mich mal!“ Hoseok stieß Mason von sich, welcher nicht mit so viel Kraft gerechnet hatte. Im nächsten Moment revanchierte sich Hoseok für Masons Kinnhaken, was dieser nicht auf sich sitzen ließ und erneut auf Hoseok losging.

    97
    „Geht es dir gut? Es tut mir leid, du standst auf einmal auf dem Radweg und ich konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen…“ Der etwa fünfunddreißigjährige Mann half mir vorsichtig hoch. Sein Fahrrad stand wenige Meter weiter am Rand des Weges geparkt. „Soll ich dich zum Krankenhaus bringen? Oder gleich einen Krankenwagen rufen? Wie schlimm bist du verletzt?“ Er sah sichtlich besorgt aus, obwohl er noch nicht einmal wirklich etwas für die Situation konnte. Ich zwängte schnell die Tränen zurück und versuchte so ruhig wie möglich zu wirken. „Nein, dass ist wirklich nicht nötig. Es muss eher mir leid tun. Sie haben sich sicher erschreckt, als ich plötzlich vor Ihnen stand. Entschuldigen Sie bitte und danke für Ihre Fürsorglichkeit. Es ist wirklich alles in Ordnung.“ Mal abgesehen von den beiden Raufbolden, die sich ein paar Meter weiter gegenseitig ins Krankenhaus prügeln wollten…da würde es jedenfalls enden, wenn ich nicht demnächst, was dagegen tat! „Mmh, mir wäre es zwar lieber, wenn dich jemand im Krankenhaus untersuchen würde, aber ich will dich zu Nichts zwingen. Also…pass auf, bevor du dich doch noch schlimmer verletzt, okay?“ Ich nickte freundlich und damit setzte der Mann seinen Weg fort…Mason und Hoseok hatte er komplett ignoriert. Dennoch waren mittlerweile viele Menschen auf die beiden aufmerksam geworden und ich hörte eine Frau fragen, ob sie die Polizei alarmieren sollte. Ich stürzte auf Mason zu, der gerade zum x-ten Mal auf Hoseok losgehen wollte und schlang meine Arme von hinten um seinen Bauch. Sofort verstärkte sich der Schmerz in meinem Handgelenk. „Mason! Bitte hör auf! Ich will nicht Bekanntschaft mit koreanischen Polizisten machen…“ Ich hörte ihn schwer ein- und ausatmen und spürte seinen schnellen Herzschlag. Jede Faser seines Körpers war angespannt. „Mason! Bitte!“, flehte ich ihn an. Sein Körper entspannte sich langsam. Bedächtig löste ich meinen Griff. Er drehte sich zu mir und nahm mein Gesicht in seine Hände. Seine Lippe war aufgeplatzt und an seinem rechten Kieferknochen zeichnete sich ein leichter Bluterguss ab. Warum? Warum war ich nur der Meinung gewesen, Hoseok hinterher zu rennen, um ihn trösten zu müssen?

    „Lass uns zum nächstliegenden Krankenhaus gehen, sodass sie sich dein Handgelenk anschauen können. Tut dir sonst noch etwas weh? Hast du große Schmerzen?“ Ich schüttelte leicht den Kopf. „Du siehst viel schlimmer aus als ich…“ Er grinste etwas. „Und? So ein bisschen Blut steht mir, oder? Ich sehe gleich noch viel sexiger aus, wenn das bei mir überhaupt noch zu steigern ist…“ Ich atmete erleichtert aus. Da war er wieder, der normale Mason. Der eisige Blick war verschwunden und seine Augen leuchteten wieder in einem warmen Blau. „Okay, auf geht’s!“ Etwas überrumpelt hob Mason mich hoch. Verdutzt sah ich ihn an. „Mein Handgelenk tut weh, aber ich wüsste nicht, dass mich das beim Laufen beeinträchtigt…?“ Mason setzte sich in Bewegung. „Ich will nur auf Nummer sicher gehen, dass dein Knie wirklich nichts abgekriegt hat. Außerdem sind es nur knappe zehn Minuten bis zum nächsten Krankenhaus.“ Ich legte keinen Einspruch ein. Zum einen hatte ich etwas Angst, dass mein Knie tatsächlich etwa abgekriegt hatte, obwohl es nicht weh tat und zum zweiten hatte ich so weiche Knie, dass ich mir nicht sicher war, ob ich in der Lage war, mich selbstständig fortzubewegen. Mein Blick glitt über Masons Schulter zu Hoseok. Er sah…verloren aus. Seine Augen waren leer, emotionslos. Es tat im Herzen weh, ihn so zu sehen. Ihm ging es doch schon schlecht genug, aber durch meine dämliche Aktion hatte er jetzt wahrscheinlich auch noch körperliche Schmerzen. Ich hätte schreien können. Lynn, du bist so eine Niete! „Ich hätte dich einfach über meine Schulter schmeißen und einen Abflug machen sollen, als dieser BTS-Schnösel hereinspaziert kam!“ Ich war nicht die Einzige, die sich Vorwürfe machte. „Aber meine Fresse, wer hätte gedacht, dass der Typ noch was anderes kann als tanzen! Vor seiner linken Faust muss man sich echt in Acht nehmen…“, grummelte er. „Ja, das kann man deinem Gesicht durchaus ansehen…“ Mason schnaubte. „Pah! Du musst mal sein Gesicht sehen! Oder nein! Ich will, dass du sein Gesicht nie wieder siehst! Es war offensichtlich seine Schuld und was macht er! Dumm rumstehen!“

    Mason betrat den Empfangsbereich einer Klinik und sofort kam eine Schwester auf uns zu. „Ach herjeh! Was ist Ihnen denn zugestoßen? Wo haben Sie Schmerzen?“ Vorsichtig ließ mich Mason runter. „Bitte untersuchen Sie ihr rechtes Handgelenk und…ach was. Untersuchen Sie sie bitte von Kopf bis Fuß!“ Ich verdrehte die Augen. „Das hab ich gesehen Princess… Ich will nur sichergehen, dass du nicht doller verletzt bist, als du zugibst.“ Die Schwester legte leicht ihre Hand auf meinen Rücken. „Ich bringe Sie zum Arzt und was Sie angeht…“, sie sah Mason an, „…ich bin gleich zurück und versorge ihre Gesichtsverletzungen.“ Mason wedelte mit der Hand. „Ach, das ist wirklich nicht nötig…ist nur halb so wild.“ Die Schwester schnalzte mit der Zunge. „Keine Ausreden! Ich bin gleich zurück, warten Sie bitte hier.“ Sie brachte mich in einen Raum und ich setzte mich auf den Rand einer Liege. „Der Arzt kommt sofort. Ich schaue mir dann mal ihren Freund an…er scheint sich für Sie ja mächtig ins Zeug gelegt zu haben…“ Sie zwinkerte mir zu und verließ dann den Raum. Haha. Zum Lachen war mir nicht so. Wer hätte gedacht, dass mein erstes Date in einem Krankenhaus endet? Also ich nicht… Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, dem Arzt vom Unfall zu erzählen und nachdem er sicher gegangen war, dass, bis auf mein Handgelenk, alles unversehrt war, wurde ich zum Röntgen geschickt. Als dies vollbracht war, wurde ich zurück ins Arzt Zimmer geschickt, wo Mason bereits auf einem der Stühle auf mich wartete. Das bisschen Blut war von seinem Gesicht verschwunden und seine Lippe zierte ein schmales weißes Pflaster. Der Bluterguss schimmerte in sämtlichen Farben. „Du siehst aus wie ein Raufbold…“, musste ich grinsen. Seine Mundwinkel zogen sich ebenfalls nach oben. „Dachtest du, alles, was ich kann, ist nur gut auszusehen? Wobei das schon eine meiner Stärken ist…“ Ich setzte mich neben ihn. „Tja, eine deiner Schwächen ist aber definitiv das Denken…sich einfach mit einem berühmten Idol am helllichten Tag zu prügeln…“ Er wuschelte mir durch die Haare. „Ich wollte schon immer mal auf der Titelseite von irgendwelchen Klatschmagazinen sein…“

    98
    „Frau Stebach, sie hatten Glück im Unglück. Ihr Handgelenk ist nicht gebrochen. Aber Sie haben es sich leider verstaucht. Während Ihres Sturzes haben sich die Gelenkkapseln und anhängenden Kollagenfasern überdehnt, da jedoch keine Fasern gerissen sind, müssen Sie sich nicht allzu viele Sorgen machen. Einen Gibbs ist nicht nötig, ich werde Ihnen jedoch einen kleinen Verband anbringen zur Stabilisierung. Sie sollten Ihr Handgelenk auf jeden Fall kühlen und in den nächsten Tagen nicht überstrapazieren, sonst besteht doch noch die Gefährdung eines Faserrisses. Auch wenn der Schmerz weg ist, würde ich Ihnen raten, noch eine Woche zu warten, bevor Sie es wieder richtig belasten. Haben Sie noch Fragen?“ Na toll. „Nein, habe ich nicht. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Nachdem er den Verband angebracht hatte, verabschiedeten Mason und ich uns von ihm. „Ich bin echt beruhigt, dass es dir soweit gut geht. Wenn du willst, kann ich die nächsten Wochen dein Butler sein. Du weißt schon, dir helfen beim Sachen tragen, Notizen machen und wenn du willst, auch beim Duschen…“ Ich schlug ihn mit der linken Hand. „Will ich sicher nicht!“ Wir schwiegen eine Weile auf dem Weg zurück. „Hey Mason…tut mir leid, dass ich unser Date versaut habe. Wäre ich Hoseok nicht hinterhergerannt, dann hätten wir uns den Krankenhausbesuch sparen können…“ Das hier sollte doch eine ehrlich gemeinte Chance sein, um ihn besser verstehen zu lernen, aber nein, ich mische mich lieber in Hoseoks Liebesleben ein. Ich sollte erstmal mein eigenes in den Griff kriegen! Mason gab mir einen Stubs mit seinem Finger am Kopf. „Red‘ keinen Unsinn! Ich weiß zwar nicht, was los war, aber du wolltest ihm helfen oder? Natürlich hättest du seine Probleme ignorieren können, aber so bist du nicht und das weiß und liebe ich an dir. In dem Sinne ergänzen wir uns perfekt. Ich habe genug Egoismus für uns beide übrig…“ Mein Herz machte einen Sprung, weil er so rücksichtsvoll war…oder war es, weil er indirekt gesagt hat, dass er mich liebte? Egal, ich fühlte mich besser. Wir waren fast an meinem Haus angekommen. „Wenn du willst, kann ich noch mitreinkommen und deinen Eltern erklären, was vorgefallen ist und mich entschuldigen, immerhin sollte ich auf dich aufpassen…“ Ich schüttelte den Kopf. „Besser nicht! Ich…mach das schon.“ Mason sah enttäuscht aus. Hatte ich ihn mit meinen Worten verletzt? „Okay, dann…sehe ich dich Montag oder wir schreiben?“ Hä? Mehr nicht? „Ähm, ja. Willst…du gar keine Antwort von mir?“, fragte ich unüberlegt und biss mir zugleich auf die Unterlippe. Er zog mich zu sich heran und ich spürte seinen warmen Atem an meinem Ohr. „Doch, aber…ich habe Angst vor der Antwort. Also, schlaf gut und träum von mir, ja?“ Er hauchte einen Kuss auf meine Stirn. Dann ging er.

    Wie von selbst fuhr meine Hand über die Stelle, wo noch ein leichtes Kribbeln zu spüren war. Nur blöd, dass es die rechte war und ich jetzt vor Schmerz fluchte. Aber dies holte mich zumindest in die Realität zurück. Kurzerhand wickelte ich den Verband ab und stopfte ihn in einen der Mülleimer am Straßenrand. Dann schloss ich die Haustür auf. „Lyyyyyyynn!“ Im nächsten Moment hing mir Taehyung um den Hals. „Was hast du mit diesem Mason gemacht? Nein! Was hat er mit dir gemacht? Hat er dir was angetan? Geht’s dir gut?“ Er umfasste mein Gesicht und quetschte meine Backen zusammen, sodass ich nicht antworten konnte, selbst wenn ich gewollt hätte. „Du bist ja ganz blass! Komm mit!“ Er zog mich ins Wohnzimmer und platzierte mich auf der Couch. „Ich hol dir etwas zu trinken und dann erzählst du mir, was er dir angetan hat, dass du so fertig aussiehst!“ Wenige Sekunden später hielt ich ein Glas Wasser in der Hand, in der linken wohlbemerkt, und Taehyung ließ sich neben mir aufs Sofa plumpsen. Der Plan war gewesen, so zu tun, als wäre nichts passiert, doch jetzt, wo Taehyung vor mir stand, kämpfte ich mit Tränen. Ich hatte Scheiße gebaut! Und die würde in den nächsten Tagen mächtig dampfen! Und sie würde Taehyung Probleme bereiten…nicht nur ihm, sondern ganz BTS. Erst jetzt wurde mir das eigentliche Ausmaß meiner Aktion bewusst. Im nächsten Moment klingelte Taes Handy. „Wieso hat Namjoon nur immer so beschissenes Timing?“, grummelte er und ließ von mir ab. „Hey Joon, sag mal, kann ich zurückrufen, weil…“ Dann hielt er inne. Nach weiteren zwanzig Sekunden legte er mit einem schlichten Okay auf. Er sah zu mir. „Das war Namjoon. Es gibt irgendeinen Notfall und es hat wohl mit Hobi zu tun…“ Mein Herz rutschte mir in die Hose. „Sorry Lynn, aber ich muss leider gehen und schauen, was los ist… Kann ich dich später anrufen?“ Ich nickte. Er stand auf und zog sich Schuhe und Jacke an. „Ach ja, ich sollte dir noch ausrichten, dass Byung schnell zum nächsten Supermarkt ist, um Abendessen zu besorgen…“ Ich nickte erneut. „Also dann, hab dich lieb Cousinchen!“ Er verließ das Haus. In Blitzeseile packte ich seinen Ärmel. Überrascht sah er mich an. „Ich…“ Fang jetzt bloß nicht an zu heulen, Lynn! „Es tut mir leid!“, platzte ich heraus. Verwundert zog er eine Augenbraue hoch. „Was tut dir leid?“ „A-Alles?“, stotterte ich. Er lachte. „Was redest du denn da? Du solltest dich wirklich hinlegen…etwas Ruhe wird dir gut tun. Also, ich melde mich später!“ Damit war er verschwunden. Seit zehn Minuten stand ich ungerührt an derselbe Stelle und wusste nicht, was ich tun sollte. Was ich tun konnte. Ob ich etwas tun konnte! Ich ging in die Knie und vergrub mein Gesicht in den Händen. Den Schmerz in meinem rechten Handgelenk ignorierte ich…



    99
    Die Haustür wurde geöffnet und ich nahm Schuhe wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt wahr. „Was zum…! Meine Fresse hast du mich erschreckt… Sag mal, willst du, dass ich über dich drüber falle? Was hockst du denn hier so vor der Tür am Boden rum? Zählst du die Staubkörner im Haus oder was?“ Ich sah zu ihm hoch und er seufzte. „Du siehst scheiße aus…“ Ich erwiderte nichts, denn mal ehrlich…so fühlte ich mich auch. „Okay, welchen Beruf muss ich heute ausüben? Therapeut oder doch Psychologe? Aber davor muss ich erstmal was essen…wie sieht’s bei dir aus?“ Ich schüttelte den Kopf. „Was so schlimm? Hätte nicht gedacht, dass du mal eine Mahlzeit auslässt!“ Ich folgte ihm in die Küche und ließ mich auf einen Stuhl plumpsen. Er klappte eine Box mit frittiertem Hühnchen und Nudeln aus und stopfte sich eine fette Ladung in den Mund. Noch bevor er geschluckt hatte, fing er an zu sprechen. „Also…was gibt’s?“ Etwas kleinlaut fing ich an zu erzählen, was heute alles schiefgegangen war. Ich konnte beobachten, wie sich seine Miene verfinsterte. Als ich endete, schmiss er seine Gabel auf den Tisch. „Du….du!“ Ja, ich war ich und? Er seufzte fast gequält. „Du warst bei einem Arzt?“ Ich nickte zustimmend. „Und er hat auch dein Knie untersucht?“ „Nicht zu intensiv, aber doch so, dass er sicher war, dass es keinen Schaden genommen hat…“ Er hob seine Gabel wieder auf. „Gut, aber trotzdem gehst du morgen zu diesem komischen Doc, klar? Ich mag ihn zwar nicht, aber er scheint ganz kompetent zu sein…und ich will eine hundert prozentige Bestätigung, dass dein Knie in Ordnung ist und da ist es mir egal, ob ich dich dahin schleifen muss, klar?“ Ich hatte keine Lust, definitiv nicht, aber…wenn es ihn beruhigte… „Aber dafür bleibt der Vorfall unter uns! Wenn Mom davon Wind bekommt, dann lebe ich die nächsten Monate wie Rapunzel!“ Er schien ein wenig mit sich zu hadern, stopfte sich dann aber den letzten Rest Nudeln in den Mund und entsorgte den leeren Karton.

    „Okay, dann zum nächsten Punkt…Wenn der Arzt sagt, du sollst einen Verband tragen, dann mach das auch, du dumme Nuss! Komm mit, oben im Bad ist noch Verbandszeug…“ Ich trottete ihm hinterher. „Ich wollte doch verhindern, dass meine Mutter von dem kleinen Unfall erfährt…“ Er kramte in einer Schublade und wurde tatsächlich fündig. Sorgfältig, aber mit etwas Druck legte er ihn mir an. „So und den lässt du jetzt dran! Dann zieh halt einen langen Pulli und Handschule an mir egal.“ Ich verdrehte die Augen. „Wir haben bald Sommer!“ Er zuckte nur die Schultern. „Selbst schuld! Ach und was Hoseok angeht…also zunächst muss ich mich bei Mason bedanken, dass er den Job übernommen hat, sonst müsste ich jetzt noch einmal quer durch die Stadt fahren, um Hoseok eine reinzuhauen und dazu hätte ich gerade gar keine Lust. Und davon abgesehen bin ich mir sicher, BigHit kriegt das schon irgendwie in den Griff! Du willst gar nicht wissen, was Tae schon alles angestellt hat und ich bin mir sicher, seine Manager haben zweimal täglich Burnout, aber bisher ist alles vor der Öffentlichkeit versteckt oder verdeckt wurden. Worauf ich hinaus will, mach dich nicht fertig, dass du BTS auf dem Gewissen hast, ihr Label kennt sich in ihrem Beruf perfekt aus und die kriegen das auch ausgelöffelt! Und außerdem ist deine Gesundheit auch viel wichtiger als ihre Karriere!“ Ich sah ihn aus wässrigen Augen an. „Och nö! Nicht wieder Rumgeheule!“ Er kniff mir in die Wangen und zog daran. „Hör auf damit, dass tut weh!“, maulte ich. „Kann man an den Wangen eigentlich auch abnormal Speck haben?“ Ich versuchte ihn zu treten. „Ach halt die Klappe!“ Er ließ los. „Ah! Da ist ja ein Lächeln…der Beweis, dass mein Job getan ist. Und jetzt schlaf die Nacht drüber, morgen klärt sich bestimmt alles auf.“

    Wir hatten gerade das Bad verlassen, als es klingelte. „Haben Mom und Jongdae ihren Schlüssel vergessen?“ Byung schüttelte den Kopf. „Deine Mutter musste kurzfristig auf Dienstreise und mein Vater hat sie begleitet…“ Er öffnete die Tür und ein völlig aufgelöster Taehyung stürmte ins Haus. „Tae? Bist du nicht zur Gemeinschaftswohnung? Was machst du hier, es wird langsam spät und…“ Er hörte Byung keine Sekunde zu, sondern steuerte direkt mich an. Er packte meinen Kopf, sodass mich sein schneller Atem im Gesicht traf. „Lynn! Ich…Du…“, er schnaufte so doll, als wäre er gerade durch halb Seoul gerannt. „Du…wirst nicht sterben? Oder? Also…nicht oder? H-Hast du doll Schmerzen? Wo tut dir was weh? Vielleicht sollten wir noch einmal ins Krankenhaus…was, wenn du eine innere Verletzung hast, die sie nicht gesehen haben? Und…“ Byung schlug ihm mit der Faust auf den Kopf, wodurch er überrascht aufschreckte. „Willst du ihr noch hundert weitere Fragen stellen oder lässt sie sie auch antworten?“ Er sah wieder zu mir. „Lynn!“ Es war keine Frage, aber er wartete auf eine Antwort. „Tae, es tut mir leid. Du musstest vorhin so schnell weg und dann konnte ich dir nicht sagen, dass ich Mist gebaut habe, weil…“ Erneut war ein Klingeln zu hören. Byung öffnete. „Ly-Lynn! Es tut mir so leid! Ich stand völlig neben mir und dann lagst du auf einmal am Boden und dann war da wieder dieser Typ und ich wollte das nicht!“ Hoseok trat zu uns in den schmalen Flur mit Jin im Schlepptau. Dieser grüßte mich nur kurz. Byung seufzte. „Kann ich die Tür schließen oder kommen noch mehr unerwartete BTS-Besucher?“ Jin sah ihn entschuldigend an. „Nein. Tae ist losgestürmt und ins nächste Taxi gehüpft und Hobi bat mich, ihn ebenfalls zu Lynn zu fahren. Entschuldigt die späte Störung.“ Byung verschränkte die Arme. „Ja, es ist spät und es wäre mir lieber, wenn wir weiteres morgen klären könnten, weil Lynn echt Ruhe braucht. Also wäre es mir lieber, wenn ihr jetzt geht…“ Taehyung fasste ihn an der Schulter. „Aber ich kann doch hier übernachten, oder?“ Byung sah ihn genervt an. „K-Kann ich dann auch hierbleiben?“, kam es zögerlich von Hoseok. „Sieht unser Haus vielleicht aus wie ein Hotel?“ Taehyung schob die Unterlippe vor. „Wir sind Cousins, also kann ich als Familienmitglied hier bleiben!“ „Ich gehe auch nicht, bevor ich mich aufrichtig entschuldigt habe!“, warf Hoseok ein. „Und du?“, fragte Byung an Jin gerichtet. „Schon okay. Ich fahre zurück zu den anderen. Ich zerre die beiden auch ins Auto, wenn du das willst…“ Byung schüttelte den Kopf. „Na schön! Tut, was ihr nicht lassen könnt! Aber damit das klar ist, ihr schlaft beide auf der Couch!“

article
1514479033
Happy Family = Big BTS Drama
Happy Family = Big BTS Drama
Hast du dir jemals vorgestellt, wie es wäre, wenn sich aus dramatischen Umständen heraus dein komplettes Leben ändert und du alles zurücklassen musst, was dir natürlich und gewohnt erscheint? Genauso geht es Lynn, denn ihr Leben wird total auf den K...
https://www.testedich.de/quiz52/quiz/1514479033/Happy-Family-Big-BTS-Drama
https://www.testedich.de/quiz52/picture/pic_1514479033_1.jpg
2017-12-28
40HC
Bangtan Boys, BTS

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare (399)

autorenew

vor 6 Tagen
Wann kommt ein neues Kapitel? Ich liebe diese Story...
vor 12 Tagen
@Lea
Frage ich mich auch ;-;
vor 12 Tagen
Wann geht es weiter? Es ist schon einen Monat her...
vor 12 Tagen
Wer feiert das neue Album noch so wie Ich? 😂😍💜❤
vor 15 Tagen
@Lea ♡ Jaaaaaaaa du magst auch Masoooooon😂💗💗

Ich freue mich gerade irgendwie über jeden einzelnen der Mason mag........dumm oder so?🤔🤦🏼‍♀️😅😂
vor 15 Tagen
@army4ever
1. Jaaaaaaa noch einen der Mason mag!!!😂❤❤
2. Ich sehe das genau so wie du🌹🤔😂
vor 19 Tagen
Wird die Geschichte eigentlich fortgesetzt?
Also kommt das neue Kapitel hier noch oder wird eine "neue" Geschichte angefangen bzw. Ein neuer Teil hochgeladen? Teil 2?
vor 22 Tagen
Ich finde sie sollte mit jin zusammen kommen, weil er ist ihr bias.
vor 24 Tagen
@Taehyoonee Neeeiiiinnn du bist nicht die einzige.
Ich finde bei einer bts ff muss der charakter nicht gleich mit einem mitglied zsm kommen.
Mit mason fände ich mega geil ich mag ihn voll typisch bad boy aber hat bei ihr ein schwaches herz😂😍❤️
die würden mega passen und bts ist einfach familie und freunde. das passt 😂

p.s. wann schreibst du weiter
vor 24 Tagen
Also
1. Wann geht es weiter? 🤔
2. Ja ich mag Masom auch 😅
3. Trotzdem soll sie mit Jin zsm kommen 😍🔥❤
vor 26 Tagen
* warum mogen so viele Mason eigentlich nicht?😭
Ich mag ihn voll!!!
Gibt es da noch jemanden der ihn auch mag?😭😅🤦🏼‍♀️😂❤❤
vor 26 Tagen
Hiiiii
Ich liiiiiiiebe diese FF😍
Mich würde es voll freuen wenn sie mit Jin zusammen kommt🤔
Alle anderen wären auch gut, aber Jin fänd ich am coolsten💗
Bin ich eigentlich die einzige die Mason mag?😅
Naja egal!
Wäre auch vielleicht ganz cool wenn sie zwischenzeitlich mit Mason zusammen wäre ( auch wenn die Mehrheit dagegen wäre😅 upsiii ) aber dann später mit einem BTS Mitglied, weil es ja eine BTS FF ist, und nicht eine Mason FF😂🤦🏼‍♀️
Naja egal
Ich liebe diese FF!!!!!!❤
ly
vor 27 Tagen
@bts ich würde sagen dass Hobi zu ihr passt. beR mit Jin wäre ich auch zufrieden, nur solange es nicht Mason wird. der typ ist unausstehlich, nicht?
Grüße gehen raus an alle die auch so denken
vor 34 Tagen
Bitte nicht Mason😭 Bitte jin✌🏻❤️
vor 40 Tagen
Die ff ist echt gut und bitte schreibe weiter
vor 42 Tagen
@army4ever
Haha jaa!😂❤
Voll viele wollen nicht, dass die beiden zsm kommen sollen.😭😂
vor 43 Tagen
Kann Lynn nicht sagen das jin auch bleiben soll. Bitteeee!!! ❤️❤️😁😁
vor 46 Tagen
Mega geil mal wieder und ich freue mich schon aufs nächste Kapitel
vor 49 Tagen
Nach nem halben Jahr bin ich auch nochmal on 😂
Also heeyyyy
vor 49 Tagen
Also ist ja hier nur noch eins 😅 aber dann nach den 4 neuen? 🤔