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Wir sehen uns im Himmel

Dies ist eine Geschichte für den Warrior Cats Schreibwettbewerb von Silbersturm.

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    Ein Blitz zuckte vom Himmel. Eisiger Wind zerzauste das regennasse Fell des getigerten Katers. Dann – ein Schrei. Eine schemenhafte Gestalt sprang a
    Ein Blitz zuckte vom Himmel. Eisiger Wind zerzauste das regennasse Fell des getigerten Katers. Dann – ein Schrei. Eine schemenhafte Gestalt sprang aus dem Gebüsch, auf die rote Katze. Der Kater wollte Hilfe holen, doch der Schock und die eisige Kälte erlaubten ihm nicht, sich zu bewegen. „Schnell,“, dachte er, „sie stirbt. Ich muss etwas unternehmen!“ Doch es war wie in einem Traum. Noch ein Aufschrei, dann sank die Katze leblos zu Boden. Da hörte der Kater viele Krieger hinter sich. Sie preschten vor, auf den Fuchs zu. In dem Windstoß der rennenden Katzen sank auch der Kater zu Boden und schloss verzweifelt seine Augen.

    Blitzfell schreckte aus dem Schlaf hoch. Sein Herz klopfte wild und sein Atem ging schnell und flach. Da ertönte eine verschlafene Stimme neben ihm. „Blitzfell, was hast du da gerufen? Ich hoffe es ist was Wichtiges, ich will nämlich schlafen.“ Etwas beleidigt schaute Wasserschweif, Blitzfells bester Freund, in die smaragdgrünen Augen des orangegetigerten Katers. Blitzfell konnte nur die blauen Augen in der Dunkelheit der Nacht erkennen. „Nichts. Es ist nur – dieser Traum.“, presste Blitzfell mit vor Anspannung zitternder Stimme hervor. „Ich – ich muss einfach immer wieder daran denken, wie Rosenflug...“ Seine Stimme brach ab. Er holte tief Luft, schluckte und zitterte weiter. Der Gedanke an seine Freundin Rosenflug verfolgte ihn schon seit Tagen – und Nächten. „Es – es ist meine Schuld! Ich hätte doch etwas tun müssen!“, schluchzte er. Eine glitzernde Träne verschwand in der Dunkelheit. „Oh, Blitzfell!“, flüsterte Wasserschweif. „Es geht darum...“ „Sie hat Junge erwartet!“, rief Blitzfell und schluchzte laut. Wasserschweif rückte an Blitzfell und schnurrte beruhigend. „Versuch, wieder einzuschlafen.“, sagte er. „Was passiert ist, ist Vergangenheit.“ An seinen besten Freund gekuschelt weinte Blitzfell noch eine Weile, dann schlief er tatsächlich ein.

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    Am nächsten Tag ging Blitzfell am Fluss jagen. Wann immer er an Rosenflug dachte, stach es ihm ins Herz. Er war unfähig, auch nur einen Fisch zu fangen. Immer wieder spielte sich die Szene vor seinen Augen ab. Der Blitz. Der Schrei. Rosenflug – tot. Er war schuld. Verärgert schüttelte Blitzfell den Kopf. „Das Leben geht weiter, Blitzfell. Was passiert ist, ist Vergangenheit.“, redete er sich zu. Entschlossen ging er in Position, spannte seine Muskeln an, schaute genau auf das kleine Fischchen... Seine Pfote schoss vor und – verfehlte den Fisch. Das Wasser spritzte in sein Gesicht. Wütend stöhnte Blitzfell: „Es kann doch nicht sein, dass ich keinen einzigen Fisch fange!“ Er lief vor dem Ufer aufgeregt auf und ab. Sein Blick war auf seine Pfoten gerichtet, wie sie auf das grüne Gras und die kleinen, weißen Blumen traten. „Okay.“, dachte er. „Ich setze mich jetzt hin und entspanne mich. Danach versuche ich es noch einmal.“ Das tat er. Er setzte sich neben das Schilf, schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Das leise Plätschern des Baches, der Geruch nach Wasser und Fisch und der kühle Wind beruhigten ihn ein wenig. „Gut. Jetzt noch einmal.“, sagte er zu sich selbst und öffnete die Augen. Da fiel sein Blick auf eine Katze auf der anderen Seite des Baches. Sie hatte langes, honigfarbenes Fell und tiefblaue Augen. Sie war zierlich und elegant, doch als Blitzfell sah, wie sie sich auf ein Eichhörnchen stürzte, merkte er, dass sie eine hervorragende Kriegerin sein musste. „Wow“, flüsterte er.
    „Blitzfell, da bist du ja! Und, wie viel hast du schon gefangen?“ Die Stimme seines Freundes riss Blitzfell aus den Gedanken. „Was? Achso. Gar nichts.“, seufzte er. „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich bekomme bestimmt Ärger, wenn ich nichts mit ins Lager bringe.“ „Oh.“ Der Kater mit dem blaugrauen Fell schaute seinen Freund mitleidig an. Er schien kurz mit sich zu ringen, dann sagte er: „Ich gebe dir zwei von meinen Fischen.“ „Wirklich?“ Dankbar leckte Blitzfell Wasserschweifs Ohr. „Ich schulde dir was!“, meinte er strahlend. „Ach was, das mache ich doch gerne. Aber jetzt müssen wir zurück ins Lager. Die Sonne geht schon unter.“

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    Zurück im Lager legten Wellenschweif und Blitzfell ihre Fische auf den Frischbeutehaufen. Wellenschweif nahm sich gleich einen Fisch nuschelte: „Ich geh schonmal da rüber, okay?“ Er deutete auf einen knorrigen, großen Baum, ein paar Sprünge entfernt. „Ja, okay.“, antwortete Blitzfell. Kurz schaute er seinem Freund nach, dann wollte er sich einen Fisch nehmen. Da hörte er eine Stimme hinter sich und drehte sich um. „Herausragende Leistung, Blitzfell. Zwei Fische – und das sind noch nicht einmal deine eigenen…“ Es war Nebelgrau, der zweite Anführer. Ein großer, grauer Kater mit breiten Schultern. „Kannst du mir vielleicht erklären, warum du heute keinen Fisch gefangen, stattdessen faul am Schilf gesessen und auf die Seite des DonnerClans geschaut hast?“ „Ich, äh… nein…“, stotterte Blitzfell. Das nein bezog sich eigentlich darauf, dass er schon versucht hatte, Fische zu fangen, er aber gescheitert war. Nebelgrau senkte den Kopf zu Blitzfell hinunter und sagte leise knurrend: „Das Futter ist wichtig für unseren Clan, und du weißt genau wieso. Jetzt lässt du dir noch nicht einmal eine Ausrede einfallen, fauler Kater.“ Etwas lauter und ohne zu knurren, allerdings mit abfälligem Tonfall erklärte er dann: „Ich denke es ist besser, du isst heute Abend nichts. Nicht dass andere Krieger, die gejagt haben, nichts zu essen bekommen, weil ein kleiner fauler Kater sich bedienen lässt.“ Mit diesen Worten nahm er sich einen Fisch und stolzierte davon. Blitzfell schaute ihm mit schlechtem Gewissen nach, obwohl er doch eigentlich nichts getan hatte. Er war einfach ungeschickt gewesen.

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    Der Hunger war am nächsten Tag Blitzfells Motivation, sich beim Jagen anzustrengen. Der Hunger – und die Katze, die eine so herausragende Jägerin war. „Ich werde doch wohl besser jagen können als eine Katze aus dem DonnerClan!“, dachte er. Doch insgeheim bewunderte er sie – für ihre Geschicklichkeit, ihre Eleganz, ihre Schönheit. Blitzfell konnte sich diesen Gedanken nicht erklären. Warum konnte er nur noch an sie denken? Entschlossen schüttelte er den Kopf und versuchte, sich nur auf die kleinen, im Wasser zappelnden Fische vor ihm zu konzentrieren. Er ging in Position, spannte alle Muskeln an, beobachtete den Fisch genau… Dann sprang er ab und wurde zur Seite geschleudert. Sein Kopf prallte hart auf einem Stein auf. Irgendetwas war auf ihn gesprungen. Und nun erkannte er das etwas – es war ein Fuchs. Die Zähne fletschend schaute er in Blitzfells Gesicht, dann schoss sein Kopf vor und biss ihn in die Flanke. Blitzfell jaulte auf, doch er fasste sich schnell wieder. Geistesgegenwärtig bohrte er seine Krallen in das Fleisch des Fuchses, biss ihn in die Schulter und versuchte, sich aus der Umklammerung zu lösen. Das war schwieriger als gedacht. Die Krallen des Fuchses bohrten sich nur noch tiefer in seine Schultern. Er versuchte, in die Pfote des Fuchses zu beißen, doch er verfehlte sie. Stattessen biss der Fuchs ihn in sein Ohr. Es ging immer weiter, kratzend, beißend, sich windend kämpften die zwei Tiere gegeneinander, als Blitzfell hörte, wie viele andere Katzen herbeiströmten. Sie stürzten sich auf das Knäuel aus Fell und versuchten, Blitzfell zu befreien. Nicht selten erwischten ihre Schläge auch den Kater. Ihm wurde schwindelig, er schmeckte Blut auf seiner Zunge. Dann wurde alles schwarz.

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    „Wie geht es ihm? Lebt er? Ist er schwer verletzt? Blitzfell, wach doch auf!“ Eine Weile brauchte Blitzfell, um die Bedeutung dieser Worte zu verarbeiten. Dann erinnerte er sich an den Kampf mit dem Fuchs. Es war wahrscheinlich derselbe gewesen, der Rosenflug… Nein! Erschrocken riss Blitzfell die Augen auf. „Ist er tot?“, fragte er. „Wer? Der Fuchs?“ Das war Knospenauges Stimme, die Heilerin. „Du lebst!“, rief Wasserschweif glücklich. Blitzfell schaute sich um. Er war in der Höhle der Heilerin. Dämmerlicht erfüllte sie, es roch nach Kräutern und die Luft war kühl und feucht. Neben sich erkannte Blitzfell seinen Freund Wasserschweif. Dann erinnerte er sich an Knospenflugs Frage. „Ja, ich meine den Fuchs.“ „Er ist tatsächlich tot. Die Krieger konnten ihn ausschalten.“, erzählte die Heilerin. Ein wenig schämte Blitzfell sich, weil er den Fuchs nicht hatte erlegen können. Außerdem hatte er es sein wollen, der den Tod seiner Freundin rächt. „Blitzfell, du musst dich eine Weile ausruhen, bis die Wunden verheilt sind.“, erklärte Knospenauge. „Aber das wird nicht allzu lange dauern.“

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    Einige Tage später konnte Blitzfell wieder jagen. Außerdem hatte er einen Entschluss gefasst: Er wollte die unbekannte Katze aus dem DonnerClan kennen lernen. Durch das Ausruhen hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt und war zu dem Schluss gekommen, dass er in sie verliebt war. Es musste so sein. Genauso hatte er sich bei Rosenflug immer gefühlt. Das Problem war: Sie war aus dem DonnerClan und er aus dem FlussClan. Aber Blitzfell wollte es riskieren. Er ging wieder zum Fluss und hielt Ausschau nach ihr, doch er konnte nur einen Kater mit verfilztem, sandfarbenem Fell und mattgrünen Augen erkennen. Endtäuscht widmete er sich den Fischen.
    Am nächsten Tag schaute er wieder nach – nichts.
    Doch am übernächsten Tag war sie wieder da. Die schöne Katze, die Eleganz in Person, die perfekte Jägerin. Blitzfells Herz klopfte wie wild. „Jetzt ist es soweit.“, dachte er. „Jetzt werde ich hingehen und sie einladen.“ Zitternd holte er Luft, um sich zu beruhigen, dann sprang er ins kühle, klare Wasser. Aufgeregt schwamm er in Richtung DonnerClan. Die honigfarbene Katze betrachtete ihn misstrauisch. „Was willst du?“, fragte sie. Sie hatte eine hohe, klare Stimme. Blitzfell versuchte, ruhig zu atmen und sagte: „Wir treffen uns heute Nacht noch einmal hier.“. Überrascht schaute ihn die Katze an, doch er tauchte unter und schwamm zurück. Auf einmal war ihm das Erlebnis unglaublich peinlich. Wie er sich benommen hatte! Sie kam bestimmt nicht. Außerdem – selbst, wenn sie kam, würde sie ihn doch eher angreifen, als Blitzfell auf das Territorium zu lassen. Und selbst, wenn sie ihn mochte, könnten sie nie ein Paar werden. Verbittert schaute Blitzfell auf eine kahle Stelle auf dem Boden. „Ich habe wohl immer Pech“

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    Mitten in der Nacht wachte Blitzfell auf. Der Mond stand über ihm, groß und hell.
    Er stand auf. „Ich gehe jetzt zum Fluss.“, dachte er. „Vielleicht kommt die Katze ja doch.“ Blitzfell schloss die Augen und schnupperte. Alles roch wie immer, kühler Nachtwind blies ihm ins Gesicht. Er spitzte seine Ohren. Nichts zu hören, außer das gleichmäßige Atmen vieler Katzen und einem Uhu, der in der Ferne seinen Ruf verkündete: „Hu – huuu!“ Blitzfell öffnete die Augen und schlich leise davon.

    Der Fluss plätscherte leise, Grillen zirpten als übten sie für ein großes Konzert. Der Mond leuchtete immer noch hell über dem Wald auf der anderen Seite des Flusses, so dass man dessen Umrisse erkennen konnte. Auf einem Ufer stand ein Kater. Er katte kurzes Fell und leuchtend grüne Augen. Er schaute auf sie andere Seite des Flusses. Dort war niemand. Oder doch? Ja, diese Form neben dem Busch konnte man tatsächlich für eine Katze halten. Nun kam sie an das Ufer heran.

    Blitzfell klopfte das Herz bis zum Hals. Sie war tatsächlich gekommen! Sie… die Katze aus dem DonnerClan. „Was willst du? Warum sollte ich kommen? Ich habe Glück, dass ich unbemerkt aus dem Lager gekommen bin.“, kam es leise von der anderen Seite des Flusses. Blitzfell überlegte. Sollte er es wirklich wagen? Ja. Er wollte es riskieren. „Darf – darf ich rüberkommen?“, flüsterte er zurück. Stille. Die Katze schien zu überlegen. „Kommt darauf an…“, meinte sie dann. „Worauf?“, fragte Blitzfell aufgeregt. Das war kein Nein gewesen. „Warum willst du kommen?“, stellte die Katze eine Gegenfrage. „Ich…“ Blitzfell schaute verlegen zu Boden. „wollte dich kennen lernen…“, beendete er den Satz. Wieder Stille. Blitzfell atmete schnell aus und ein. „Ich meine… Wenn das okay ist…“, fügte er zögernd hinzu. „Du weißt genau, dass es nicht okay ist.“, antwortete die Stimme am anderen Ufer. „Ja…“, seufzte Blitzfell leise und strich mit seiner Pfote über den Boden. Zu seiner großen Überraschung sagte die Katze: „Komm.“, als wäre das selbstverständlich. Etwas verwirrt schaute er sie an. „Komm.“, wiederholte diese. „Vielleicht ist es eine Falle“, dachte Blitzfell, doch er verdrängte den Gedanken gleich wieder. Jetzt war er schon so weit gekommen. Und außerdem, wie sähe es denn aus, wenn er nicht kommen wollte, obwohl er doch gefragt hatte? Also atmete Blitzfell tief ein und stieg in den Fluss. Die kleinen Wellen schlugen gegen seine Seite. „Sei mutig und stark.“, dachte er. Nach einigem Paddeln kam er auf der anderen Uferseite an. Langsam setzte er eine Pfote auf den weichen Boden. „Und das ist wirklich okay?“, fragte er noch einmal. „Soll ich dich wieder rüberschicken?“, fragte die Katze zurück. Blitzfell schüttelte den Kopf. „Ich bin Sonnenherz.“, sagte sie. „Blitzfell.“, erwiderte Blitzfell. Eine Weile schwiegen sie sich an. Hier roch es ganz anders als im FlussClan-Territorium. Weniger feucht und mehr nach Wald. „Und?“, brach Sonnenherz das Schweigen. „Hm?“, machte Blitzfell. „Sollen wir hier rumstehen und uns anschweigen oder sollen wir uns kennen lernen?“, fragte Sonnenherz. Dann lächelte sie. „Komm, setz dich.“

    Der Fluss plätscherte leise, Grillen zirpten als übten sie für ein großes Konzert. Der Mond leuchtete immer noch hell über dem Wald, so dass man dessen Umrisse erkennen konnte. Auf dem einen Ufer saßen zwei Katzen und redeten. Sie redeten und lachten, ab und zu schauten sie auch nur auf die im Mond glitzernden Wellen des Flusses. Lange saßen sie da. Nach einiger Zeit sagte die honigfarbene Katze etwas zu dem orangegetigerten Kater. Der nickte, leckte der Katze über das Ohr und schwamm zum anderen Ufer. Dort angekommen nickten die beiden sich noch einmal zu, dann gingen sie davon.

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    Auf dem Heimweg dachte Blitzfell wieder über alles geschehene nach – von dem Augenblick an, an dem er Rosenflug das erste Mal begegnet war, bis zu dem Treffen mit Sonnenherz. Nein, eigentlich dachte er noch weiter, aber beginnen wir von vorne.
    Rosenflug war eine hübsche, rötliche Langhaarkatze mit grünen Augen gewesen. Sie war frech und abenteuerlustig, witzig und außerdem romantisch. Blitzfell war sofort verzaubert gewesen. Sie hatten sich kennen gelernt, schöne Dinge erlebt – und bald erwartete Rosenflug Junge. Blitzfell war sehr stolz gewesen, hatte sich zusammen mit der Katze Namen überlegt und allen die schöne Neuigkeit verkündet. Dann kam diese Nacht – die abenteuerliche Rosenflug hatte Blitzfell überredet, eine nächtliche Wanderung zu unternehmen. Als Blitzfell, sagen wir mal, sein Revier markiert hat, ging Rosenflug schon voraus. Es fing an zu gewittern. Da hörte Blitzfell einen Schrei und schaute schnell nach, was passiert war. Dort stand Rosenflug, ein Fuchs griff sie an. Vor Schreck war Blitzfell wie gelähmt und konnte Rosenflug nicht helfen. Sie starb, und Blitzfell musste dabei zusehen. Seitdem konnte er an nichts anderes mehr denken, weinte oft und träumte von dem Erlebnis. Es war schrecklich.
    Doch dann hatte er Sonnenherz das erste Mal gesehen. Der Gedanke an sie lenkte ihn von Rosenflug ab.
    Später wurde er auch von einem Fuchs überfallen – von demselben Fuchs. Er hatte ihn nicht abschütteln können, andere Katzen mussten ihn retten. Er hatte Rosenflugs Tod nicht rächen können, beinahe wäre er sogar selbst gestorben.
    Jetzt hatte er die unbekannte Katze, Sonnenherz, kennen gelernt und damit sie und sich selbst in Gefahr gebracht. Er war in sie verliebt, und sie konnte ihn anscheinend auch gut leiden, doch sie war aus einem anderen Clan. Wenn irgendjemand herausfinden würde, dass sie sich heimlich trafen, würden beide aus den Clans ausgeschlossen werden. Und wohin sollten sie dann gehen? Würden sie überhaupt überleben? Blitzfell musste sich entscheiden zwischen Sonnenherz und einem bequemen Leben im Clan, bei Wasserschweif und den anderen. Beide Möglichkeiten brachen ihm das Herz.
    Verzweifelt warf er sich zu Boden und weinte.

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    „Du musst wissen,“, sagte Sonnenherz bei einem ihrer Treffen, „dass ich früher ein… Hauskätzchen war.“ Verlegen betrachtete sie ihre Pfoten. Blitzfell schaute sie überrascht an. „Wirklich? Dabei bist du so eine gute Jägerin!“ Sonnenherz lächelte bescheiden. „Ach was… Aber… Ist das für dich denn okay?“ „Was? Das du ein Hauskätzchen warst? Natürlich! Es macht doch keinen Unterschied, ich liebe dich, auch wenn du…“ Blitzfell hielt inne. Sein Herz raste. „Ich, ich meine…“, stotterte er verlegen. Sonnenherz schaute ihn an und lächelte. „Ich liebe dich auch.“, sagte sie.

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    „Weißt du, als ich bei den Zweibeinern gewohnt habe, habe ich einiges über sie gelernt. Wusstest du, dass sie auch so etwas haben wie den SternenClan? Sie nennen ihn einfach nur Himmel. Das lustige ist, dass sie gar nicht den Himmel meinen, sondern eine ganz andere Welt.“ Sonnenherz kicherte. „Schon komisch. Dadurch entstehen viele Missverständnisse. Aber die Zweibeiner, die es verstanden haben, sagen, der, der alles gemacht hat würde überall sein. Er ist so etwas wie ein Geist.“ Sie überlegte. „Es gibt so viele Missverständnisse auf der Welt. Dadurch entstehen Kriege und Hass. Es ist traurig, wie wenig Zweibeiner, aber auch Katzen von Frieden verstehen. Dabei ist es doch so einfach.“ Sie sah Blitzfell an. „Jedes Lebewesen wird geliebt, und ist es wert, geliebt zu werden. Und Hass, Krieg, Lüge und so weiter, bringt einen überhaupt nicht weiter im Leben.“ Sie seufzte. „Viele fragen sich, warum es einen geben kann, der alles gemacht hat und der alle liebt, wenn es doch so viel Schlechtes in der Welt gibt. Aber sie könnten genauso fragen, warum es Autos gibt, die Unfälle bauen.“ Verwirrt schaute Blitzfell Sonnenherz an. „Was sind denn Autos?“, fragte er. „Oh, das sind die Ungeheuer der Zweibeiner, von denen sie herumgetragen werden. Aber die Zweibeiner bestimmen selbst, wo sie hingetragen werden, also sind nicht die Autos schuld, wenn Unfälle passieren.“ „Achso.“ „Und wäre der Ort, in dem die Erde rumfliegt (sie nennen das ‚Universum‘), auch nur eine Schwanzspitze größer oder kleiner – dann würde alles in sich zusammenfallen oder platzen. Wenn die Erde auch nur eine Schwanzspitze näher an der Sonne oder weiter von der Sonne entfernt wäre, wäre es so heiß oder kalt, dass keine Katze überleben könnte. Und das sind nur zwei Beispiele. Alles ist so perfekt, und wäre es nicht perfekt, würde gleich alles kaputt gehen. Da ist es doch logisch, dass es den gibt, der alles gemacht hat.“ „Hm. Vielleicht.“ „Das tolle ist,“, erzählte die Katze weiter, „dass auch Tiere in den Himmel dürfen, es sei denn, sie haben in ihrem Leben einen Zweibeiner getötet.“ „Warum ausgerechnet Zweibeiner?“ „Nun, der, der alles gemacht hat, hat die Zweibeiner ja auch gemacht. Und weil er sie so sehr lieb hatte, hat er, als er sie gemacht hat, sie so ähnlich aussehen lassen wie ihn.“ „Du sagtest doch, er wäre ein Geist?“ „Ja, schon. Aber er ist auch eine Person. Es gibt eine Geschichte, also… Es soll einen Menschen gegeben haben, der den, der alles gemacht hat, sehen durfte! Und wenn der ihn sehen konnte, muss er ja auch irgendwie aussehen.“ „Jetzt komm ich nicht mehr mit.“ „Also, der, der alles gemacht hat, sieht so ähnlich aus wie ein Zweibeiner – nur viel majestätischer, größer, herrlicher, heiliger! Und er hat einen Geist – so wie jeder Zweibeiner, und wir Katzen auch. Sonst könnten wir nicht glücklich, traurig und so sein. Und Gott, also, der Schöpfer, der alles gemacht hat, ist durch seinen Geist auch in dieser Welt. Ein Zweibeiner, nicht der, der Gott sehen durfte, sondern einer, der viele, viele Monde später gelebt hat, der durfte sogar einmal in den Himmel, obwohl er noch nicht tot war! Er hat dann das Ende der Welt gesehen.“ „Und woher wollen die Zweibeiner das wissen?“ „Die Leute, die das erlebt haben, haben es aufgeschrieben, so dass die anderen es noch tausende von Monden später lesen. Stell dir vor – die Dinge sind tausende Male von unterschiedlichen Leuten aufgeschrieben worden und trotzdem glauben viele Zweibeiner lieber dem, was nur knapp hundertmal oder noch seltener aufgeschrieben wurde.“ „Was heißt das, sie haben etwas aufgeschrieben?“ „Sie haben Zeichen aufgemalt, die für einen bestimmten Laut stehen, zum Beispiel a oder l. Und dadurch, dass es so viele Zweibeiner unabhängig voneinander aufgeschrieben haben, muss zumindest das meiste davon wahr sein.“ „Und wie nennen die das, was die Leute früher über Gott aufgeschrieben haben?“ „Es… Meine Zweibeiner nannten es ‚Gottes Liebesbrief‘, aber eigentlich heißt es ‚Bibel‘.“

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    „Warum bist du eigentlich hier?“, fragte Blitzfell. „Was meinst du?“, fragte Sonnenherz zurück. „Ich meine, warum bist du nicht mehr bei deinen Zweibeinern?“ „Oh…“ Traurig schaute Sonnenherz auf die kleinen, glitzernden Wellen des Flusses. „Sie… sind gestorben. Ihr Junges, das eigentlich schon gar kein Junges mehr war, wollte mich nicht und hat mich in den Wald gesetzt. Dort habe ich dann Sandstern und ein paar andere Katzen getroffen und sie wollten mir eine Chance geben.“ „Oh. Das tut mir leid. Dass deine Zweibeiner gestorben sind, meine ich.“, sagte Blitzfell mitfühlend. Dann ergänzte er leise: „Ich habe auch jemanden verloren. Jemanden, den ich wirklich sehr lieb hatte.“ „Wen?“, fragte Sonnenherz vorsichtig. „Meine… Meine Freundin Rosenflug und ihre Jungen. Unsere Jungen.“ „Oh! Das tut mir wirklich sehr leid! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ „Ist schon gut. Wie gehst du damit um, dass deine Zweibeiner nicht mehr da sind?“ Sonnenherz überlegte kurz, dann sagte sie entschlossen: „Natürlich ist es traurig. Aber ich weiß, dass ich sie bald wiedersehen darf. Und… Hier habe ich ja auch ein paar tolle Katzen kennen gelernt.“ Sie zwinkerte Blitzfell zu. Der lachte verlegen. Eine kurze Pause entstand, in der man die Wellen des Flusses plätschern und den Geruch der frischen Luft riechen konnte. Der Kater holte Luft, dann fragte er Sonnenherz: „Wie kannst du nur so fröhlich sein?“ Sonnenherz betrachtete ihr Spiegelbild im Wasser und fragte leise: „Warum zweifelst du noch?“ Diese Frage hatte Blitzfell nicht erwartet. „Was meinst du damit?“, fragte er. Sonnenherz schaute wieder in seine Augen, dann erklärte sie: „Ist es nicht logisch, dass es stimmt, was ich dir erzählt habe? Dass wir uns eines Tages wiedersehen – in Himmel?“ „Ich… Ich weiß nicht.“ Nun schaute auch Blitzfell auf sein Spiegelbild.
    Plötzlich hielt er inne. „Hörst du das?“, fragte er angespannt. „Was?“ Sonnenherz blickte ihn verständnislos an. Blitzfell antwortete nicht. Stattdessen schloss er die Augen und öffnete seinen Mund, um besser riechen zu können. Dort war jemand. Eine andere Katze. Blitzfells Haare sträubten sich. „Dann stimmt es also!“, hörten die beiden Katzen eine Stimme. „Wer ist das?“, flüsterte Blitzfell. Er sah, dass Sonnenherz vor Schreck erstarrt und mit weit aufgerissenen Augen in die Richtung sah, aus der die Stimme gekommen war. Den Geruch von Angst konnte er deutlich riechen. So leise, dass Blitzfell es fast nicht hören konnte, kam aus ihrem Mund das Wort: „Sandstern“

    12
    Mit erhobenem Kopf stolzierte die Katze auf Blitzfell und Sonnenherz zu. „Dann stimmt es also, was Sumpfpelz mir erzählt hat. Du triffst dich mit einem Kater aus dem FlussClan, Sonnenherz?“ Verlegen und ängstlich schaute Sonnenherz zu Boden. „Du weißt, dass es verboten ist, Sonnenherz. Und du weißt auch, was ich jetzt tun werde, nicht wahr?“ Sonnenherz nickte angespannt. „Was werde ich tun?“, fragte Sandstern. Die Katze hauchte: „Du schickst mich zurück zu den Zweibeinern.“ Sandstern blieb vor Sonnenherz stehen. „Ob du zu den Zweibeinern gehst oder nicht, das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass du unser Territorium nicht mehr betreten darfst. Das gilt auch für dich.“, erklärte sie zu Blitzfell gewandt. „Soweit ich weiß, war es dir auch vorher noch nicht erlaubt.“, fügte sie schnippisch hinzu. „Ja. Es tut mir leid.“, flüsterte dieser. „Davon bin ich zwar nicht überzeugt“, meinte Sandstern, „aber nun gut. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ihr möglichst schnell gehen solltet?“ Die beiden Katzen schüttelten die Köpfe und Sandstern verschwand.
    Betrübt schaute Sonnenherz Blitzfell an. „Es tut mir leid.“, sagte sie leise. „Es ist meine Schuld. Ich hätte vorsichtiger sein sollen, jetzt wirst du wegen mir aus deinem Clan ausgeschlossen und wir…“ „Stop.“, unterbrach Blitzfell sie. „Es ist nicht deine Schuld, ich habe selbst entschieden, mich in Gefahr zu begeben, indem ich dich kennen lernen wollte. Und früher oder später wäre es sowieso heraus gekommen. Du kannst nichts dafür.“ Etwas leiser sprach er weiter: „Genauso wie ich nichts dafür kann, dass Rosenflug gestorben ist. Hätte ich sie retten wollen, wäre ich selbst mit ihr gestorben. Ich hätte dich nie kennen gelernt. Es ist schon alles gut, so, wie es ist. Man könnte fast glauben, Gott gäbe es wirklich, und er hat auf mich aufgepasst.“ Sonnenherz lächelte. „Ich wusste, du wirst es irgendwann verstehen.“ „Warum wusstest du es?“ „Ganz einfach.“, sagte Sonnenherz und lachte. „Ich habe dafür gebetet.“

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