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You're my never ending thought

Lockdown sei Dank habe ich seit Ewigkeiten mal wieder Zeit, um zu schreiben. Weil ich schon immer eine Schwäche für Außenseiter und Antihelden hatte, geht es in dieser Geschichte - nicht um Draco, sorry - um den wohl unbeliebtesten und am häufigsten unterschätzten Weasley von allen - Percy. Ich finde seine Entwicklung im Laufe der Bücher wahnsinnig interessant und habe mir so meine Gedanken dazu gemacht. Natürlich darf ein bisschen (mehr) Romantik und Drama nicht fehlen.

    1
    Dein Name ist Lynn Duffield . Du kommst aus Abersoch, einer kleinen Hafenstadt im Norden von Wales. Zu dem Zeitpunkt, an dem wir in deine Geschichte eintauchen, bist du gerade 16 Jahre alt geworden und bist auf dem Weg zu deinem ersten Schultag der 5. Klasse in Hogwarts. Deine Lieblingsfächer sind Verwandlung und Geschichte der Zauberei. Aber du bist auch begeistert vom Flugunterricht und von der Pflege magischer Geschöpfe. Sogar Zaubertränke mit Professor Snape findest du bis auf wenige Ausnahmen immer spannend. Dieses Interesse kommt allerdings nicht von ungefähr. Deine Eltern sind Muggel und schon seit deinem allerersten Tag in Hogwarts saugst du jedes bisschen Magie auf wie ein Schwamm.
    Deine Wissbegierigkeit und dein scharfer Verstand haben dich nach Ravenclaw gebracht. Deine Eltern sind unheimlich stolz auf dich und unterstützen dich nach all ihren Kräften, auch, wenn sie nicht immer verstehen, was da gerade vor sich geht.
    Viele Freunde hast du nicht, aber für die, die du hast, würdest du durchs Feuer gehen. Sie schätzen deine schnelle Auffassungsgabe und deine Hilfsbereitschaft ganz besonders an dir. Doch eben diese schnelle Auffassungsgabe steht dir manchmal im weg. Denn vor allem, wenn du neue Menschen kennen lernst, fällt es dir oft schwer, sie nicht vorschnell zu verurteilen. Und wer bei dir ein mal einen schlechten Eindruck gemacht hat, hat es schwer, diesen wieder in ein gutes Licht zu rücken. Aber vielleicht machst du im Verlauf der folgenden Geschichte für einen ganz bestimmten Menschen eine wichtige Ausnahme.

    Erwartungsvoll betrittst du den Hogwarts-Express. Seit 5 Jahren steigst du jetzt schon jeden September in diesen Zug, doch jedes Mal ist es ein ganz besonderes Erlebnis für dich. Das aufgeregte Stimmengewirr der anderen Schüler, der dicke weiße Rauch der Dampflock, die Eltern, die sich dicht auf dem Bahnsteig drängen und der Servierwagen mit seinen unzähligen exotischen Leckereien – all das an sich fühlt sich für dich schon magisch an, dabei hast du hier die tatsächliche Magie noch gar nicht dazugerechnet.

    „Willst du hier noch länger im Weg rumstehen? Schüler dürfen nicht im Gang stehen, wenn der Zug abfährt!“, faucht dich ein Mädchen mit hellblonden Haaren und wässrig blauen Augen an.

    Du seufzt, es ist Penelope Clearwater. Ebenfalls in Ravenclaw, aber seit sie letztes Jahr zur Vertrauensschülerin ernannt wurde, nimmt sie sich selbst etwas zu Ernst.

    Murrend trittst du bei Seite und siehst dich nach einem freien Abteil um. Da entdeckst du tatsächlich noch eins, das noch völlig leer zu sein scheint.

    Erleichtert verstaust du deine Tasche in der Gepäckablage und nimmst am Fenster Platz. Langsam setzt der Zug sich in Bewegung, verlässt den Bahnhof und schon wenige Minuten später blickst du auf scheinbar endlos weite, grüne Wiesen, die sich in sanften Hügeln bis an den Horizont erstrecken.

    Da schiebt sich die Tür deines Abteils auf und deine beste Freundin Alicia Spinnet steckt ihren Kopf durch die Tür.
    „Ich sehe, du konntest dich vor Kontroll-Freak-Penny in Sicherheit bringen.“, sagt sie und lacht.

    Du grinst. „Ich wette mit dir, sie bekommt graue Haare vor Stress, noch bevor sie die Schule verlässt.“

    „Lässt sich einrichten, Duffield.“ Fred und George betreten ebenfalls das Abteil und schauen dich verschwörerisch an.

    „Ich warne euch!“ Du hebst belehrend den Finger. Du kannst Penelope Clearwater nicht ausstehen, aber trotzdem würdest du nie wollen, dass sie vor anderen bloßgestellt wird.

    Die beiden winken lachend ab und du bist dir trotzdem nicht ganz sicher, ob sie wirklich nur einen Spaß gemacht haben.

    „Habt ihr schon gehört, dass Harry Potter dieses Jahr in die Schule kommen soll?“ Alicia beugt sich vor und ihre Augen weiten sich.

    „Er wird bestimmt so klug wie seine Mutter.“, vermutest du. Du hast schon viel über den Jungen gelesen – den kleinen Jungen, der ganz allein den dunkelsten Magier aller Zeiten besiegt hatte.

    „So lange er ein so großartiger Sucher wird wie sein Vater-“, wirft George ein.

    „Aber er wird auf jeden Fall ein Gryffindor!“

    „Sorry, Duffield!“

    Und so diskutiert ihr weiter, ob der Junge, der überlebt hat, wohl ein guter Quidditch-Spieler wird, oder ein besonders guter Schüler, ob er nach Gryffindor kommen wird wie seine Eltern oder doch in ein ganz anderes Haus.

    „Ravenclaws, hier lang! Kommt schon!“
    „Gryffindors, hier entlang! Folgt mir bitte und nicht bummeln!“ Die letzten Worte des hageren Rotschopfs schallen besonders nachdrücklich über den dunklen Bahnsteig. Fred verdreht die Augen. Du kennst den Jungen. Es ist Percy, der ältere Bruder der Zwillinge. Immer streng, immer ordentlich und anscheinend auch ohne jeglichen Sinn für Humor.
    Deine Freunde winken dir noch kurz zu, bevor sie sich zu ihrem Vertrauensschüler auf den Weg machen.

    Du straffst deine Schultern und begibst dich zu Penelope Clearwater, die bereits hektisch alle Ravenclaws versammelt.

    In der großen Halle herrscht angespanntes Schweigen. Niemand spricht, alle starren gebannt auf den kleinen, schmalen Jungen, der am Kopfende der Halle auf einem Holzschemel sitzt. Seine wilden, schwarzen Haare stehen zu allen Seiten ab, als würde er unter Strom stehen und lugen sogar noch unter der breiten Krempe des sprechenden Hutes hervor, der ihm jetzt aufgesetzt wird. Seine grünen Augen schauen aufgeregt in die große Halle vor ihm.

    Du sitzt weit hinten am Tisch, also bekommst du nicht alles von der Diskussion mit, die Harry Potter und der sprechende Hut führen. Doch das laute „Gryffindor!“ gefolgt von ohrenbetäubendem Jubel am Gryffindor-Tisch bestätigen deine Vermutung aus dem Zug.
    Du beobachtest deine Freunde, die von ihren Bänken aufgesprungen sind und dem neuesten Mitglied ihres Hauses aufgeregt die Hände schütteln wollen.
    Lauthals stimmen sie einen „Wir haben Potter! Wir haben Potter!“ Chor an, der bald die ganze große Halle erfüllt. Das ganze Haus ist außer sich vor Freude, sogar der sonst so steife Percy Weasley reckt die Faust in die Luft – auch, wenn er sich gleich danach verstohlen umschaut, ob jemand ihn bei diesem spontanen Gefühlsausbruch beobachtet hat.

    2
    Es ist der erste Montag im neuen Schuljahr, deine erste Stunde im Fach Wahrsagen und es ist auch das erste Mal, dass du in dem Unterricht überhaupt nicht folgen kannst.
    Es ist nicht, dass du Professor Trelawney für verrückt oder unfähig – na gut, ein kleines bisschen verrückt, vielleicht – hältst, aber du schaust jetzt schon seit einer halben Stunde in diese verdammten Teeblätter und versuchst, irgendetwas darin zu erkennen. Zumindest etwas anders, als einen Haufen nasser Teeblätter.

    Deiner besten Freundin Alicia liegt das Fach da schon eher. Du hast Glück, dass die Ravenclaws zusammen mit den Gryffindors Wahrsagen haben, so kann sie dir zumindest ein wenig helfen.

    „Siehst du denn wirklich gar nichts?“ Alicia schaut dich fragend an.

    Du starrst angestrengt auf die schrumpeligen Blätter. „Ich sehe Teeblätter – wurden schon benutzt, aber man könnte sicher noch gut einen zweiten Aufguss damit machen.“

    Deine Freundin wirft dir einen vorwurfsvollen Blick zu.

    „Was siehst du denn? Hier, guck mal rein!“ Etwas grober als beabsichtigt hältst du ihr die Tasse unter die Nase.

    Alicia rutscht zurück und lächelt. „Das musst du schon selbst sehen. Was ich sehe, muss ja nicht unbedingt sein, was du siehst.Ich will deine Wahrnehmung nicht trüben“

    Genervt rollst du mit den Augen. Hättest du ihr mal besser nicht in ihrem letzten Aufsatz über deutsche Philosophen in Muggelkunde geholfen, dann wäre ihre Antwort jetzt sicher hilfreicher gewesen.
    Aber sie ist deine beste Freundin und du weißt, dass sie dir wirklich nur helfen will, das Ergebnis selbst herauszufinden. Also drehst du deine Tasse hin und her und betrachtest den Inhalt von allen Seiten.

    „Was siehst du, liebes Kind?“ Professor Trelawneys Lockenkopf taucht plötzlich in deinem Blickfeld auf. Ihre Augen, die durch ihre Brille übergroß wirken, mustern dich aufmerksam.

    „Ich... Ich weiß nicht so Recht-“, beginnst du verunsichert.

    „Befreie deinen Geist!“, beschwört die blonde Frau dich plötzlich und du drückst dich ein bisschen fester in die flauschigen Kissen hinter dir. Sie nimmt dir deine Untertasse mit den Teeblättern aus der Hand.

    Ihre Augen weiten sich und du fragst dich, ob sie dort gerade wirklich etwas anderes sieht als Tee. „Oooh! Was siehst du, mein Kind? Sag es mir!“

    Angestrengt schaust du wieder auf die Teeblätter. Alicia schaut jetzt mit dir.

    „Vielleicht – einen Fuchs?“ Es ist mehr eine Frage als eine Feststellung deinerseits.

    Trelawneys Augen weiten sich.

    „Oder, einen Hund!“, sagst du schnell. „Ich glaube, es ist ein Hund.“

    „Und weiter?“

    „Das hier könnte ein Pilz sein – und Linien.“ Du runzelst die Stirn.

    Alicia beugt sich vor. „Eine Brücke könnte das auch sein, siehst du?“

    „Sehr gut, Mädchen!“ Die Professorin drückt liebevoll eure Hände. „Und was sagt uns das für Lynns Zukunft?“

    Alicia schlägt ihr Buch auf und schaut dich mit wichtigem Blick an. Sie räuspert sich kurz und beginnt, zu lesen.

    „Also, der Fuchs steht für Freunde, die dich verraten werden -“

    „Dann war es vielleicht doch der Windhund!“, wirfst du schnell ein.

    Das Gesicht deiner Freundin erhellt sich. „Das hoffe ich auch für dich – eine harte Arbeit wird sich endlich auszahlen, steht hier. Die Linien stehen für eine große Reise in deiner persönlichen Entwicklung. Dann noch der Pilz – der steht für die Trennung zweier Liebender. Also, du wirst auf eine große Reise mit harter Arbeit gehen, die sich am Ende sehr für dich auszahlen wird.“

    „Oh toll, und zwischendurch werde ich dann noch einen tollen Mann finden, um ihn dann wieder zu verlassen!“, wirfst du sarkastisch dazwischen. Alicia hat wirklich ein Talent dafür, in allem immer nur das Positive zu sehen.

    „Na ja – hier steht nicht, dass du dich von irgendwem trennen musst.“

    „Na wenn du das sagst.“, du grinst sie an.

    3

    ***

    Ein dunkelhaariges, pockennarbiges Mädchen baut sich vor dir auf, als du gerade die Treppen in die große Halle hinabläufst. Du kennst sie, es ist Eloise Midgen, ebenfalls in Ravenclaw. Schon seit der ersten Klasse geht sie dir auf die Nerven mit Sprüchen, die auf deine nicht-magische Herkunft abzielen.

    „Duffield! Hab gehört du hattest in Wahrsagen einen Totalausfall!“ Sie zieht spöttisch eine Augenbraue hoch. „Manche Dinge sind eben doch echten Zauberern vorbehalten.“

    Es ärgert dich maßlos, dass dir kein Konter zu ihrem absolut hirnverbrannten Kommentar einfällt und du funkelst sie wütend an.

    „Was denn, hast du gar nichts dazu zu sagen? Oder lernt man so was nicht unter Mug-“ Noch bevor Eloise ihren Satz beenden kann, rauscht ein Rolle Pergament schwungvoll auf ihre fleischige Schulter hinab.

    Du hebst deinen Blick. Es ist Percy Weasley, der euch streng anschaut. „Midgen, du solltest längst beim Nachsitzen sein! Wie oft wurde euch von eurer Vertrauensschülerin schon gesagt, dass ihr nicht auf den Gängen herumlungern sollt!“

    „Hau ab Weasley!“, faucht Eloise mit funkelnden Augen. Schon mehr als einmal hat sie dich an die Perserkatze deiner Eltern erinnert, mit ihrem stämmigen Körperbau, dem kreisrunden Kopf und dem flachen Gesicht – vielleicht solltest du sie das bei Gelegenheit mal wissen lassen?

    Percy verschränkt die Arme.

    „Du bist nicht mal ein Ravenclaw, du hast uns nichts zu sagen!“ Eloise hat sich jetzt zu ihm gewandt, als wollte sie ihm jeden Moment ins Gesicht springen.

    „Gut erkannt – zufällig musst du aber bei Professor McGonagall nachsitzen, die meine Hauslehrerin ist. Folglich habe ich dir sehr wohl etwas zu sagen. Und jetzt verschwinde, sonst muss ich Ravenclaw Punkte für grobe Respektlosigkeit gegenüber Autoritätspersonen abziehen!“
    Sie murmelt noch etwas unverständliches und verschwindet dann mit wehenden Haaren hinter der nächsten Ecke. Du atmest erleichtert auf.

    „Danke.“, sagst du und schaust Percy an. Kaum vorstellbar, dass er mit den Zwillingen verwandt sein soll, denkst du dir.

    „Sie hat gegen die Regeln verstoßen, ich habe nur meine Arbeit gemacht.“ Sein Gesicht sieht jetzt etwas freundlicher aus, doch der belehrende Unterton schwingt immer noch in seiner Stimme mit.

    „Außerdem gibt es nichts Einfältigeres, als andere Schüler wegen ihrer Herkunft zu schikanieren.“, fügt er hinzu. Jetzt ist sein Tonfall etwas lebendiger.

    Dein Blick fällt auf deine Armbanduhr und du siehst, dass du schon fast zu spät zum Treffen mit deinen Freunden dran bist.

    „Da hast du wohl Recht.“ Du schiebst dich an Percy vorbei. „Danke, Vertrauensschüler.“

    Dann läufst du los, um zumindest nicht viel zu spät in der großen Halle zu sein.

    „In den Gängen wird nicht gerannt!“, hörst du Percys Stimme noch aus der Ferne, aber dann bist du schon in einen anderen Gang abgebogen. Der Ärmste kann eben auch nicht aus seiner Haut.

    Es ist Freitagnachmittag und wieder einmal sitzt du am Tisch der Gryffindors, um deine Hausaufgaben zu erledigen. Du hast dir noch nie viel aus einer strengen Trennung zwischen den verschiedenen Häusern gemacht und bist bei den Gryffindors ein gern gesehener Gast. Kein Wunder, schließlich sind auch deine drei besten Freunde Gryffindors.

    Prüfend schaust du auf den Federkiel, der vor dir auf dem dunklen Holztisch liegt. Eigentlich hätte er ein sich in einen Pfau verwandeln sollen, aber es will dir beim besten Willen nicht gelingen.
    Frustriert stützt du deine Ellenbogen auf den Tisch und beobachtest den stolzen Pfau von Fred, der bereits über die Tischlplatte zwischen euch stolziert.

    „Ich schaff's einfach nicht! Wie hast du das gemacht?“, fragst du ihn erschöpft.

    Er schaut prüfend auf seinen Pfau und dann auf die Pfauenfeder, die vor dir auf dem Tisch liegt. Dann zuckt er mit den Schultern und grinst. „Schätze, du solltest auch den richtigen Zauberspruch nehmen. Hier -“

    Mit einer Bewegung seines Zauberstabs öffnet dein Buch eine neue Seite und du schlägst dir mit der flachen Hand gegen die Stirn.

    „Wie konnte ich das denn übersehen?“

    „Kommt bei den besten vor.“, meint George tröstend und deutet auf deine Feder. „Von einem Hühnerei zu einer Pfauenfeder ist ja schon nicht schlecht.“

    Du lachst. „Vom Hühnerei zum Pfau wäre aber besser.“

    „Duffield, was machst du schon wieder hier? Vermisst man dich an eurem Tisch nicht?“ Percy Weasley breitet seine Bücher neben dir aus.

    Du beißt dir auf die Lippe. Du weißt, das war einer der seltenen Momente, in denen er versucht hatte, lustig zu sein, aber gerade heute hatte er damit einen wunden Punkt bei dir getroffen. Eloise hatte die anderen Mädchen aus eurem Schlafsaal in den letzten Wochen so sehr gegen dich aufgestachelt, dass du keine ruhige Minute mehr am Ravenclaw-Tisch, geschweige denn in eurem Gemeinschaftsraum hattest, wenn sie anwesend waren.
    Allein schon der Gedanke daran, heute Abend wieder in den Turm zurückzukehren, schnürt dir die Kehle zu.

    „Stimmt was nicht?“, fragt Percy, dem dein angespannter Gesichtsausdruck nicht entgangen ist.

    „Nicht so wichtig.“

    „Lynn hat gerade keinen Bock auf Stress, die Weiber aus ihrem Schlafsaal dafür aber umso mehr. Schlechte Kombination.“, erklärt George knapp, um Percy zum Schweigen zu bringen.

    „Du weißt, dass du über solche Probleme immer mit einem Vertrauensschü-“, setzt er an und will belehrend die Hand heben.

    Aber du unterbrichst ihn und führst seine Hand wieder auf den Tisch. „Percy, ich weiß, dass du nur helfen willst und dass du das auch ehrlich für die beste Lösung hältst – aber glaub mir, das würde in meiner Situation gerade alles nur noch schlimmer machen.“

    Percy schaut dich verständnislos an. „Aber ich bin Vertrauensschüler und denke, dass-“

    „Wissen wir, perfect Percy, aber das ist nicht dein Einsatzgebiet, alles klar?“, fährt George in jetzt etwas lauter an und Percy schweigt betreten.

    Nach einer Weile schaut er dich noch einmal eindringlich an. „Wenn du Hilfe brauchst, sag mir Bescheid. Ehrlich.“


    Am Ende des Nachmittags hast du es tatsächlich geschafft, dein Hühnerei in einen ganz ansehnlichen Pfau zu verwandeln, den du in einem Käfig bei Professor McGonagall abgibst.
    Es ist schon spät und ein Blick auf den leeren Ravenclaw-Tisch verrät dir, dass du dich jetzt zumindest ohne Überraschungsbesuche auf den Weg zum schwarzen See machen kannst, um vor dem Abendessen noch etwas frische Luft zu schnappen.

    Der kalte Wind, der über die Hügel der Ländereien fegt, treibt die grauen Wolkenfetzen am Himmel in Böen vor sich her und du schlägst fröstelnd den Kragen deines Mantels nach oben.

    Die Sonne steht schon ziemlich tief und kann sich nur mühsam durch die dichten Regenwolken kämpfen, sodass die Landschaft in ein schummriges rot getaucht wird. Die klare Luft lässt deinen Kopf frei werden und als du nach einem kurzen Fußmarsch das Ufer des schwarzen Sees erreichst, lässt du dich auf einen Baumstumpf fallen und blickst hinaus auf die aufgewühlte Wasseroberfläche.

    In deiner Tasche hast du getrockneten Fisch. Eine Kleinigkeit, die du dem riesigen Kraken, der im See lebt, immer mal wieder mitbringst. Zuhause habt ihr massig davon und du hast bereits im ersten Schuljahr herausgefunden, dass der Kraken eine Schwäche für die kleinen, getrockneten Fische hat.

    Erwartungsvoll wirfst du den ersten Fisch ins Wasser. Nichts. Auch nach dem zweiten und dritten Fisch lässt sich das große Tier nicht blicken. Du entleerst den Rest deiner Tüte ins Wasser. Sie werden schon zu ihm hinabsinken, das weißt du, aber bei diesem stürmischen Wetter hält der Kraken sich lieber in tieferen Gewässern auf.

    Du stopfst die leere Tüte in deine Tasche und machst dich auf den Rückweg ins Schloss. Erst ein stressiger Schultag, dann die Hausaufgaben, die dir nicht so wirklich gelingen wollten und dann auch noch der Kraken, der sich heute nicht gezeigt hatte. Eigentlich nur Kleinigkeiten, aber dass heute wirklich ein Tag für die Tonne ist, wird dir klar, als Eloise und ihre Freundinnen dir im Innenhof des Schlosses entgegenkommen und hämisch grinsen.

    Deine Miene verfinstert sich und du steckst die Hände tiefer in die Taschen deines Mantels. Blickkontakt vermeiden, unauffällig bleiben, Stress aus dem Weg gehen, denkst du dir.

    Eigentlich hättest du es besser wissen sollen – diese Strategie hat noch nie funktioniert und tut es auch heute nicht.

    „Wo kommst du denn her, Duffield?“ Eloise fängt dich ab, kurz bevor du im Schloss verschwinden kannst.

    „Vielleicht hatte sie ein Date?“ Ihre blonde Freundin gesellt sich jetzt zu ihr und versperrt dir ebenfalls den Weg.

    „Nicht, dass jemand mit dir etwas unternehmen würde!“ Ein drittes Mädchen fasst dir von hinten an die Schulter.

    „Habt ihr sonst keine Sorgen?“, fragst du genervt.

    „Wir sorgen uns nur um dich.“, erwidert Eloise mit weicher Stimme. Du kannst genau hören, dass jedes Wort vor Verachtung trieft.

    „Genau,“ fügt ihre Freundin hinzu. „Wer sollte sich schon für dich interessieren? So spindeldünn wie du bist, ohne irgendeine weibliche Kurve – und dann noch deine Nase, fast wie die von Snape!“

    „Und dann noch nicht mal fähig zu simpelster Magie, wie man heute Nachmittag gesehen hat – so was wünscht sich doch kein Mann!“

    Normalerweise hättest du jetzt wahrscheinlich einer der dreien mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen, aber heute hast du einfach keine Kraft dazu und du spürst, wie Tränen der Wut hinter deinen Augen aufsteigen.

    Plötzlich werden die drei gleichzeitig von dir weggerissen und landen an der gegenüberliegenden Wand.

    „Ich glaube nicht, dass das auch nur eine von euch beurteilen kann!“
    Percy steht vor dir, mit finsterer Miene und erhobenem Zauberstab. Eloise und ihre Freundinnen rappeln sich erschrocken auf.

    „Das wird ein Nachspiel für dich haben!“, keift sie Percy an.

    Doch der bleibt unbeeindruckt. „Ein Nachspiel für euch, wenn ihr euch nicht augenblicklich in euren Gemeinschaftsraum begebt. Es ist zu spät, um jetzt noch draußen herumzuwandern, meine ich. Professor Flitwick wird mir da sicher zustimmen, wenn ich“

    Er beendet seinen Satz nicht, denn die drei begeben sich schon vorher tuschelnd in Richtung Ravenclaw-Gemeinschaftsraum.

    „Wie kommt es, dass du immer da bist, um mich vor diesen drei Irren zu retten?“, fragst du scherzhaft.
    „Ich bin Vertrauensschüler.“, antwortet Percy trocken. „Das gehört zu meinen Aufgaben.“

    Du musst lächeln, weil er seine Aufgabe so ernst nimmt. Andererseits bist du aber auch mehr als froh darüber, denn die Vertrauensschülerin deines Hauses, Penelope, ist dir bisher keine Hilfe gewesen. Im besten Fall ignoriert sie dich, im schlimmsten Fall schließt sie sich den Sticheleien von Eloise an.

    Percy zeigt mit strengem Blick auf die Uhr. Es ist wirklich Zeit, ins Schloss zu gehen. Draußen ist es bereits dunkel und auch das Abendessen hattest du schon verpasst.

    „Ich bringe dich zu deinem Gemeinschaftsraum.“, sagt er und läuft neben dir ins Schloss. „Vielleicht sollte ich mal mit den anderen Vertrauensschülern reden.“

    „Oh, bitte nicht.“, antwortest du zaghaft. Womöglich würde das die ganze Situation nur schlimmer machen.

    Percy blickt dich schräg von der Seite an. Du kannst seinen Blick nicht deuten. Eigentlich kannst du gar nichts deuten, was dieser Kerl so tut. Aber er ist eine angenehme Gesellschaft, das hast du schon festgestellt.

    „Was machst du an Weihnachten?“, fragt er dann ganz unvermittelt.

    Jetzt schaust du ihn schräg an. „Keine Ahnung – wahrscheinlich bleibe ich hier. Meine Eltern besuchen Verwandte in den USA und darauf habe ich ehrlich gesagt überhaupt gar keine Lust.“

    „Verständlich.“ Er schweigt wieder.

    „Hör mal,“, fährt er dann fort, „Mum hat gefragt, ob du mit uns feiern möchtest. Sie weiß, dass deine Eltern nicht da sein werden und hat eigentlich die Zwillinge darum gebeten, dich zu fragen. Aber ich vermute, dass sie es vergessen haben, stimmt's?“

    Dein Gesicht erhellt sich und in deinem Bauch breitet sich ein warmes Gefühl aus. Fred und George gehören seit der ersten Klasse zu deinen besten Freunden, auch, wenn du dich nur begrenzt für ihre Streiche begeistern kannst. Du hast schon viel Zeit mit ihnen im Fuchsbau verbracht und Molly und Arthur haben dich von Anfang an wie ihre eigene Tochter behandelt – eine Bonus-Tochter, wie Molly gerne sagte.

    „Sie hätten mich sicher bald gefragt.“, nimmst du die Zwillinge lachend in Schutz. „Aber ich komme gerne.“

    „Schön. Ich werde es meiner Mutter ausrichten.“, antwortet Percy zufrieden.

    Ihr seid inzwischen vor der Tür deines Gemeinschaftsraumes angekommen.

    „Und noch was -“ Er stockt, dann legt er eine Hand auf deine Schulter. „Lass dich von denen nicht runterziehen. Bemitleidenswerte Kreaturen, mehr sind das nicht. Und die Schulzeit geht zu Ende, danach musst du die nie wieder sehen.“

    Du bist verwundert. Percy Weasley, der Mensch mit der wohl größten persönlichen Distanzzone auf diesem Planeten und der Empathie eines alten Schafbocks hatte doch gerade tatsächlich tröstende und irgendwie auch aufbauende Worte für dich gefunden.

    4
    ***

    Es ist der 25. Dezember, der Weihnachtsmorgen und Ginny zieht dir aufgeregt die Bettdecke weg.

    „Komm schon Lynn, steh auf! Ich will die erste unten sein!“

    Du reibst dir verschlafen die Augen, ziehst deinen Pyjama glatt und schlüpfst in deine Hausschuhe. Auf dem Weg nach unten stoßen Fred und George zu euch.

    „Wo ist Ron?“, fragst du im Flur vor der Küche und suchst nach dem jüngsten Sohn der Weasleys.

    „Ist mit Harry in Hogwarts geblieben.“, meint Fred.

    „Was sonst?“, ergänzt George.

    Dann öffnest du die Tür und bist wieder einmal unfassbar dankbar dafür, in der magischen Welt leben zu dürfen.
    Über dem Tannenbaum in der hinteren Zimmerecke schweben weiße Wolken, aus denen stetig Schnee rieselt, der jedoch niemals bis auf den Boden gelangt. In den Kugeln am Baum spiegeln sich Familienfotos der letzten Weihnachtsfeiern. Du hättest schon den ganzen Morgen damit verbringen können, die bewegten Fotos zu betrachten, aber dann kommt auch schon Molly um die Ecke, wischt sich die Hände an der Schürze ab und schließt Ginny und dich in ihre ausgebreiteten Arme.

    „Frohe Weihnachten!“, sagt sie liebevoll und drückt euch noch ein bisschen fester an sich.

    Das wohlig warme Gefühl von Heimatliebe steigt in dir auf und du gibst die Glückwünsche nur allzu gerne zurück.

    Percy sitzt bereits am gedeckten Frühstückstisch und nimmt seiner Eule Hermes gerade einen Stapel Weihnachtskarten aus dem Schnabel.
    Aufmerksam liest er jede einzelne Karte durch.

    „Charie schickt Weihnachtsgrüße aus Ägypten...“, liest er. „.... und Bill schickt eine Karte aus Rumänien. Keine neuen Verbrennungen von Drachen, schreibt er – gut, oder?“

    Molly nimmt ihm die Karten aus der Hand. „Jetzt werden erstmal eure Geschenke ausgepackt- auch du, Percy!“

    Alle versammeln sich um den Weihnachtsbaum und auch du bekommst deinen ersten ganz persönlichen Weasley-Sweater. Stolz ziehst du ihn über deinen Schlafanzug und strahlst heller, als alle Kerzen auf dem Weihnachtsbaum, so glücklich bist du in diesem Moment.

    Später, nach dem Essen, verschwindest du kurz nach draußen, um auch deine Eltern anzurufen. Sie sind begeistert von den Dingen, die du ihnen über Weihnachten in der Welt der Zauberer erzählst und bitten dich mehrmals, ihnen auch so eine „bewegte Weihnachtskugel“ mit einem Foto von euch zu schenken. Du versprichst, eine zu besorgen und legst dann auf.

    Voller Glückseligkeit bleibst du noch kurz auf der Bank neben der kleinen Telefonzelle sitzen, die Arthur extra für dich im Garten installiert hat. Er ist vollkommen begeistert von dieser Muggel-Technologie und will sich gleich nach den Feiertagen darum kümmern, ein Haustelefon für den Fuchsbau zu beschaffen. [Denk dran, zeittechnisch befinden wir uns gerade in den frühen Neunzigern, Handys oder gar Smartphones waren also noch lange kein Standardutensil. ;-)] Du siehst dem Schnee zu, der lautlos vom Himmel fällt und alles um dich herum unter einer weißen Decke verschwinden lässt.

    „Schön, oder?“

    Du drehst dich um, Percy ist hinter dir aufgetaucht.

    „Ja, das stimmt.“ Eigentlich gemein von dir, aber dir fällt auf, wie überrascht du bist, weil du eigentlich nicht von Percy Weasley gedacht hättest, dass er sich für so banale Sachen wie die Schönheit des Winters interessieren würde.

    „Setz dich doch.“, sagst du schnell und klopft auf den freien Platz neben dir.

    Percy setzt sich zu dir und schaut jetzt ebenfalls in die Ferne. „Dein Problem, das du diesen Herbst hattest, sollte sich nach Weihnachten erledigt haben.“

    Während er das sagt, schaut er dich nicht an und du streckst fragend den Kopf in seine Richtung.

    „Was hast du gemacht?“

    Er zuckt mit den Schultern. „Ich bin nur meiner Verantwortung als Vertrauensschüler nachgekommen.“

    Klingt ein bisschen, als hätte er deine Widersacherinnen an einem dunklen Ort verschwinden lassen, musst du zugeben.

    Als hätte er deine Gedanken gehört, schaut er dich jetzt an und sagt: „Ich habe mit Professor Flitwick geredet. Eloise muss sich jetzt am Riemen reißen, sonst wird sie suspendiert. Und die anderen beiden laufen nur mit.“

    „Oh“, machst du. „Für eine Sekunde dachte ich -“

    „Ehrlich?“ Percy lacht und es ist das erste Mal, dass du ihn tatsächlich ganz ungezwungen lachen siehst.

    Du schlägst die Hände vors Gesicht und lachst auch. Natürlich würde Percy nie einen anderen Weg gehen als den offiziellen.

    „Kann ich dich mal was fragen?“

    Er schaut dich überrascht an. „Was denn?“

    „Warum bist du so nett zu mir? Ich weiß, du bist Vertrauensschüler, aber du müsstest das nicht tun, das weiß ich auch.“

    Percy denkt kurz nach, denn seine Standardantwort hast du ihm jetzt ja schon vorweg genommen.

    „Es war ungerecht, wie sie dich behandelt haben. Du hast nichts falsch gemacht und kannst auch nichts dafür, dass sie mit sich selbst ein Problem hat. So was kann ich eben nicht mit ansehen. Sonst wäre ich wohl kein Gryffindor, oder?“

    Du nickst nachdenklich. Obwohl du dir eine etwas längere Antwort und somit einen etwas genaueren Einblick in die Gedankenwelt des Percy Weasley erhofft hattest, hat er eben ausgesprochen präzise deine Frage beantwortet, sodass du auch nicht mehr weiter nachhaken willst.

    „Aber ich bin ja keine Gryffindor.“, musst du dann doch noch loswerden.

    „Na und? Ich mag dich.“ Mit diesen Worten steht er auf.

    „Kalt hier. Wir sollten reingehen, Dad hat sicher tausend Fragen zu deinem Muggel-Telefon.“

    Du folgst ihm ins Haus und kannst dir nicht helfen, als ihn doch irgendwie sympathisch zu finden. Vollkommen anders, als den Rest seiner Familie, aber doch sympathisch.

    5
    ***

    Es ist der Neujahrsabend 1995 und du sitzt – mal wieder – im Wohnzimmer der Weasleys. Dieses Mal sind sogar deine Eltern dabei. Dieses Jahr sind auch Harry, Ron und Hermine mit von der Partie und ihr sitzt in einer ausgelassenen Runde um den großen Tisch in der Küche.

    Weil deine Eltern heute dabei sind, habt ihr euch vorher geschworen, über ein Thema, das zur Zeit jeden Zauberer belastet, Stillschweigen zu bewahren. Die Zeichen, dass Lord Voldemort begonnen hat, sein Gefolge wieder um sich zu scharen sind untrüglich und lassen dich nachts oft unruhig schlafen.
    Diese dunklen Gedanken hängen wie schwere Wolken über eurer kleinen Party, auch wenn ihr euer bestes gebt, sie für einen Abend beiseite zu schieben. Noch eine andere Tatsache lässt dein Herz heute Abend etwas schwerer sein als sonst. Der Stuhl dir gegenüber ist frei geblieben. Percy ist nicht nach Hause gekommen. Nicht an Weihnachten und auch an keinem anderen Tag.

    Du bist enttäuscht, denn während seines letzten Jahres in Hogwarts hattet ihr euch ausgezeichnet verstanden, auch wenn deine besten Freunde, Fred und George, jedes Mal ihre Verwunderung über diese ungewöhnliche Freundschaft geäußert hatten.
    Aber Percy hatte dir geholfen, als es dir wirklich schlecht ging, obwohl er das nicht hätte tun müssen. Ohne sich aufzudrängen, hatte er sich dennoch als wahrer Freund erwiesen und hatte dich glauben lassen, dass er ein guter Mensch sei.

    Bis, ja bis zu dem Tag an dem du ihn in einem leeren Klassenraum mit Penelope Clearwater überrascht hattest. Seine roten Locken hatten wirr in alle Richtungen abgestanden und er hatte schrecklich ertappt geschaut, als er sich von Penelope abgewandt und dich angeschaut hatte.
    Er wusste schon immer, dass du die Vertrauensschülerin deines Hauses nicht wirklich leiden konntest und er wusste auch, dass sie an den Hetzkampagnen gegen dich nicht unbeteiligt gewesen war. Zumindest hatte sie auch nichts dagegen unternommen.
    Eigentlich hattest du vorgehabt, seine neue Flamme zu akzeptieren – sie war ja schließlich seine Freundin und das bedeutete noch lange nicht, dass auch du übermäßig viel Zeit mit ihr verbringen musstest.
    Doch irgendwann ging es immer nur noch um „Penny“. Pennys kluges Köpfchen, ihre ach so seidigen blonden Haare und ihre hinreißenden blauen Augen – zum Kotzen, fandest du und bekamst dabei auch Unterstützung von Fred und George.
    Zu deinem Pech war Penny aber auch eine ausgesprochen eifersüchtige Person, die Percy irgendwann vor die Wahl stellte: Sie und seine Karriere im Ministerium, bei der sie versprach, ihn tatkräftig zu unterstützen oder du und der „Kindergarten“ seiner Familie. Percy hatte sich für ersteres entschieden. Seit diesem Tag hattest du nie wieder ein Wort mit ihm gewechselt, obwohl in deinem Kopf noch tausend offene Fragen umherschwirrten. Und dann war da ja noch der heftige Streit mit seinen Eltern gewesen, die ihn gewarnt hatten, in der aktuellen Lage weiterhin für das Ministerium zu arbeiten. Aber er hatte nichts dergleichen hören wollen und war vom einen auf den anderen Tag verschwunden.

    In diesem Moment knallt eine Eule an das verschneite Fenster und löst deinen Blick von dem leeren Stuhl. Es ist Hermes, die Eule von Percy, das erkennst du sofort. Sie schleppt ein Päckchen auf das Fensterbrett.

    Deine Eltern beobachten den Vogel voller Begeisterung, aber du siehst, wie Mollys Gesicht auf Schlag kreideweiß wird. Sie ist schon im Begriff, aufzuspringen und zum Fenster zu laufen, doch George hält sie sanft, aber bestimmt zurück. Sein Zwillingsbruder geht ans Fenster und öffnet es langsam. Dann nimmt er Hermes das Paket ab und schließt das Fenster wieder. Über der Spüle befreit er es vom Schnee und legt es dann auf den Tisch.

    Es trägt keine Beschriftung und ist nur achtlos mit Paketband verschnürt worden. Freds Hände sind fahrig, als er das Band löst und den Deckel abnimmt.
    In der Faltschachtel befindet sich kein Gruß, keine Karte – nur ein kastanienbrauner Strickpullover, geziert von einem goldenen P auf der Brust.

    Molly lässt sich auf ihren Stuhl fallen und ihre Kinder umringen sie sofort.

    „Er hat ihn nicht mal anprobiert.“, flüstert sie mit brüchiger Stimme. „Nicht mal ausgepackt...“

    Sie weint leise, ohne ein Geräusch von sich zu geben, an den Arm ihres Mannes gelehnt. Nur das gelegentliche Zucken ihr kleinen Schultern und das Zittern, das immer wieder durch ihren Körper fährt, verrät sie.

    Du willst etwas sagen, aber auch deine Stimme ist erstickt von den Tränen, die sich in deinen Augen sammeln. Molly dort so leiden zu sehen, an der Schulter ihres Mannes, umringt von ihren Kindern, lässt dein Herz bluten. Molly, diese unglaublich starke Löwenmutter mit dem Herz aus Gold, war von ihrem eigenen Sohn verlassen worden, obwohl sie nie etwas anderes als das Beste für ihn gewollt hatte.

    Du stehst auf, dann setzt du dich, dann stehst du wieder auf und schaust deine fragenden Eltern entschuldigend an.
    Du bedeutest ihnen, kurz mit vor die Tür zu kommen und erklärst ihnen die Situation so knapp wie möglich. Sie nicken niedergeschlagen und begleiten dich zurück in die Küche. Dort sitzen alle wieder um den Tisch versammelt. Mollys Augen sind von roten Schatten umrahmt und auch Arthur schaut abwesend.

    „Wissen sie,“, beginnt dein Vater.

    Du schaust ihn entgeistert an. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für eine Motivationsrede, rufst du ihm innerlich zu.

    „Wissen sie, Arthur, sie beschäftigen sich doch mit der nicht-magischen Welt, nicht wahr?“

    Mr. Weasleys Mundwinkel zucken und ein flüchtiges Lächeln huscht über sein Gesicht.

    „Haben sie sich eigentlich schon einmal gefragt, was genau die Funktion einer Gummiente ist?“

    Du schaust deinen Vater an und bewunderst ihn. Er weiß, dass er gegen die Trauer, die sich vor wenigen Minuten in dieser Familie ausgebreitet hat, absolut nichts ausrichten kann, also setzt er auf die nächstbeste Taktik – Ablenkung.
    Und in den nächsten Stunden bis Mitternacht setzt er alles daran, das Gespräch erst vom Sammeln von Gummienten, dann zu nicht-magischen Haustieren und schließlich zu einem Punkt zu führen, an dem alle Mitglieder der Familie den Verlust ihres Bruders, ihres Sohnes zumindest für einen kurzen Augenblick vergessen können.

    Du bewunderst deinen Vater unheimlich für diese Fähigkeit, selbst in der dunkelsten Zeit noch kurze Augenblicke der Freude schaffen zu können und hoffst, diese Fähigkeit von ihm geerbt zu haben.
    Allerdings hättest du dann wahrscheinlich auch seine ausgezeichnete Menschenkenntnis geerbt, fällt dir ein. Und wie Percy dir heute Abend eindrucksvoll bewiesen hat, besitzt du diese Fähigkeit offenbar ebenso wenig wie deine Eltern Zauberkräfte.

    6
    ***

    Die Schlacht von Hogwarts ist geschlagen und der dunkle Lord ist besiegt. Du hilfst Neville und Oliver Wood dabei, die Verwundeten und auch die leblosen Körper der Gefallenen aus den Trümmern zu bergen. Immer, wenn du um eine Ecke biegst, wenn du einen Schutthaufen schweben lässt, hoffst du, darunter kein dir bekanntes Gesicht zu finden.

    Schließlich erreichst du die große Halle. An deiner Seite ist ein verletzter Erstklässler, den du bei Madame Pomfrey ablieferst. Sie nimmt ihn entgegen und versorgt seine Kratzwunden.
    Plötzlich fällt dein Blick auf eine kleine Traube Menschen ganz am Ende der großen Halle. Alle haben sie rote Haare und halten sich in den Armen.
    Wie ferngesteuert tragen deine Füße dich näher zu ihnen und du erkennst, dass sie sich nicht vor Freude in den Armen liegen. Molly schluchzt und zittert und Arthur kann sie nur mit größter Mühe festhalten. Harry hält seine Freundin Ginny und Ron und Hermine fest umklammert. Keiner von ihnen kann den Blick vom Steinboden abwenden.

    Deine Schritte werden schneller und obwohl du noch nicht weißt, was passiert ist, füllen sich deine Augen mit Tränen und dein Atem wird flach. Dann siehst du ihn. George, wie er sich schluchzend und wimmernd über den leblosen Körper seines Zwillings wirft und ihn immer wieder hin und her schüttelt. Dein Blick fällt auf das kalkweise Gesicht von Fred. Er sieht verschmitzt aus wie immer, ein Lächeln umspielt noch immer seine Lippen, als hätte er sich gerade eben noch köstlich amüsiert. Aber er ist tot, das siehst du sofort. Er ist tot und es gibt nichts mehr, was du für ihn tun könntest.

    Tonlos sinkst du neben deinen besten Freunden zu Boden und schließt George fest in deine Arme. Seine Haut ist blass und er zittert am ganzen Körper. Immer wieder flüsterst du seinen Namen in sein Ohr.

    „Oh, George,“, du willst etwas sagen. Irgendetwas tröstendes, irgendetwas, damit er nicht mehr so schrecklich leidet. Dein Vater hätte sicher etwas gewusst. Doch deine Stimme bricht immer wieder unter den Tränen, die brennend heiß über dein Gesicht laufen.
    Du weißt nicht, wie lange ihr dort kniet, eng umklammert über dem Leichnam eures besten Freundes und Bruders.

    Irgendwann hebst du deinen Blick und willst einen tiefen Atemzug nehmen, um dich zu beruhigen. Doch der Atem stockt dir gleich wieder, denn an einem Tisch, fernab von seiner trauernden Familie, lehnt Percy. Sein Gesicht sieht aus wie eine Wachsmaske, leblos und unecht. Und doch hebt und senkt sein Brustkorb sich schnell und er kann die glasigen Augen nicht für eine Sekunde von seiner trauernden Familie abwenden. Er lebt, das siehst du. Und doch siehst du auch, dass er gerade alles geben würde, um jetzt an Freds Stelle zu sein. Alles, um an der Stelle seines toten Bruders dort zu liegen, weil er glaubt, dass sein Verlust seiner Familie weniger Schmerz bereiten würde.

    Harry sinkt neben dir zu Boden und legt einen Arm um George. Er schaut erst zu dir, dann zu Percy und du weißt, was er denkt. Und er hat Recht.

    Deine Beine wollen dir nicht gleich gehorchen, aber langsam erhebst du dich und machst einen Schritt auf Percy zu. Er bemerkt dich nicht.
    Seine roten Locken hängen ihm wirr ins Gesicht, sein Anzug ist zerrissen und an seiner Brust klafft eine blutige Wunde. Dennoch steht er da, ganz unbewegt.

    „Percy“, sagst du sanft, als du ihn erreichst. Er schreckt zusammen und verliert fast das Gleichgewicht. Für eine Sekunde huschen seine verquollenen Augen zu dir, dann ruhen sie wieder auf seiner Familie.

    Du nimmst seinen Arm und willst ihn zu seiner Familie führen, aber er stemmt beide Füße fest in den Boden.

    „Ich sollte an seiner Stelle sein.“, flüstert er kaum hörbar und du erschauderst. „Ich hätte da liegen sollen, nicht er.“

    „Hör auf!“, sagst du bestimmt. „Hör auf damit!“

    Er weicht zurück und will sich von dir losreißen, aber du hältst ihn fest.
    „Mach das nicht! Lauf nicht wieder weg!“, forderst du energisch.

    Plötzlich spürst du, wie Dunkelheit dich umgibt und du fühlst dich, als würdest du durch einen Schlauch gepresst. Immer noch hängst du an Percys Arm.
    Dann landet ihr auf einer weitläufigen Wiese und die Wucht des Aufpralls reißt dich von den Füßen. Irritiert siehst du dich um. Percy ist neben dir gelandet und schaut nicht weniger verwirrt.

    „Wo sind wir?“, fragt er, mehr sich selbst als dich.

    „Ich dachte, das könntest du mir erklären!“, erwiderst du schärfer als beabsichtigt.

    Percy erhebt sich mühsam auf die Beine. „Ich wollte ins Ministerium.“, gibt er zu.

    „Das hier ist auf jeden Fall nicht das Ministerium.“, stellst du fest und klopfst dir den Staub von deiner zerrissenen Hose.

    Zwischen zwei der sanft geschwungenen Hügel siehst du jetzt ein Haus, das dir nur allzu bekannt ist.

    „Woran hast du gedacht, als wir appariert sind?“, fragst du und machst behutsam einen Schritt auf ihn zu. Dir tut alles weh, aber der bohrende Schmerz der Trauer in deiner Brust ist jetzt fast unerträglich.

    „Ich wollte nach Hause!“, antwortet er forsch. Dann siehst du, wie sein Blick den Fuchsbau am Horizont streift. Seine Brust beginnt, zu beben und seine Augen füllen sich mit Tränen.

    Du machst noch einen Schritt auf ihn zu und legst deine Arme und ihm, als könntest du ihn so irgendwie davor bewahren, vor Schmerz in tausend Teile zu zerbrechen.

    „Das ist dein Zuhause, Percy.“, beginnst du zaghaft. „Hier ist deine Familie.“

    Du spürst, wie er mit sich kämpft. Wie sehr er zurückkehren will und wie sehr er sich schämt, seine Familie überhaupt verlassen zu haben.
    „Komm.“ Du machst einen Schritt nach vorn. „Ich bring dich nach Hause.“

    Sein Körper ist hart wie ein Brett, so angespannt sind seine Muskeln, aber Stück für Stück kannst du ihn erst auf einen ausgetretenen Trampelpfad, dann auf die staubige Straße bringen, die zum Fuchsbau führt.

    „Warum hast du uns geholfen?“, fragst du immer wieder, erwartest jedoch keine Antwort.

    Doch irgendwann bricht es aus Percy hervor. Wie ihn die Nachricht im Ministerium erreicht hat, wie er nach Hogwarts geeilt ist, wie er sich mit seiner Familie versöhnt hatte, wie er mit Fred gescherzt hatte, das Ministerium für immer zu verlassen – und, wie dann die meterdicke Steinmauer herabgestürzt war und seinen jüngeren Bruder unter sich begraben hatte.

    „Ich hätte an seiner Stelle sein sollen, Lynn – verstehst du das nicht?“, endet er, als ihr vor der Tür des Fuchsbaus steht.

    „Nein.“ Du schüttelst den Kopf und lauschst. Alles ist still, noch niemand ist hier. Du drückst die Tür auf und führst Percy ins Wohnzimmer.
    Du tust dein bestes, um nicht auf die Uhr der Weasleys zu schauen, die den Standort aller Familienmitglieder anzeigt.
    Vor dem Sofa bleibt ihr stehen. Du setzt dich und Percy leistet keinen Widerstand, als du ihn vorsichtig nach unten ziehst.
    Er winkelt seine langen Beine an und bettet seinen Kopf auf deinen Schoß. Langsam streichst du durch seine roten Locken. Immer wieder, immer wieder, bis du merkst, dass seine Augen schwer werden. Irgendwann bricht sein Widerstand, seine Augen fallen zu. Sein Atem wird tief und regelmäßig und sein verkrampfter Körper entspannt sich.

    Du atmest tief durch, das erste Mal seit Ewigkeiten, so scheint es dir, und blickst hinab auf Percys Gesicht.
    Er sieht ganz friedlich aus, als könnte ihm kein Schmerz dieser Welt etwas anhaben, so wie er da liegt. Während du ihn so betrachtest und durch sein Haar streichst, wird dir klar, dass du in ihm schon lange so viel mehr als nur den steifen Gryffindor-Vertrauensschüler gesehen hat. Seit er sich zum ersten Mal für dich eingesetzt hat, mit dem gleichen Löwenherz, das auch seine Mutter hat, hast du dein eigenes Herz an ihn verloren. Ihr seid beide keine Freunde großer Gefühle, also stand es für dich noch nie zur Debatte, Percy auf dieses warme, leuchtende Gefühl anzusprechen, das du immer hattest, wenn du in seiner Nähe warst.
    Und jetzt liegt er da, so tief verletzt, auf deinem Schoß. Der Schmerz in deiner Brust macht kurz Platz für ein anderes Gefühl. Liebe – du schwörst dir, diesem Mann nicht mehr von der Seite zu weichen, ehe seine Wunden geheilt waren. Ehe er sich selbst würde verzeihen können.

    Ganz langsam öffnet sich die Wohnzimmertür. Molly erscheint im Türrahmen. Sie ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst, gezeichnet von unerträglichen Schmerzen. Ihr Blick fällt zuerst auf dich und wandert dann hinab in deinen Schoß, auf ihren schlafenden Sohn.

    Ohne ein weiteres Wort stürzt sie auf dich zu, fällt vor dem Sofa auf die Knie und drückt Percy so fest an sich, als wollte sie all die verlorene Zeit der letzten Jahre in einer einzigen Umarmung nachholen.

    7
    ***

    Etwas mehr als ein Jahr ist seit der großen Schlacht vergangen. Das Schloss ist wieder aufgebaut, die Schüler werden wieder unterrichtet – auf den ersten Blick ist wieder Normalität eingekehrt, ein Leben nach dem Krieg.
    Du arbeitest in einem Arztpraxis für magische Geschöpfe in der Winkelgasse und besuchst die Weasleys so oft du kannst. Ihr Leben wird nie wieder zur Normalität zurückkehren, das weißt du. Aber sie alle tun ihr möglichstes, um sich in diesem neuen Leben, einem Leben ohne Fred, zurechtzufinden.
    Wann immer du kannst, triffst du auch Percy. Er arbeitet nicht mehr für das Ministerium, zumindest im Moment nicht. Nach der Schlacht wurde er auf unbestimmte Zeit beurlaubt, um sich zu fangen.

    Er strengt sich an, das weißt du, und doch siehst du ihm jeden Tag an, das er die wohl schwerste Last der Welt mit sich trägt – die Schuld, der Überlebenden.
    Es ist Samstag, der 18. Dezember und du stehst vor seiner Haustür, um ihn zu besuchen. Du hast Abendessen dabei aus seinem liebsten Muggelrestaurant.
    Percy öffnet dir die Tür, noch ehe du den Klopfer betätigt hast.

    „Heute siehst du besser aus.“, begrüßt du ihn und umarmst ihn kurz. Wie gerne würdest du ihn länger umarmen und auch öfter, aber schon so oft hat er versucht, dir zu erklären, dass er es nicht wert sei, Liebe und Zuneigung zu erfahren, weil er seinen Bruder habe sterben lassen. Du weißt, dass diese Einstellung schrecklich falsch ist und willst ihn heute vom Gegenteil überzeugen. Schließlich trägst du eine ganze Menge Liebe und Zuneigung, ausschließlich für ihn, in deinem Herzen, die du ihm auch endlich geben willst.

    „Wenn du das sagst.“ Ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen. Heute ist einer der guten Tage, das spürst du gleich.

    „Ich hab uns was mitgebracht.“ Du öffnest den Beutel und breitest seinen Inhalt auf dem Sofatisch in Percys Wohnzimmer aus. Pizza und Pasta, du weißt, wie sehr er italienisches Essen liebt.

    „Wow, das ist ziemlich viel, meinst du nicht?“, er kratzt sich nachdenklich über sein Kinn, welches neuerdings von einem Drei-Tage-Bart geziert wird.

    „Der Bart steht dir gut.“, sagst du, ohne auf seine Frage einzugehen. Stattdessen streichst du sanft über seine Hand. Er erschaudert, zieht sie aber heute nicht weg.

    Ihr esst und schaut euch einen Muggelfilm an, bei dem man nicht allzu viel nachdenken muss. Du schaust Percy immer wieder an und siehst, wie er sich immer weiter entspannt.

    Du hast euch auch einen Wein mitgebracht, den ihr beide gemeinsam leert. Bald merkst du, dass Percy schon leicht angetrunken ist.

    „Das war eine gute Idee von dir.“, stellt er fest, nachdem ihr den letzten Tropfen Wein geleert habt.

    Er streckt sich und legt ganz beiläufig einen Arm und deine Schulter. Wieder durchströmen Glücksgefühle deinen ganzen Körper und du schmiegst dich näher an ihn.
    Du merkst, dass er anfangs irritiert ist, deine Nähe aber dann genießt.

    Dann flimmert auch schon der Abspann des Films über den Fernseher, doch ihr zwei bleibt sitzen. Schließlich ist es still und der Bildschirm wird schwarz. Jetzt werden eure Gesichter nur noch von dem schwachen Lichtschein aus dem Flur erhellt.

    Du setzt dich auf und schaust Percy an. Eure Nasenspitzen berühren sich fast und du sehnst dich so sehr danach, ihn endlich zu küssen. Ein Blick in seine Augen reicht, um zu sehen, dass er genau so fühlt.
    Du beugst dich langsam vor.

    „Nicht“, flüstert er kaum hörbar und seine Augen füllen sich mit Tränen. „Ich sollte nicht-“

    „Du solltest nicht so viel reden, Percy Weasley. Du verdienst es, glücklich zu sein.“ Mit diesem Satz legst du deine Lippen auf seine und nimmst ihm so die Möglichkeit, noch mehr Zweifel zu äußern.

    Einen Moment lang hält er ganz still, aber dann legt er seine Hände an dein Gesicht und erwidert den Kuss. Zuerst nur ganz vorsichtig – so vorsichtig, dass du dir nicht einmal sicher bist, ob ihm gefällt, was hier passiert. Doch dann hast du das Gefühl, als würde der Mann an deiner Seite zu ganz neuem Leben erwachen, während er dich näher zu sich zieht und euer Kuss immer inniger wird.

    Irgendwann löst ihr euch voneinander, bleibt aber trotzdem ganz nah beieinander, Stirn an Stirn.

    „Du machst mich so glücklich, weißt du das?“, flüsterst du leise und siehst ihm tief in die Augen.

    Seine Augen strahlen und seine feinen Gesichtszüge wirken lebendiger denn je.

    Ein Lächeln huscht über sein Gesicht und er senkt den Blick. „Das selbe wollte ich gerade von dir behaupten. Warum haben wir das nicht früher gemacht?“

    Statt ihm zu antworten, küsst du ihn wieder und du kannst spüren, wie seine Lippen ein Lächeln formen.

    Dann schaust du ihn noch einmal ernst an. „Du bist ein guter Mensch, Percy Weasley. Verstehst du mich? Du bist ein ganz wundervoller Mensch, der es verdient hat, endlich glücklich zu sein.“

    Während du sprichst, hältst du sein Gesicht in deinen Händen und siehst ihn eindringlich an, als würdest du ihm gerade hochkomplexe, wissenschaftliche Zusammenhänge erklären.

    Dieses Mal ist er es, der nicht antwortet und dich einfach erneut küsst.

    Irgendwann schlaft ihr ein, aneinander geschmiegt, mit angewinkelten Beinen und miteinander verschränkten Armen auf dem viel zu kleinen Sofa in Percys Wohnzimmer. Für einen Außenstehenden musste das nach der unbequemsten Schlafposition aussehen, die es nur geben konnte, doch ihr beide fandet den erholsamsten Schlaf seit Jahren und wachtet nicht auf, ehe die blasse Dezembersonne das kleine Zimmer am nächsten Morgen erhellte.

    Weihnachten verbringt ihr im Fuchsbau. Es ist nicht nur das erste Mal, dass Percy dich als seine Freundin mit zu seiner Familie bringt, es ist auch das erste Mal seit langer Zeit, dass alle Familienmitglieder wieder zusammen am Tisch sitzen können und unbeschwert gemeinsam lachen.

    8
    …. 3 Jahre später

    „Komm schon, wir werden noch zu spät sein!“ Percy winkt dir eilig aus dem Kamin eures kleinen Hauses heraus zu.

    „Ich bin schon da!“, keuchst du und steigst zu deinem Mann in den Kamin. „Musste noch die Schokofrösche aufessen.“

    Er wischt dir lächelnd einen Krümel aus dem Mundwinkel und dann seid ihr auch schon auf dem weg in den Fuchsbau.

    „Wie schön, dass ihr da seid!“ Molly hilft dir aus dem Kamin im Flur des Fuchsbaus. „Wie schön! Kommt rein, kommt!“

    Du klopfst dir ein wenig Ruß von deinem Mantel und folgst Molly ins Wohnzimmer des Hauses. Die Tür öffnet sich und alles ist wie immer – fast. Ein Teil der Weasleys wird immer fehlen, doch mittlerweile überwiegen die schönen Erinnerungen an Fred den Schmerz über seinen Verlust.

    Der Weihnachtsbaum steht in der selben Ecke wie immer und die kleine magische Wolke lässt feinen Schnee auf ihn hinabrieseln, wie immer. Auch die magischen Kugeln hängen an ihrem Platz und die Weasleys – und inzwischen sogar ein Abbild von dir selbst und deinen Eltern – lächeln dir vom Weihnachtsbaum entgegen.

    Du umklammerst fest das kleine Geschenk in deiner rechten Hand, mit der linken hältst du die Hand von Percy.

    „Zieht doch eure Mäntel aus, es ist warm hier drin!“, fordert Arthur euch lächelnd auf.

    Vorsichtig legst du das kleine Geschenk auf die Kommode neben dir und knöpfst deinen Mantel auf. Percy hatte seinen gar nicht geschlossen, also schickt er ihn mit einem Fingerschnipsen nach draußen in die Garderobe.

    Molly zieht scharf die Luft ein. Ihr Blick haftet an Percys Pullover. Eben jenen, den er in der Silvesternacht vor so vielen Jahren zurück in den Fuchsbau geschickt hatte, den Molly ihm aber nach der Schlacht von Hogwarts immer wieder zurückgegeben hatte – selbst als Percy sich geweigert hatte, ihn zu tragen.

    „Oh, Percy!“ Sie läuft auf ihn zu und umarmt ihn fest. „Mein Percy!“

    „Lynn! Ich hab es gewusst!“, ruft Fleur mit spitzer Stimme und springt von ihrem Platz auf dem Sofa auf.

    „Ich hab es doch gewusst! Mon coeur!“ Sie läuft auf dich zu, ihre silbrig blonden Haare fliegen in alle Richtungen, als sie dir um den Hals fällt.

    Du schaust sie irritiert an. Dann wird dir die Haltung deiner Hand bewusst. Ganz unabsichtlich ist sie von deinen Knöpfen über deinen Wollpullover auf deinen Bauch gewandert. Deinen Bauch, über dem dein Weasley-Sweater jetzt schon ziemlich spannt und das aufgestickte L ziemlich ausbeult.

    „Ihr bekommt ein Kind!“, ruft Ron laut aus, was alle in diesem Moment denken.

    „Lynn!“ Molly fährt zu dir herum.

    „Percy!“ Sie dreht sich wieder zurück zu ihrem Sohn, in ihren Augen stehen Tränen der Freude.

    Percy drückt dich voller Stolz an sich und gibt dir einen Kuss auf die Stirn.

    „Wir haben dir euer Geschenk noch gar nicht gegeben!“, sagst du schnell und reichst ihr die kleine rote Schachtel.

    Das ignoriert sie jedoch geflissentlich und fällt dir um den Hals. George eilt herbei und nimmt dir das Päckchen ab.

    Vorsichtig öffnet er den Deckel und zieht eine Christbaumkugel aus der Verpackung. Sie ist dunkelrot, wie alle anderen Kugeln am Baum, doch in ihrer Mitte sieht man, wie sich ein winzig kleines Baby dreht und bewegt. Er strahlt euch an.

    Ihr liegt euch alle in den Armen. Du fühlst dich unheimlich glücklich und ihr feiert das fröhlichste Weihnachtsfest seit Jahren.

    Später am Abend gehst du nach draußen, um deine Eltern anzurufen. Als du den Hörer auflegst, schaust du in den sternenklaren Nachthimmel. Eine einzelne Sternschnuppe zieht am Himmel vorbei.
    „Schön, oder?“ Percy setzt sich zu dir und legt einen Arm um dich.
    Viel langsamer ist sie, und viel heller als gewöhnlich. Du willst dich umdrehen, um dem Rest der Familie das Schauspiel zu zeigen. Doch dann hältst du noch einen kleinen Moment inne und beobachtest den Himmel.
    Die Sternschnuppe leuchtet noch einmal auf und verschwindet dann in der Dunkelheit. In diesem Moment weißt du, dass sich heute Nacht alle Mitglieder des Weasley-Familie mit dir und deinem Mann freuen und dass ihr immer euren ganz persönlichen Schutzengel im Himmel haben werdet.

    „Er freut sich mit uns.“ Percy löst seinem Blick vom Himmel und schaut dich liebevoll an. Der Sturm in seinen Augen ist zur Ruhe gekommen.

    „Das tut er.“, flüsterst du leise und gibst deinem Mann einen zärtlichen Kuss.

    Im nächsten Frühjahr kommt eure Tochter Molly auf die Welt. Ihr zieht noch einmal um, in ein kleines Haus in der Nähe von Shell Cottage. Percy arbeitet nicht mehr für das Ministerium und ihr genießt eure Zeit als Familie in vollen Zügen.

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