Asyra - Verrückt oder Fantastisch?

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6 Kapitel - 6.878 Wörter - Erstellt von: Syrena - Aktualisiert am: 2016-08-31 - Entwickelt am: - 4.338 mal aufgerufen - User-Bewertung: 5 von 5.0 - 8 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Der Schuss krachte und veränderte mein Leben. Mein ganzes, verdammte Leben. Durch ihn wurde ich zu dem, was ich jetzt bin. Eine Verrückte, einsame, verhasste, mörderische Irre, die ihre Zeit halbtags in einer Gefängniszelle verbringt, abhaut, eine Stadt angreift, Häuser abfackelt, sich mit einen Ex-Geliebten und dessen Wachhund rumschlägt und dann wieder die Zellenwand anstarrt.

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    Genau das bin ich...Asyra Eleyna, besser bekannt als Syrena McGill. Gesuchte Verbrecherin im Wilden Westen Amerikas. Wie konnte so etwas aus mir werde
    Genau das bin ich...Asyra Eleyna, besser bekannt als Syrena McGill. Gesuchte Verbrecherin im Wilden Westen Amerikas. Wie konnte so etwas aus mir werden? Ich hatte doch eine ganz normale Kindheit ab meiner Geburt im Jahre 1801. Naja...vielleicht doch nicht.

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    12 Jahre. Ich war zwölf Jahre alt und musste mich um Tausend Sachen kümmern. Meine feine Mutter war ja den halben Tag damit beschäftigt, sich im Rh
    12 Jahre. Ich war zwölf Jahre alt und musste mich um Tausend Sachen kümmern. Meine feine Mutter war ja den halben Tag damit beschäftigt, sich im Rhythmus eines schlechten Klavierspiels zu wiegen, Männer anzumachen und....genauer wollte ich es gar nicht wissen. Jedenfalls musste ich dafür sorgen, dass unser Zimmer sauber war, musste Stricken und sticken, nähen und manchmal im Saloon abwaschen. Kurzum, ich war eine perfekte Tochter für alles. Und ich war brav (Nach außen hin jedenfalls...was ich nachts machte, brauchte niemand zu wissen...und wenn einmal ein Pferd verschwunden war, brachte das niemand mit den blauen Flecken und Wunden von mir in Verbindung, ich war ja ein braves Vorzeigekind einer Tänzerin und Prostituierten.)Der Vorteil der Sache war, dass ich mir unter etwa fünf Dauergästen, drei Gelegenheitstypen und acht einmaligen Affären meiner Mutter einen Vater aussuchen konnte. Jedesmal wurde ich wunderschön geschminkt und dann hieß es: "Sieh mal, deine Tochter!" "Was? So groß ist sie schon? Sie kommt nach dir Täubchen". Ich musste nur schön brav lächeln und nicken. Und wenn ich mich etwas anstrengte, konnte ich sogar Profit daraus schlagen. Bei jeder Umarmung fand ich etwas nützliches in den Westentaschen der Männer. Sie verdächtigten natürlich sofort einen anderen Typen und die schönste Prügelei fing an. Es war doch immer herrlich, neben dran zu stehen und den Männern zuzuschauen, das Kleingeld aufzusammeln und andere Wertgegenstände. Aber manche Leute hatten auch Gesichter wie Zielscheiben....die Verlockung zu schießen war einfach zu groß. Leider zog mich meistens irgendjemand in Sicherheit, bevor ich einen Revolver schnappen konnte. Also musste ich heimlich mit gestohlenen Waffen üben, die immer irgendwelche Macken hatten. Einer der Dauerkerle, mein "Daddy Nó 3, der mit dem Mundgeruch und Zähnen wie eine altersschwache Ratte, hatte mich mal nachts erwischt. Zum Glück ging er auf mein Angebot ein. Fortan wurde ich von ihm im Schießen unterrichtet und ich sorgte dafür, dass sich meine Mutter mehr Zeit für ihn nahm. Aber sonst war ich immer brav. Und meine Mutter erwartete trotzdem allen Ernstes, dass ich mich in solche Kleider quälte. Ich sagte ja nichts, wenn sie sich zuschminkte und übel herrichtete, aber warum musste ich so ein verfluchtes Ding anziehen? In PINK! Und jetzt schnürte sie das Korsettdingens auch noch so wunderbar fest zu, als würde sie mich erwürgen...irgendwie. Ich meine, Hallo! Wer tut so etwas einem kleinen, süßen, putzigen, unschuldigen - ich höre schon auf - Kind an! Mit Müh und Not schaffte ich es in das Folterinstrument und atmete flach. Okay, soweit so gut...mit einem Lächeln folgte ich meiner Mutter zum Saloon, mit jedem Schritt hatte ich das Gefühl, röter und kurzatmiger zu werden. Stur lächeln...es war laut und herrschte reger Betrieb. Singen, Musik, Murmeln - alles zusammen webte einen Klangteppich, der die mit Zigarrenrauch und Pulverqualm geschwängerte Luft durchzog. Die Sinne wurden hier erfolgreich getrübt, mit jedem Glas Bier sank die Hemmschwelle und man sah mehr als nur einen Mann, der mit versonnenen Grinsen eine Barkeeperin betatschte. Mit einem Kopfschütteln wandte ich mich ab und ging ins Hinterzimmer, wo ich für ein paar Dollar abwaschen sollte . Dazu war das Kleid echt nicht nötig gewesen! Mit stockendem Atem hörte ich auf die üblichen Anweisungen. Die Teller im Kreis links herum abtrocknen, die Gläser außen rechts rum. Nicht runterschmeißen, zerbrechen, vollkotzen, anspucken, anmalen, anlecken, werfen, schmeißen, jonglieren, treten, schießen, ansabbern. Ehrlich...die Hälfte davon wäre mir gar nicht eingefallen, aber jetzt, wo er es mir erklärte...verlockend. Aber gut. Ich atmete tief durch - und sprengte mein Korsett. Scheiße! Ein faszinierend tiefer, senkrecht verlaufender Riss zierte meine Bekleidung. Vorne. Hastig hielt ich es über meinem Unterkittel fest. Was jetzt! Nein nein nein nein! Nein! Die Tür schwang auf, ich drehte ihr schnell den Rücken zu. "Bier..." Ein Gast? Was machte der in der Küche? Und warum...Schüsse? Oh wie cool! Endlich was los! Ich duckte mich an dem Betrunkenen vorbei. Zumindest dachte ich, er wäre betrunken. Aber anscheinend war er es nicht, nicht mal ein Cowboy, sondern...ein Verbrecher! Ich spürte seinen festen Griff, als er mich packte und hochhob, versuchte zu zappeln. Ich wollte ihm in die Augen schauen! Hatte er einen kuscheligen oder kratzigen Rauschebart? Aber er hatte einen Arm um meinen Hals gelegt und den anderen um meine Hüfte. Mit festem Griff trug er mich raus. "Ruhig Kleine" . Ich war noch nie so aufgeregt gewesen. Im Saloon starrten uns alle an. Meine Güte, was glotzen die so? Ich wollte ihn ja nicht heiraten! Eine Gruppe um einen großen, recht gut aussehenden Mann hatte Waffen in der Hand, ein paar andere Leute, die ich kannte, kauerten blutend an der Wand. Blut! Wow...wie viel Blut man wohl bei einer Kopfverletzung verlor? Meine menschliche Kutsche stieß mich zum Anführer, der mich musterte. "Gute Idee...eine recht hübsche Geißel...aber zu jung, Theo. Wie heißt du?" Ich wusste, dass er mich ansprach, aber ich konnte nur andächtig hauchen. "Warte kurz..." Ich musste zuerst sein Gesicht studieren. Ein echter Bandit! Unglaublich! Faszinierend! Aber ein leichter Stoß riss mich hart in die Realität zurück. Plötzlich wurde ich mir meines rutschenden Kleides bewusst und kreischte. "Weg! Spanner! Missgeburten! Bösartige...mhhmh!" Der verfluchte Kerl legte doch tatsächlich seine feuchte, wie toter Fisch stinkende Hand auf meinen Mund! Mit großen Augen blinzelte ich dem Anführer zu. Ich bin doch ein armes, kleines Mädchen! Anscheinend interessierte ihn das aber nicht, denn er winkte kurz und sein Gefolge trottete zur Tür. Und ich war zwischen ihnen eingekeilt. Warum nur konnten sich Männer nicht wenigstens waschen! Ein leiser Schrei entrang sich meiner Kehle, als ich plötzlich einen kalten Pistolenlauf an der Schläfe spürte. Männer! Immer so übertrieben hart! Wenn ich ihre Geißel war und sie mich erschossen, dann würde jeder auf sie losgehen. Also durften sie mich logischerweise nicht töten. Ob die wohl auch logisch denken konnten? Vielleicht sollte ich ihnen einen Denkanstoß geben. "ähm...das ist unnötig..." "Klappe Kleines". Moment! Halt! 'Kleines'! Das war ja eine Sachbeschreibung! Ich bin Weiblich! Warum musste ich zum Dorftrottel namens Lehrer gehen und die ungebildetsten Typen dürfen hier einen auf großen Macker machen? Die Welt benachteiligt mich! Mit einer Mischung aus Angst und Wut ließ ich mich mitschleppen, sah, wie der Sheriff herankam und brutal niedergeschossen wurde. Das war der Moment, in dem ich jeden Spaß vergaß. Das war ernst. Zu ernst. Ich fing an zu weinen, mit zwölf darf man das noch. Doch statt der erwarteten tröstenden Worte bekam ich eine Ohrfeige. Völlig entsetzt setzte ich mich, vom Schwung angetrieben und der Schwerkraft angezogen, auf den Hosenboden. Auf das wunderbare, kaputte, entwürdigende Kleid. Oh je...Sofort wurde ich wieder hochgezerrt und Richtung Bankhaus geschubst. Das wollten sie also! Das war ja beleidigend normal. Für sowas banales musste ich mich blamieren? Weiterhin mein Korsett zudrückend sah ich mich um. Zwei Kerle gingen zum Schalter, einer hielt mich fest. Missmutig und ängstlich musste ich zusehen, wie sie ein paar Goldbarren und ne Menge Geld scheffelten. Ehe ich etwas sagen konnte ginge es nach draußen. Während sie ihre Pferde beluden, sah ich meinen Zeitpunkt zum Abschied gekommen. "Bis irgendwann mal wieder..." Höflich lächelnd lief ich los. Ich kam sogar drei Schritte weit, bis sie mich aufgriffen. Ich sah meine Mutter heulen, einen meiner Gelegenheitsväter schimpfen. Und den Wirt des Saloons. Der Kerl wedelte doch tatsächlich mit einem Bierglas in der einen, einem Wischtuch in der anderen Hand. Das war jetzt echt nicht sein Ernst oder! Ich war hier grade am entführt werden und er dachte nur an sein Geschäft? Wie nett die Menschheit doch sein konnte... Mit Schwung wurde ich schon fast auf ein Pferd geworfen, wo mich der Fischhand-Typ in Empfang nahm. Und in diesem Moment rutschte das Kleid richtig runter, sodass ich nur im Unterkleid, einem dünnen, weißen Leinenkleidchen, da oben saß. Entsetzt starrte ich vor mich hin, verschränkte die Arme. Zwar konnte man an mir noch keine wirklichen Rundungen sehen, aber es ging ums Prinzip! Und das war entwürdigend. Natürlich scherte sich keiner darum. Eine Menge Staub aufwirbelnd raste die Bande aus der Stadt. Und ich hockte mit so einem Verbrecher auf dem Pferd. Seine Hand hielt die Zügel, mit dem anderen Arm presste er mich an sich. Als ob ich freiwillig springen und zurück zur Stadt laufen würde. Wozu laufen, wenn es hier doch vier gesunde Pferdebeine gab? Also warten, etwas anderes blieb mir gar nicht übrig. Und so ritt ich unfreiwillig in die Wüste. Wohin?

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    Und auf und ab...Pferde konnten sich wirklich schnell bewegen. Und waren eine wacklige Angelegenheit. Warum musste der Kerl mich auf ein Biest setzen,


    Und auf und ab...Pferde konnten sich wirklich schnell bewegen. Und waren eine wacklige Angelegenheit. Warum musste der Kerl mich auf ein Biest setzen, das mehr Knochen als Fleisch besaß? Ich schwöre, mein Hintern war ... Ok, das würde zu weit führen. Mir war totlangweilig. Einfach nur herumhocken und die Gegend bewundern. "Schau mal! Ein Sandkorn! Und noch eines...und noch...mhmm!". Und wieder hatte ich seine Hand auf dem Mund kleben. Warum? Ich war doch echt verträglich! Also biss ich ihm in die Finger, hörte seinen Fluch und spürte den Klapps, den er mir verpasste. Ich brauchte eine andere Strategie..."Dich mag ich! Du hast genauso einen an der Klatsche wie ich!" Ich strahlte ihn dabei etwas verrenkt an, weil ich ja vor ihm saß. Sein Gesicht war eine königlich verdutzte Grimasse. "Klappe Kleines". Hmpf...noch ein Versuch. "Die Stimmen in meinem Kopf versichern mir, dass du vollkommen normal bist." Er starrte mich an als wäre ich ein kleines, nerviges Insekt. Warum! "Ich bin nicht wie die anderen — ich bin schlimmer!" Jetzt musste ich grinsen und fragte mich gleichzeitig ob er mich für verrückt hielt. Als er mir dann aber auf einmal die Handgelenke zusammenband und ein Tuch vor den Mund, da war die Freundschaft vorbei! So geht das doch nicht! Wütend zerrte ich an den Stricken, was aber keine Wirkung zeigte. Wenigstens hatte das ganze einen Zweck erfüllt: Die Zeit war schneller vorbei gegangen und wir waren da. Anscheinend war das eine riesige Höhle da vorne. Schön, hoffentlich gab es da Fledermäuse, die denen die Augen auspickten. Mir blieb nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass mich jemand runterhob. Oder...ich versuchte abzuspringen. Hätte ich es nur nicht getan! Mit einem bemerkenswert kunstvollem Sturz landete ich auf meiner Nase. Ich musste husten und hatte den halben Wüstenstaub in der Nase. Ich sah bestimmt aus wie gepudert! Na toll. Und somit ging der letzte Rest meiner kümmerlichen Ehre flöten. Einer riss mich hoch und stieß mich voran, ich reckte das Kinn. Nein, ein bisschen Stolz musste ich mir bewahren. Aua. Warum mussten Abstürze weh tun? Wir betraten die Höhle und ich sah mich um. Okay, das war cool. Wenn ich groß bin will ich auch eine Höhle. Ich zappelte aufgeregt. Ich will mich umgucken! Wie spannend musste es sein, die Gänge zu erkunden. Aber nein, ein paar Banausen mussten mich ja verschnüren, als ob ich gleich beim Postamt verschickt werden sollte. Irgendjemand drückte mich an den Schultern runter, was ich verhindern wollte, indem ich mich breitbeinig hinstellte und versuchte, seiner Kraft etwas entgegenzusetzen. Fast sofort knickte ich ein und schrie dumpf durch das Tuch. Gelangweilt lehnte ich mich mit dem Rücken an eine Felswand und wartete. Ob die Kerle auch mal schliefen? Schlaft, Trottel, Schlaft... Keine Reaktion, wäre ja auch zu schön gewesen. Was hatten die eigentlich vor? Sie hätten mich doch längst aussetzen können. Wenn sie mich also mitnahmen, musste ich noch irgendeinen Verwendungszweck haben. Blieb also nur noch, ihn herauszufinden. Langsam wurde der Knebel lästig, ich fing an zu husten und würgen. Hallo! Leute? Ich bin am ersticken, macht mich doch bitte los. Keine Reaktion. Warum musste ich ausgerechnet an solche Typen geraten? Ich meine, ich hatte echt nichts verbrochen, um so etwas zu verdienen. Ich fing an, mit den Füßen einen Rhythmus zu stampfen. Mir ist langweilig! Langsam wurde das Licht, dass durch den Eingang fiel schwächer, bis es ganz erlosch. Nur noch Öllampen erhellten das Innere der Höhle. Die Verbrecher plauderten, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen, schnatterten wie eine Horde Frauen. Als dann auch noch einer, die Bierflasche in der Hand, aufsprang und anfing zu grölen, steckte ich den Kopf zwischen die Knie, versuchte irgendwie meine Ohren schalldicht zu machen und wimmerte. Warum mussten immer die Deppen, die nicht singen konnten, das lauteste Organ besitzen? Als er partout nicht aufhören wollte, fing ich an verzweifelt den Kopf gegen die Felswand zu schlagen, was auch nicht viel half. Jetzt hatte ich zusätzliche Kopfschmerzen aber war auch schlauer. Immerhin wusste ich jetzt, dass es nichts brachte. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder öffnete, schien erneut die Sonne. Hunger, Durst! Tatsächlich mampften die Typen ein paar Schritte entfernt, verschlangen genüsslich etwas essbares, während ich...unfair! Und ich konnte mich noch nicht mal beschweren! Was hatte das Leben gegen mich? Ich fristete mein Dasein. Sang im Kopf Lieder, versuchte mich in Tiere einzudenken und feuerte einen Käfer an, mich zu befreien. Leider war der Strick zu groß für ihn, ansonsten hätte er es getan, jede Wette. Am Ende war mir so langweilig, dass ich anfing mit Jessy zu plaudern, in Gedanken natürlich, dummer Knebel. Als mir Jessy dann noch Timmy vorstellte, war unser Trio komplett. Ich fing an, ihm Takt den Boden mit den Füßen zu bearbeiten, den Oberkörper in wilden Verrenkungen herumzuschleudern, machte Starr-Wettbewerbe gegen die nicht sichtbare Jessy und fluchte als ich verlor. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich ihre Augen ja gar nicht gesehen hatte und es somit ungültig war. Und erst nach dieser Erkenntnis kapierte ich, was ich da eigentlich tat. Ich wurde verrückt! Das war interessant...und schlecht. Es war eine Erleichterung, als ein Mann endlich mit etwas Brot auftauchte. Erstens brachte er Ablenkung und zweitens Nahrung. Ich glaube, es fehlte nicht viel und ich hätte angefangen zu sabbern oder hecheln. Und warum auch nicht? Er war einer dieser Typen, dessen Nase fast nach einem Nasenbeinbruch rief, sein dümmlicher Gesichtsausdruck lud geradezu ein, reinzuschlagen und sein schwerer Atem versprach leichtes Spiel. Warum also sollte ich mich vor ihm artig benehmen? Er nahm den Knebel ab und ich spuckte ihn zum Auftakt erstmal an. Seine Reaktion war bemerkenswert. Er wischte sich bedeppert über das Gesicht - und knallte mir eine. Okay.... Das gefiel mir gar nicht. Man schlägt keine Mädchen! Er stopfte mir das Brot in die Hand und stellte sich vor mich. Frage: Ihr sitzt etwas erhöht, ein Mann steht vor euch, was seht ihr? Weiterführende Aufgabe: Was ist schlimmer: Ein Mann, der seinen Hosenstall offen hat oder der versucht an der Stange zu tanzen? Ich habe schon beides gesehen und kann mich nicht entscheiden. Im Moment allerdings war ersteres für mich schlimmer. Albträume für heute Nacht waren gesichert, genug Stoff hatte ich dazu. Nachdem ich alles gegessen und getrunken hatte, flehte ich darum, den Knebel wegzulassen und hatte anscheinend mithilfe meiner Tränen Erfolg. Die Typen Scharten sich um den Anführer, nur einer behielt mich im Auge. Ich machte ein mädchenhaft-Unschuldiges Gesicht mit naiver Miene. "Wo ist meine Mami?". Ich lauerte auf seine Reaktion, ließ meine Lippen beben. Doch diese so einfühlsamen Wesen hatten wohl ihr Mitleid mit ihrer Schönheit zerstückelt, verbrannt und vergraben. Ich erreichte gar nichts. Wahrscheinlich fehlte mir dazu die Oberweite, was man mir in meinem Alter nun wirklich nicht vorwerfen konnte. Also weiter warten. Und dann hörte ich plötzlich etwas hinter mir, etwas wie verstohlene Schritte und erstarrte. Hastig versicherte ich mich, dass ich relativ unbeobachtet war und schielte nach hinten, versuchte etwas zu erkennen. Ich glaubte zwei Gestalten auszumachen, war mir aber nicht sicher. Am liebsten würde ich jetzt auf und ab hüpfen aber mir war heute ja gar nichts vergönnt. Wer war das? Ich legte den Kopf schief, dachte nach und sah plötzlich mir gegenüber jemanden hinter einem Felsen. Mit Augen, rund wie Tellern starrte ich ihn an, formte ein "O" mit den Lippen und sah wahrscheinlich sehr dämlich aus. Aber Hallo! Das war ein Gehilfe des Sheriffs! Er machte komische Bewegungen, winkte und zappelte als ob er Stepptanz machen würde. Hm...ich konnte doch nicht tanzen...oder...natürlich! Ich sollte wieder so tun als ob ich ihn nicht gesehen hätte! Logisch. Das hätte er aber auch gleich sagen können! Betont genervt wandte ich mich an meinen Bewacher. "Duhu... Ich muss mal". "Dein Pech". Männer! "Aber das wird...nicht schön! Bitte!" Er schnaubte und ging zu seinem Boss, diskutierte kurz und alle glubschten mich an, lachten dreckig. Wenn die erwarteten, dass ich...nein soweit will ich gar nicht denken. Kopfschütteln und dann beschäftigten sie sich wieder mit ihren ach so spannenden Plänen. Auf einmal lag mal wieder eine Hand auf meinem Mund. Echt jetzt? Ich könnte - oh! Das war ja einer aus der Stadt! Innerhalb weniger Sekunden hatte er die Fesseln offen und zog mich hastig in den Schatten. Meine Beine knickten fast sofort ein. Als das Blut wieder zirkulierte begannen sie zu kribbeln und ich musste ein Stöhnen unterdrücken. Der Mann zog mich an sich und flüsterte. "Alles in Ordnung?". Ich nickte und kuschelte mich an ihn. Doch, es war entschieden besser, hier bei diesem Menschen zu sein als dort bei den Trotteln. Auch wenn ich gerne gewusst hätte, was die vorgehabt hatten. Naja, man kann nicht alles haben. Er schlich nach hinten, tiefer in die Höhle, stützte mich und behielt den Bereich hinter uns im Blick. Ja, und dann kam was kommen musste. Laute Rufe und Flüche, deren Bedeutung mir größtenteils verschlossen blieb. Besorgnis zeichnete sich im Gesicht meines Retters ab, als er seine Waffe lud. Panisch riss ich die Augen auf. "Was jetzt! Sie werden uns töten, zerhackstückeln, zerfetzen, verbrennen und dann umbringen!" Ich glaube ich begann etwas hysterisch zu werden, aber wirklich nur ein bisschen. Der Mann, ich nannte ihn inzwischen Teddy, weil er ein knuffiges Gesicht hatte und flauschige Haare, versuchte alles, um mich zum Schweigen zu bringen, doch mein Körper reagiert nicht so wie ich es wollte. Und dann flogen uns die Kugeln um die Ohren. Ich schrie und warf mich zu Boden. Das war ernst! Mit wütender Miene fauchte ich. "Aufhören! Das sind Pistolen, die tun weh!" Ich erntete nur Gelächter. Teddy schubste mich in Deckung. "Renn!" Und ich rannte. Als ich zurückblickte, schoss er hinter einem Felsblock auf die Verbrecher, zwei von ihnen umrundeten ihn und folgten mir. Ich beschleunigte und bog mehrmals ab, suchte mir möglichst enge Durchgänge. Schon bald keuchte ich, taumelte, war erschöpft und durfte trotzdem nicht anhalten. Ich hörte ihre Schritte näherkommen oder war es doch nur das Echo, das von den Wänden zurückgeworfen und vielfach verstärkt wurde? Wie lange war ich jetzt schon auf der Flucht? Wie groß war dieses Höhlensystem? Und wie lange konnte ich dieses Tempo noch durchhalten? Ich kletterte Gesteinsbrocken hoch, kroch durch halb verschüttete Tunnel. Die Orientierung hatte ich schon lange verloren. Mein Gehirn schaltete ab, ich konnte kaum mehr etwas erkennen. Hier und da stach ein Lichtstrahl von oben herab und man spürte einen frischen Lufthauch, heiß und warm im Gegensatz zur Kühle in der Höhle. Doch je weiter ich kam, desto finsterer wurde es, die Kälte nahm zu und der Weg schien sich abwärts zu neigen. Längst achtete ich nicht mehr auf meine Kleidung. Meine Handflächen waren wund und leichte Schnitte brannten daran. Mein Atem ging stockend und ich schleppte mich nur noch vorwärts. Eine unheimliche Stille schwebte um mich herum, jeder Laut, den ich verursachte schien sich wie eine Welle auszubreiten, immer lauter zu erheben. Hatte ich sie abgehängt? Ich traf erneut auf eine Kreuzung und mir wurde bewusst, dass ich nur noch Schemenhaft die Gänge sehen konnte. Ich entschied wahllos und lief weiter, wimmerte leise, lief ohne Zeitgefühl. War Teddy tot? Wo war ich? Kamen noch mehr Retter? Suchte man mich? Würde ich hier jemals rauskommen? Und dann schwand jegliches Licht. Ich konnte nichts mehr erkennen, gar nichts. Einige Zeit tastete ich mich an den Wänden entlang, bis ich aufgab. Ich hatte verloren. Ich war alleine in der Finsternis, ohne Hinweis, ohne Anhaltspunkt. Ich fühlte mich ungeschützt und verletzlich, lehnte mich an die Wand und zog die Beine ran. Da erklang ein Geräusch. Es war auf unheimliche Weise vertraut und doch abstrakt, fremd. Ich war nicht alleine hier unten...

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    Mit keuchendem Atem legte ich den Kopf schief, versuchte das Geräusch zu orten. Links? Wo war links? Langsam rutsche ich seitlich an der Wand entlang

    Mit keuchendem Atem legte ich den Kopf schief, versuchte das Geräusch zu orten. Links? Wo war links? Langsam rutsche ich seitlich an der Wand entlang, verharrte, tastete die Steine ab, fand endlich eine Nische, kauerte mich dort hinein und schloss die Augen. Die Müdigkeit nahm zu, ebenso die Kälte. Ganz langsam ergriff sie von mir Besitz, ließ erst die Fingerspitzen, dann die ganze Hand erstarren. Das Geräusch erklang immer noch, aber ich hatte meine Angst aufgebraucht. Ich war zu erschöpft. Der Schlaf übermannte mich, bot einen Ausweg, eine Flucht aus der Realität. Ich träumte wirr und konfus. Es dauerte seine Zeit, bis ich begriff, dass die Töne, welche einen ganz bestimmten Takt vorgaben, nicht nur in der Traumwelt existierten. War die Wirklichkeit ihn die Fantasie des Geistes eingedrungen? Was war.... Ich riss die Augen weit auf. Es war da. Ganz nah. Aber was? Plötzlich schien die Dunkelheit weniger undurchdringlich, ich konnte Schemen wahrnehmen. Hastig stand ich auf, blinzelte, rieb mir die Augen. Phantasierte ich? Nein, da kam etwas. Oder jemand? Mit geballten Fäusten wirbelte ich auf der Stelle herum, schluckte. Was jetzt? Ich brauchte etwa drei Sekunden für die Entscheidung. Angriff ist die beste Verteidigung! Mit gesenktem Kopf raste ich dem schwachen Lichthauch entgegen, bereit wie ein Rodeobulle das etwas niederzuwalzen. Ja ich weiß, sehr logisch für ein Kind, aber primitiv. Und primitiv ist meistens wirkungsvoll. Ich meine, in der Nase popeln ist auch primitiv aber man bekommt sie dadurch frei oder? Genauso wie "Versuchs mal mit Gefühl, das klappt schon!". Mein Gott, dann hau ich halt drauf! Mit Gewalt geht alles, vor allem kaputt. Aber es geht. Jedenfalls rannte ich wie ein Nashorn im Angriff und krachte in etwas Weiches. Ich wurde zurückgeworfen und landete auf dem Hintern. Und ich schrie. "Ahhhhhhh!" Omg, das war ein Mensch! "Ahhhhhhh!" Ach du...es war ein Junge! "Ahhhhhh!" Du liebes bisschen, er war nur etwas älter als ich! Wir richteten uns beide auf. Okay, lösen wir das mit Diplomatie. "Ahhhhhhhhh". Weiterschreien. Ehrlich, das hilft! Wir saßen uns gegenüber und kreischten beide. Ich war besser, denn er hörte schon bald auf und musterte mich. Meine Angst war schon verflogen, aber es war lustig so zu schreien ohne dass jemand schimpfte. Doch nach einer Weile, die ich sehr ausdauernd durchgeschrien hatte, wurde es zu dumm und ich klappte den Mund zu. "Wer. Zum. Teufel. Bist. Du!" Sein Gesicht war eine Grimasse und er rieb sich die Ohren. Mimose. "Tevua". Aha. Bitte was? "Kapier ich nicht. Ist das was zu essen? Verstehst du mich? Wie heißt du?" Er sah mich ungeduldig an. "Tevua ist mein Name" ups....peinlich. Aber bitte, wer vermutet denn sowas? Er hatte eine Fackel dabei, die bei unserem Zusammenstoß zu Boden gefallen war und jetzt dort schwach weiterbrannte. Ihn ihrem Licht konnte ich ihn genauer unter die Lupe nehmen. Er hatte dunklere Haut und ein markantes, sehr charakteristisches Gesicht mit hohen Wangenknochen, hoher Stirn, dunklen Augen und dichten Augenbrauen. Außerdem wunderschön lange, schwarze Haare. Diese Haare! Zum verlieben. Forschend sah ich ihn an. "Was machst du hier?" "Prüfung. Wer du bist?". Hoppla...meine Höflichkeit hatte anscheinend unter den Ereignissen gelitten, aber wer würde mir das verübeln? Ich nicht. Er musste ein Indianer sein. "Ich bin Asyra Eleyna". Er nickte höflich und machte etwas Komisches mit seiner Hand. Was auch immer er hier machte, er musste den Weg raus kennen. Musste einfach. Und entweder er nahm mich mit oder ich klebte mich an ihn dran, ob er wollte oder nicht. "ähm....kannst du mich rausführen? Biiiitte". Er sah mich an als sei ich bekloppt, nickte dann kurz und nahm vorsichtig meine Hand. Mein erster Gedanke: Wie kann er es wagen! Mein zweiter: Diese Haare! Und dann zog er mich in atemberaubenden Tempo durch die Gänge, bog mal hier, mal da ab und grinste dabei. Wetten er lief extra Umwege um mich zu irritieren und selbst schlauer zu erscheinen? Ich entwand meine Hand seinem Griff. "Laufen kann ich alleine, danke". Er nickte lächelnd. "Ich wissen. Du stark und tapfer für eine wie du". Wow, das war ja ein....Moment. Für eine wie ich? Hä? Okay, ich hatte keine Ahnung was das bedeutete aber es war sicher nicht schmeichelhaft. Doch gerade als ich ihn anzicken wollte, da zog er mich hinter einen Felsen und deutete nach vorne. Inzwischen konnte man auch ohne Fackel düstere Umrisse ausmachen. Er hatte es also wirklich geschafft. Jedenfalls fast. Und natürlich konnte es das Schicksal nicht lassen. Vor uns, nicht mal drei Schritte entfernt lief einer meiner Bankräuber. Das Leben mochte mich anscheinend nicht. Hilfesuchend blickte ich zu Tofu, verzeih, Tevua und flehte mit meinem Blick um Hilfe. Er aber zog mich einfach nur tiefer. Und so warteten wir. Und warten. Und... Endlich war nichts mehr zu hören und wir huschten weiter. Ehrlich, ich bin noch nie so viel geklettert und gelaufen in so einer kurzen Zeitspanne. Unglaublich was der Körper leisten kann. Ich war sowieso immer der Meinung gewesen, dass das Gehirn bestimmt und mein Körper mitzumachen hat. Ich meine, diese typische Geschlechterberufe treiben mich die Wände hoch! Warum sind Frauen so gestraft? Ich jedenfalls hatte schon früh beschlossen, die Jungs aus der Nachbarschaft zu übertreffen und prügelte mich mit ihnen, was mehr blaue Flecken hervorrief als ich damals zählen konnte. Ich gewann keine einzige Prügelei, wurde aber zu einer Art Maskottchen der Gruppe und durfte auf Streichen dabei sein. Heute war ich mal die Hauptperson und das war gruselig aber auch cool. Und kein Spiel! Himmel, ich musste mich wirklich zusammenreißen um mal mit Gedanken hier zu bleiben. Wir bewegten uns geduckt vorwärts und endlich, endlich sah ich einen Spalt in der Felswand, durch den Tageslicht hereinfiel. Oh mein Gott! Ich war frei! Frei! Ich fiel Tevua um den Hals, als er mich wieder am Handgelenk packte und rauszog. Irritiert schob er mich weg, grinste aber. Draußen drehte ich mich im Kreis und lachte fröhlich, bevor ich ihn ansah. "Wohin jetzt?". Er deutete irgendwo ins nirgendwo und joggte los. Teufel aber auch! Dachte er etwa, ich würde ihm einfach so folgen? Natürlich nicht! Okay, fünf Minuten später doch. Aber das war höhere Gewalt. Als wir so durch die Gegend trotteten wurde ich wieder schnell müde und langsamer. "Beeilen!". Das war der Auslöser. Sag mal, geht es noch! "Hey! Trag du mal ein Kleid! Wollen wir tauschen?". Sein Gesicht war eine wunderschöne Grimasse, die mich entschädigte. Er brachte uns zu einer Felsengruppe, hinter der ein Pony stand. Eines dieser Indianertiere, die zwar klein aber ausdauernd, schnell, stark und trittsicher waren. Es begrüßte seinen Reiter mit einem Schnauben und sah mich an, woraufhin ich es streichelte. Schon nach kürzester Zeit waren wir beste Freunde. Tevua drängte aufzubrechen, dabei war ich beschäftigt! "Hetz mich nicht!". Aber irgendwann war ich zufrieden und schwang mich vor ihm auf das Pony. Und los ging es! Der Ritt war alles in allem ganzen OK, nur eben langweilig. Aber man konnte ja nicht alles haben. Vor uns kam ein Indianerdorf in Sicht. Ich erfuhr, dass Tevuas Stamm zu jenen gehörte, die sich recht früh mit den 'Weißen Eroberern' arrangierten und auch Handel mit ihnen trieben. Demnach kannten sie die Bleichgesichter' etwas besser als ihre Wilden roten Brüder. Ich wurde auch recht freundlich begrüßt und gefüttert. Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wie lange ich dort war. Vielleicht drei, vier Wochen. Ich vergaß die Zeit so schnell da. Ich war der Gast, aber bald einfach nur irgendein Mädchen. Leider konnte ich mich nicht von den Aufgaben einer Frau drücken und musste mithelfen, was aber nicht allzu schlimm war. Den Nachmittag hatten wir für uns und ich tobte mit den anderen Kindern rum, die allerdings viel robuster und kräftiger waren als ich. Der Alltag war hart und wunderschön, ich lernte in diesen Wochen mehr als in den Jahren zuvor. Doch irgendwann kam es, wie es kommen musste....

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    Wir waren gerade auf einem Ausflug, ich durfte ein indianisches Pony reiten. Unser Ziel war eine Schlucht, in der man wunderbar spielen konnte. Mittle

    Wir waren gerade auf einem Ausflug, ich durfte ein indianisches Pony reiten. Unser Ziel war eine Schlucht, in der man wunderbar spielen konnte. Mittlerweile war ich eine genau so gute Reiterin wie die anderen, jedenfalls auf diesem Tier. Wir preschten sorglos über die Ebene, ließen die Haare im Wind wehen und die Pferde weit ausgreifen. Es war ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt, eine wilde Leidenschaft, ungezähmtes Glück. Wir waren wie eine Naturgewalt, jedenfalls fühlten wir uns so. Nichts und niemand konnte uns aufhalten! Nichts außer....ein Ast. Mit vollem Karacho raste mein so liebes Ponylein geradewegs unter einem Ast durch. Es hat gut futtern, es passte problemlos durch, vergaß aber sein wertvolles Gepäck, nämlich mich! Ich bekam das Zeug direkt ins Gesicht, was nicht nur eine abenteuerliche Wunde, Nein, sondern auch einen akrobatischen Sturz verursachte. Ehe ich 'Halt die Klappe' sagen konnte, lag ich schon da rum, die anderen sprangen über mich hinweg und ritten weiter. Ja, so gings hier eben zu. Nach unten geht es immer schneller als gedacht, egal wie hoch man war. Schnaubend rappelte ich mich wieder auf, klopfte meine Klamotten ab und hielt überrascht inne. Da war etwas. Etwas, dass sich unter das Klappern der unbeschlagenen Hufe, die ausgelassenen Stimmen meiner Gefährten und das Schnauben der Pferde mischte. Und dann erklangen mehrstimmige Hilfe- und Entsetzensschreie. Hastig rannte ich los, aus Eile über meine Füße stolpernd, ein Keuchen auf den Lippen. Was war da los? Ein erneuter Schrei, voller Todesangst schien mir Flügel zu verleihen. Ich sprang über den Boden, hetzte um einen rotbraunen Felsen und kam schlitternd zum Halt. Das was sich mir bot, war ein Bild des Grauens. Eine kleine, von trockenem Gebüsch und kahlen Bäumen begrenzte Stelle, einer Lichtung gleichend, eröffnete sich vor mir. Zentral, in der Mitte des annähernd kreisrunden Platzes, lag der völlig zerfleischte Leib eines Bisons, Schwärme von Mücken hatten sich darauf nieder gelassen. Schrill wiehernde Ponys galoppierten außer sich vor Angst kreuz und quer herum, schlugen aus und schwankten zwischen dem Instinkt zu rennen und dem Band, dass sie und ihren Besitzer zusammenschweißte. Rund auf den hellen, von der Sonne gebleichten Ästen der wenigen Bäume schrien meine Freunde mir zu. Dort oben mussten sie sich sicher fühlen, jedenfalls sicherer als hier am Boden. Mir gegenüber aber hing ein Junge, der gerade hochklettern wollte, an einem Ast, klammerte sich mit den Armen fest. Von ihm kamen die Schreie aus Todesqual. Der Bär, es konnte nur ein Grizzly sein, hatte den Jungen erwischt, beide Vorderpranken in den Schenkeln des Indianers vergraben und zerrte wie irre. Es war Elsu, in meiner Sprache Fliegender Falke, einer meiner besten Freunde in jenen Tagen. Er war verloren, das musste ich mir eingestehen. Sein Untergang war besiegelt, als der Bär nun auch den Unterleib des Jungen aufriss, darin wühlte, sodass das Blut die Schnauze rot färbte. Als man den Beckenknochen Elsus sehen konnte, seine unerträglichen Schreie hörte und Fleischfetzen flogen. Der junge Indianer zappelte, keuchte, wimmerte und kreischte. Der Bär brüllte und setzte seine grausige Arbeit fort. Ich spürte wie mein Herz raste, mein Magen rebellierte. Wollte wegrennen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Panik ließ mich erstarren. Ich konnte nicht mehr denken. Was tun? Einfach zusehen war unmöglich, aber was konnte ich schon ausrichten? Wir hatten keine Schusswaffen, allenfalls Bögen und Messer. Lächerlich. Der Grizzly war ein entfernter Verwandter des ausgestorbenen Höhlenbären! Aufgerichtet war er mehr als zwei Schritt hoch. Man konnte unter dem dicken Fell die ungeheure Muskelkraft erahnen, die es ihm erlaubte, einen Hirsch oder ein Fohlen, sogar eine Bisonfähre im Maul spazieren zu tragen. Nicht umsonst war der Grizzly für seine Stärke und Ausdauer bekannt. Mehr als vier Zentner pure Kraft! Das war Wahnsinn! Was konnte ein Messer da schon ausrichten? Noch ehe ich etwas tun konnte, preschte Gosheven, Elsus Pony in einer Art von verzweifeltem Mut auf den Bären zu. Elsus Schreie, inzwischen schwächer geworden, wurden erneut lauter, als er sein geliebtes Reittier erblickte. Automatisch rannte ich los um Gosheven, in unserer Sprache Springer aufzuhalten, doch ich kam viel zu spät. Mit einem herzzerbrechend panischen Wiehern stieg das Pony vor dem Raubtier und wählte dadurch den Tod. Der Bär riss sein gewaltiges Maul auf, brüllte ohrenbetäubend und grub die Krallen in die Flanken des Ponys, schnappte nach dessen Hals und biss zu. Ein Huf traf den Schädel des Bären, der zuckte nicht mal, schüttelte nur ärgerlich den Kopf und schlug nach Gosheven. Der kleine Hengst wieherte schrill, versuchte sich loszureißen und erreichte dadurch nur, dass der Gegner fester zubiss. Ich bekam Gänsehaut, als ich sah, wie die Zähne das Fell durchdrangen, das Blut spritze und die Muskeln des Reittieres sich anspannten. Mit wirbelnden Hufen trat es um sich, schnaubte angestrengt, Wand sich. Der Bär presste die Kiefer zusammen und riss plötzlich den Kopf zurück. Das reisende Geräusch werde ich nie vergessen, mit dem sich das Fleischstück aus dem Hals des Ponys löste. Blut quoll in einem dicken Strom aus der großen Wunde, lief über Brust und die Beine hinab, tränkte den Boden und färbte ihn rot. Der Schrei des gepeinigten Tieres ging durch Mark und Bein, drang in mein Innerstes, ließ mich zittern. Der Fluchtinstinkt brach endlich durch und Gosheven rannte, mit ängstlichem Ausdruck. Er kam nicht weit. Mit einem Sprung, der sämtliche Gesetze der Schwerkraft ignorierte, setzte der Bär nach, riss das Pony nieder und packte es im Genick. Rot glänzte das Fell beider Tiere, Wahnsinn stand in den Augen des Fleischfressers und mir wurde bewusst, dass der einzige Grund, warum ich noch nicht tot war das Angebot an Ponyfleisch und Elsu war, das den Bären ablenkte. Der Blick des Ponys brach, als der Bär dessen Bauch zerfleischte, Gedärme herausriss und Fleisch verteilte. Langsam zog ich mich zu den Bäumen zurück, als der Bär anfing zu fressen. Das Krachen, als Knochen zwischen den Zähnen knackten und Sehnen rissen war zu viel und ich musste mich übergeben. Amitola rief von ihrem Baum, winkte mich hoch. Ich gehorchte wie betäubt. Wie lange hatte ich da zugesehen? Wie viel Zeit war vergangen? Wegschleichen konnten wir vergessen, der einzige Weg führte am Bären vorbei und er würde uns einholen, ehe wir drei Schritte machten. Einzeln würden wir vielleicht vorbeikommen, aber ich konnte mich nicht auf die Disziplin einer Gruppe Kinder in Todesangst verlassen. Sie würden alle losrennen und den Bären aufscheuchen. Also blieb nur zu warten und hoffen. Da erst fiel mir auf, dass Elsu nicht mehr schrie. Er weinte auch nicht. Hing an seinem Ast, das Fleisch bis zu den Knochen von den Schenkeln gerissen. Eingeweide hing aus seinem Unterleib, Blut tröpfelte. Eine Stille hing über der Stätte, nur von den Geräuschen des grausigen Mahles unterbrochen. Elsu war tot. Ich schluckte. Es war besser für ihn, die Schmerzen wären unerträglich gewesen, doch trotzdem liefen mir die Tränen über die Wange. Amitola, Regenbogen, nahm meine Hand, Grauen zeichnete ihr Gesicht. Auch die anderen, die ich in den Bäumen entdecken konnte, hatten verzerrte Gesichter. Keiner schien Mut oder eine Idee zu haben. Wie könnte ich den Grizzly ablenken? Gar nicht ohne mein Leben zu riskieren. Die Anspannung stieg und ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Der Kadaver Goshevens betrug inzwischen sehr viel weniger an Masse, als der Bär sich erhob. Er drehte den Kopf und schnaubte. Tocho drei Bäume weiter flüsterte etwas, das ich nicht verstand. Plötzlich sahen alle zu der Seite, wo die Prärie sich hinter den Bäumen erstreckte. Hinter uns war nur Felswand. Ich rätselte und merkte, das ich zitterte. Da hörte ich es auch: Huffetrappel. Wer auch immer die Fremden waren, sie durften nicht näher kommen! Entsetzt starrte ich Amitola an, die genauso erschrocken und trotzdem hoffnungsvoll dreinsah. Einige Jungen fingen an, den Bären mit Ästen zu bewerten, damit er brüllte und sich verriet, was die Reiter warnen würde. Doch das Pelztier brummte nur. Natürlich, so einem Schädel war nicht mal mit einem Schlachtbeil beizukommen, er spürte die Versuche der Indianer wahrscheinlich nicht mal. Und plötzlich hallten Schüsse von den Felswänden wider, Blätter raschelten, die Echos rollten donnernd durch die Luft, Gebrüll und Rufe unterbrachen die Stille. Der Bär sprang auf, war er getroffen worden? Er rastete völlig aus, riss das Maul auf, Geifer tropfte zu Boden, er drehte sich wild, sprang in alle Richtungen, riss die Erde auf und walzte einen jungen Baum um. Er brach durch das Gebüsch, zerfetzte alles im Weg, tobte. Ich konnte frisches Blut im Fell erkennen, dieses mal sein eigenes. Nun zeigte sich die berühmte Zähigkeit der Grizzlys. Seine Bewegungen wurden langsamer, aber er gab nicht auf, sprang gereizt hin und her, schüttelte den Kopf und gab schaurige Geräusche von sich. Und dann prallte er mit seiner gesamten Körpermasse gegen unseren Baum. Wie reife Äpfel fielen wir. Ich sah den Boden und den Bären näher kommen, bis ich aufprallte. Alle Luft wurde aus meinen Lungen getrieben, ich rang nach Luft. Und roch den fauligen, heißen Atem des Raubtieres unmittelbar neben mir...

    6
    Das nächste Kapitel von Asyras Lebensgeschichte, basierend auf dem "Western Rpg" erscheint demnächst

    Ich freue mich über Kommentare
    Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten oder mit mir teilen, dann bessere ich sie natürlich aus

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1457049123
Asyra - Verrückt oder Fantastisch?
Asyra - Verrückt oder Fantastisch?
Der Schuss krachte und veränderte mein Leben. Mein ganzes, verdammte Leben. Durch ihn wurde ich zu dem, was ich jetzt bin. Eine Verrückte, einsame, verhasste, mörderische Irre, die ihre Zeit halbtags in einer Gefängniszelle verbringt, abhaut, eine St...
http://www.testedich.de/quiz39/quiz/1457049123/Asyra-Verrueckt-oder-Fantastisch
http://www.testedich.de/quiz39/picture/pic_1457049123_1.jpg
2016-03-04
4000
Fanfiktion

Kommentare (37)

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Chris (39326)
vor 282 Tagen
Babeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee eeeeeeeeeee? Kommt bald n neues Kapitel? :3
Asyra, The Bloody Queen ( von: Asyra)
vor 305 Tagen
Daanke, ihr seid niedlich

Ich schreibe jetzt wieder weiter XD
M (musique harmonia) (83559)
vor 357 Tagen
Krass, wie gut du schreiben kannst syrchen :3 du musst autorin werden :3
Taui ( von: Tauschweif)
vor 398 Tagen
Wow O.o das ist ja superdupermegatotalfantastischwunderbarg randios... umwerfend! Großes Lob an dich!!!! :D
Asyra (10308)
vor 399 Tagen
(xD, ich danke für's lesen. Das ist so gewollt, dieser Charakter 😆. Mordreds Story von mir ist genauso 😊 )
Emymaus123 (92133)
vor 408 Tagen
Okay.... schöner schreibstyl, tolle Handlung aber an einer Stelle finde ich die Wortwahl erwas.... komisch? Unpassend?
Ich hätte das Prostituierte am Anfang durch Hu.re ersätzt.
Ich weiß, dass ist ei ganz blses Wort, aber ich finde dass es in diesem Kontext eher passt.
Auch finde ich, dass du Asyra zu Kindlich dargestellt hast. Vielleicht ist es schwer, sich in jüngere hinein zu versetzten, aber wenn sie sich an einigen Stellen so kindlich benimmt, soll sie dann vielleicht eher nicht an die hübschen Haare denken....)
Chris (49675)
vor 441 Tagen
Typisch Mädchen. Was ist mit dem Typen?!?! xD armes pony...pffff.
Aber gut xD wenigstens wurde Asyra von iwem gerettet xD
Mai (68176)
vor 441 Tagen
Armes Ponyyy!!!! XD aber voll cool
Mai (64748)
vor 459 Tagen
Chris so voller Begeisterung:').
Chris (46634)
vor 461 Tagen
Ihhh Tevuadingsbums ._.
Okay Spaß xD.
Asyra (66795)
vor 467 Tagen
Montag oder Dienstag XD
Tessa (09426)
vor 467 Tagen
Wann kommst raus Asyra?
Asyra (20265)
vor 475 Tagen
(ich schreibe gerade weiter.....Tori, du bringst mich halt auf gute Ideen XD)
Historia Roxanne Goldwyn (82922)
vor 475 Tagen
Super Asyra! Du hast echt Talent ^^ Wachhund... kommt mir irgendwie bekannt vor ^^
Ferid/Seron/Jessa/Evana/Brenna/Malgus (10924)
vor 478 Tagen
(Hey Asyra, ich finde die Geschichte klasse! Obwohl ich nicht dabei bin. :3 schreib weiter! )
Coin (40050)
vor 480 Tagen
Yayyy , neues Kapitel :D
Gefällt mir sehr , ich mag den Humor!
Lorena (05134)
vor 480 Tagen
(Obwohl ich nicht mehr dabei bin sag ich auch nochmal was dazu) Tolle Geschichte Asyra, ich find's Klasse!
Asyra (11468)
vor 480 Tagen
Leute, ihr wisst nicht wie sehr ich mich freue, dass es euch gefällt! 😊. Danke!
Ich habe gemerkt, das ich anscheinend einen Schreibstil habe, mit dem einige nicht zurechtkommen. Ich finde es richtig schön, dass er euch nicht stört. 😆
Mai (28447)
vor 480 Tagen
GEEEILLL!!!!!!!!!!!!!
Adam McSilver (19838)
vor 480 Tagen
Sry hier fehlt ein "noch"